Neue Herausforderungen für die Strafgefangenenhilfe im Corona-Jahr

Regula Spalinger im Gespräch mit Erzpriester Evgenij Ketov

In der abgelegenen Region von Ponazyrevo betreut Erzpriester Evgenij Ketov Strafgefangene und -entlassene. Bei der Gemeindekirche hat er ein Rehabilitationszentrum aufgebaut, das die ehemaligen Häftlinge bei den ersten Schritten in der Freiheit unterstützt. Zudem ist es eine Anlaufstelle für die Angehörigen der Strafgefangenen und die lokale Dorfbevölkerung, die unter den sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders zu leiden hat.

G2W: Wie ist das russische Gefängnissystem organisiert, und welche Gefangenen befinden sich in der Strafkolonie von Ponazyrevo?
Erzpriester Evgenij Ketov: 
Im Jahr 2010 wurde ein Reformgesetz zum russischen Strafsystem erlassen, das eine Neueinteilung der Haftanstalten zur Folge hatte. Neu wurden diese in drei, statt wie bisher in zwei Kategorien unterteilt. Personen, die zum ersten Mal verurteilt werden, sog. „Erstinsassen“, werden seither in spezielle Gefängnisse überführt. Wer hingegen eine wiederholte Haftstrafe absitzt, muss das zwingend in einem Gefängnis mit strengerem Haftregime tun. So soll verhindert werden, dass mehrfach Einsitzende ihre kriminelle Erfahrung an die Ersttäter weitergeben. Die dritte Kategorie schließlich betrifft Verurteilte mit lebenslangen Haftstrafen wie Mehrfachmörder, Terroristen, etc. Für sie gelten die strengsten Haftbedingungen in separaten Gefängnissen. Die Umsetzung von Gesetzen braucht jedoch seine Zeit. Hier in der abgelegenen Region von Ponazyrevo wurde der Strafkolonie IK-2 im Jahr 2014 der Status für Erstinsassen zugeteilt. Als ich vor 15 Jahren hierher kam, gab es noch Häftlinge der beiden ersten Kategorien. Momentan liegen in der Strafkolonie von Ponazyrevo die längsten Haftstrafen bei acht Jahren, z. B. für schwere Wirtschaftsverbrechen. Die mittlere Haftdauer beträgt drei bis vier Jahre.

Was ist Ihre persönliche Motivation, sich für die Strafgefangenen und -entlassenen einzusetzen?
Die größte Motivation ist, dass Gott uns nach seinem Ebenbild erschaffen hat. Und wir bemühen uns, in unseren Taten Christus nachzufolgen. Antrieb ist zweifellos die Liebe zum Höchsten, zu Gott und seinen Geschöpfen. Wenn du ein Echo erhältst durch die Verurteilten, von ihren Familienmitgliedern, dass deine Hilfe gebraucht wird, so motiviert das ebenfalls. Denn durch Gott ist in uns allen die Selbstvervollkommnung angelegt; so wünsche auch ich mich zu realisieren und zu vervollkommnen. Wir sind untereinander verbunden: Wo ich dem anderen helfe, helfe ich auch mir selbst. Wo ich anderen Gutes tue, verwandle ich mich selbst. Das heißt, es ist ein gegenseitiger Prozess. Wie im Gleichnis des barmherzigen Samariters, der einen von Räubern ausgeraubten und schwer verletzten Mann am Wegrand pflegt und auf seinem Esel in eine Herberge der nächsten Stadt bringt, so ist es notwendig, dass du dich mit dem Menschen in Not ganz verbindest, damit – im geistigen Sinn gesprochen – der Verwandlungsprozess der Heilung einsetzen kann. Das bedeutet, den Menschen ganz annehmen, damit er auch dich annehmen kann. 

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit mit den Häftlingen ausgewirkt? 
Zu Ostern konnte ich die Kolonie glücklicherweise vor dem Lockdown nochmals besuchen. Zum Festtag erhielten alle 750 Häftlinge einen Kulitsch (kleiner Osterkuchen) und ein Osterei. Das war für die Häftlinge wie für die Gefängnisleitung und die Helfer eine große Freude. Während des Lockdowns konnte ich die Strafkolonie zwei Monate lang nicht besuchen. In dieser Zeit war ich jedoch mit verschiedenen Häftlingen über Telefon im Kontakt. Für einzelne Inhaftierte konnte ich Bücher, Kerzen, aber auch Farbe und weitere Baumaterialien für die begonnenen Renovationsarbeiten an der Gefängniskappelle übergeben. Seit Mitte Jahr finden meine wöchentlichen Besuche als Gefängnisseelsorger unter Berücksichtigung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen wieder wie gewohnt statt.

Das Rehabilitationszentrum bei der Gemeindekirche von Ponazyrevo hat dieses Jahr einen Vorbau erhalten. Was war der Beweggrund?
Die drei bisherigen Schlafräume im Glockenturm sind nur über eine steile Holztreppe erreichbar. Strafentlassene erhalten dort während ein bis zwei Wochen bis maximal wenige Monate Obdach, um die nächsten Schritte wie Wohnungs- und Arbeitssuche anzugehen. Während dieser Zeit führen sie unter Anleitung unseres Vorarbeiters gegen Kost, Logis und kleinen Lohn nützliche Arbeiten in der Gemeinde aus. Nicht selten übernachten in einem der Zimmer auch Angehörige, die ihren Sohn in der Strafkolonie besuchen, denn in Ponazyrevo und Umgebung gibt es seit mehreren Jahren kein Gasthaus mehr. Manche reisen von weither an. Für betagte oder behinderte Personen war eine Übernachtung in unserem Gemeindezentrum aufgrund der steilen Stufen bisher nicht möglich. Daher haben die Männer unseres Rehabilitationszentrums gemeinsam mit freiwilligen Helfern den Holzanbau errichtet. So können nun auch ältere, weniger mobile Menschen bei uns übernachten. Der zweite Raum dient als Büro, so dass die Menschen mit ihren Anliegen mich hier in der Regel mehrere Tage die Woche aufsuchen können. Mit meiner Familie wohne ich 50 km entfernt in der Stadt Scharja. Auch unsere Buchhalterin arbeitet nun stundenweise im Gemeindezentrum.

Wer arbeitet derzeit im Rehabilitationszentrum mit?
Da ist einerseits Jura Vorobjov, unser zuverlässiger Heizer. Kirche und Gemeindezentrum werden mit Holz beheizt. Insgesamt haben dieses Jahr bisher sechs Häftlinge über kürzere oder längere Zeit in unserem Zentrum gewohnt und waren bei uns beschäftigt. Weitere zehn Personen erhielten für ein bis zwei Tage Unterschlupf und Verpflegung sowie Rat, falls benötigt. Zudem habe ich vorübergehend den Kirgisen Dima Timochin mit seinem kleinen Sohn aufgenommen. Er lebt seit rund drei Jahren in Ponazyrevo, verlor jedoch seine Arbeitsstelle und konnte aufgrund der wegen Corona geschlossenen Grenzen nicht mehr in sein Heimatland zurückreisen. Nun hat er dank Mitwirkung in unserem Beschäftigungsprogramm dennoch ein Auskommen. Eine große Stütze ist mir, neben unserem Vorarbeiter und Gemeindeältesten Alexander Gusev, der Seminarist Vitalij Vadin, der sich nach seiner Tätigkeit als Elektromonteur auf dem zweiten Bildungsweg zum Priester ausbilden lässt. Da ich in meiner Funktion für die Eparchie Galitsch auch immer wieder in andere Gebiete reisen muss, sind solch erfahrene Mitarbeiter doppelt wichtig. (Anm. Redaktion: Vater Evgenij wurde 2017 zum Leiter der Abteilung für Sozial- und Gefängnisdienste der Eparchie Galitsch ernannt. Flächenmäßig ist diese so groß wie die Schweiz.) Insgesamt stehe ich mit rund 200 ehemaligen Häftlingen in mehr oder weniger häufigem Kontakt. Mit manchen spreche ich regelmäßig, andere rufen ein, zwei Mal pro Jahr an. Wieder andere kommen mit Freunden oder Familie vorbei, nicht selten, um bei Arbeiten mit anzupacken. Oft verbinde ich auch Dienstreisen mit Besuchen, wo es sich einrichten lässt.

Welche Nöte treffen Sie in der Eparchie Galitsch durch die Corona-Krise vermehrt an?
Viele Menschen haben in Folge der Pandemie ihre Arbeitsstelle verloren. Der Großteil der Bevölkerung muss noch stärker als bisher sparen. Bei jeder Anschaffung wird überlegt, was auf später verschoben werden kann. Und wo immer möglich, werden Reparaturen an Haus oder Geräten selbst durchgeführt. Auch unsere soziale Gebrauchtwaren- und Tauschbörse bei unserer Kirche erlebt eine sehr große Nachfrage. Unsere Dörfer und Kirchgemeinden sind arm. Daher habe ich bei Antritt meiner Tätigkeit als Leiter der Sozialdienste der Eparchie erlassen, dass bei jeder Kirche eine solche Hilfsstelle eingerichtet wird. Auf diese Art haben die Bewohner der Dörfer die Möglichkeit beispielsweise eine Suchanzeige aufzuhängen. Andere erfahren davon, und ein Tausch- bzw. Hilfskreis für Gebrauchtgüter entsteht. Die Straßen hier in der Provinz sind unwegsam, mit tausenden Schlaglöchern übersät. Wenn daher behinderte Menschen Lebensmittelhilfe, Haushaltsartikel und Medikamente benötigen, bringe ich diese nicht selten selbst oder mit meiner Frau zusammen zu den Bedürftigen. Auch wenn dieses Dorf 240 km von unserem Wohnort entfernt liegt, wie im Fall von Vater Alexej Zoloduch. Ich beschäftigte ihn früher in der Gemeinde, um ihn zu unterstützen. Nun ist er aber durch seine Krankheit ganz an den Rollstuhl gefesselt. Ihm konnten wir vor einigen Monaten einen gebrauchten Rollstuhl verschaffen. Auch andere Menschen, die aufgrund von Invalidität nicht arbeiten können, begleiten wir mit materieller Hilfe und menschlicher Zuwendung.

Sie können die Arbeit der „Strafgefangenenhilfe Ponazyrevo“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Strafgefangenenhilfe“ unterstützen.

pdfRGOW 11/2020, S. 30-31