Fonds „Diakonia“ – Herausforderungen in Corona-Zeiten meistern

Regula Spalinger im Gespräch mit Elena Rydalevskaja

Der Fonds „Diakonia“ aus St. Petersburg betreut Suchtkranke und Obdachlose, die mit Blick auf Covid-19 als Hochrisikogruppen gelten. Dank strengen Schutzmaßnahmen und einem alternativen Beschäftigungsprogramm konnte „Diakonia“ jedoch seine Arbeit fortführen. Das Rehabilitationszentrum in Poschitni soll ausgebaut werden, und in St. Petersburg entsteht ein Begegnungs- und Weiterbildungszentrum für Familien. Dort können sich die Rehabilitanden unter anderem mit Fachleuten und Interessierten über ihre Vaterrolle austauschen.

G2W: Was war für „Diakonia“ die größte Herausforderung angesichts der Coronavirus-Pandemie?
Elena Rydalevskaja: Unsere allererste Sorge war, die Menschen, die sich bei uns in der Suchtrehabilitation befinden, vor Covid-19 zu schützen. Durch Begleiterkrankungen ihrer frü- heren Sucht wie Hepatitis C, HIV oder Aids gehören sie der Hochrisikogruppe an. Daher mussten wir in unseren Zentren während mehrerer Monate Kontakte mit der übrigen Gesell- schaft vermeiden. Zusätzlich führten wir umfassende Hygiene- maßnahmen ein. Eine enorme Herausforderung war zudem, die Männer, die in unserem Zentrum für soziale Eingliederung in St. Petersburg leben, trotz Lockdown und Schutzmaßnahmen weiter zu beschäftigen. Diese Rehabilitanden sind normaler- weise in städtischen Betrieben tätig. Ihre Wiedereingliederung ins Alltagsleben über Lohnanstellungen ist ein wichtiger Bestandteil der Abschlussphase unserer Therapie. Diese Art der Berufstätigkeit war im Frühjahr über mehrere Wochen nicht möglich. Dank der großzügigen Unterstützung eines Mitglieds unseres Stiftungsrats konnten wir jedoch zu Beginn des Lockdowns eine Werkstatt im Wohntrakt der Rehabilitanden einrichten. Der Saal, wo sonst Konzerte und Vorträge statt- finden, wurde vorübergehend komplett umfunktioniert. Ein Teil der Bewohner nähte auf Nähmaschinen, die der Stiftungs- rat aus seinem Firmenbestand zur Verfügung stellte, zunächst Schutzmasken. Später packten sie  Masken  verkaufsfertig ab und trugen so dazu bei, die laufenden Kosten des Eingliederungszentrums zu decken.

Wie ist die Lage der beiden Rehabilitationszentren für Drogensüchtige in Poschitni und Sologubovka?
Das Zentrum Sologubovka, in einem Dorf ca. 50 km von St. Petersburg entfernt, wurde ab 2012 auf Wunsch von Erzpriester Alexander (Sacharov) auf dessen Gemeindeareal eingerichtet. Doch mit den stark ansteigenden Covid-19 Erkrankungen seit April ergaben sich Diskrepanzen zwischen unserer gesundheitsvorsorgenden, auch rechtlich abgestützten Haltung und den Überzeugungen von Vater Alexander. Während des Gottesdienstes in der Kirche seiner Kirchgemeinde, die an unser Zentrum angrenzt, wurden die geltenden Hygienemaßnahmen nicht eingehalten. Sie basierten auf Weisungen der Eparchie und einer Verordnung der staatlichen Gesundheitsbehörden. Insbesondere den Besuch des Speisesaals unseres Zentrums durch Gemeindeglieder während der Pandemie konnten wir nicht einfach hinnehmen. Bischof Mstislav (Djatschina) von Tichvin forderte als Vorgesetzter von Vater Alexander eben- falls die Einhaltung der Vorschriften. Da der Bischof das Rehabilitationszentrum von Sologubovka kennt und schätzt, und wir eng mit der Eparchie zusammenarbeiten, versuchte er in einem Gespräch im Beisein der Mitglieder unseres Stiftungs- rats zu vermitteln, weil Vater Alexander den Vertrag mit dem Fonds „Diakonia“ im Sommer nicht mehr verlängern  woll- te. Leider gelang es nicht, Vater Alexander zu einer weiteren Zusammenarbeit zu bewegen. Daher haben wir das Zentrum in Sologubovka aufgelöst und alle beweglichen Güter (Betten, Stühle, Tische usw.) in unser anderes Rehabilitationszentrum in Poschitni überführt. Dort können wir vollkommen selbst- verantwortlich handeln, da sich das Land und die Gebäude im Eigentum von „Diakonia“ befinden.
Sind die Rehabilitanden mit Ihnen umgezogen?
Ja, und auch alle bisher in Sologubovka tätigen Sozialarbeiter, Therapeuten und Konsulenten (engagierte Ehemalige) wechsel- ten entweder nach Poschitni oder ins St. Petersburger Zentrum. In Poschitni leben nun 30 Rehabilitanden. Für ein zusätzliches Wohnhaus ist schon vor dem Sommer das Fundament gelegt worden. Wir hoffen, bis nächstes Jahr den Bau mit Schlaf- räumen für zwölf bis 16 Personen fertigzustellen.
Hatte der Umzug auch Auswirkungen auf das Rehabilitationsprogramm?
Das Zentrum in Poschitni wird neben den lokalen Betreuern nun durch zwei statt einem Konsulenten aus St. Petersburg unterstützt. Wie bisher führe ich in meiner Eigenschaft als Lei- terin und Drogenfachärztin regelmäßig vor Ort Einzel- bzw. Gruppengespräche. Die im angegliederten Landwirtschaftsbetrieb, in der Küche oder bei Bauarbeiten beschäftigten Männer schätzen zudem die neu eingeführten Kurse mit unserer Kunsttherapeutin. Diese finden einmal pro Monat während je zwei bis drei Tagen statt.
Vor kurzem hat uns in Poschitni der aus Kaliningrad stammende Nikita Jolkin besucht. Er ist unserer Arbeit seit längerem freundschaftlich verbunden. Vor rund zwölf Jahren schaffte er es mit fachlicher Unterstützung, sich von seiner Alkoholsucht zu befreien. Aufgrund dieses Erlebnisses bildete er sich zum Sozialarbeiter weiter und wirkt seither in der Suchttherapie. In einer unserer Partnerorganisationen, dem Ressourcenzentrum „Georgievskoe“, hat er ein Projekt entwickelt, das nun auch unse- ren Rehabilitanden offensteht. Das Zentrum ist in eine dörfliche orthodoxe Kirchgemeinde eingebettet, die direkt an der Wolga eine Stunde von der Stadt Kostroma entfernt liegt. Das Angebot richtet sich an jene Männer, die bereits das mehrstufige Rehabilitationsprogramm vollständig durchlaufen haben, aber (noch) nicht in die Großstadt St. Petersburg zurückzukehren möchten. Damit können wir der Therapie ein wichtiges Binde- glied hinzufügen, das individuell beansprucht werden kann.
Wie gestaltet sich momentan die Obdachlosenhilfe von „Diakonia“ in St. Petersburg?
Ab Ende März durften wir die Obdachlosen drei Monate lang nicht mehr mit unserem „Bus der Barmherzigkeit“ direkt auf der Straße versorgen. Gewöhnlich geben wir beim Bus warme Mahlzeiten aus. Außerdem kann man im Bus auch saubere Kleider erhalten. Der Bus dient gleichzeitig als niederschwellige Anlaufstelle bei sozialen Fragen. Manche Suchtkranken gelangen über solche Erstberatungen in unser Rehabilitationsprogramm. Eine Verordnung erlaubte uns aber, die Obdachlosen in den von der Stadt zur Verfügung gestellten Unterkünften zu verpflegen. In den Monaten Mai und Juni teilten wir so je 1 400 bis 1600 Mahlzeiten in verschiedenen Obdachlosenheimen aus. Seit dem Sommer dürfen wir nun wieder mit unserem Bus die Obdach- losen an den dafür bestimmten Standplätzen versorgen. Wir haben seither sogar ein doppeltes Verpflegungssystem: Da es in den Obdachlosenheimen viele kranke oder invalide Bewohner gibt, die das Haus nicht verlassen können, verpflegen wir sie weiterhin vor Ort. Selbstverständlich tragen unsere Helfer bei der Arbeit Maske und Handschuhe und beachten die Distanz- regeln. Die Hygieneartikel, wie beispielsweise Desinfektions- mittel, werden uns zum Glück vom städtischen Komitee für Sozialpolitik zur Verfügung gestellt.

Welche Ziele hat sich „Diakonia“ für das Jahr 2021 gesetzt?
Im August sind wir in neue Büroräumlichkeiten umgezogen, wo uns deutlich mehr Platz zu günstigeren Mietkosten als bis- her zur Verfügung steht. Die Räume waren allerdings in recht baufälligem Zustand. Beim Umbau standen uns kompeten- te Rehabilitanden und Ehemalige tatkräftig zur Seite. In den kommenden Monaten werden wir den angrenzenden Flügel renovieren. Wir hoffen, dass wir hier im Verlauf des nächs- ten Jahres unser geplantes Begegnungs- und Weiterbildungs- zentrum für Familien eröffnen können. Ein Bestandteil davon wird die sog. „Papa-Schule“ sein, die einem starken Wunsch unserer Rehabilitanden entspricht. Denn viele von ihnen haben selbst in ihrer Kindheit den verlässlichen, liebevollen Vater ver- misst. Sei es, weil die Mutter alleinerziehend war oder weil es bereits damals eine Suchtthematik in der Familie gab. Deshalb möchten unsere Ehemaligen im Austausch mit Fachleuten und Gleichgesinnten hier Anregungen aufnehmen, um einen neuen Umgang innerhalb der Familie einzuüben, der gleichzeitig durch Freude und Verantwortung geprägt ist. Da wir im Auftrag der Stadt auch Familien in schwierigen Lebenssituationen betreuen, die zur Lösung ihrer Situation soziale oder psychologische Unterstützung benötigen, sind wir froh, in den neuen Räumen bald genug Platz für verschiedene Angebote zu haben. Mit unse- rem Team an Fachleuten und freiwilligen Helfern bereiten wir gegenwärtig die Details zu diesem neuen Familienzentrum vor.

Sie können die Arbeit des Fonds „Diakonia“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Diakonia“ unterstützen.

pdfRGOW 10/2020, S. 28-29