Ukraine: Kirchenstreit droht zu eskalieren

Auf den Entscheid des Ökumenischen Patriachats, zwei seiner Bischöfe als Exarchen in die Ukraine zu entsenden, hat das Moskauer Patriarchat mit dem Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft gedroht. 

An einer Sondersitzung verabschiedete der Hl. Synod der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) am 14. September eine Erklärung „im Zusammenhang mit dem unrechtmäßigen Eingriff des Patriarchats von Konstantinopel in das kanonische Territorium der Russischen Orthodoxen Kirche“.

Angedrohter Bruch der eucharistischen Communio
In der Erklärung droht der Hl. Synod mit dem völligen Bruch der Kirchengemeinschaft mit dem Ökumenischen Patriarchat, wenn „die antikanonische Handlungsweise des Patriachats von Konstantinopel auf dem Territorium der Ukrainischen Orthodoxen Kirche sich fortsetzen“ sollte. Ab sofort suspendiert das Moskauer Patriarchat u.a. das ehrende Gedenken des Patriarchen von Konstantinopel in der Liturgie, die gemeinsame Zelebration mit Hierarchen des Patriarchats von Konstantinopel und die Teilnahme der ROK an Bischofsversammlungen, theologischen Dialogen, multilateralen Kommissionen und allen anderen Strukturen, in denen Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel den Vorsitz oder den Mitvorsitz haben. Davon betroffen sind u.a. die Internationale Kommission für den offiziellen theologischen Dialog zwischen orthodoxer und katholischer Kirche sowie die orthodoxen Bischofskonferenzen in der Diaspora.
Gemäß der Erklärung liegt „die ganze Fülle der Verantwortung für die tragischen Folgen dieser Trennung persönlich beim Patriarchen von Konstantinopel Bartholomaios und bei den Bischöfen, die ihn unterstützen.“ Laut Metropolit Ilarion (Alfejev), Leiter des Außenamts der des Moskauer Patriarchats, kommt die Entscheidung des Hl. Synods „ungefähr dem Abbruch diplomatischer Beziehungen“ zwischen Staaten gleich. Zudem beanstandete der Hl. Synod, dass die offizielle Bitte um Autokephalie von Metropolit Onufrij (Beresovskij), dem Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche–Moskauer Patriarchat (UOK–MP), hätte erfolgen müssen, den Bartholomaios noch 2016 „öffentlich als einzigen kanonischen Leiter der Orthodoxen Kirche in der Ukraine“ bezeichnet habe.
Metropolit Onufrij selbst konnte an der Sitzung des Hl. Synods am 14. September krankheitshalber nur per Videobotschaft teilnehmen. In einem TV-Interview bekräftigte er sowohl die wirtschaftliche und administrative Unabhängigkeit der UOK–MP mit eigenem Hl. Synod und Bischofsrat vom Moskauer Patriarchat als auch die spirituelle, kanonische und kulturelle Verbindung mit Moskau und kritisierte die Handlungen des Ökumenischen Patriarchats scharf, das in der Vergangenheit lebe und mit der Einmischung „eine Sünde“ begehe.

Zwei Exarchen für die Ukraine
Am 7. September hatte das Ökumenische Patriarchat die Entsendung von zwei Exarchen in die Ukraine bekannt gegeben: „Im Rahmen der Vorbereitungen für die Zuerkennung der Autokephalie an die orthodoxe Kirche in der Ukraine hat das Ökumenische Patriarchat als seine Exarchen in Kiew Erzbischof Daniel (Zelinskyj) von Pamphilos und Bischof Ilarion (Rudnyk) von Edmonton ernannt. Beide dienen den ukrainischen orthodoxen Gläubigen in den USA und Kanada unter dem Ökumenischen Patriarchat.“
Die beiden zu Exarchen ernannten Bischöfe sollen den Dialog mit den drei getrennten orthodoxen Kirchen der Ukraine aufnehmen. Metropolit Emmanuel (Adamakis) von Paris vom Ökumenischen Patriarchat erklärte gegenüber der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR, die Hauptaufgabe der beiden Exarchen sei es, die Kontakte unter den Orthodoxen in der Ukraine zu erleichtern, Brücken zu bauen, den Dialog zu fördern und „schließlich zum Aufbau einer unabhängigen Ortskirche beizutragen“.
Der Geschäftsführer der UOK–MP, Metropolit Antonij (Pakanytsch), kritisierte das Vorgehen des Ökumenischen Patriarchats und betonte, dass die  überwiegende Mehrheit der Gläubigen der UOK–MP die angestammte Kirche nicht verlassen werde. „Unsere Leute werden ihre Hirten nicht verraten, weil sie sie lieben und ihnen folgen“, so der Metropolit. Die eigensinnigen Versuche des Ökumenischen Patriarchats, das Schisma in der Ukraine durch die Verleihung der Autokephalie zu heilen, stellten keine „Medizin“, sondern ein „Gift“ für die kanonische orthodoxe Kirche in der Ukraine und für die ganze Orthodoxie dar. Metropolit Antonij sprach sich daher für die Einberufung eines panorthodoxen Konzils aus. In der Geschichte der Kirche habe sich immer gezeigt, dass es notwendig war, ein lokales oder ökumenisches Konzil einzuberufen, wenn ein Problem, eine Häresie oder ein Schisma auftauchte.
Die Ukrainische Orthodoxe Kirche–Kiewer Patriarchat (UOK–KP) begrüßte dagegen die Entsendung der Exarchen. Deren Oberhaupt, Patriarch Filaret (Denisenko), betonte, dass alle Hierarchen der UOK–MP in der neuen autokephalen Ukrainischen Orthodoxen Kirche willkommen seien. Er gehe davon aus, dass die Hl. Synode des Ökumenischen Patriarchats, die vom 9. bis 11. Oktober stattfinden soll, den Tomos über die Autokephalie der Ukrainischen Orthodoxen Kirche beschließen werde. Erst danach könne ein ukrainisches Konzil zur Vereinigung der UOK–KP, der UOK–MP und der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche (UAOK) stattfinden.

Scharfe Kritik von Metropolit Ilarion
Metropolit Ilarion, der Leiter des Außenamts des Moskauer Patriarchats, hat die Entsendung der beiden Exarchen mehrfach scharf kritisiert: Für Moskau bedeute die Ernennung der beiden Exarchen in erster Linie die „Legitimierung“ des Schismas in der Ukraine, stellte er in einer Presseklärung fest. Denn nur die Schismatiker (UOK–KP und UAOK) hätten nach der Autokephalie verlangt. Die Bischofskonferenz der kanonischen UOK-MP hingegen, welche die Mehrheit der orthodoxen Gläubigen in der Ukraine vereine, habe einstimmig festgestellt, dass ihr gegenwärtiger Status „optimal“ sei.
Ilarion warf dem Ökumenischen Patriarchat vor, Krieg gegen die ROK zu führen: „Das Patriarchat von Konstantinopel ist jetzt offen auf dem Kriegspfad. Es ist nicht nur ein Krieg gegen die russische Kirche und das ukrainische orthodoxe Volk, es ist im Wesentlichen ein Krieg gegen die Einheit der ganzen Weltorthodoxie.“ Derzeit gebe sich das Patriarchat von Konstantinopel als eine Art „Leader“ der 300 Millionen Orthodoxen in aller Welt, so dass er fast als „orthodoxer Papst“ wahrgenommen würde. Abschließend heißt es in der Presseerklärung des Metropoliten vom 8. September wörtlich: „Ich denke, dass Patriarch Bartholomaios vor dem Gericht Gottes und vor dem Gericht der Geschichte persönlich die Verantwortung für diese Aktion tragen muss.“
Unmittelbar nach Beendigung der Sondersitzung des Hl. Synods der ROK am 14. September erklärte Metropolit Ilarion gegenüber mit Journalisten: „Wir wollten das vermeiden, viele Jahre haben wir versucht, die Probleme durch Dialog zu lösen.“ Der letzte Versuch sei am 31. August die Reise von Patriarch Kirill nach Istanbul gewesen, wo dieser vor den Schritten gewarnt habe, die dann „leider erfolgt“ seien. Er denke aber nicht, dass all das, was vorgefallen sei, die Tür zum Dialog völlig verschließe. Die Entscheidung des Hl. Synods sei aber ein Signal an Konstantinopel, dass es zum Abbruch der eucharistischen Gemeinschaft kommen müsse, wenn der Phanar weiterhin Aktionen wie die Ernennung der Exarchen umsetze.
Metropolit Ilarion hob auch hervor, dass die beschlossenen Maßnahmen noch keinen „kompletten Bruch“ der eucharistischen Gemeinschaft bedeuten. Laien, die etwa auf den Berg Athos pilgern oder sonst an der Liturgie in Kirchen des Ökumenischen Patriarchats teilnehmen, könnten dort die Kommunion empfangen. Bei den Fürbitten in den von Patriarch Kirill zelebrierten Liturgien werde ab sofort aber nicht mehr Bartholomaios an erster Stelle genannt werden, sondern der Patriarch von Alexandrien.
Auf Facebook schrieb Metropolit Ilarion, dass das Ökumenische Patriarchat im 20. Jahrhundert bei schwierigen Situationen dem Moskauer Patriarchat nicht brüderliche Hilfe gewährt, sondern vielmehr danach getrachtet habe, die russische Kirche zu schwächen. Im Hinblick auf die Bemühungen Konstantinopels um „Autokephalie für die Ukraine“ zur Überwindung der Spaltungen stellte der russische Metropolit die rhetorische Frage, warum der Phanar sich nicht für eine einheitliche orthodoxe Kirche in den USA einsetze. Dort werde alles getan, um zumindest einen Teil der Orthodoxen unter dem Omophorion Konstantinopels zu behalten. Abschließend rief er zum Gebet für die UOK–MP und deren Oberhaupt auf; die „Kräfte der Hölle“ hätten sich zur Zerstörung dieser Kirche verschworen, aber sie würden nicht siegen.
In einer TV-Sondersendung „Die Kirche und die Welt“ vom 15. September bemerkte die Moderatorin, dass die Mehrheit der orthodoxen Gläubigen in Russland die Sache als politischen Plan betrachte, weil sich Patriarch Bartholomaios gerne mit griechischen und ukrainischen Politikern zeige. Daraufhin machte Metropolit Ilarion die USA für den Konflikt verantwortlich. „Es ist ganz klar, dass hinter den Handlungen des Patriarchats von Konstantinopel die amerikanische Regierung steckt.“ Er verglich die Situation mit den 1920er Jahren, als das Ökumenische Patriarchat während der politischen Wirren in Russland versucht habe, das Moskauer Patriarchat zu schwächen. Dasselbe passiere jetzt in der Ukraine.

Regula Zwahlen
(u.a. mit Material von Kathpress, patriarchia.ru, risu.org.ua)

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