Polen: Bischofskonferenz präsentiert neue Missbrauchsstudie

Der polnische Primas Wojciech Polak hat in seiner Funktion als Kinder- und Jugendschutzbeauftragter der Polnischen Bischofskonferenz am 28. Juni einen neuen Bericht über sexuellen Missbrauch Minderjähriger in der Kirche in den Jahren 1958–2020 vorgestellt.

Dieser wurde in Zusammenarbeit mit dem Institut für Statistik der Katholischen Kirche aufgrund von Meldungen erstellt, die vom 1. Juli 2018 bis 31. Dezember 2020 eingingen. Insgesamt gab es 368 Meldungen über sexuellen Missbrauch von Minderjährigen unter und über 15 Jahren (Schutzalter gemäß polnischem Strafrecht). 292 Priester und Ordensleute wurden zwischen 1958 und 2020 wegen sexueller Verbrechen gegen Minderjährige angeklagt, 58 dieser Geistlichen (20 Prozent) wegen mehrfacher Übergriffe.

Von den 368 Fällen betrafen 300 Diözesen und 68 Männerorden. 173 Opfer (47 Prozent) waren unter 15 Jahre alt, 174 (47,3 Prozent) waren über 15 Jahre alt. In beiden Altersgruppen war der Anteil von Jungen und Mädchen gleich (jeweils 50 Prozent). 21 Berichte (5,7 Prozent) enthalten keine Angaben zum Alter, dabei geht es um acht Mädchen und 13 Jungen.

299 Meldungen (81 Prozent) bezogen sich auf im Zeitraum 1958 bis 2017 begangene Straftaten und 65 Meldungen (18 Prozent) auf Taten der letzten drei Jahre (2018–2020). 51 Prozent der Meldungen zwischen Mitte 2018 und Ende 2020 sind noch Gegenstand von Ermittlungen, 39 Prozent der Vorwürfe galten als im Vorfeld oder durch die Glaubenskongregation bestätigt bzw. begründet. 10 Prozent der Meldungen wurden als unzuverlässig eingestuft und abgelehnt.

Die Hälfte der Meldungen kam von einer missbrauchten Person, sei es persönlich (48 Prozent) oder durch einen Vertreter (2 Prozent 19 Prozent der Meldungen stammen von Geistlichen. 8 Prozent sind Meldungen von Familienangehörigen des Opfers und 5 Prozent von einem anderen Laien. Drei Prozent der Fälle sind Meldungen von staatlichen Behörden, Freunden oder Bekannten des Opfers oder von Medien. In neun Prozent der Fälle kam die Meldung aus einer weiteren Quelle.

Die Situation der Angeklagten zum Zeitpunkt der Datenerhebung war unterschiedlich. Am häufigsten wurden sie während der Ermittlungen vorübergehend aus dem Dienst genommen (46 Prozent) oder von seelsorgerlichen Kontakten mit Kindern und Jugendlichen entfernt (36 Prozent) oder erhielten ein Aufenthaltsverbot an einem bestimmten Ort (37 Prozent). 16 Prozent der angeklagten Geistlichen sind im Ruhestand, und jeder Zehnte (elf Prozent der Angeklagten in Diözesen und sechs Prozent in Orden) wurde nicht aus dem Dienst entlassen.

Von den 173 Fällen, die an kirchliche Gerichte gemeldet wurden und deren Opfer unter 15 Jahren waren, wurden 148 (86 Prozent) den staatlichen Strafverfolgungsbehörden gemeldet. In 113 Fällen wurden diese Meldungen von Diözesen und Orden gemacht, und in 35 Fällen wurden staatliche Strafverfolgungsbehörden von einer anderen Stelle benachrichtigt. Von den Fällen mit unter 15-Jährigen, die den staatlichen Strafverfolgungsbehörden nicht gemeldet wurden, betrafen 13 (8 Prozent) Geistliche oder Ordensleute, die zum Zeitpunkt der Strafverfolgung bereits tot waren, weitere acht (5 Prozent) Fälle wurden als unbegründet oder falsch erachtet. Vier (zwei Prozent) Meldungen befanden sich zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Stadium der Erstprüfung.

In den 174 Fällen mit Opfern über 15 Jahren wurden 35 Fälle (20 Prozent) an die staatlichen Strafverfolgungsbehörden gemeldet, in 139 Fällen (80 Prozent) wurde keine solche Anzeige erstattet.

Bei der Studie, die den Bischöfen am 12. Juni während der Vollversammlung der Bischofskonferenz vorgelegt wurde, handelt es sich um eine Weiterführung der Studie, die am 13. Januar vorgestellt worden war und nun um Meldungen aus den Jahren 2018 bis 2020 ergänzt wurde. In der im Januar vorgestellten Studie wurden 382 Missbrauchsfälle zwischen 1950 und 2018 erhoben, von denen 198 Fälle unter 15-Jährige betreffen und 184 Fälle Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren. Insgesamt sind nun aufgrund dieser Studien 750 Missbrauchsfälle zwischen 1950 und 2020 dokumentiert.

In einem ersten Kommentar in der katholischen Zeitschrift Więź lobte der katholische Publizist Tomasz P. Terlikowski die große Arbeit, hob aber hervor, dass dies erst der Beginn einer Welle zahlreicher weiterer Fälle sei, die in Zukunft noch gemeldet würden. Jedes Opfer, das seinen Fall meldet, ermutige eine weitere Person, die bisher geschwiegen habe. Terlikowski erwartet außerdem eine zunehmende Meldung von Fällen, in denen Erwachsene, beispielsweise Nonnen, Kleriker und junge Priester Opfer von anderen Geistlichen wurden. Aus der Tatsache, dass die Opfer je zu 50 Prozent weiblich und männlich sind, schließt er, dass das Narrativ, nur eine „homosexuelle Lobby“ sei das Problem, falsch sei. Das Problem sei Unreife, Klerikalismus und der Mangel an adäquaten Maßnahmen.

Am 28. Juni informierte die Lubliner Erzdiözese zudem über den Rücktritt von Bischof Zbigniew Kiernikowski, dem Nachlässigkeit im Fall des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen durch einen Priester der Diözese Siedlce vorgeworfen wird, die Bischof Kiernikowski von 2002 bis 2014 leitete.

Regula Zwahlen, NÖK 1. Juli 2021

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