Wegweisende Arbeit mit straffälligen Jugendlichen

 Regula Spalinger im Gespräch mit Juliana Nikitina

pdfRGOW 12/2019, S. 28-29

Das neu eröffnete soziale Café des Basilius-Zentrums stößt in der Öffentlichkeit auf großen Anklang und begeistert neue Freiwillige zur ehrenamtlichen Mitarbeit. Im sozialen Café können straffällig gewordene Jugendliche erste Berufserfahrungen sammeln. Die Berufsvorbereitung ist ein zentrales Standbein des Rehabilitationsprogramms des Basilius-Zentrums. Für das kommende Jahr ist der Ausbau von Räumlichkeiten für die ambulante Rehabilitation geplant. – S. K.

G2W: Welche Erfahrungen hat das Basilius-Zentrum seit der Eröffnung seines sozialen Cafés – eine der ersten Einrichtungen dieser Art in Russland – gesammelt?
Juliana Nikitina: Am Wichtigsten ist bestimmt, dass es uns gelingt, jene Jugendlichen, die bei uns die professionelle Ausbildung und das Praktikum zum Barista absolviert haben, erfolgreich an Cafés oder Restaurants in St. Petersburg zu vermitteln. Bereits zwei unserer Jugendlichen, Daniil und Mitja, haben auf diesem Weg eine Festanstellung erhalten. Mitja hat uns vor kurzem besucht und erzählt, dass er als Barista von seinem Arbeitgeber bald zu einem Berufswettbewerb nach Moskau geschickt wird. Zurzeit haben wir zwei junge Frauen im Café in Ausbildung. Seit dem Sommer ist bei uns die 17-jährige Alisa tätig, die uns durch die Städtische Kommission für Minderjährige überwiesen wurde. Alisa hat keinen Gesetzesverstoß begangen, doch sind die familiären Verhältnisse schwierig. Alisa gefällt die Arbeit im Café sehr und ist dabei richtig aufgeblüht. Im Café ist sie seit der Einarbeitungszeit offiziell festangestellt, was für uns eine neue Erfahrung bedeutet. Außerdem stößt diese Tage eine 19-jährige Waise zum Team. Die notwendigen Bewilligungsdokumente für sie haben wir erhalten, so dass sie demnächst mit der Arbeit beginnen kann.

Wie haben die Öffentlichkeit und die Medien auf die Eröffnung des sozialen Café reagiert?
In einer Internet-Zeitung wurde diesen Sommer ein Artikel publiziert mit dem Titel „Gute Cafés: wo und wie arbeiten in St. Petersburg wohltätige Lokale“. Unter den vier als Geheimtipps vorgestellten Cafés war auch unser Café „Prosto“ (zu Deutsch: „Einfach“). Generell stellen wir fest: So oft wie seit der Eröffnung des Cafés wurde in den vergangenen Jahren noch nie über uns berichtet. Es hat sich buchstäblich alles verändert. Regelmäßig besuchen uns Gäste, die sich für unsere Tätigkeit interessieren; Journalisten schreiben über uns. Erstaunliche Dinge geschehen: So hatte ich beispielsweise Kontakt zu einer Einrichtung, wo Interessierte kostenlos zu Baristas ausgebildet werden, dabei erwähnte ich unser Café „Prosto“. Die Reaktion war: „Ah, das ist dort, wo Jugendliche auf der Basilius-Insel …“. Das bedeutet, dass Leute, die sich weit weg von sozialen Themen bewegen, über unser Projekt Bescheid wissen. Auch hat die Zahl der Freiwilligen seit der Eröffnung des Cafés stark zugenommen. Vor allem unseren jüngeren Mitarbeitenden muss ich ein großes Lob aussprechen. Über ihre Kreise und Netzwerke laden sie weitere interessierte Leute zu unseren Begegnungsabenden und Workshops ein, die in einem Nebenraum des Cafés stattfinden. Und aus diesen neuen Bekanntschaften entsteht viel freiwillige Unterstützung für das Zentrum. Wir können ganz andere Personen als früher ansprechen und informieren. So wird z. B. eine Gruppe Fahrradfahrer aus unserer Region demnächst auf ihrer Tour bei uns Halt machen. Auch die Nachbarn bedanken sich, dass hier ein solch schöner Ort für entspannte Gespräche bei einer Tasse Tee oder Kaffee entstanden ist.

Welche Anforderungen stellt das Basilius-Zentrum an die Jugendlichen betreffend der Ausbildung zum Barista?
Das Café hat einen stark disziplinierenden Effekt auf sämtliche Beteiligte und Mitarbeitende. Wochentags haben wir von 9:30 bis 20:30 Uhr geöffnet, am Wochenende von 10:00 bis 20:00 Uhr. Die jugendlichen Kandidaten müssen Interesse und Bereitschaft am zuvorkommenden Umgang mit den Gästen zeigen. Jeder Jugendliche, der das vorberufliche Training durchlaufen möchte, tut dies vollkommen freiwillig, nicht unter Druck. Vor Beginn der Rehabilitation schließen wir nach einem gemeinsamen Gespräch je einen allgemeinen Vertrag mit der/dem Jugendliche/n und mit den Eltern ab. Dabei ist anzumerken, dass die meisten Jugendlichen, die sich bei uns in der Rehabilitation befinden, mit einer bedingten Strafe zu uns kommen. Die Alternative wäre der Vollzug des Gerichtsurteils in einer Jugendstrafanstalt oder in einem Gefängnis für Erwachsene, falls er oder sie unterdessen die Volljährigkeit erreicht hat.

Auf welcher Stufe der Rehabilitation treten die Jugendlichen in die praktische Berufsvorbereitung ein?
Erst nachdem der oder die Jugendliche erfolgreich die ersten Etappen der Rehabilitation durchlaufen hat. Dazu gehört zu Beginn die medizinische, soziale und psychologische Diagnostik, die einen Monat in Anspruch nimmt. Heutzutage kommen die meisten Jugendlichen leider mit Drogenproblemen zu uns. Daher und um die folgenden Maßnahmen sowie den Unterrichtsplan zu bestimmen, ist diese Phase entscheidend für den weiteren Erfolg. Bereits während des ersten Monats ist die Teilnahme an den Hauptveranstaltungen und Kursen des Zentrums obligatorisch. Außerhalb des Zentrums befindet sich der oder die Jugendliche dann ausschließlich in Begleitung eines unserer Mitarbeitenden. Darauf folgt der sog. „Allgemeine Kurs“ mit einer individuellen Dauer von drei bis acht Monaten. Zu dessen Beginn wird der Unterricht in einer Schule oder einem Berufsbildungszentrum wieder aufgenommen. Nach der Schule besuchen die Jugendlichen weiter unsere Kurse und Einzelgespräche. Den Anschluss schaffen sie dank Zusatzstunden mit unseren freiwilligen Aufgabenhelfern, denn die meisten haben viel Schulstoff verpasst. Wenn der Jugendliche seine Verlässlichkeit unter Beweis gestellt hat und sich über seine Zukunft Gedanken zu machen beginnt, setzt das „Individuelle Programm“ ein. Dann kann er oder sie, je nach individuellen Zielen, in der Freizeit z. B. ein Musikinstrument erlernen, einen Boxkurs besuchen oder statt der Abende in unserer Töpferwerkstatt einen Vorbereitungskurs zum Eintritt in eine Berufsbildungsschule durchlaufen. In der Regel kann erst in dieser Phase, als eine von mehreren möglichen berufsvorbereitenden Maßnahmen, der Eintritt ins soziale Café erfolgen. Den Abschluss bildet für die meisten die Etappe „Rückkehr nach Hause“. Während dieser Phase übernachten die Jugendlichen während des Wochenendes wieder bei der eigenen Familie und bereiten den Übergang in die selbständige Lebensführung vor. Falls sie dies wünschen, können unsere Repetitoren sie während einer gewissen Zeit weiterhin unterstützen. Manche nehmen auch nach der Rehabilitation an unseren kulturellen Anlässen teil, holen zwischendurch Rat oder berichten über ihre persönlichen Erfolge.

Zum Rehabilitationsprogramm gehört auch die alljährliche „Schule der Wanderschaft“. Wie trägt diese zur Stärkung der Kompetenzen der Jugendlichen bei?
Die „Schule der Wanderschaft“, die wir jedes Jahr in den Sommermonaten im hohen Norden Russlands durchführen, ist für jeden Teilnehmenden eine Charakterschmiede. Dieses Jahr begannen wir bei den Solowezki-Inseln im Weißen Meer. Mit Zelten brachen wir zu herausfordernden Trekkings über den Chibinen-Bergkamm und die Fischerhalbinsel entlang der Barentssee auf. Nach der gemeinsamen Bootstour schlossen wir die mehrwöchigen Wanderungen in der kargen, jedoch wunderschönen Natur Russisch-Kareliens in einem befreundeten Kloster ab. Jugendliche benötigen zur Formung einer starken und sozial offenen Persönlichkeit Erlebnisse in der Gruppe, die ihnen die Erfahrung der Überwindung und der Begegnung mit sich selbst vermitteln können. Ganz real, nicht in einer virtuellen Welt. Auch das tiefe Vertrauen, das zwischen unseren Jugendlichen und den Erziehenden während der Wanderschaft entsteht, ist eine unschätzbare Erfahrung für das weitere Leben. Dieses Jahr waren die Wetterbedingungen allerdings so schwierig wie noch nie. Teilweise mit tagelangem Regen und Temperaturen von 5 bis 10 Grad Celsius.

Welche Pläne verfolgt das Basilius-Zentrum im kommenden Jahr?
Das Allerwichtigste für die nächste Zeit ist die Renovation unseres zweiten Stockwerks. Die Jugendlichen der stationären Abteilung haben ihre neuen Räume bezogen. Nun stehen die Bauarbeiten an, um einen ruhigen Raum für die Jugendlichen einzurichten, welche die ambulante Rehabilitation durchlaufen. Diesen benötigen sie u. a. für Lektionen mit den Aufgabenhelfern. Neben einer kleinen Teeküche soll auch ein Zimmer für vertrauliche Gespräche mit der Psychologin geschaffen werden. Dadurch erhalten wir genügend Räume und die unterschiedlichen Jugendlichen können bedürfnisgerecht begleitet werden.

Sie können die Arbeit des „Basilius-Zentrums“ in St. Petersburg mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“ unterstützen.