Kein Abbau von Spannungen: Patriarch Bartholomaios in der Ukraine

Der Besuch des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios in Kiew hat erneut die tiefen Gräben in der Orthodoxie in der Ukraine und darüber hinaus aufgezeigt.

Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelenskyj und die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) hatten den Patriarchen zu den Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Unabhängigkeit der Ukraine am 24. August eingeladen. Insbesondere für die OKU war der Besuch ein Anlass zur Freude, da Bartholomaios ihr 2019 die Autokephalie verliehen hatte. Daher bezeichnete ihr Leiter, Metropolit Epifanij (Dumenko), bei einer gemeinsamen Liturgie unter freiem Himmel bei der Sophienkathedrale am 22. August den Moment als „historisch“. Seine Kirche empfange erstmals als „autokephale, reife“ Kirche den Besuch des Ökumenischen Patriarchen. An der Liturgie – eine der Hauptfeierlichkeiten während des Besuchs – waren auch der frühere ukrainische Präsident Petro Poroschenko und zahlreiche Parlamentsabgeordnete anwesend. Dagegen löste Bartholomaios’ Besuch unter Gläubigen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), die dem Moskauer Patriarchat untersteht, Proteste aus und rief scharfe Kritik in der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) hervor.

Protesthaltung innerhalb der UOK
Bereits im Vorfeld des viertägigen Patriarchenbesuchs gab es Protestaktionen von Gläubigen der UOK. So hatten Gläubige der Eparchie Zaporizhzhja in den sozialen Netzwerken Fotos mit dem Hashtag „Stop Bartholomaios“ verbreitet, auf denen sie mit Plakaten mit der Aufschrift „Bartholomaios, wir haben dich nicht eingeladen“ zu sehen sind. Unterstützt wurden sie vom Metropoliten der Eparchie. Bei Bartholomaios’ Ankunft in Kiew am 20. August standen UOK-Anhänger entlang der Straße vom Flughafen in die Stadt. Dabei hielten sie Plakate mit dem Bild von Metropolit Onufrij (Berezovskij), dem Leiter der UOK, und der Aufschrift „Unser Vorsteher ist Metropolit Onufrij“ auf Ukrainisch, Griechisch und Englisch.
Am nächsten Tag versammelten sie sich auch vor dem ukrainischen Parlament, als Patriarch Bartholomaios dieses besuchte. Mit einer Gebetsaktion wollten sie ihre Loyalität zu Onufrij ausdrücken und versuchten vergeblich, ein Treffen mit Bartholomaios zu erreichen, um diesem „die Wahrheit“ über die Folgen seiner „Einmischung“ in der Ukraine zu erläutern. In einer Erklärung warfen sie Bartholomaios vor, bei Übergriffen auf die UOK und ihre Gläubigen geschwiegen und weggesehen zu haben und sie somit „verkauft“ zu haben.
Allerdings begrüßte laut einer repräsentativen Umfrage Ende Juni selbst unter den Anhängern der UOK eine Mehrheit den Besuch des Patriarchen von Konstantinopel. Nur 15 Prozent von ihnen lehnten den Besuch ab, während ihn 49 Prozent befürworteten. Insgesamt stand eine Mehrheit von 57 Prozent der Ukrainer dem Besuch positiv gegenüber, nur gerade 6 Prozent lehnten ihn ab.1
Der russische Patriarch Kirill verurteilte Bartholomaios’ Ukraine-Besuch in seiner Predigt am Feiertag Maria Entschlafen in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ebenfalls. „Mächte des Bösen“ würden die Einheit der orthodoxen Kirchen zerreißen, indem sie die „äußerst schwierige Lage“ in der Ukraine nutzten. Ein Beispiel dafür sei der „sündhafte und kaum erklärbare Besuch“ des Patriarchen von Konstantinopel und seine „Konzelebration mit Schismatikern“.2

Bartholomaios betont Nähe zum ukrainischen Volk
Patriarch Bartholomaios rief zu einem friedlichen Zusammenleben in der Ukraine auf und signalisierte Offenheit für einen Dialog. In Richtung UOK sagte er, dass das Ökumenische Patriarchat „als Mutterkirche“ bereit sei, „Probleme anzuhören, Zweifel zu zerstreuen, Sorgen zu beruhigen und Wunden zu heilen“.3 Zuvor hatte er allerdings in einem Interview den Kritikern der ukrainischen Autokephalie vorgeworfen, sie würden fremde Interessen vertreten. Die Ablehnung unter Anhängern der UOK gründe in der Unfähigkeit, die „Realität anzuerkennen“, und in einem falschen Verständnis von Autokephalie und ihrer Verleihung. Sie wollten der OKU die Unabhängigkeit nicht zugestehen, obwohl die ROK ihre Unabhängigkeit auf die gleiche Weise erhalten habe. Somit „ziehen sie offensichtlich ausländische Interessen kirchlichen Kriterien vor“, erklärte Bartholomaios.4
Mit Blick auf die Unabhängigkeitsfeiern betonte er seine Liebe zum ukrainischen Volk, das „edel und würdig ist“ und nicht „unter einem Joch leben will und kann“. Dabei würden die Unabhängigkeit des Staates und der Kirche Hand in Hand gehen.5
Bei den anderen Religionsgemeinschaften der Ukraine stieß der Besuch von Bartholomaios zumindest auf Offenheit. So stand auch ein Treffen mit dem Allukrainischen Rat der Kirchen und religiösen Organisationen auf dem Plan. Dessen Vorsitzender, Großerzbischof Svjatoslav (Schev­tschuk) von der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK), bezeichnete den Gast als „guten Hirten“, der „alle aktuellen Schmerzen des ukrainischen Volks fühlt“. Als Leiter der UGKK spüre er, dass Bartholomaios nicht nur zu den Orthodoxen gekommen sei, sondern „zu allen Ukrainern, ungeachtet ihrer nationalen, ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit“.6

Anmerkungen
1)        http://kiis.com.ua/?lang=rus&cat=reports&id=1052&page=1.
2)        https://mospat.ru/ru/news/87929/.
3)        https://risu.ua/ru/patriarh-varfolomej-prizval-upc-mp-peresmotret-svoyu-poziciyu_n121233.
4)        https://risu.ua/ru/oni-predpochitayut-inostrannye-interesy-a-ne-cerkovnye-kriterii---patriarh-varfolomej-o-storonnik-mospatriarhata_n121118.
5)        https://risu.ua/ru/ukraincy-blagorodnyj-narod-oni-ne-hotyat-i-ne-mogut-zhit-pod-igom---patriarh-varfolomej_n121193.
6)        https://risu.ua/ru/glava-ugkc-poblagodaril-vselenskogo-patriarha-za-to-chto-on-kak-horoshij-pastyr-chuvstvuet-bol-ukrainskogo-naroda_n121231.

Natalija Zenger

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