Eine zweite Chance

Regula Spalinger im Gespräch mit Juliana Nikitina und vier Jugendlichen

pdfRGOW 4/2016, S. 28-29

Eine zweite Chance für straffällig gewordene Jugendliche

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg nimmt sich straffällig gewordener Jugendlicher an, indem es ihnen ein offenes vierstufiges Rehabilitationsprogramm anbietet. Mit dem Konzept „Rehabilitation statt Strafe“ versucht das Zentrum, den Jugendlichen neue Lebensperspektiven und Berufschancen zu eröffnen. Eine besondere Herausforderung ist dabei, dass in den letzten Jahren immer mehr Jugendliche zu Drogen greifen, um dem tristen Alltag zu entfliehen.

G2W: Was für Jugendliche kommen ins Basilius-Zentrum? Aus welchem Umfeld stammen sie?
Juliana Nikitina:
In das Basilius-Zentrum kommen in erster Linie Jugendliche aus Familien mit alleinerziehenden Müttern. Um die Familie durchzubringen, müssen die Frauen zumeist viel arbeiten. Die fehlende Zeit mit ihren Kindern versuchen sie dadurch zu kompensieren, dass sie ihnen besonders viel erlauben und ihnen keine klaren Regeln und Grenzen setzen. Sowohl die Mütter als auch die Jugendlichen sind von der Situation überfordert. Letztere wachsen ohne Orientierung und Vorbereitung auf das Leben in der Gesellschaft auf; für das Miteinander in sozialen Gemeinschaften sind sie kaum gerüstet. Hauptprobleme dieser Jugendlichen sind mangelnde Motivation und fehlende Selbstkontrolle. Sie sind häufig nicht fähig, sich beim Lernen zu konzentrieren. Infolge dessen keimt der Wunsch auf, sich in eine Welt der Illusionen zu flüchten. Bei vielen Jugendlichen entwickelt sich so der Drang zum Gebrauch von psychoaktiven Substanzen. Der erste Drogenkonsum erfolgt in der Regel mit 12 bis 13 Jahren. Im Alter von 14 bis 16 sind die Jugendlichen von den Drogen abhängig. Zumeist handelt es sich dabei um Haschisch, Amphetamine oder Spice. In den letzten beiden Jahren waren 90 Prozent der Rehabilitanden unseres Zentrums drogenabhängig. Dagegen lag deren Anteil vor fünf Jahren noch bei 50 Prozent und vor 10 Jahren bei 30 Prozent.

Wie gehen Sie mit straffälligen Jugendlichen um, die dritten Personen geschadet haben?
In der Regel sind Erwachsene Opfer von Straftaten, die unsere Rehabilitanden verübt haben. Oftmals bitten diese selbst vor Gericht um Strafmilderung für die Heranwachsenden. In unserem Zentrum gibt es viele Jugendliche, die wegen Drogenhandels an uns überwiesen wurden. Opfer solcher Straftaten sind zu einem großen Teil die Eltern. Das Verhältnis der Jugendlichen zu solchen Gesetzesbrüchen ist in der ersten Etappe nach Eintritt ins Zentrum noch völlig unkritisch. Psychologen und Erzieher arbeiten sowohl mit den Jugendlichen als auch mit ihren Eltern an der Bewusstmachung des Geschehenen; die Jugendlichen werden nach und nach dazu hingeführt, Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen.
Wenn es beim Rehabilitationsprozess zu Verstößen kommt, finden wir einen Weg, das Problem zu lösen. Während einer gemeinsamen Fahrt zum Svjatogorski-Kloster im Gebiet von Pskov stahl beispielsweise ein Jugendlicher aus dem Opferstock der Kirche Geld, und es gelang ihm auch, die Summe unbemerkt auszugeben. Das Vergehen wurde erst nach der Rückkehr ins Basilius-Zentrum entdeckt. Wir entschieden, dass dieser Jugendliche in Begleitung eines freiwilligen Helfers für eine Woche zurück ins Kloster geschickt werden soll, um dort seine Schuld durch Arbeit wieder gutzumachen. Die Arbeitstage in der Einsiedelei fielen in den Dezember. Mitte der Woche bat der Jugendliche, ganz von sich aus, um die Taufe, die er von einem Priester des Klosters erhielt.

Gibt es Veränderungen bzw. neue Herausforderungen beim Rehabilitationsprogramm?
Vor wenigen Monaten haben wir einen Tanzkurs unter die obligatorischen Anlässe aufgenommen. Balltänze haben bei uns eine lange Tradition und erleben in den letzten Jahren unter jungen Menschen eine Renaissance. Am 7. Februar fand in St. Petersburg der erste Ball für Jugendliche statt, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden.
Im März ist zudem das Projekt „Künstlerwerkstatt“ angelaufen: Freiwillige aus dem Innendekorationsstudio „Ulitka“ führen unsere Rehabilitanden in die Grundlagen der venezianischen Stuckatur ein. Zusammen mit den Fachleuten werden die Jugendlichen dann die Treppenaufgänge unseres Hauptgebäudes auf der Vassiljevski-Insel und dessen Innenhof renovieren. Dieses Jahr werden wir auch den Ausbau des dritten Stockes in unserem Haupthaus anpacken, der aufgrund des baldigen Wegzugs einer Bewohnerin frei wird. Die damit verbundene Aufräumarbeit und die Renovation leisten wir selbst, doch benötigen wir noch Mittel für die Renovationsmaterialien.

Interview mit Anna Z. (14) und Sascha K. (15)

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G2W: Wie lange seid Ihr schon im Basilius-Zentrum, und wie ist es dazu gekommen?
Sascha: Seit drei Monaten. Und mindestens die gleiche Zeit werden wir noch hier sein. Wir wurden von den Jugendbehörden ins Zentrum geschickt. Bei mir war es vor allem der Grund, damit ich die Schule besser auf die Reihe kriege.
Anna: Uns gefällt es hier. Bevor ich ins Zentrum kam, etwas früher als Sascha, fürchtete ich mich. Aber jetzt, da ich hier bin, ist es ganz in Ordnung. Aufgrund schlechten Benehmens hatte ich Probleme mit den Behörden: Ich war nachts draußen auf der Straße mit anderen Mädchen zusammen. Meine Eltern leben getrennt.
Sascha: Meine Eltern sind ebenfalls geschieden, wie das heute im Prinzip fast normal ist. So lebe ich bei meiner Mutter. Mein Vater wohnt ziemlich weit weg im Norden, in einer anderen Stadt, wo ich geboren bin, und von wo wir vor sechs Jahren nach St. Petersburg umgezogen sind.

Habt Ihr Euch im Basilius-Zentrum kennengelernt?
Anna:
Nein, kennengelernt haben wir uns schon viel früher auf der Straße, über eine Freundin. Wir wohnen beide im Primorskaja-Stadtteil von St. Petersburg, Jetzt kommen wir unter der Woche nach der Schule jeden Tag hierher. Und an den Sonntagen nehmen wir zusammen mit anderen Jugendlichen an den Freizeitveranstaltungen teil.

Wie sieht Euer Alltag hier aus?
Sascha:
Ich komme regelmäßig zu den Aufgabenhelfern im Basilius-Zentrum, um meine Schulkenntnisse zu verbessern. Nach dem schwierigen Anfang haben wir uns schnell eingewöhnt und nun gefällt es uns, ins Zentrum zu kommen. Es tut gut, wie man sich hier uns gegenüber verhält, wie man uns hilft. Auch die Kurse mag ich, z. B. die Töpferwerkstatt. Dazu kommen die Stunden mit den Psychotherapeuten.
Anna: Wir sind bis zwei Uhr in der Schule. Dann gehen wir nach Hause zum Mittagessen. Gegen vier fahren wir ins Basilius-Zentrum und haben hier bis acht Uhr abends verschiedene Kurse und Gesprächsrunden.

Was werdet Ihr nach Abschluss des Rehabilitationsprogramms mitnehmen?
Sascha: Ich habe für mich selbst verstanden, dass ich die letzten drei, vier Jahre der Schulzeit nicht mehr schwänzen will und mich dem Lernen widmen möchte. Wir planen, nach dem Hauptkurs (der Rehabilitation) weiter hierher zu kommen. Das ist möglich, wenn auch nicht täglich, sondern z. B. zu den Lektionen mit der Aufgabenhilfe.
Anna: Ich bin in Mathematik besser geworden und mache viel lieber Hausaufgaben als früher. Zudem mag ich den Kontakt zu den Menschen hier.

Interview mit Vlad (Vladislav) E. (19) und Vlad R. (18), die 2015 zeitversetzt die Rehabilitation
im Basilius-Zentrum abgeschlossen haben:

projekte strassenkinder vlads

G2W: Wie lange seid Ihr im Basilius-Zentrum gewesen?
Vlad E.: Ich war ein Jahr und zwei Monate hier. Das ist im Vergleich zu anderen ziemlich lang, aber es gab da eine Sache, die ich abschließen wollte: Vor dem Besuch des Basilius-Zentrums hatte ich über mehrere Jahre nicht alle Schulstunden besucht und musste daher zweimal eine Klasse wiederholen. Das bedeutete, meine Alterskollegen gingen vorwärts, während ich stehenblieb. Während meiner Zeit im Zentrum habe ich dann in einem Jahr gleich zwei Klassen abgeschlossen. Das ist mir gelungen, und darüber habe ich mich sehr gefreut.
Vlad R.: Ich war zehn Monate hier. Erfahren habe ich vom Basilius-Zentrum durch einen Schulsozialarbeiter. Dann bin ich zusammen mit meiner Mutter hierher gefahren, wir haben alles angeschaut und Gespräche mit den Erziehern geführt. Bei mir war es so, dass ich eigentlich von Anfang an einen solchen Ort wollte, um meine Ausbildung fortzusetzen. Das, was sie hier sagten, passte mit dem zusammen, was ich gemacht hatte und von mir aus wünschte. Am Schluss entschied ich selbst, hierher ins Zentrum zu kommen.

Welche neuen Kenntnisse oder Erfahrungen habt Ihr während der Rehabilitation gewonnen?
Vlad R.:
Jede Menge! Du lernst beispielsweise zu etwas Nein sagen, wo du es früher nicht geschafft hättest. Zudem habe ich verschiedene alltägliche Dinge gelernt, wie z. B. am Lagerfeuer zu kochen oder einen Tisch richtig abzuwischen. Während der „Schule der Wanderschaft“ lebten wir praktisch zwei Monate draußen, übernachteten in Zelten und lernten, uns der Natur anzupassen. Besonders in dieser Zeit haben sich bei mir neue Gewohnheiten und Kenntnisse eingestellt. Zuvor gab es die zwar auch schon, doch musste ich mich erst in das Leben im Zentrum eingewöhnen. In den ersten Monaten des Programms gab es auch neue Eindrücke, beispielsweise war ich vorher nie in Museen gewesen. Gelernt habe ich auch, wie man miteinander spricht und höflich antwortet.
Vlad E.: Genau, wie man keine Schimpfwörter braucht bzw. nicht in der Gossensprache redet. Man lernt, sich zurückzuhalten. Ich habe auch hier mit dem Rauchen aufgehört. Du wirst hier stärker, d. h. du kannst beispielsweise Sachen aushalten, die du früher nicht konntest.

Seid Ihr noch in Ausbildung oder übt Ihr bereits einen Beruf aus?
Vlad E.: Ich bin in einem Schweißbetrieb in der Lehre, daneben gehe ich in die Berufsschule.
Vlad R.: Auch ich bin momentan noch in Ausbildung. Daneben arbeite ich an den Wochenenden auf dem Bau, um für einen Gebrauchtwagen zu sparen. Der kostet etwa 40 000 Rubel (gut 500 CHF).

Wie sehen Eure Pläne für die nächsten Jahre aus?
Vlad E.: Ich werde zuerst meine Ausbildung abschließen. Danach leiste ich den Militärdienst, der ein Jahr dauert. Und danach möchte ich als Schweißer arbeiten, da mir der Beruf gefällt.
Vlad R.: Als erstes möchte ich den Führerschein machen und, wie gesagt, ein Gebrauchtauto kaufen. Wenn ich das geschafft habe, würde ich anschließend gern den Führerschein für Lastwagen erwerben. Gleichzeitig setze ich meine Ausbildung fort, da ich erst im ersten Lehrjahr bin, also den größten Teil noch vor mir habe. Das ist es, was ich für die nächsten Jahre plane.

Sie können die Arbeit des „Basilius-Zentrums“ in St. Petersburg mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“  unterstützen.