Russland: Kirche gibt bei Protesten gegen Kirchenbau in Jekaterinburg nach

Seit einigen Jahren kommt es in Russland immer wieder zu Protesten gegen den Bau von Kirchen.

Diese Entwicklung muss vor dem Hintergrund des forcierten Kirchenbaus der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) seit dem Ende der Sowjetunion, vor allem aber seit der Jahrtausendwende gesehen werden. In den Städten baut sie oftmals Prestigebauten im Zentrum, in den peripheren Vierteln und Vorstädten, wo tatsächlich Bedarf an Kirchen besteht, geht der Ausbau jedoch langsam voran. In beiden Fällen kommt es dabei immer wieder zu Nutzungskonflikten, bei denen die lokale Bevölkerung gegen die Bauvorhaben der ROK protestiert. 
Der jüngste Fall ist ein umstrittener Kirchenbau in Jekaterinburg. Geplant war die 1930 von den Bolschewiken zerstörte Katharina-Kathedrale als Rekonstruktion in einem kleinen Park im Stadtzentrum wiederaufzubauen. Nachdem ein Teil des Parks Mitte Mai mit einem Zaun abgesperrt worden war, versammelten sich spontan Aktivisten, um gegen den Bau der Kirche zu protestieren. Ihr Hauptanliegen war die Rettung des Parks, da es in der 1,5 Mio. Einwohner zählenden Stadt nur wenig Grünflächen gibt. 
Als Reaktion auf die Proteste, die in Russland ein großes Medienecho auslösten, legte die Stadt das Bauvorhaben vorerst auf Eis und beschloss auf Anregung von Präsident Vladimir Putin, eine Bevölkerungsumfrage durchzuführen. In eine erste Shortlist nahm die Arbeitsgruppe zur Vorbereitung einer Bevölkerungsbefragung den Park zwar auf, doch inzwischen ist er ausgeschieden, auch weil die Eparchie Jekaterinburg und die Investoren, die hinter dem Bauprojekt stehen, den Bau nun lieber an einem anderen Ort realisieren möchten. Am 10. September soll das Stadtparlament eine definitive Auswahl treffen und diese danach der Bevölkerung zur Abstimmung vorgelegt werden. 

Haltung der Kirche
Die Eparchie Jekaterinburg will das Umfrageresultat akzeptieren. Zugleich sprach der örtliche Metropolit Kirill (Nakonetschnij) von einer „Herausforderung“ für die Kirche und verglich die Proteste mit der Ermordung der Zarenfamilie in Jekaterinburg vor 100 Jahren. Dennoch gebe die Kirche „ihr Recht“, im Park eine Kathedrale zu bauen, auf. Wenn der Ort bei der Abstimmung zur Auswahl stehen würde, könnte er laut Metropolit Kirill zwar durchaus gewinnen. Doch in einer „Atmosphäre totaler Lüge und Betrugs wird sogar ein Grundstück, das offen und ehrlich von der Mehrheit der Bürger gewählt wird, trotzdem zum Grund für Streitigkeiten“.1Von der ROK und ihren Unterstützern wurden den Protestierenden außerdem antireligiöse Motive, eine Einschränkung der Religionsfreiheit und mangelnder Patriotismus vorgeworfen.
Patriarch Kirill will aus dem Protest Lehren ziehen. Die ROK müsse ihr „Projekt den Leuten, für die wir diese Kirche schließlich bauen, überzeugend vorstellen“.2Dabei ist eine „politische Dimension“ auch für den Patriarchen „völlig offensichtlich“. Die ROK habe aber das „moralische und historische Recht“, Kirchen zu bauen. Solange die Menschen Kirchen brauchten, würden diese weiterhin gebaut.3
Auch der Pressesprecher des Patriarchen, Alexander Volkov, kritisierte eine äußere Beeinflussung: Kaum jemand sei je gegen den Bau einer Kirche, alle bisherigen Proteste seien „zu 90 Prozent von außen vorausgeplant“ gewesen, das sei „schlicht ein medizinischer Fakt“. Zudem behauptete er, die ROK berücksichtige immer die öffentliche Meinung und spreche den Bau jeder Kirche mit der Öffentlichkeit ab.4Beobachter hingegen halten gerade das Fehlen von Mitsprachemöglichkeiten der Zivilgesellschaft für eine Ursache der Proteste. Sie sehen in Jekaterinburg das jüngste Beispiel für die Wandlung von Protesten in Russland. Diese konzentrierten sich vermehrt auf lokale Angelegenheiten, weniger auf das politische System als Ganzes. Die Demonstranten seien insgesamt jünger, spontaner und weniger organisiert, etablierte Bürgerrechtsgruppen und politische Parteien fehlten. In den sozialen Medien erhielten die Proteste viele Sympathiebekundungen aus dem ganzen Land.5

Ursachen der Proteste
Die Gründe für den Widerstand gegen Kirchenbauten in russischen Städten sieht Sergej Tschapnin, der ehemalige Hauptredakteur des Journals des Moskauer Patriarchats, einerseits darin, dass die Behörden der Kirche oft problematische Grundstücke zuweisen, bei denen Nutzungskonflikte vorprogrammiert sind. Andererseits würden Kirchenbauten meist von oben entschieden, die Interessen und Bedürfnisse der Kirchgemeinde spielten dabei bestenfalls eine untergeordnete Rolle. Wenig hilfreich sei zudem das Verhalten der ROK: Statt auf einen freundlichen Dialog setze sie oft auf Druck und toleriere das Vorgehen konservativer Aktivisten, die formal nicht mit der ROK verbunden sind, gegen die Proteste. Erst wenn es zu umfangreichen Protestaktionen mit medialem Echo komme, ziehe sich die ROK spät und widerwillig zurück. Unterstellungen einer politischen Dimension, wie sie Patriarch Kirill in Bezug auf Jekaterinburg äußerte, lösten Befremden aus, da an den Protesten keinerlei politische Forderungen gestellt wurden. Letztlich verfüge die ROK über keine Plattformen für einen Dialog mit der Zivilgesellschaft.6
Ähnliche Konflikte treten auch zutage, wenn die ROK die Rückgabe von Kirchengebäuden oder Grundstücken fordert, die als Museen genutzt werden. So wehrt sich die Zivilgesellschaft gegen die Übergabe der Isaakskathedrale in St. Peterburg oder des Goldenen Tors in Vladimir, zumal in den dortigen Kirchen regelmäßig Gottesdienste stattfinden. Insgesamt erkennt Tschapnin eine Bruchlinie zwischen der „säkularen Gesellschaft, die nach Entwicklung strebt“, und der „kirchlichen Gesellschaft, für die die Bewahrung das wichtigste bleibt“.7

Natalija Zenger

Anmerkungen

1)  https://ahilla.ru/ekaterinburgskaya-eparhiya-otkazyvaetsya-
ot-skvera-kak-ploshhadki-pod-stroitelstvo-hrama-svyatoj-
ekateriny/.

2)  http://www.interfax-religion.ru/?act=news&div=72826.

3)  http://www.interfax-religion.ru/?act=news&div=72712.

4)  http://www.interfax-religion.ru/?act=news&div=72724.

5)  https://www.rferl.org/a/forget-changing-the-system-just-don-t-build-the-church-here-localized-protesting-poses-a-new-challenge-to-the-kremlin/29976950.html.

6)  https://noek.info/hintergrund/1117-sergej-tschapnin-zu-
den-protesten-gegen-kirchenbauten.

7) https://snob.ru/entry/177200/.

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