Behindertengerechter Umbau des Kinder- und Jugendzentrums „Arche“

Regula Spalinger im Gespräch mit Tatjana Vischnjakova und Olga Strelbitskaja

Das Kinder- und Jugendzentrum „Arche“ in Kostroma hat dank der Gründung eines Bildungszentrums die Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigungen weiter ausbauen können. In diesem Jahr steht zudem der behindertengerechte Umbau des Zentrums an. Trotz Corona-Pandemie hat die „Arche“ ihr Kursangebot erweitert, so dass noch mehr Kinder die kostenlosen Kurse besuchen können.

Die „Arche“ hat 2020 eine neue Unterabteilung, das Bildungszentrum „Intellekt“, gegründet. Wie kam es dazu?
Tatjana Vischnjakova: Die „Arche“ wurde vor 25 Jahren von der orthodoxen Bruderschaft des hl. Serafim gegründet. Vom juristischen Status her ist die „Arche“ eine religiöse Organisation. Bezüglich religiöser wohltätiger Organisationen muss man wissen, dass auch nach Gründung der Russischen Föderation am 25. Dezember 1991 das Dekret von 1918 zur Trennung zwischen Kirche und Staat nie aufgehoben wurde. Obwohl nun wieder die freie Religionsausübung gilt, hat der Staat keinerlei finanzielle Verpflichtungen gegenüber der Kirche und umgekehrt. Die Auswirkungen dieser Regelung zeigten sich besonders hart mit Ausbruch der Corona-Pandemie und der angeordneten Quarantäne im Frühjahr 2020. Während die staatlichen Bildungseinrichtungen Unterstützung für die Lohnfortzahlung und Zahlungsaufschübe bei den Nebenkosten wie Heizung, Gas, Strom erhielten und sie mit Hygieneprodukten zur Bekämpfung der Pandemie versorgt wurden, erfuhren die religiösen Bildungseinrichtungen keinerlei Unterstützung. Weil die „Arche“ als religiöse Unterabteilung der Bruderschaft gilt, konnten wir ab März 2020 auch keine physischen Präsenzkurse mit den Kindern mehr durchführen. Deshalb entschlossen wir uns im Sommer, eine sozial ausgerichtete NGO als zusätzliche Unterabteilung zu gründen. Das Einreichen und Prüfen der vielen Dokumente nahmen mehrere Monate in Anspruch. Wir waren deshalb sehr glücklich, als wir zu Beginn des Schuljahrs im September 2020 mit unserer neugegründeten NGO Bildungszentrum „Intellekt“ den Unterricht wieder aufnehmen konnten.

Welche weiteren Neuerungen haben Sie im neuen Schuljahr eingeführt?
Olga Strelbitskaja: Wir haben nun doppelt so viele Kurse im Angebot wie zuvor. Dazu zählen künstlerisch-musische Gruppen, aber auch Freizeitkurse, welche die praktischen und geistigen Fähigkeiten der Kinder anregen, z. B. dreimonatige Kurse in Mnemotechnik für Vorschul- und Schulkinder, Kurse für jugendliche Journalist*innen oder die sozial und im Umweltbereich aktiven Pfadfindergruppen. Unser Zentrum ist seit diesem Schuljahr ganztätig von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Traditionell gehören Samstag und Sonntag, an denen auch die Eltern-Kind-Kurse stattfinden, zu den am stärksten frequentierten Kurstagen. So ist das Haus der „Arche“ die ganze Woche über immer voll.

Tatjana Vischnjakova: Dank der neu gegründeten NGO sind uns beim Unterrichtsprogramm keine Restriktionen mehr auferlegt. So können wir auch die in den vergangenen Jahren aufgebaute Inklusion von Kindern mit Beeinträchtigungen weiter intensivieren und sogar therapeutischen Unterricht für diese Kinder anbieten. Mehrere Lehrkräfte haben eine heilpädagogische Zusatzausbildung absolviert. Unser Zentrum ist Mitglied des russischen Verbands für Kinderneuropsychologie, zudem haben wir die Lizenz erhalten, mit dem Balanciergerät „Balametrics“ (nach Dr. Frank Belgau) zu arbeiten. Dieses Gerät ist sehr gut geeignet, die motorischen, visuellen und kognitiven Fähigkeiten anzuregen und deren harmonische Ausbildung zu fördern. Es zeigt gerade bei Kindern mit sprachlich-motorischen Einschränkungen ausgezeichnete Resultate. Ich habe mich dieses Bereichs angenommen, Olga Strelbitskaja leitet die Logopädie für Kinder.

Mit welchen Beeinträchtigungen kommen Kinder zu Ihnen in die „Arche“?
Tatjana Vischnjakova: Ich möchte dazu von Kirill erzählen, der bis zu seinem fünften Lebensjahr ein vollkommen gesundes Kind war. Dann jedoch kam es zu einem Badeunfall. Kirill wurde rechtzeitig gerettet und beatmet, doch begann er darauf immer stärker zu stottern. Als er im September zu uns kam, war es uns nur schwer möglich, ihn zu verstehen, da ihn die Spasmen am Sprechen hinderten. Seine intellektuellen Fähigkeiten haben dagegen nicht gelitten. Nun absolviert er neben inklusiven Kursen (5 bis 10 Prozent Kinder mit Beeinträchtigungen pro Klasse) auch Übungen auf dem Balanciergerät, was ihm bereits wesentlich geholfen hat. Außerdem haben wir empfohlen, dass er im Kinderchor mitsingt, denn beim Singen verschwindet das Stottern gänzlich.

Olga Strelbitskaja: Ich betreue drei Kinder einer Familie, die alle an einer leichten cerebralen Entwicklungsstörung leiden. Die beiden älteren Jungen konnten dank Korrektions-Unterricht in die ersten Klassen der normalen Schule eintreten. Ihre kleine Schwester wird auch bald zu uns kommen. Zu den von uns in inklusiven Kursen betreuten Kindern gehören einzelne mit Autismus. Diese sind auf das Einhalten bestimmter Rituale angewiesen, um sich wohl zu fühlen. Auch sehbehinderte Kinder und ein Mädchen mit Kinderlähmung zählen zu unseren jungen Kursbesuchern. Die Erfahrung zeigt uns, dass insbesondere Kinder mit Beeinträchtigungen einer verstärkten Unterstützung zur Selbständigkeit bedürfen, da ihre Eltern häufig dazu neigen, ihnen Verantwortung abzunehmen.

Welche Hygienevorschriften muss die „Arche“ aufgrund der Corona-Pandemie beachten?
Tatjana Vischnjakova: Die Hygienevorschriften sind praktisch noch die gleichen wie zu Beginn der Pandemie. In der „Arche“ haben wir in allen Unterrichtsräumen UV-Luftreiniger installiert. Vor dem Haupteingang und den Klassenzimmern stehen Dosierspender zur Desinfektion der Hände. Allen Besuchern messen wir am Eingang mit einem kontaktlosen Infrarot-Thermometer die Temperatur. Und die Eltern bzw. erwachsenen Besucher*innen müssen selbstverständlich eine Maske tragen. Die Mitarbeitenden wiederum sind verpflichtet, regelmäßig Corona-Tests zu absolvieren. Dank dieser Maßnahmen ist glücklicherweise bisher niemand aus unserem Team erkrankt. Nun sind wir daran, uns impfen zu lassen.

Die Pfadfinder der „Arche“ sind in der wärmeren Jahreszeit häufig draußen unterwegs. Was sind derzeit deren wichtigste Aktionen?
Tatjana Vischnjakova: Nach dem Osterfest besuchten sie mit Konzerten Behinderten- und Altenheime. Zudem nehmen sie dieses Frühjahr an einer Baumpflanz-Aktion der Stadt teil, die den Namen „Garten der Erinnerung“ trägt. Auf dem Gelände von einem unserer Stadtparks kann jeder Bürger für den im Zweiten Krieg umgekommenen Großvater oder die Großmutter einen Baum pflanzen. Insgesamt werden so bis Mitte Mai 900 Bäume gepflanzt. Außerdem führen die Pfadfinder*innen ihre sozialen und Umweltaktionen weiter. Zu letzteren gehört die Säuberung von See- und Flussufern und die Betreuung von Sammelstellen für gebrauchte Batterien.

In diesem Jahr wird die „Arche“ behindertengerecht umgebaut. Welche Arbeiten stehen momentan an?
Tatjana Vischnjakova: Abgeschlossen sind bereits jene Bauschritte, die wir ohne Unterbrechung der Kurs- und Schultätigkeit durchführen konnten. Gemäß Vorschrift von Rospotrebnadzor (russ. Behörde für Verbraucher- und Gesundheitsschutz) haben wir in jedem Zimmer Rauchmelder angebracht und die bisherige Beleuchtung durch hellere Energiesparlampen ersetzt. Diese Maßnahme ist insbesondere für die sehbehinderten Kinder wichtig. Als Nächstes erfolgt der Anbau einer rollstuhlgängigen Rampe und Eingangstür. Ursprünglich war der zentrale Eingang mit Aufgangstreppe dafür vorgesehen. Doch haben Messungen ergeben, dass dadurch der Auto-Wendeplatz für Zubringer zu eng geworden wäre. Deshalb haben wir uns für eine Rollstuhlrampe zum Speisesaal hin entschieden, der sich gleich daneben befindet. Außerdem schauen wir nun mit den Handwerkern die beste Variante für den Einbau von Behinderten-WCs an. Diese Bauarbeiten finden während der Sommermonate statt, da dann die meisten Kinder in den Ferien sind. Im Herbst werden wir im Untergeschoss zudem einen Kleinklassenraum für den Unterricht mit behinderten Kindern einrichten. Wir sind zuversichtlich, dass wir all diese Arbeiten zum behindertengerechten Umbau wie geplant bis zum Winter abschließen können. Doch auch danach bleibt noch einiges zu tun, denn das Fundament des Gebäudes, das aus den 1950er Jahren stammt, ist sanierungsbedürftig. Wir sind mit viel Herzblut dabei, denn die Kinder strömen in Scharen zu uns. Mit jedem Jahr werden es mehr.

Sie können die Arbeit des Kinder- und Jugendzentrums „Arche“ in Kostroma mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 5178 0) mit dem Vermerk „Arche“ unterstützen.

pdfRGOW 6/2021, S. 28-29

Bild: In der Kleinkindergruppe üben die 3–4-Jährigen spielerisch kreatives Gestalten und Fingerfertigkeit.