Polen: Katholische Kirche legt Zahlen zu sexuellem Missbrauch vor

Die Polnische Bischofskonferenz hat erstmals genaue Angaben zum Ausmaß sexuellen Missbrauchs durch Geistliche gemacht.

Demnach sind zwischen dem 1. Januar 1990 und dem 30. Juni 2018 382 Missbrauchsvorwürfe gegen Geistliche und Ordensleute gemeldet worden. Von den 625 mutmaßlichen Opfern seien 345 unter 15 Jahre alt gewesen. Darunter seien auch „unbestätigte Opfer“. 58,4 Prozent aller Opfer sind den Angaben zufolge männlich, 41,6 Prozent weiblich, wie die Bischofskonferenz zum Abschluss ihrer Frühjahrsversammlung mitteilte.

74,6 Prozent der kirchlichen Prozesse gegen Geistliche sind laut dem Bericht bereits abgeschlossen. Dabei sei jeder vierte Priester aus dem Klerikerstand entlassen worden (25,2 Prozent). Weitere 40,3 Prozent wurden nach Angaben der Bischofskonferenz suspendiert, ermahnt oder ihnen wurde verboten, mit Minderjährigen zu arbeiten. 11,5 Prozent der Angeklagten mussten andere Folgen gewärtigen: Verhängung einer Buße, Verlegung in eine andere Gemeinde, Entlassung aus dem Seelsorgedienst, Verlegung ins Haus der Pensionierten oder ins Haus für kranke Priester, Therapie, freiwilliges Verlassen der Diözese. In 12,6 Prozent wurde der Prozess aufgrund des Tods des Angeklagten, Selbstmords, fehlender Beweise, schlechten Gesundheitszustands eingestellt. 10,4 Prozent der Geistlichen wurden freigesprochen.

In 41,6 Prozent der Fälle hatten die Opfer den sexuellen Missbrauch der Kirche selbst mitgeteilt, in 20,9 Prozent deren Angehörige. Bei 5,8 Prozent der Fälle erfuhr die Kirche durch Staatsorgane davon, bei 5,3 Prozent aus den Medien, und bei 14,9 Prozent durch andere Quellen wie Schuldirektoren, Pädagogen, Erzieher, Vormunde oder Bekannte der Opfer, Mitbrüder, Kleriker oder andere Geistliche.

In ihrem Kommuniqué zur Vollversammlung vom 12. bis 14. März in Warschau verurteilten die Bischöfe einmal mehr „jegliche Formen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen. Einerseits unterstreichen die publizierten Daten vor allem die Notwendigkeit der Sorge und Hilfe für die Opfer, andererseits fordern sie den fortwährenden Kampf gegen den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Menschen der Kirche. Die Sorge um eine betroffene Person ist eine besondere Dimension der Sorge um das Gute im Menschen.“

Die Bischofskonferenz wählte den polnischen Primas Wojciech Polak zum Delegierten für den Schutz von Kindern und Jugendlichen. Zudem dankten die Bischöfe Papst Franziskus für das Treffen mit den Bischöfen aus der ganzen Welt zum Schutz minderjähriger Personen in der Kirche vom 21. bis 24. Februar in Rom. Am Anti-Missbrauchsgipfel mit Papst Franziskus hatte Erzbischof Marek Jędraszewski von Krakau als Vertreter des erkrankten Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki von Poznań, teilgenommen und dabei an die Verschärfung der kirchenrechtlichen Bestimmungen gegen Missbrauch durch Papst Johannes Paul den II. im Jahr 2001 erinnert. Bischof Jędraszewski selbst wird jedoch vom Opferverein „Fürchtet euch nicht“ beschuldigt, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Der Verein hat eine Online-Landkarte mit bisher 386 Missbrauchsopfern erstellt und fordert eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung der sexuellen Verbrechen und der Rolle der Kirche.

Bereits am 19. November 2018 hatte die Polnische Bischofskonferenz eine Erklärung veröffentlicht, indem sie sich bei den Opfern sexuellen Missbrauchs entschuldigte und eine Verstärkung der bisherigen kirchlichen Präventionsmaßnahmen ankündigte; dazu gehören Missbrauchsbeauftragte in allen Diözesen und Schulungen durch das 2013 eingerichtete Kinderschutzzentrum zur Bewusstseinsbildung beim Diözesan- und Ordensklerus. Die Erklärung wurde als Reaktion auf die Premiere des Films „Klerus“ des polnischen Regisseurs Wojtek Smarzowski verstanden, der die Debatte über den Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch anheizte und beim Publikum auf gewaltiges Interesse stieß. Fast zeitgleich hatte die Bischofskonferenz nach ihrer Vollversammlung im September 2018 den jetzt erschienenen Untersuchungsbericht zum Kindesmissbrauch angekündigt. Sämtliche Maßnahmen zum Schutz von Minderjährigen vor Übergriffen seit 2009 hat die Polnische Bischofskonferenz auf ihrer Webseite aufgelistet.

www.episkopat.pl, 19.11.2018, 14.3., 15.3.2019; Kathpress 23.2., 15.3., noek.info 18.10., 30.11.2018, 22.3.2019 – R. Z.

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