Russland: Umstrittene Übergabe der Isaakskathedrale an die Russische Orthodoxe Kirche

Die geplante Übergabe der Isaakskathedrale in St. Petersburg, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt und heute in erster Linie als Museum dient, an die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) stößt auf verbreitete Kritik.

Der Gouverneur von St. Petersburg, Georgij Poltavtschenko, hatte angeordnet, die größte Kirche St. Petersburgs der ROK für 49 Jahre zur kostenlosen Nutzung zu überlassen, nachdem im Dezember 2016 der russische Patriarch Kirill einen solchen Antrag gestellt hatte. Bis spätestens in zwei Jahren soll die Übergabe geregelt sein.
Unklar ist jedoch, wer künftig für die Kosten der laufenden Renovation aufkommen wird. Laut dem Vize-Gouverneur von St. Petersburg wird die Stadt als Besitzerin für den Erhalt der Gebäude verantwortlich sein. Wenn allerdings die Einnahmen aus den Museumseintritten wegfallen, fehlt der Stadt die wichtigste Finanzierungsquelle. Trotz Beteuerungen Poltavtschenkos über den Fortbestand des Museums befürchten viele Einwohner St. Petersburgs und die Leitung des Museums dessen „Zerstörung“. Auch im russischen Kulturministerium hält man die Aufrechterhaltung des Museumsbetriebs nach der Übergabe an die ROK für „lediglich theoretisch möglich“. Der Verband der russischen Museen bedauert den Entscheid des Gouverneurs, da die Isaakskathedrale eines der erfolgreichsten Beispiele für die gemeinsame Nutzung durch die ROK – die regelmäßig Gottesdienste in der Kirche abhält – und eine Kulturinstitution sei. Zudem sei das Museum eines der beliebtesten und bestbesuchten in ganz Russland, es verzeichnet über drei Mio. Besucher jährlich, von denen die Gläubigen lediglich ein Prozent ausmachten.
Für den Akademiker-Verband St. Petersburgs ist die Übergabe „unzulässig“, weil die Isaakskathedrale nie der ROK gehört habe. Sie sei mit staatlichen Mitteln erbaut worden und hätte bis zur Revolution dem Innenministerium unterstanden. Zudem verletze sie das verfassungsmäßige Recht der Bürger – nach deren Meinung nicht gefragt worden sei – auf die Nutzung von Kulturgütern. Im Januar fanden in St. Petersburg zweimal Proteste von Bürgern und oppositionellen Abgeordneten des städtischen Parlaments statt, wobei auch Unterschriften für ein Referendum über das Schicksal der Kathedrale gesammelt wurden. Am 13. Februar demonstrierten erneut 2 500 Menschen mit Spruchbändern wie „Russland ist ein laizistischer Staat“ oder „Patriarchat – Hände weg von St. Isaak!“. Die Mehrheit der St. Petersburger Abgeordneten unterstützt jedoch den Gouverneur, auch der Vize-Sprecher der Duma hält die Proteste für unangebracht.
Die im 19. Jahrhundert erbaute Isaakskathedrale ist einer der größten sakralen Kuppelbauten der Welt. Zu Sowjet­zeiten beherbergte sie ein antireligiöses Museum, seit 1990 finden in ihr wieder Gottesdienste statt. Bis 2012 gehörte die Kathedrale der Russischen Föderation, seither ist sie im Besitz der Stadt St. Petersburg.
Eine ähnliche Debatte dreht sich derzeit um den Museumskomplex in Chersones auf der Krim. Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Moskauer Patriarchat hat im Januar 2017 einen Antrag auf die Übergabe von 24 Objekten des Museums-Nationalparks „Taurischer Chersones“ gestellt. Laut Erzpriester Sergij (Chaljuta) hätten die betroffenen Objekte früher einem inzwischen aufgelösten Männerkloster gehört. Die Kirche will angeblich ebenfalls ein Museum einrichten. Die Direktorin der Anlage befürchtet jedoch eine Schädigung des aktuellen Museums, denn in den betroffenen Gebäuden befänden sich Ausstellungen, Lager für Exponate und Restaurierungswerkstätten. Der Verband der russischen Museen sprach sich wegen der historischen und kulturellen Bedeutung der Anlage, die auch UNESCO-Weltkulturerbe ist, gegen die Übergabe aus. Erzpriester Sergij selbst war 2015 kurz Museumsdirektor, musste seinen Posten aber innerhalb einer Woche wegen Proteste der Mitarbeiter und von Museumsexperten räumen (s. RGOW 9/2015, S. 6).

www.meduza.io, 11., 12., 13., 18., 23. und 28. Januar; www.portal-credo.ru, 23. Januar 2017; Orthodoxie Aktuell 2/2017 – N. Z.

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