"Die Hoffnung am Leben erhalten" - Nothilfe im Irak und in Syrien

pdfRGOW 11-12/2014, S. 28-29

Der Vormarsch des sog. Islamischen Staats im Nordirak und in Syrien bedroht vor allem die religiösen Minderheiten. Viele Christen und Jesiden sind vor den selbst ernannten Gotteskriegern in die vonden Kurden kontrollierten Gebieten geflohen. Zusammen mit der Reformierten Kirche Kanton Zürich unterstützt G2W die lokale Hilfsorganisation CAPNI (Christian Aid Program Northern Iraq). Deren Koordinator, Emanuel Youkhana, Erzdiakon der Apostolischen Assyrischen Kirche des Ostens, berichtet im Interview mit Stefan Kube über die humanitäre Lage und die dringendsten Bedürfnisse der Flüchtlinge.

G2W: In den letzten Monaten hat der sog. Islamische Staat (IS) große Teile des Nordiraks und Syriens erobert. Wie stellt sich die Lage der religiösen Minderheiten (Christen, Jesiden, Schiiten) in den vom IS kontrollierten Gebieten dar?
Emanuel Youkhana:
Nur sehr wenige nicht-sunnitische Familien und Personen sind in den vom IS kontrollierten Gebieten im Irak verblieben. Die Christen, Jesiden und die Mehrheit der Schiiten sind aus ihren Heimatorten und Dörfern geflohen, um zu überleben. Zurückgeblieben sind nur diejenigen, denen die Flucht misslang, so dass sie keine andere Wahl hatten, als zu bleiben. Von vielen wurde verlangt, sich zum Islam zu bekehren, um weiterleben zu können. Die wenigen Christen, die geblieben sind, ohne zum Islam zu konvertieren, müssen die Dschizya (Kopfsteuer) bezahlen. Das Eigentum der Christen wurde beschlagnahmt oder als Eigentum des IS verkauft. Tausende jesidische Frauen wurden in die Sklaverei verkauft. Im Sindschar-Gebirge sind 15000 Jesiden vom IS eingekesselt und geben Zeugnis vom Schicksal der Nicht-Muslime unter dem IS. Das Leben unter dem IS ist äußerst brutal, insbesondere für Nicht-Muslime: Die Scharia wurde in ihrer strengsten Form eingeführt, und die Menschen werden gezwungen, sie zu befolgen. Dies wirkt sich in jeglicher Hinsicht auf das Alltagsleben aus: Öffentliche Märkte, Büros, Schulen, Krankenhäuser, Kleidung, Musik, Sport – alles wird einem Lebensstil und einer Kultur aus dem 6. Jahrhundert angepasst.
Das reiche kulturelle Erbe der Region, die als Wiege der Zivilisation gilt, ist ebenfalls ernsthaft vom IS bedroht. Die archäologischen Stätten der Assyrer, die alten christlichen Kirchen und zahlreiche Handschriften sind in Gefahr, für immer zerstört zu werden. Viele wurden bereits zerstört. Ein unvorstellbarer Verlust für die Menschheit. Solche Zerstörungen gab es zwar auch schon in früheren Jahrhunderten, aber nun geschieht es vor unseren Augen im 21. Jahrhundert! Heutzutage ist die Welt zu einem kleinen Dorf geworden, in dem wir alle die gleiche Technologie, Wirtschaft, usw. teilen, aber nicht die gleichen Werte. Es gilt einen unausgeglichenen Fehler zu korrigieren: einerseits Smartphones und Laptops zu besitzen und zu benutzen, aber andererseits Hass zu verbreiten und andere Menschen zu erniedrigen, nur weil sie einer anderen Religion angehören.

Wohin sind die Christen vor dem IS geflohen?
Nachdem der IS im Juni Mosul eingenommen und den Christen das Ultimatum gestellt hatte, sich entweder zum Islam zu bekehren, die Dschizya zu bezahlen, zu fliehen oder abgeschlachtet zu werden, flohen ca. 40000 Christen aus der biblischen Stadt Ninive (Mossul ist der arabische Name für die Stadt) in die Ninive-Ebene und in die Autonome Region Kurdistan. Das war die erste Fluchtbewegung. In der Nacht vom 6. auf den 7. August griff der IS die Ninive-Ebene an, so dass die 120000 Christen aus Mosul und aus den Dörfern der Ninive-Ebene nach Kurdistan flohen, in die Gouvernements Dohuk und Erbil. Aus Angst vor der unsicheren Zukunft flohen viele später weiter nach Jordanien, in den Libanon oder in die Türkei.

Die USA und andere westliche Staaten unterstützen die kurdischen Peschmerga im Kampf gegen den IS. Hilft diese militärische Unterstützung auch den religiösen Minderheiten?
Danke für die militärische Unterstützung aus den USA und vielen europäischen Ländern. Dank auch an die Peschmerga, dass sie sich vor Ort aufopfern, um den Vormarsch des IS zu stoppen und zurückzuschlagen. Der IS ist nicht nur eine kriminelle Terrorgruppe, er ist viel mehr als das: Er ist eine gut aufgestellte Armee, die von professionellen Militärs geführt wird und sich aus sehr reichen Quellen in der Region finanziert, z. B. durch den Handel mit Öl. Zudem erhält er finanzielle und materielle Unterstützung aus anderen Ländern, wozu auch die IS-Kämpfer aus westlichen Ländern zählen. Die Unterstützung der USA und der Verbündeten zusammen mit den Peschmerga-Kämpfern am Boden hat die Region vor dem totalen Zusammenbruch bewahrt. Dies war eine dringend benötigte Hilfe für alle Menschen in Kurdistan, einschließlich der Christen und Jesiden.

Gibt es auch eigene Militäreinheiten der Christen?
Die Christen sind seit jeher in Kurdistan beheimatet. Unter den Peschmerga gibt es von daher auch viele christliche Offiziere und Kämpfer. Zudem haben Freiwillige eine eigene Einheit gebildet, um die christlichen Gemeinden nach der Befreiung vom IS durch die Peschmerga zu beschützen, wie etwa Telskuf oder Bakufa in der Ninive-Ebene. Diese Einheit heißt Dwikh Nawsha, was ein syrischer Name ist und Menschen bezeichnet, die bereit sind, sich selbst zu opfern.

Zusammen mit anderen haben Sie CAPNI gegründet. Was sind die Ziele und Aktivitäten von CAPNI?
CAPNI wurde unter beinahe ähnlichen Umständen wie heute nach dem Ersten Irakkrieg 1991 und der damaligen Massenflucht gegründet. Das Motto von CAPNI ist: Die Hoffnung am Leben erhalten. Hoffnung ist nicht nur ein Gefühl, sondern bedeutet auch und vor allem Handeln und Praxis. Die christlichen Assyrer sind die Ureinwohner von Mesopotamien (Irak, Syrien, Südostanatolien). Dies ist unsere Geschichte, unsere Identität, unsere Kultur und unsere Zukunft. CAPNI wurde gegründet, um unserem Volk zu helfen und gemeinsam mit anderen (Kurden, Jesiden, Schabak) die Zukunft unseres Landes wieder aufzubauen.
Dieses Ziel spiegelt sich in den Programmen von CAPNI wider, die ein breites Spektrum an Aktivitäten umfassen: Wiederaufbau von Kirchen, Schulen und Dörfern, die von Saddam Hussein zerstört wurden, Entwicklung ökonomischer Ressourcen durch landwirtschaftliche und Einkommen generierende Programme, Maßnahmen zur Gesundheitsfürsorge sowie Frauen- und Jugendprogramme unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit. Ein zentraler Schwerpunkt unserer Arbeit war jedoch unser kirchliches Pastoralprogramm. In den letzten drei Jahren war dies unser nachhaltigstes Programm, an dem sich 14 lokale Partnerorganisationen (unterschiedliche Kirchen, Jugend- und Frauenorganisationen) bei der Realisierung unterschiedlicher Aktivitäten in Bagdad, Kirkuk, Erbil, Dohuk und in der Ninive-Ebene beteiligten. Das Ergebnis von 21 Jahren Arbeit von CAPNI lässt sich in jedem Dorf im Gouvernement Dohuk und in der Ninive-Ebene spüren. Wir sind dankbar, dass wir unserem Volk helfen konnten, aber wir wären noch dankbarer, wenn unser Volk unsere Hilfe nicht länger benötigen würde.

Aufgrund der dramatischen gegenwärtigen Situation hat CAPNI ein Nothilfeprogramm für die vielen Flüchtlinge ins Leben gerufen. Wie unterstützen sie die vertriebenen Menschen?
Unsere Hilfe war und ist noch immer eine lebensrettende. Es ist unsere moralische Pflicht, den bedürftigen und vertriebenen Menschen beim Überleben zu helfen. Für CAPNI ist es momentan vorrangig, die Menschen mit dem Überlebensnotwendigen zu versorgen: Nahrung (wir haben 10000 Esspakete bereitgestellt), Decken (ca. 5000), Matratzen (ca. 1200), Heizkörper und Heizöl (für 700 Familien), Kleidung (für 5000 Familien), 16 Tonnen an Babynahrung. Mobile Arztpraxen von CAPNI bieten kostenlos Gesundheitsvorsorge und grundlegende Behandlungen an. Außerdem stehen wir den vertriebenen Kindern mit psychosozialer Betreuung zur Seite.

Von welchen ausländischen Organisationen erhält CAPNI Unterstützung? Fühlen Sie sich angesichts der humanitären Katastrophe im Stich gelassen?
Uns unterstützen vorwiegend Kirchen und Kirchen nahestehende Organisationen aus der Schweiz und Deutschland. Nennen und für die große Unterstützung bedanken möchte ich mich bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, der Reformierten Kirche Kanton Zürich, Caritas Deutschland, Diakonie, Misereor, Brot für die Welt, Kirche in Not, dem Barnabas Fund in Großbritannien, der Salt Foundation in den Niederlanden, Manos Unidas aus Spanien sowie dem Lutherischen Weltbund. Vor dem Hintergrund dieser langjährigen Partnerschaften, die sich neben materieller Unterstützung auch in Besuchen kirchlicher Delegationen im Irak oder regelmäßigen Events und Konferenzen über die orientalischen Kirchen und Christen widerspiegeln, fühlen wir uns nicht allein gelassen. Aber angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, und der realen Bedrohung der Zukunft des Christentums im biblischen Land Mesopotamien erwarten wir mehr Unterstützung und Einmischung auf unterschiedlichen Ebenen. Es ist wahrlich eine Herausforderung, dass zum ersten Mal in 2000 Jahren Geschichte kein Gottesdienst in Mosul stattfinden kann. Wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Verlust nicht nur die orientalischen Kirchen und Christen betrifft, sondern ein Verlust für alle Menschen darstellt. Der IS ist eine kollektive globale Bedrohung, der eine gemeinschaftliche globale Antwort verlangt.

Sie selbst pendeln zwischen Wiesbaden, wo Ihre Familie lebt, und dem Irak. Was ist Ihre persönliche Motivation, den Menschen im Irak und Syrien zu helfen?
Zuallererst und neben allen anderem ist es eine christliche und humanitäre moralische Verpflichtung, mit den leidenden Menschen zu sein und ihnen beizustehen. Ich fühle mich umso mehr verpflichtet, da ich selbst ein christlicher Assyrer bin und Familie dort habe. Mein Großvater überlebte den Völkermord (Seyfo) von 1915 in Anatolien unter den Osmanen. Ich möchte nicht Zeuge eines weiteren Völkermords werden. In Deutschland lebend ist das Minimum, was ich tun kann, eine Stimme für die Sprachlosen zu sein und eine Brücke zwischen den leidenden, bedürftigen Menschen und den Kirchen und Organisationen zu bauen, die den guten Willen haben zu helfen. Ich kann nicht in Ruhe leben und schlafen, während mein Volk im Irak und in Syrien jeden Tag mit Verfolgung, Erniedrigung und Tod konfrontiert ist. Wir mögen hilflos sein, aber niemals hoffnungslos.

Sie können die Arbeit von CAPNI mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Irak“ unterstützen.