Neue Lebensperspektiven

Regula Spalinger im Gespräch mit Juliana Nikitina

pdfRGOW 10/2014, S. 28-29

Neue Lebensperspektive für straffällig gewordene Jugendliche

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg unter der Leitung von Juliana Nikitina verfolgt bei seinem Rehabilitationsprogramm für straffällig gewordene Jugendliche das Konzept „Rehabilitation statt Strafe“. Im Zuge des vierstufigen Programmes werden den Jugendlichen neue Lebensperspektiven eröffnet. Das Basilius-Zentrum arbeitet sehr erfolgreich und effizient, dennoch kann es kaum auf Unterstützung des russischen Staates zählen. Mit der Gründung einer eigenen Rehabilitationsgruppe für Mädchen hat das Basilius-Zentrum seine Arbeit sogar noch ausgeweitet. – S. K.

G2W: Das Konzept des Basilius-Zentrums „Rehabilitation statt Strafe“ in der Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen ist einzigartig in Russland. Können Sie uns kurz dieses vierstufige Programm vorstellen?

Juliana Nikitina: Das gesamte Rehabilitationsprogramm dauert üblicherweise neun Monate. Die erste Stufe wird „Quarantäne“ genannt und dauert einen Monat. In dieser Phase geht es um eine professionelle Diagnose des Jugendlichen, seiner Probleme und seines familiären Umfelds. Daran schließt sich eine zweite Phase von zwei bis acht Monaten an, die wir „Allgemeiner Kurs“ nennen. Im Mittelpunkt stehen dabei ein persönlich abgestimmtes Weiterbildungsprogramm und verschiedene Pflichtfächer, denn viele Jugendliche haben während mehrerer Jahre keine Schule besucht, so dass sie über ein tiefes Bildungsniveau und eine geringe Lernmotivation verfügen. Neben dem organisierten Schulunterricht gehören zur zweiten Phase verschiedene praktische Pflichtkurse in unserem Zentrum sowie regelmäßige Gespräche mit unseren Psychologen und Psychotherapeuten. Die Jugendlichen müssen erst einmal Erfahrung erwerben: Wo gelingt ihnen etwas, wo nicht, was interessiert sie und warum? Sobald persönliches Interesse und Initiative erkennbar sind, wird unter Mitwirkung des Jugendlichen in der dritten Phase ein individuelleres Programm zusammengestellt werden, so unterstützen wir es z. B., wenn ein Jugendlicher Gitarre spielen lernen will. Die letzte Phase widmet sich der Vorbereitung auf die Rückkehr nach Hause: Der Jugendliche absolviert nach wie vor sein individuelles Programm, die Wochenenden mit Übernachtung kann er jedoch schon zu Hause verbringen. Wir wissen zu diesem Zeitpunkt, dass ein Missbrauch psychoaktiver Drogen oder die Verletzung von Regeln unwahrscheinlich ist, und dass der Jugendliche eine genügend stabile Beziehung zu den Eltern aufgebaut hat.

Über 80% Prozent der Jugendlichen, die an Rehabilitationsprogramm teilgenommen haben, werden nicht mehr rückfällig. Wie reagiert der Staat auf Ihre Erfolge?

Wir erhalten unterschiedliche Reaktionen. Einerseits sind bei uns in Russland von Gesetzes wegen kaum Möglichkeiten für die Arbeit mit Jugendlichen vorgesehen, die eine Straftat begangen haben. Es existiert zwar ein föderales Gesetz zur Vorbeugung von Rechtsverstößen durch Minderjährige. Es wird auch darauf verwiesen, dass Jugendstraftaten ein wichtiges und ernstzunehmendes Problem darstellen. Gleichzeitig werden im Gesetz über die soziale Versorgung der Bevölkerung nur zwei Kategorien von Kindern genannt, die der staatlichen Sozialhilfe bedürfen: behinderte Kinder und Waisenkinder. Alle anderen werden im Prinzip nur als „Übrige“ abgehandelt – und dies vor dem Hintergrund, dass der Drogenmissbrauch von Jugendlichen in Russland ähnlich besorgniserregend ist wie in anderen Ländern. Wir versuchen deshalb bei den Regierungsvertretern ein Bewusstsein zu wecken, dass die Gruppe der straffällig gewordenen Jugendlichen, also derjenigen, die Drogen konsumiert oder andere Gesetzesverstöße bzw. schwerere Strafhandlungen begangen haben, eigens betrachtet werden muss. Denn solange wir diese Gruppe nicht für sich betrachten, wird sich nichts ändern. Zudem ist natürlich der politische Wille des Staates und Verständnis für unsere Art der Arbeit vonnöten.

Wenn wir uns persönlich in bestimmten Fragen an Beamte wenden, erfahren wir in der Regel Unterstützung. Doch da es keinen gesetzlichen Rahmen mit entsprechenden Zielvorgaben für unser Arbeitsfeld gibt, müssen wir beispielsweise unsere Finanzgesuche immer wieder auf Grund von persönlichen Beziehungen stellen. Momentan sind wir leider in der schwierigen Situation, dass uns die Stadt keinen Zuschuss für das zweite Halbjahr gewährt.

In welchen Bereichen erfahren Sie Unterstützung durch die Behörden?

Die wichtigste Unterstützung ist zweifellos die Zusammenarbeit mit den Justizbehörden. Von deren Vertreten, mit denen wir zusammenarbeiten, erfahren wir unmittelbares Verständnis und Vertrauen. Unsere Arbeit wird selbstverständlich auch von anderen städtischen Behörden, die mit dem Problem jugendlicher Straftäter konfrontiert sind, anerkannt. Kürzlich mussten wir eine Rehabilitationsgruppe aus finanziellen Gründen schließen; nun erhalten wir jeden Tag Anrufe von den Behörden mit der Bitte, einen weiteren straffälligen Jugendlichen aufzunehmen, und jedes Mal müssen wir absagen. Das heißt, die Nachfrage nach unserer Arbeit ist vorhanden, und wir haben genügend Mitarbeiter, die mit den Jugendlichen arbeiten möchten, aber der Staat stellt kaum Gelder zur Verfügung. Das verstehe ich nicht. Zumal bei uns bis auf die letzte Kopeke Transparenz der verwendeten Mitteln herrscht. Unsere Dokumente sind immer vollständig in Ordnung; wir werden sogar manchmal von den Behörden angefragt, ob wir nicht andere Organisationen beraten können.

Seit letztem Jahr gibt es auch eine eigen Rehabilitationsgruppe für Mädchen. Wie entwickelt sich diese Arbeit?

In der Praxis hat sich gezeigt, dass der Kontaktaufbau zu den Mädchen deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als zu den Jungen. Die Mädchen schlängeln sich zunächst mehr durch, sind misstrauischer. Die Jungen lassen sich leichter für etwas interessieren. Bei den Mädchen stellen wir zudem fest, dass sie zuerst provozieren, um herauszufinden, ob man sie versteht. Deshalb haben wir uns sehr gefreut, dass die Mädchen, die anfangs signalisiert hatten, dass es ihnen bei uns gar nicht gefalle, bis zum Ende des Schuljahres immer mehr auftauten.

Für die Eltern waren die wichtigsten Hinweise auf Erfolg der Rehabilitation, dass die Mädchen in der Schule mit guten Resultaten zu lernen begannen, und dass sie neue Interessen entwickelten. Zum Programm für die Mädchen im Basilius-Zentrum gehören auch kunsthandwerkliche Fächer, beispielsweise Kurse in der Töpferwerkstatt oder der Seifensiederei. Die meisten Mädchen nahmen zudem sonntags an den Parkour-Sportkursen teil. Sie trafen dort auf viele sportbegeisterte Gleichaltrige und haben neue Freunde gefunden. Mit den Mädchen der ersten Rehabilitationsgruppe stehen wir weiterhin in guten Kontakt. Dank unserer hauseigenen „Volkshochschule“ können wir sie im schulischen Bereich, etwa bei Hausaufgaben, unterstützen. Im Oktober erwarten wir bereits die zweite Gruppe Mädchen in unserem Rehabilitationsprogramm.

Welchen Anklang findet der im vergangen Jahr neu eingerichtete SOS-Bereitschaftsdienst?

Wir hatten gedacht, dass wir mit dem SOS-Bereitschaftsdienst in erster Linie Eltern, deren Kinder festgenommen wurden, unterstützen würden. Aber es ist vor allem die Polizei, die am allermeisten an diesem Dienst interessiert ist. Wenn ein Minderjähriger sich in ihrem Gewahrsam befindet, rufen sie uns an, damit unsere Sozialpädagogen oder Psychologen kommen und an der Einvernahme teilnehmen. Denn für die Polizei ist es wichtig, die im Gesetz festgehaltene Vorschrift, dass ein Sozialpädagoge bei der Befragung eines Minderjährigen anwesend sein muss, zu erfüllen. In dieser Hinsicht helfen wir ihnen ausgezeichnet aus einem Dilemma. Andererseits erhalten wir bereits in der Untersuchungsphase Einblick in das Leben des jungen Menschen, sein nächstes soziales Umfeld und den Grad seiner Verwicklung in ein kriminelles Milieu und können ihm daher in der Folge auch präziser helfen.

Im Juli ist eine Gruppe Jugendlicher zum Abschluss ihrer Rehabilitation zu einer mehrwöchigen Reise in den Norden aufgebrochen, der traditionellen „Schule der Wanderschaft“. Wie haben die Jugendlichen die Reise erlebt?

Zu unserer „Schule der Wanderschaft“ gehörten lange Wanderungen in der wunderschönen kargen Natur am Weißen Meer, auf den Solowezki-Inseln und ganz im Norden in der Gegend von Murmansk. Wir besuchten mehrere Klöster, übernachteten in Zelten oder einfachen Unterkünften. Dabei lernten die Jugendlichen ihre Grenzen kennen und über sie hinauszuwachsen. Von einem Pädagogen einer Schule, in der viele unserer Jugendlichen den Unterricht besuchen, haben wir folgendes Feedback erhalten: „Ich weiß nicht, was Ihr dort mit ihnen macht, aber sie sind als völlig andere Menschen zurückgekehrt. Sie haben völlig andere Gesichter, sie zeigen neue Interessen.“

Möchten Sie noch etwas an unsere Spenderinnen und Spender hinzufügen?

Ihren Spenderinnen und Spendern möchte ich zuallererst ein riesiges Dankeschön sagen. Das Institut G2W hat uns noch vor der Gründung unserer Wohltätigkeitstiftung als juristische Person geholfen, eine Wohnung für die erste Rehabilitationsgruppe zu erwerben. Daraus ist später das Basilius-Zentrum entstanden. Es erfüllt uns mit Freude und Dankbarkeit, dass Ihr dem Schicksal straffällig gewordener Jugendlicher nicht gleichgültig gegenüber steht. In unserer Gesellschaft ist das Verhältnis gegenüber solchen Jugendlichen leider ein sehr hartes: Es geschah nicht nur einmal, dass die Menschen hier, die für straffällig gewordene Jugendliche spendeten, uns baten, dass niemand von ihrer finanziellen Zuwendung erfahre. Man könne sie dafür verurteilen. An diesem Beispiel zeigt sich ein großer Mangel in unserer Gesellschaft: das Nichtverstehen der ganzen Ernsthaftigkeit dieses Problems. Es gibt zu wenig Mitleid mit den Menschen, mit diesen Minderjährigen. Man glaubt in Russland, die Verbrecher müssten einfach bestraft werden und fertig. Wir verfolgen dagegen in unserer Arbeit einen die sozialen Umständen berücksichtigenden und christlichen Ansatz.

In der heutigen schwierigen Situation müssen wir immer wieder mit Absagen von staatlicher Seite rechnen. In einer solchen Situation könnte jede andere zivilgesellschaftliche Organisation den staatlichen Behörden sagen: „Wissen Sie, diese Kinder sind staatliche Kinder, der Staat weist sie uns zu. Wenn sie uns kein Geld zur Verfügung stellen, ist die Arbeit beendet. Alle Kinder werden nach Hause entlassen, ob sie in Haft kommen oder nicht, was mit ihnen weiter passiert, ist nicht mehr unsere Angelegenheit.“ Doch uns sind diese Jugendlichen nicht gleichgültig und wir versuchen unsere letzten Kräfte zu mobilisieren. Und dank Ihren Spenderinnen und Spendern können wir tatsächlich weiterhin überleben.

Sie können die Arbeit des „Basilius-Zentrums“ in St. Petersburg mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“  unterstützen.