Zusammenhalt zwischen Jung und Alt stärken

Regula Spalinger im Gespräch mit Valentina Fesetschko

Die beiden Sozialzentren des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ helfen vor allem älteren und bedürftigen Menschen in der von Abwanderung betroffenen Uralregion. Für viele Seniorinnen und Senioren bedeutet die jüngst beschlossene Rentenreform in Russland eine weitere Verschlechterung ihrer sozialen Lage. Ein besonderes Anliegen ist den Verantwortlichen der Sozialzentren, den Zusammenhalt zwischen den Generationen zu stärken.

pdfRGOW 11/2018, S. 28-29

G2W: Welche Ereignisse beschäftigen zurzeit Ihre pensionierten Besucher am meisten?
Valentina Fesetschko: Das zurzeit meistdiskutierte Thema ist zweifellos die Rentenreform, die uns alle betrifft. Die Reform wurde von der Staatsduma Ende September verabschiedet, doch überall wird weiter darüber diskutiert. Von unseren Besuchern haben die meisten bereits das Pensionsalter erreicht, doch sie machen sich Sorgen um die künftige Situation ihrer Kinder. Für viele von uns ist zudem einschneidend, dass gemäß dem Gesetz die jährliche Anpassung der Rente an die Inflation nur für die nichtarbeitenden Pensionäre gelten soll. Wir hatten gehofft, dass mit dem neuen Gesetz die seit 2016 bestehende Ungleichbehandlung aufgehoben würde. In unserer wohltätigen Organisation erhält eine Mitarbeiterin einen mehr als bescheidenen Monatslohn von 3 500 Rubeln (45 Euro). Warum soll eine für das soziale Wohl der Gesellschaft tätige Mitarbeiterin keinen Inflationsausgleich auf ihre Rente erhalten?

Welchen Menschen stehen die Sozialzentren zur Seite?
Unsere Sozialzentren in den benachbarten Industriestädten Revda und Pervouralsk erfüllen hauptsächlich zwei Aufgaben. Zum einen wohltätige Hilfe für bedürftige Menschen in unserer Region, darunter Familien in Not, Behinderte und ältere oder alleinstehende kranke Menschen, die wir mit Unterstützung Ihrer Organisation anbieten können. Zum anderen organisieren wir verschiedene Veranstaltungen für Seniorinnen und Senioren. Diese sind nicht selten einsam, da ihre Angehörigen weit entfernt wohnen. Durch gesundheitsfördernde Kurse, in Handarbeitskreisen oder an gesellschaftlich-kulturellen Anlässen vermitteln wir den älteren Menschen, ob rüstig oder mit körperlichen Gebrechen, Freude und Kreativität. An jeder dieser täglichen Veranstaltungen nehmen durchschnittlich 25 bis 30, manchmal auch 40 Senioren teil. Zusätzlich besuchen täglich mindestens 30 bedürftige Bewohner aus der Stadt und der Region unsere Kleiderbörse „Miloserdie“ (dt: Barmherzigkeit) im Sozialzentrum Revda. Außerdem haben sich im letzten Jahr 15 Familien an uns gewandt, deren Holzhaus niedergebrannt ist. In den Dörfern und Städten des Uralgebiets sind viele Häuser nach wie vor aus Holz gebaut. Bei solch schlimmen Schicksalsschlägen kommt auch die Hilfsbereitschaft der lokalen Bevölkerung zum Tragen, die dank Aufrufen über die Medien direkt zum vorübergehenden Wohnort der Familie Kleider- und andere Sachspenden bringt, obwohl die Spender meist auch nur über kleine Einkommen verfügen.

Wie ist die soziale Lage in den umliegenden Dörfern? Wie helfen sie der dortigen Bevölkerung?
Aus Ledjanka, einem der von uns betreuten Dörfer, sind wir soeben zurückgekehrt. Hier koordinieren wir mit örtlichen Autoritätspersonen, die wir gut kennen, unsere jeweils im Sommer stattfindende Hilfsaktion. Für Menschen in Not bringen wir in einem von der Stadtverwaltung Revda zur Verfügung gestellten Fahrzeug Kleiderspenden sowie benötigte Medikamente und Hygieneartikel mit. Dieses Jahr kamen insbesondere bedürftige Mütter mit Kindern sowie viele betagte Menschen. Die älteren Menschen auf dem Land kennen keinerlei Luxus, sie haben als Kind den Zweiten Weltkrieg und entbehrungsreiche Zeiten danach erlebt. Im Dorf gibt es einzig ein Lebensmittelgeschäft. Der Weg in die Stadt mit dem Bus ist für sie teuer und beschwerlich. Deshalb sind sie sehr froh, wenn wir ihnen, die sich keine neuen Kleider leisten können, Kleider- und Schuhspenden, insbesondere warme Sachen für die langen, harten Winter im Ural bringen (noch am 1. Juni hatten wir in diesem Jahr Schnee!). Manche Familien, jedoch längst nicht alle, halten ein, bis zwei Kühe oder ein Pferd. Alle Dorfbewohner leben zum großen Teil von dem, was sie in ihren Gärten pflanzen. Sommer und Frühherbst sind wichtige Jahreszeiten, um Beeren und Pilze zu sammeln, die für den Winter eingemacht werden. Für die meisten, insbesondere jene ohne eigenes Vieh, sind Pilze der Fleischersatz oder, wie wir sagen, „unser zweites Brot“. Durch die regionale Verwaltung wurde dieses Jahr eine Trinkwasserstelle gebaut, wo die Bewohner nun sauberes Wasser holen können. Bis dahin wurde Trinkwasser jeden Tag mit einem Zisternenwagen herangefahren.

Sie haben die Stadtverwaltung Revda erwähnt, die das Transportfahrzeug zur Verfügung stellt. Wie arbeiten Sie noch mit der Stadtverwaltung zusammen?
Wir haben das Glück, dass die Zusammenarbeit mit unserer Stadtverwaltung sehr produktiv ist. Trotz ebenfalls eingeschränkter Budgetmöglichkeiten unterstützt uns die Stadt, wo immer möglich. Als wichtigste wohltätige Organisation der Region (nach Aussage der Behörden selbst) dürfen wir die Räume hier im Zentrum von Revda kostenlos nutzen. An uns wenden sich viele Bedürftige um Rat, da wir eine niederschwellige Organisation sind. In manchen Fällen, bei denen Menschen den Schritt zu den Behörden nicht wagen, gibt es diese Hemmung uns gegenüber nicht. Die Berührungspunkte zwischen unserer Tätigkeit und jener des Sozialamts sind zahlreich, daher werden wir regelmäßig zu Sitzungen eingeladen. Seit einigen Jahren halten Abgeordnete des Stadtparlaments in unseren Räumlichkeiten an zwei Freitagen pro Monat Bürgersprechstunden ab. Je nach aktuellem Thema können wir politische Vertreter mit besonderen Kenntnissen, z. B. Juristen, zu den Fragestunden einladen. In der Folge werden beispielsweise Schreiben oder Anträge für die Bedürftigen direkt durch die Behörden verfasst. Früher notierten wir das Anliegen der Ratsuchenden. Anschließend klärten unsere Mitarbeitenden das Problem ab, telefonierten mit den zuständigen Ämtern oder suchten diese persönlich auf. Das heutige System ist dagegen einfacher und professioneller.

Können Sie uns Beispiele von Menschen schildern, denen Ihre Organisation gegenwärtig Hilfe leistet?
Mitte August wandte sich eine Frau mit ihrem Bruder an uns. Anatolij Sysoev, der Ratsuchende, ist 62 Jahre alt. Aufgrund bisher noch nicht vollkommen geklärter Vorfälle an einem früheren Arbeitsort besitzt er seit 1995 keinen Inlandspass (in Russland der Personalausweis) mehr. Doch ohne Pass kann er weder eine Anstellung erhalten, noch sich im Krankenhaus behandeln lassen. Deshalb lebte er viele Jahre im Wald in einer Jagdhütte und ist dort ziemlich verwildert. Wir haben ihm nun, in Zusammenarbeit mit dem russisch-orthodoxen Hilfswerk „Nika“, ein erstes Obdach im Kloster in Ganina Jama in der Nähe von Jekaterinburg besorgt. Gleichzeitig setzen wir mit verschiedenen Diensten alle Hebel in Bewegung, damit er wieder gültige Identitätspapiere erhält.

Als zweites Beispiel kann ich Ihnen einen 28-jährigen Mann, Alexej Svininytsch, anführen. Als er nach einer längeren Rehabilitation im Krankenhaus in seine Wohnung zurückkehrte, war dort eingebrochen worden. Die Wohnung war in einem schrecklichen Zustand, völlig leergeräumt, auch alle Kleider waren gestohlen. Der junge Mann ist Invalide und leidet unter psychischen Problemen. Er kann daher nicht arbeiten. Weil er sich nur mit gewissen Schwierigkeiten ausdrücken kann, ist das Feststellen des Vorgefallenen nicht ganz einfach. Es müssen weitere professionelle Abklärungen durch die Behörden geführt werden. Wir haben ihm nun als Erstes die nötigsten Möbel, Geschirr, Lebensmittel und einige Kleider zur Verfügung gestellt.

Wie gestaltet sich die Begegnung der älteren mit der jungen Generation, die bei Ihnen so wichtig ist?
Zu diesem Zweck arbeiten wir mit dem „Zentrum für Jugendarbeit“ des Bezirks Revda zusammen. Mit dessen jugendlichen Mitarbeitenden, der Zentralbibliothek und der Kinderbibliothek Revda führen wir gemeinsame Anlässe durch. Den spielerischen Mannschaftswettbewerb „Fröhliche Starts“ für Senioren und leicht körperbehinderte Menschen bereiteten wir zusammen mit dem „Zentrum für Jugendarbeit“ vor. Unser Zentrum „Insel der guten Hoffnung“ begleitet traditionsgemäß Kinder mit Sehbehinderungen zu ihrem Schulanfang am 1. September, dazu gibt es kleine Geschenke wie Schulutensilien. Auch präsentieren nicht selten Kindergartenkinder oder Grundschüler ihre Aufführungen bei uns. Umgekehrt treten unsere aus Seniorinnen und Senioren bestehenden Chöre, das Tanz- oder das Theaterensemble bei ihnen mit Liedern oder Erzählungen auf. Die Kinder und Jugendlichen unserer Stadt liegen uns sehr am Herzen!

Sie können die Arbeit des Vereins „Insel der guten Hoffnung“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sozialzentren Ural“ unterstützen.