Rehabilitation statt Strafe

Franziska Rich im Gespräch mit Juliana Nikitina

pdfRGOW 7-8/2013, S. 44-45

Rehabilitation für straffällig gewordene Jugendliche

Das von der Sozialpädagogin Juliana Nikitina mitgegründete Basilius-Zentrum in St. Petersburg befasst sich mit der Wiedereingliederung von straffällig gewordenen Jugendlichen. Zum Schutz der Jugendlichen vor Langzeitfolgen wie psychischen Störungen und Traumatisierungen verfolgt das Zentrum bei seiner Arbeit das Prinzip „Rehabilitation statt Strafe“. Trotz der Erfolge des Basilius-Zentrums bei der gesellschaftlichen Wiedereingliederung von gefährdeten Jugendlichen hat es mit dem Desinteresse des Staates an sachgerechten Lösungen sozialer Probleme zu kämpfen, wie Juliana Nikitina im Gespräch berichtet.

G2W: Die Arbeit des Basilius-Zentrums durchläuft seit Anbeginn einen stetigen Entwicklungsprozess. Können Sie kurz beschreiben, welche Dienstleistungen das Basilius-Zentrum heute anbietet?

Juliana Nikitina: Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen natürlich die Tätigkeiten, die sich unmittelbar mit der Rehabilitation von straffälligen Jugendlichen befassen. Zum Rehabilitationsprogramm der Jugendlichen gehören der regelmäßige Besuch der Schule, Theater- und Kunsttherapie in unserer eigenen Werkstatt, Sport und kulturelle Bildung. Auf Bitten der städtischen Behörden haben wir in diesem Jahr eine zweite Rehabilitationsgruppe ins Leben gerufen. Aus Platzmangel mussten wir dafür leider die Räumlichkeiten für betreutes Wohnen von Jugendlichen nach der Rehabilitation verwenden. Anstelle der Gruppe für betreutes Wohnen gibt es heute also eine zweite Rehabilitationsgruppe.

Zudem gibt es eine Abteilung für soziale Betreuung und Begleitung, die sich um Jugendliche vor und auch nach der Rehabilitation kümmert. Hinzu kommen noch eine Abteilung, die mit den Eltern der Jugendlichen arbeitet, und unser Freiwilligen-Zentrum, das aus unserem Jugendclub „Favor“ hervorgegangen ist. Dort treffen sich die Absolventen des Rehabilitationskurses mit anderen Jugendlichen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Außerdem sei erwähnt, dass vor kurzem der von uns geschaffene sozialpädagogische SOS-Bereitschaftsdienst seine Arbeit aufgenommen hat. Er tritt in Krisensituationen in Aktion, beispielsweise bei der Verhaftung von strafunmündigen Jugendlichen.

Wie viele Jugendliche befinden sich derzeit in Obhut des Basilius-Zentrums?

Derzeit werden von uns 12 Jugendliche in den beiden Rehabilitationsgruppen stationär betreut. Der Dienst für soziale Begleitung und Betreuung kümmert sich um weitere 16 Jugendliche. Die Arbeit des sozialpädagogischen SOS-Bereitschaftsdienstes hat erst angefangen und ist von der Polizei, für deren Zusammenarbeit er geschaffen wurde, bisher vier Mal in Anspruch genommen worden. Es braucht noch etwas Zeit, bis sich die Polizei an unser Angebot gewöhnt und sich die Zusammenarbeit mit ihr so eingespielt hat, wie es zwischen den Rehabilitationsgruppen und den Jugendgerichten der Stadt St. Petersburg bereits der Fall ist. Ich denke, erst gegen Ende des Jahres werden wir soweit sein, dass die Polizei bei jeder Verhaftung eines strafunmündigen Kindes in unserem Stadtbezirk automatisch unsere Sozialpädagogen im Bereitschaftsdienst herbeiruft. Denn es ist gesetzliche Vorschrift, dass bei Ermittlungshandlungen der Polizei gegen Strafunmündige Sozialpädagogen anwesend sein müssen. Doch leider wird dieses Gesetz in der Praxis nur schlecht umgesetzt. Deshalb wollen wir den betroffenen Kindern, die meistens 12 oder 13 Jahre alt sind, unbedingt helfen. Das eröffnet uns auch die Möglichkeit, Mädchen zu unterstützen.

In die bestehenden Rehabilitationsgruppen des Basilius-Zentrums nehmen Sie nur Jungen auf. Welche Hilfe können Sie Mädchen anbieten, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind?

Ambulant können wir auch mit straffällig gewordenen Mädchen und deren Eltern arbeiten, aber vorderhand gibt es noch keine Möglichkeit für sie, bei uns stationär aufgenommen zu werden. Ich verstehe bestens, dass der nächste Schritt in der Entwicklung unserer Arbeit die Eröffnung einer Rehabilitationsgruppe für Mädchen sein muss. Dafür brauchen wir aber zusätzliche Räumlichkeiten. Es gibt dahingehende Perspektiven, doch viele Fragen sind noch offen. Ich habe bei der Stadt immer wieder Gesuche eingereicht mit der Bitte, uns zusätzliche Räumlichkeiten in unserem Haus zu verschaffen. Wir können es uns einfach nicht erlauben, jeden Dienst und jede Abteilung an einem anderen Ort in St. Petersburg zu haben.

Wie viele Mitarbeitende haben Sie derzeit im Basilius-Zentrum?

Wir sind 22 Mitarbeitende, weil wir viele Dienste haben, die rund um die Uhr arbeiten müssen. Dazu zählen acht Sozialpädagogen und acht Sozialarbeiterinnen und Psychologen. Hinzu kommen die Leiterin der Kunsthandwerkstatt und der Koordinator des SOS-Bereitschaftsdienstes sowie vier Personen, die im administrativen Bereich und in der Buchhaltung tätig sind.

Viel Hilfe und Unterstützung erfahren wir auch von Freiwilligen. Ich freue mich, dass unsere Arbeit auch bei anderen Organisationen große Anerkennung findet, ganz besonders vom Parcours-Zentrum von St. Petersburg, einer Jugendsport-Organisation. Aber auch die Russische Orthodoxe Kirche in Gestalt unserer Eparchie von St. Petersburg und von Bischof Panteleimon (Schatov), dem Vorsteher der Synodalabteilung für kirchliche Wohltätigkeit und Sozialarbeit, stehen hinter uns. Im Unterschied zur orthodoxen kirchlichen Jugend, die nach unserer Auffassung leider wenig Interesse an sozialem Engagement zeigt. Es kommen allerdings hervorragende junge Leute von andernorts zu uns und unterstützen uns.

Zu den Freiwilligen zählen auch Jugendliche, die bei uns den Rehabilitationskurs absolviert haben. Das ist besonders erfreulich, zeigt es doch, dass unsere Organisation eine lebendige Organisation ist. Die Jugendlichen brauchen zwar meist eine Weile, um zu realisieren, was eigentlich während der neun Monate im Basilius-Zentrum mit ihnen passiert ist. Doch danach treten sie wieder in Kontakt mit uns, und wir erleben sie dann oft als ausgeglichene junge Männer mit einem nüchternen Blick auf das Leben. Sie beteiligen sich als freiwillige Helfer bei der Organisation von kulturellen und sportlichen Veranstaltungen für die Jugendlichen und verbringen mit ihnen gerne die kirchlichen Feiertage. Es gibt viele Möglichkeiten, sich nützlich zu machen: Eine Reihe von Studenten des Parcours-Zentrums von St. Petersburg ist den Jugendlichen beispielsweise als Nachhilfelehrer bei den Aufgaben behilflich.

Wie hat sich in den letzten Jahren die Jugendkriminalität entwickelt?

Die Rate der Jugendkriminalität ist in den letzten Jahren stabil geblieben; doch dabei darf man nicht vergessen, dass wir es derzeit mit den geburtenschwächsten Jahrgängen der 1990er Jahre zu tun haben. Erschreckenderweise nimmt die Zahl der schweren Delikte deutlich zu. Hatten wir es früher vor allem mit Kindern zu tun, die wegen Diebstählen und Drogenhandel verurteilt worden waren, so sind heute mehr Jugendliche aufgrund von Delikten wie Raub, Überfälle und Körperverletzung bei uns in der Rehabilitation. Wir haben es also mit weit aggressiveren Jugendlichen zu tun als noch vor wenigen Jahren.

Sie haben den Strafvollzugsbehörden vor zwei Jahren ein modernes Konzept vorgelegt, das den Beginn der Rehabilitation in den Jugendstrafvollzug verlegen wollte. Wie steht es damit?

Wir hatten angefangen, dieses Konzept in der Jugendhaftanstalt von St. Petersburg umzusetzen. Dann wurde es aber von der Strafvollzugsbehörde Russlands nicht abgesegnet. Es kam zu einem Konflikt, und seither ist uns der Zutritt zur Jugendhaftanstalt verwehrt.

Im Februar haben sie eine Presseerklärung veröffentlicht, dass die Arbeit des Basilius-Zentrums wegen Finanzierungsschwierigkeiten gefährdet sei. Wie stellt sich die Situation heute dar?

In der Tat standen wir Anfang des Jahres vor einer sehr gefährlichen Situation, weil die Finanzbeiträge der Stadt unerwartet aus dem Budget für 2013 gestrichen wurden. Vermutlich sollte somit überprüft werden, wie groß unsere Vernetzung ist, und ob wir über einflussreiche Unterstützung verfügen. Es ist vor allem das Verdienst von Vater Pjotr Muchin, eines jungen und energischen Priesters und Vorstehers der orthodoxen Hochschulgemeinden, dass wir die Situation zu unseren Gunsten wenden konnten. Der Einsatz von Vater Pjotr und empörte Reaktionen von anderen Seiten bewirkten, dass die Stadt im Mai eine Budgetänderung beschloss, so dass uns für 2013 ein Beitrag in Höhe von neun Mio. Rubel (CHF 262000;  € 213.000) bewilligt wurde. Bis dieses Geld jedoch eintrifft, kann es Herbst werden. Der Vize-Gouverneur von St. Petersburg hat allerdings dafür gesorgt, dass wir für die Zwischenzeit namhafte Spenden von Großbetrieben wie etwa dem Energiebetrieb „Lenenergo“ und anderen erhalten. So ist die Gefahr für den Augenblick gebannt. Ob wir allerdings im nächsten Jahr wiederum so kämpfen müssen, wissen wir nicht.

Kann die Zurückhaltung der Stadt St. Petersburg auch mit den restriktiven Gesetzen gegen die nicht-kommerziellen Organisationen zu tun haben? Spüren Sie deren Folgen?

Das Basilius-Zentrum spürt die Folgen der restriktiven Gesetzgebung eher theoretisch. In der Praxis hat sich bei uns nichts geändert. Aber es ist natürlich nach wie vor eine Belastung, dass uns der Staat nicht als vollwertigen Partner bei der Lösung schwerwiegender sozialer Fragen anerkennen will. Es geht den Behörden nicht in den Kopf, dass eine Reihe von NGOs sich in den letzten Jahren so weit entwickelt hat und heute soziale Konzepte anbieten kann, die auf Regierungsebene diskussionswürdig wären.

Zum Abschluss der Rehabilitation gehen Sie mit einer Gruppe von Jugendlichen auf eine längere Reise. Wie verläuft diese Reise?

Die „Schule der Wanderschaft“, wie wir unsere „Überlebensschule“ heute nennen, ist eine sehr wichtige Etappe in der Rehabilitation der Jugendlichen, die bei ihnen meist lange nachwirkt. Dieses Jahr gehen wir mit 15 Jugendlichen, für die es mindestens neun Betreuer braucht, auf Reisen. Mit wenigen Zwischenstationen in orthodoxen Kirchgemeinden und Klöstern werden wir einen Monat mit Zelten im Norden unseres Landes in der einsamen Region von Murmansk und Archangelsk unterwegs sein. Während dieser Zeit lernen die Jugendlichen, Ausdauer und Eigeninitiative zu trainieren, und ein Maß an Sozialkompetenz zu erwerben, das zur erfolgreichen Rückkehr ins normale Leben unerlässlich ist. Gewöhnlich läuft dieser Prozess nie ohne Konflikte ab, die es zu bewältigen gilt. Wir sind dem Institut G2W sehr dankbar, dass es diesen wichtigen Teil des Rehabilitationsprogramms finanziell unterstützt, den wir allein aus Spenden finanzieren müssen.

Sie können die Arbeit von Juliana Nikitina mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“ unterstützen.