Ukraine: Kirchenvertreter gedenken des Holodomor

Metropolit Epifanij (Dumenko), das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU), hat anlässlich des Gedenktags für den Holodomor auf dessen Folgen hingewiesen, die „wir alle noch lange spüren werden“.

Denn auch die Überlebenden hätten „psychologische und spirituelle Wunden“ erlitten, die sich zwangsläufig auf das „Weltbild, Verhalten und die Charaktere“ ausgewirkt hätten. Der Holodomor werde für immer im nationalen Gedächtnis der Ukraine bleiben, heißt es in Epifanijs Statement.

Mit dem Begriff Holodomor wird die Hungerkatastrophe in den 1930er Jahren in der Ukraine bezeichnet, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Insbesondere die Hungersnot von 1932/1933 gilt in der Ukraine als Genozid am ukrainischen Volk. Deren Ursache war die erbarmungslose Getreiderequisition (zur Versorgung der Industrie und Städte sowie für den Export) durch die sowjetischen Behörden. Da sie mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und Säuberungsaktionen zusammenfiel, wird diskutiert, sie sei von den sowjetischen Behörden bewusst herbeigeführt worden, um den antisowjetischen Widerstand in der Ukraine zu brechen.

So bezeichnete Metropolit Epifanij den Holodomor als „Genozid im breiten Sinn“ und als „Vernichtung unseres Volks“. In die verwaisten Dörfer seien anschließend Umsiedler aus „dem Nachbarland“ gezogen. So sei das freiheitsliebende ukrainische Volk gebrochen und die Herrschaft über die angeeigneten Gebiete gestärkt worden. Schließlich zieht er in seiner Erklärung eine Parallele zu den aktuellen Ereignissen im Osten der Ukraine.

Großerzbischof Svjatoslav (Schevtschuk), das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK), bezeichnete den Holodomor in einem Interview als Trauma, das durch jahrzehntelanges Schweigen verschlimmert worden sei. Deshalb sei es nötig, darüber zu sprechen. Zudem forderte er eine formelle Verurteilung des Kommunismus auf internationaler Ebene. In der Sendung „Offene Kirche“ führte er aus, die „historische Wahrheit, wie tragisch sie auch ist, müssen wir erfahren“, doch sei sie auch in den 30 Jahren der Unabhängigkeit nicht vollständig aufgedeckt worden. Das Gedenken und Sprechen seien wichtig, um sich von „diesen Ängsten zu befreien“ und sich mit der eigenen Geschichte zu versöhnen. Und die „Welt muss diese Tragödie als das anerkennen, was sie ist; sie war ein Genozid“.

Im Rahmen der offiziellen Gedenkfeierlichkeiten beteten Metropolit Epifanij und Großerzbischof Svjatoslav gemeinsam. An dem Anlass auf dem Areal des Gedenkkomplexes für die Opfer des Holodomor in Kiew nahm auch das Oberhaupt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK), Metropolit Onufrij (Berezovskij), teil. Geleitet wurde die Zeremonie vom ukrainischen Präsidenten Volodymyr Zelenskyj, anwesend waren Regierungsvertreter, Diplomaten, Leiter verschiedener Religionsgemeinschaften und Vertreter der Zivilgesellschaft. Zum Gedenken an die Opfer fand eine Schweigeminute und die landesweite Aktion „Zünde eine Kerze an“ statt, bei der die Ukrainerinnen und Ukrainer aufgerufen waren, eine brennende Kerze auf ihre Fenstersimse zu stellen. In Istanbul leitete der Ökumenische Patriarch Bartholomaios einen Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer. Dieser fand erstmals in der Hauptkathedrale des Patriarchats, der Georgskirche, statt.

In der Ukraine gilt der Holodomor von 1932/1933 seit 2008 als Genozid. Der damalige Präsident Viktor Juschtschenko hatte das entsprechende Gesetz eingebracht. Als Gedenktag wird jeweils der vierte Samstag im November begangen. Bisher haben 15 Staaten den Holodomor als Genozid anerkannt, darunter die USA, Kanada sowie eine Reihe europäischer und lateinamerikanischer Länder. Der ukrainische Botschafter in Deutschland hat den neugewählten Bundestag aufgerufen, den Holodomor als Genozid anzuerkennen. Eine entsprechende Petition ist seit zwei Jahren hängig. Die Ukraine weist Deutschland eine besondere Verantwortung zu, da Deutschland in den 1930er Jahren der wichtigste Handelspartner der Sowjetunion gewesen sei. Ein Teil der Getreideexporte habe dazu gedient, Schulden beim deutschen Staat abzuzahlen. Dabei sei die Hungersnot in der Ukraine in Deutschland bekannt gewesen. (NÖK)

Nachrichtendienst Östliche Kirchen (NÖK), 2. Dezember 2021

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