Straßensozialarbeit und Suchttherapie in Corona-Zeiten

Regula Spalinger im Gespräch mit Elena Rydalevskaja

Der Fonds „Diakonia“ in St. Petersburg hilft Drogenabhängigen beim Ausstieg aus der Sucht und unterstützt Obdachlose. Letztere sind von der vierten Corona-Welle in Russland besonders hart betroffen. Gegenwärtig schafft „Diakonia“ die Voraussetzungen, um in Zukunft auch drogenabhängige Obdachlose in das Rehabilitationsprogramm aufnehmen zu können.

Die vierte Corona-Welle trifft Russland mit voller Wucht. Wie erlebt Ihre Organisation die jetzige Lage?
Elena Rydalevskaja: Die Zahl der Erkrankten in Russland ist während der jetzigen vierten Welle in der Tat sehr hoch. So ist leider auch ein unserer Organisation nahestehender Geistlicher, ein 39-jähriger Mönchspriester, vor kurzem an Covid-19 verstorben. Am schwierigsten für unsere Arbeit war die erste Phase der Pandemie im Frühjahr 2020, als sämtliche Schutzmaßnahmen hinsichtlich Hygiene und Krankheitsfälle neu erarbeitet werden mussten. Wir hatten im Team und bei den Rehabilitanden Covid-19-Infektionen, doch konnten zum Glück alle Rehabilitanden die Krankheit in der Quarantäne auskurieren, ohne ins Krankenhaus zu müssen. Seit diesem Jahr impfen wir in Zusammenarbeit mit einem externen Arzt alle Rehabilitanden, die ohne Corona-Impfung zu uns kommen, jeweils zu Beginn der Rehabilitation direkt im Zentrum von Poschitni. Seit dem 1. September gilt auch für Angestellte von „Diakonia“ eine Impfpflicht. Hier in Russland besteht eine große Kluft zwischen den deklarierten und den tatsächlich eingehaltenen Regeln. Insbesondere mit Blick auf die Impfung lässt sich von einer echten Vertrauenskrise sprechen.

Wie beeinflusst die Pandemie die Straßensozialarbeit?
Ende Juli haben wir gemeinsam mit Partnerorganisationen an den Standplätzen, wo wir mit unserem Bus täglich 40 bis 70 warme Mahlzeiten ausgeben, mit dem Angebot der Impfung für Obdachlose begonnen. Eine große Stütze ist dabei unser Mitarbeiter Georgij Tschalkov, der vor Energie strotzt und wertvolle Initiativen einbringt. Er wollte ursprünglich nur ein Praktikum bei uns absolvieren. Nachdem er uns von seiner Suchtvergangenheit erzählt hatte, entschloss er sich jedoch zur mehrstufigen Rehabilitation, die er erfolgreich abschloss. Heute ist Georgij der Leiter unseres Zentrums für soziale Wiedereingliederung in St. Petersburg. Zudem unterstützt er die „Soziale Patrouille“ des Fonds „Diakonia“ als Fahrer eines unserer beiden Fahrzeuge. Dabei handelt es sich um eine Art schnellen Eingreifdienst der Straßensozialarbeit. Beispielsweise wenn über unsere Hotline die Meldung eintrifft, dass ein Bedürftiger dringend medizinische Hilfe benötigt. Das Schicksal der Obdachlosen ist zu einem Herzensanliegen für Georgij Tschalkov geworden, woraus nun neue Projekte unseres Fonds entstehen. Dazu zählt ab diesem Jahr auch die Aufnahme von Obdachlosen mit einer Suchterkrankung in unser Rehabilitationsprogramm, sofern diese die Motivation dafür aufbringen.

Können Sie uns ein Beispiel schildern?
Auf dem Weg zur Arbeit im Stadtzentrum fiel Georgij Tschalkov vor einigen Monaten ein Obdachloser auf einer Bank auf. Er ging zu ihm hin und im Gespräch erzählte ihm Andrej, der Obdachlose, dass er aus einer anderen Region nach Petersburg gezogen war und hier Gelegenheitsarbeiten verrichtet habe. Doch dann habe er ein Bein gebrochen. Seitdem sei alles sehr schwierig geworden, er lebe auf der Straße und trinke. Georgij schilderte ihm, dass es bei „Diakonia“ die Möglichkeit zur Rehabilitation gebe, falls er zur Zusammenarbeit bereit sei. Andrej willigte ein. Darauf wurden mit dem Sozialdienst die nächsten Schritte besprochen, Andrej wurde mit Kleidern aus unserer Kleiderbörse versorgt. Es folgte ein Aufenthalt in zwei medizinischen Einrichtungen, da zunächst Andrejs Bein behandelt werden musste. Danach konnte er das erste halbe Jahr des Rehabilitationsprogramms in unserem Zentrum in Poschitni absolvieren. Dieses war sowohl für ihn als auch für das Team und die anderen Rehabilitanden herausfordernd, da das Leben auf der Straße Spuren hinterlässt. Doch schließlich wechselte er mit stärkeren inneren Ressourcen ins Eingliederungszentrum in St. Petersburg. Uns gelang es zudem, seine betagte Mutter zu finden, die nach Andrejs Unfall den Kontakt zu ihm verloren hatte. Sie war sehr froh, die Verbindung zu ihrem Sohn wiederherzustellen und ihn moralisch sowie mit kleinen Zuwendungen zu unterstützen. Im sozialen Eingliederungszentrum, wo sich Andrej nun befindet, sind wir gegenwärtig darum bemüht, seine Dokumente zusammenzustellen. Zudem holen wir eine Bescheinigung zur Teilinvalidität ein, damit er in Zukunft mit einem reduzierten Arbeitspensum selbständig leben kann.

Welche Neuerungen stehen im Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige in Poschitni an?
Das Wichtigste ist die baldige Fertigstellung des zweiten Wohngebäudes für die Rehabilitanden. Schon bald können zwölf Männer dort einziehen und endlich ihr Provisorium verlassen. Neben Werkstätten, die ebenfalls entstehen, ist die neu eingerichtete Imkerei zu erwähnen. In diesem Jahr konnte das Zentrum so seinen ersten Honig ernten. Für die Kühe der angegliederten Landwirtschaft, unterdessen vierzehn an der Zahl, ist außerdem ein größerer Kuhstall im Bau. Schritt für Schritt werden wir im kommenden Jahr Obdachlose, die an einer Rehabilitation interessiert sind, in unser Programm aufnehmen.

Wie hat sich die Drogensucht in den letzten Jahren in Russland verändert? Und vor welche Herausforderungen stellt das Ihre Organisation?
Zu den dominierenden Drogen der letzten Jahre gehören sog. „Badesalze“ wie z. B. Mephedron. Fachlich ausgedrückt handelt es sich dabei um Substanzen, die als synthetische Cathinone bezeichnet werden. Die Auswirkungen auf Körper und Psyche der Süchtigen sind bei diesen Drogen sehr groß und oft bleiben auch nach der Entgiftung des Körpers (Detox-Behandlung), die vor der Aufnahme in unser Zentrum durch spezialisierte Partner-Kliniken durchgeführt wird, gewisse Langzeitschäden zurück. Zu beachten ist, dass diese Substanzen stärkere psychische Probleme hervorrufen als die herkömmlichen Drogen. Daher arbeiten wir auf regelmäßiger Basis schon seit einigen Jahren mit Psychiatern zusammen. Die Rehabilitanden benötigen durch die länger andauernden Auswirkungen dieser Drogen mehr Aufmerksamkeit und Geduld, verfügen zumindest zu Beginn der Therapie über deutlich weniger Ressourcen als frühere Patienten. Hier hilft, neben der Anleitung unserer Konsulenten, unter anderem auch die große Erfahrung von Vladimir Volkov, Psychologe und Direktor eines Rehabilitationszentrums in Novosibirsk. Er arbeitet mit uns über Online-Konsultationen zusammen und unterstützt das Team methodisch in schwierigen Fällen. Auch das Alter der Rehabilitanden ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Waren die Männer früher durchschnittlich 35 Jahre alt, kommen jetzt bereits 25-Jährige und noch Jüngere zu uns. Da das Einstiegsalter heute nicht selten bei 12 bis 13 Jahren liegt, beträgt die Dauer der Drogensucht bei praktisch allen mindestens sechs Jahre.

„Diakonia“ ist im August in neue Büroräumlichkeiten umgezogen. Haben sich dadurch neue Perspektiven eröffnet?
Ja, denn nun stehen uns 305m2 zur Verfügung, gegenüber den früheren 30mim Alexander-Newski-Kloster. Die zwei Gebäudeflügel, die wir hier nutzen dürfen, gehören zu einer Liegenschaft, in der Mieter von einer stark ermäßigten „Sozialmiete“ profitieren. Einen Flügel konnten wir bereits mit Unterstützung von mehreren im Bausektor beschäftigten ehemaligen Rehabilitanden umbauen. Im zweiten Flügel sind die Renovationsarbeiten noch im Gang. In den fertig gestellten Räumen treffen sich unter anderem eine Gruppe ehemaliger Drogenabhängiger und ihre Angehörigen unter fachkundiger Leitung. Außerdem können wir nun mitten im Stadtzentrum Seminare und weitere Veranstaltungen durchführen. Das erweitert auch den Kreis an Fachleuten, die mit uns zusammenarbeiten. So führt beispielsweise ein Trainer, der neu von „Diakonia“ erfuhr und für Männer in der Schlussphase der Rehabilitation ein Outdoor-Event anbot, nun einen Kurs in Konfliktmanagement durch. Mit Studierenden verschiedener sozialer Fachhochschulen hat am neuen Ort ebenfalls eine Zusammenarbeit begonnen, da sie nun bei uns ein Praktikum absolvieren können.

Sie können die Arbeit des Fonds "Diakonia" mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Diakonia“ unterstützen.

pdfRGOW 11/2021, S. 28–29.