Soziales Café

 Regula Spalinger im Gespräch mit Juliana Nikitina

pdfRGOW 10/2017, S. 28-29

Erstes soziales Café in St. Petersburg geplant

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg, das sich straffällig gewordener Jugendlicher annimmt, plant die Errichtung eines sozialen Cafés. Das Café soll den Jugendlichen die Möglichkeit eröffnen, nach dem vierstufigen Rehabilitationsprogramm erste Berufserfahrungen zu sammeln. Zudem soll das Café als Begegnungsraum dienen, um Vorurteile gegen straffällig gewordene Jugendliche abzubauen, wie die Leiterin des Basilius-Zentrums, Juliana Nikitina, im Gespräch erläutert.

G2W: Wie ist das Rehabilitationsprogramm des Basilius-Zentrums aufgebaut?
Juliana
Nikitina: Die erste der vier Stufen ist die sog. „Quarantäne“, sie dauert einen Monat. In dieser Zeit ist der Jugendliche mit vielen bisher unbekannten Dingen konfrontiert. Er unternimmt z. B. zum ersten Mal in seinem Leben einen Museumsbesuch, jedoch immer begleitet von Erwachsenen. Parallel findet eine gesamtheitliche Diagnostik (medizinisch bei Fachkliniken, sozial und psychologisch durch unsere Mitarbeitenden) und eine Bestandsaufnahme betreffend Schule statt. Darauf folgt der „Allgemeine Kurs“ mit erneutem Schulbesuch und Pflichtkursen während der Freizeit. Dessen Dauer beträgt individuell zwei bis acht Monate, je nachdem, wann der Jugendliche von sich aus in psychotherapeutischen Gesprächen oder bei anderen Aktivtäten den Wunsch äußert, bestimmte Dinge zu lernen bzw. anzupacken. Beispielsweise im Theaterstudio mitzumachen, intensiver Sporttraining zu betreiben oder sich für den Eintritt in eine Berufsmittelschule vorzubereiten. Dann ist die Zeit reif, um ihn im „Individuellen Programm“ zu begleiten. Damit ist selbstverständlich eine höhere Verantwortung auf Seiten des Jugendlichen verbunden. Falls der Junge oder das Mädchen nicht zu den Kursen erscheint, kehrt er/sie für mindestens einen Monat in die zweite Etappe zurück. Zum Abschluss des Programms folgt während ein bis zwei Monaten die Vorbereitung auf die Rückkehr in die eigene Familie, mit ersten Übernachtungen zuhause. Diese Phase muss wiederum in besonders enger Verbindung mit den Angehörigen durchgeführt werden, da auch dort neue Schritte zu machen sind. Das Programm ist sehr klar in seiner Struktur und es zeigt Wirkung.

Im Sommer haben Sie wieder die „Schule der Wanderschaft“ durchgeführt. Wie ist sie in diesem Jahr verlaufen?
Wie immer schweißt die „Schule der Wanderschaft“ die Jugendlichen und ihre erwachsenen Begleiter stark zusammen. Die „Schule der Wanderschaft“ führen wir jeweils im hohen russischen Norden durch. Sie erfordert Teamfähigkeit und ermöglicht es den Jungendlichen, ihrem echten „Ich“ ins Gesicht zu blicken. Dieses Jahr waren die drei Expeditionsteile besonders lang, wobei die Jugendlichen fast 530 km zu Fuß zurücklegten. Die erste Etappe führte bis zu den Solowezki-Inseln am Weißen Meer und nach Murmansk. Im Verlauf einer Reihe von mehrtägigen Touren erreichte die Gruppe mit ihren Begleitern das Gebirgsmassiv der Chibinen und schließlich die Ortschaft Umba am südlichen Meeresufer der Kola-Halbinsel. Anschließend verbrachte die ganze Gruppe einige Tage in der Stadt Archangelsk, bevor sie zur letzten, dritten Etappe aufbrach. Teil dieser Wanderung war der Einbezug der Jugendlichen in die Arbeit künstlerischer Werkstätten in Kondopoga. Unterwegs wird in Zelten übernachtet, die Expeditionen sind physisch anstrengend, doch voll unvergesslicher Erlebnisse und reicher Natureindrücke. Auf der Wanderung erleben die Beteiligten hautnah, dass man die Ziele nur gemeinsam als zusammenwachsendes Team erreichen kann. Zum Schluss wird traditionell in einem befreundeten Kloster zwischen dem Onega- und Ladogasee zur ganzen Expedition Fazit gezogen. Die Jugendlichen machen während den zwei Monaten starke innere Veränderungen durch.

Was trägt dazu bei, dass nur wenige Jugendliche nach Abschluss der Rehabilitation erneut eine Straftat begehen?
Von den 278 Jugendlichen, die unser Programm in den letzten 12 Jahren absolviert haben, wurden über 85 Prozent nicht erneut straffällig. Das ist nicht nur in Russland, sondern auch im internationalen Vergleich eine hohe Erfolgsquote. Wertschätzung, Offenheit und Freiwilligkeit sind dabei wichtige Prinzipien. Die Jugendlichen kommen zwar auf Grund eines Gerichtsurteils zu uns, doch unterschreiben sie freiwillig den Vertrag mit unserer Organisation. Das heißt, sie anerkennen bewusst im Beisein mindestens eines Elternteils die dazugehörigen Regeln, mit denen wir sie zuvor bekannt gemacht haben. Diese streng deklarierten Regeln schaffen einen sicheren Raum für die Entwicklung der Jungen und Mädchen, wobei unsere Mitarbeitenden, freiwillige Helfer und Pädagogen den Alltag zusammen mit den Jugendlichen gestalten. Gerade in der Anfangsphase liegt der Schwerpunkt auf gemeinsamer Tätigkeit, wie gemeinsamem Putzen, Theaterbesuchen usw. Dadurch sammeln die Jugendlichen einerseits viel Erfahrung, andererseits erleben sie durch das Verhalten der Erwachsenen in verschiedenen Situationen positive Beispiele, was sie zu diesem Zeitpunkt ganz besonders benötigen.

Gibt es weitere rusische Institutionen, die das Konzept des Basilius-Zentrums übernommen haben?
Als ein kleines Team von uns in den Jahren 2007–2009 zur Weiterbildung verschiedene ähnliche Einrichtungen in Dänemark, Deutschland und Frankreich besuchte, hatten wir das Gefühl, wir seien „zuhause“. Wir verstanden, weshalb diese Zentren gerade so arbeiten. Vor wenigen Jahren besuchten uns Kollegen aus Moskau, und eine Zeit lang schien es, als ob dort eine der unseren vergleichbare Organisation entstehen würde, was jedoch nicht geschah. Wir hören immer wieder, dass unser Programm hier wegen der leitenden Persönlichkeiten funktioniere, etwas Ähnliches sei in Russland schwer umzusetzen. Eine solche Einschätzung macht mich traurig. Die damit verbundenen Befürchtungen sind insofern verständlich, als eine nichtstaatliche Organisation wie die unsrige mit großen finanziellen Unsicherheiten und Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Jährlich reichen wir beispielsweise bei der Stadt St. Petersburg einen aufwendigen Antrag auf Unterstützungsgelder ein, sog. Subsidien. Im letzten Jahr erhielten wir vier Mio. Rubel (ca. 67 000 CHF), was die Hälfte der Löhne für 16 ständige und sieben externe Mitarbeiter deckt. Dazu kommen mehr als 30 freiwillige Helfer. Im Sommer hat uns jedoch eine Absage der Stadt erreicht, obwohl wir zuvor in direkten Besprechungen mehrfach mündliche Zusagen erhalten hatten. Die Behörden betonen zudem die Wichtigkeit unserer Tätigkeit. Denn wir sind die einzige Einrichtung, die sich der Rehabilitation von straffällig gewordenen Jugendlichen in der beschriebenen Art annimmt, ansonsten existieren nur staatliche Jugendstrafkolonien und Jugendheime. Die unerwartete Kehrtwende der Stadt war ein Schuss in den Rücken und stellt uns vor enorme finanzielle Herausforderungen.

Diesen Herbst startet das Basilius-Zentrum mit dem Projekt eines sozialen Cafés. Welche Ziele verbinden Sie mit dem Projekt?
Mit dem sozialen Café möchten wir die praktische Arbeit mit den Jugendlichen und ihren Familien vertiefen. Durch die neu entstehenden Trainingsmöglichkeiten im eigenen Café des Basilius-Zentrums können die Jugendlichen neben dem Schulbesuch auch erste Berufserfahrungen sammeln. Ihr Eintritt ins spätere Berufsleben wird dadurch erleichtert. Und unsere Gäste können erleben, dass man bei uns nicht nur schmackhaft und freundlich bewirtet wird, sondern dass unsere Jugendlichen talentierte Menschen sind, mit denen sich spannende Gespräche ergeben. Auch Kulturveranstaltungen und Kurse sollen im Café stattfinden, beispielsweise Kochkurse durch einen befreundeten Meisterkoch, mit dem wir bereits heute zusammenarbeiten. Auf diese Weise soll das Café ein Ort sein, wo positive Begegnungen stattfinden. In der russischen Gesellschaft herrschen noch viele Vorurteile gegenüber „unseren“ Jugendlichen. Demgegenüber wird das Café einen Raum für neue Erlebnisse und den Austausch zwischen unseren Gästen, dem Basilius-Zentrum und den Jugendlichen bieten. Die Bewilligung für den Umbau im Erdgeschoss des Basilius-Zentrums haben bereits wir erhalten. Den Hauptteil der Umbauarbeiten übernehmen unsere Mitarbeitenden sowie Jugendliche, Familienangehörige und zusätzliche freiwillige Helfer. Die IT-Firma JetBrains, die uns bereits mit ihrem Mahlzeitendienst unterstützt, wird sich um die Küchenausstattung kümmern. Hinsichtlich der Kaffeemaschinen und der späteren Schulung unseres Personals haben wir die Zusage einer bekannten italienischen Kaffeemarke. Wir hoffen, das soziale Café im Herbst 2018 eröffnen zu können und sind dankbar für jede finanzielle Unterstützung.

Sie können die Arbeit des „Basilius-Zentrums“ in St. Petersburg mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“ unterstützen.