Ukraine: Ökumenisches Patriarchat prüft Frage einer ukrainischen Autokephalie

Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel will sich mit der Bitte des ukrainischen Parlaments um Hilfe bei der Verselbstständigung der ukrainischen Kirche befassen. Diesen Entscheid fällte der Heilige Synod unter dem Vorsitz von Patriarch Bartholomaios I. Der Sprecher der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Kiewer Patriarchat, Erzbischof Evstratij (Zorja), bezeichnete dies als die „erwartete Entscheidung, die die weitere Arbeit zur Frage der Anerkennung der Autokephalie formalisiert“.

Mit großer Mehrheit hatte das ukrainische Parlament (die Rada) am 16. Juni den Ökumenischen Patriarchen aufgerufen, die drei miteinander rivalisierenden orthodoxen Kirchen in der Ukraine zu vereinen und mit der kirchlichen Unabhängigkeit (Autokephalie) auszustatten. Wegen eines Verstoßes gegen die Kirchenregeln solle das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie eine Entscheidung von 1686 für ungültig erklären, laut der die Kiewer Metropolie Moskau untersteht, heißt es in der Resolution. Die Initiatoren des Antrags werfen dem Moskauer Patriarchat vor, die „russische Aggression“ in der Ostukraine zu unterstützen. Deshalb sei es unzumutbar, dass die Ukrainische Orthodoxe Kirche weiter Moskau unterstehe. In der Resolution wird darauf verwiesen, dass das Patriarchat von Konstantinopel in den vergangenen 150 Jahren vier Kirchen den Status der Autokephalie verliehen habe. Die Abgeordneten verabschiedeten die Entschließung mit 245 zu 20 Stimmen; es gab eine Enthaltung.

Der Pressesprecher des Moskauer Patriarchats, Vladimir Legojda, bezeichnete den Entschluss des Parlaments als einen „groben Verstoß gegen nationales und internationales Recht“, der ein Fall für die Justiz sei. Er sprach von einem Versuch, die orthodoxe Kirche in der Ukraine zur „Geisel einer sehr kurzsichtigen Politik“ zu machen. Diese richte sich gegen die „unparteiische, friedensstiftende Rolle“ der Kirche in der Ukraine-Krise. Die Leitung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat rief die Regierung zur Einmischung auf, da das Parlament seine Kompetenzen überschritten habe. Dabei berief sie sich auf die gesetzlich festgeschriebene Trennung zwischen Kirche und Staat in der Ukraine. Andererseits drückten auf der internationalen Petitionsplattform Change.org Gläubige und Geistliche aller orthodoxen Kirchen der Ukraine ihre Unterstützung für die Resolution der Rada aus.

Anlass der Parlamentsresolution war das auf der griechischen Insel Kreta stattfindende Panorthodoxe Konzil. Die Anerkennung von orthodoxen Lokalkirchen als eigenständig stand allerdings nicht auf der Tagesordnung. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte in der letzten Zeit wiederholt für die Schaffung einer eigenständigen Lokalkirche in der Ukraine geworben.

Kathpress, 17. Juni; www.risu.org.ua, 17. Juni, 17. Juli; KNA-ÖKI, 18. Juli; www.interfax-religion.ru, 16., 17. Juni, 19. Juli 2016 – N. Z.

Drucken