Polen: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Theater aufgrund Verletzung religiöser Gefühle

Nach öffentlichen Beschwerden hat die Warschauer Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen das Allgemeine Theater (Teatr Powszechny) in Warschau eingeleitet.

Ermittelt wird wegen des Vorwurfs der Verletzung religiöser Gefühle und eines angeblichen Mordaufrufs im Theaterstück „Der Fluch“, das der kroatische Regisseur Oliver Frlijć in Anlehnung an das gleichnamige Stück von 1899 des polnischen Regisseurs Stanisław Wyspiański zurzeit in Warschau aufführt. Ein Abgeordneter der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Dominik Tarczyński, hatte am 21. Februar eine entsprechende Strafanzeige eingereicht.
Auslöser für die Strafanzeige waren Amateuraufnahmen aus der Premiere des Theaterstücks „Der Fluch“ (poln. Klątwa) am 18. Februar, die das Internetportal des Polnischen Fernsehens veröffentlichte. In der Eröffnungsszene des Stücks simuliert eine Schauspielerin Oralsex mit einem an einer Statue von Papst Johannes Paul II. angebrachten Dildo, in einer anderen Szene wird die Papststatue mit einem Schild „Verteidiger von Pädophilen“ an einem Strick aufgehängt. Zudem wird laut darüber nachgedacht, was ein Auftragsmord am Vorsitzenden der nationalkonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jarosław Kaczyński, kosten würde. Bei der zweiten Aufführung am Abend des 21. Februar protestierten laut Warschauer Medienberichten Dutzende Rechtsradikale vor dem Theater. Die Bühne verweist in einer Stellungnahme auf die Kunstfreiheit, die von der Verfassung garantiert werde. Das Stück richtet sich provokativ gegen die Dominanz der katholischen Kirche, den Kindsmissbrauch durch Geistliche und Nationalismus in Polen.
Zwischen 2010 bis 2013 wurden in Polen mindestens 19 Priester wegen sexueller Verbrechen an Kindern verurteilt (s. RGOW 10/2014, S. 5). Am 3. März 2017 hat die katholische Kirche erstmals zum Buß- und Bettag für die Sünden des Missbrauchs von Minderjährigen durch Geistliche aufgerufen. Sie folgte damit einem Appell von Papst Franziskus vom 30. Juni 2015 an die Polnische Bischofskonferenz. Diese hat keine Strafanzeige gegen das Theater gestellt. Ihr Sprecher Paweł Rytel-Andrianik betonte jedoch, das Stück enthalte Merkmale der Gotteslästerung, u. a. sei die Beleidigung des Hl. Johannes Paul II. für Polen besonders schmerzhaft. Er kritisierte, dass die Theaterinszenierung zum Hass gegen Menschen anstachele und rief zum Gebet für die „Überwindung des Bösen durch das Gute“ auf. Am 23. Februar verurteilte auch Kardinal Stanisław Dziwisz, der ehemalige Sekretär von Johannes Paul II., die „grobe Ungerechtigkeit“ gegenüber dem heiliggesprochenen Papst. Der Leiter des kirchlichen Johannes-Paul-II.-Zentrums in Krakau, Jan Kabziński, startete eine Unterschriftensammlung gegen das Stück und hielt dazu an, in den Gottesdiensten für ein Ende der Gotteslästerung zu beten. Polens Laienbewegung „Katholische Aktion“ verlangt ebenfalls die Absetzung des Stücks. Katholische Vereinigungen halten vor dem Theater Mahnwachen ab.
Der staatliche polnische Rundfunk beendete aus Protest gegen die Inszenierung seine Medienpartnerschaft mit dem Theater. In der Öffentlichkeit wird zudem die staatliche Subvention des Theaters in Frage gestellt. Die Stadt Warschau denkt bislang jedoch nicht an eine Abberufung des Theaterchefs oder eine Intervention. Ob die Theatermacher religiöse Gefühle verletzt hätten, entscheide allein die Justiz, erklärte ein Sprecher der Stadt. Die Verletzung religiöser Gefühle kann in Polen mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden, die öffentliche Anstiftung zu einem Verbrechen mit bis zu drei Jahren.
Der Regisseur Oliver Frlijć hat sich mit einem Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker gewandt: Das Polnische Fernsehen habe mit einer Medienkampagne eine Gruppenhysterie ausgelöst, die die Sicherheit der Schauspieler und Produzenten des Theaterstücks gefährde. Die im Fernsehen gezeigten Filmaufnahmen seien illegal aufgenommen worden und würden aus dem Kontext gerissen gezeigt. Er bittet die EU darum, die Attacken auf die Meinungsfreiheit und die Menschenrechte in Polen nicht zu tolerieren.
Bereits das ursprüngliche Stück von Stefan Wyspiański hatte einen Skandal verursacht: Darin suchen die Bewohner eines abgelegenen polnischen Dorfs nach einem Sündenbock für die lange Trockenzeit und finden ihn in der Konkubine des katholischen Priesters, die daraufhin gesteinigt wird. Das 1899 publizierte Stück wurde 1909 erstmals in Warschau aufgeführt – mit der Auflage, dass die Handlung ins Mittelalter versetzt wird.

Kathpress, 23., 24. Februar; episkopat.pl, 21. Februar; wyborcza.pl, 21., 28. Februar 2017 – R. Z.

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