Neuer Fokus auf Berufsausbildung und Prävention

Regula Spalinger im Gespräch mit Juliana Nikitina und Anna Vendelovskaja

Das Basilius-Zentrum in St. Petersburg ist die einzige NGO in Russland, die ein soziales Rehabilitationsprogramm für 14- bis 18-jährige Jugendliche mit bedingten Haftstrafen anbietet. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie hat das Zentrum seine stationäre Therapie dieses Jahr aus der Stadt in das Dorf Nadkopanje verlegt. Dort soll auch eine neue Filiale mit einem Schwerpunkt auf der Berufsausbildung entstehen. Zudem erweitert das Basilius-Zentrum sein Präventionsprogramm.

G2W: Welche Jugendlichen finden Aufnahme im Rehabilitationsprogramm des Basilius-Zentrums?
Anna Vendelovskaja
: Es sind zum einen Jugendliche, die uns durch ein Gericht, die Polizei oder die Kommission für Jugendfragen und -schutz überwiesen wurden. Ihre Delikte stehen häufig im Zusammenhang mit der Aufbewahrung und dem Handel von Drogen, auch Diebstahl oder Raubüberfälle kommen vor. In den vergangenen Jahren ist Drogenabhängigkeit zunehmend ein Auslöser für kriminelle Handlungen. Daher sind medizinische Entzugs- und Therapiemaßnahmen ein notwendiger Bestandteil unseres Rehabilitationsprogramms. Die Jugendlichen durchlaufen bei uns die stationäre soziale Rehabilitation. Diese ist in vier Stufen gegliedert ist und dauert neun bis zwölf Monate bis zur Rückkehr der Jugendlichen nach Hause.

Zum anderen begleiten wir in unserem ambulanten Programm Jungen und Mädchen, die noch keinen Gesetzesverstoß begangen haben, aber durch ihr Verhalten (z. B. Herumlungern auf der Straße in der Nähe von kriminellen Banden) in den Fokus der Polizei geraten sind. Diese Jugendlichen besuchen bei uns an mehreren Tagen die „soziale Patronage“, die professionelle Begleitung durch unsere Psychologen und Sozialarbeiterinnen umfasst. Zudem nehmen sie an unseren praktisch-künstlerischen und Sportkursen teil. Wie bei den stationär wohnenden Jugendlichen stehen ihnen freiwillige Aufgabenhelfer zur Seite, um Lücken im Schulstoff aufzuholen, damit der Schulabschluss gelingt. Ein weiterer zentraler Faktor für den Erfolg der Rehabilitation ist der regelmäßige Austausch mit den Eltern.

Was sind die Alternativen zum Rehabilitationsprogramm des Basilius-Zentrums?
Juliana Nikitina
: Die Alternativen zum Basilius-Zentrum sind die geschlossenen Einrichtungen des staatlichen Jugendstrafvollzugs, die Jugendstrafanstalten, in Russland Erziehungskolonien genannt, und die geschlossenen Jugendheime. An uns können jedoch nur Jugendliche überwiesen werden, die noch nicht oder nur zu einer bedingten Haftstrafe verurteilt wurden. In der Regel ist dies einzig bei einer Erstverurteilung möglich. In seltenen Ausnahmefällen kann ein Gericht auch später eine Rehabilitation bei uns anordnen. Falls dem Jugendlichen durch das Gericht nicht erlaubt wird, das Rehabilitationsprogramm im Basilius-Zentrum zu durchlaufen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Junge oder das Mädchen ein weiteres Mal straffällig wird und dadurch zwingend die Strafe in einem Jugendgefängnis absitzen muss.

Wie verlief die Rehabilitation der stationären Gruppe in diesem Corona-Jahr?
Während des Lockdowns im Frühjahr verbrachten die Jugendlichen die ersten Monate der Quarantäne im Dorf Nadkopanje, ca. 180 km von St. Petersburg entfernt in der Nähe des Ladogasees. Im August brach die Gruppe mit ihren Betreuern zur „Schule der Wanderschaft“ auf, die den Abschluss der Rehabilitation bildet. Während den anspruchsvollen Touren im hohen Norden Russlands lernen die Jugendlichen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Nach der Lockerung der Corona-Maßnahmen kehrte die Gruppe nach St. Petersburg zurück. Gleichzeitig empfing unser Sozialdienst neue Jugendliche, da nach dem Sommer die Gerichte ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten. Schon bald sind allerdings auch diese Jugendlichen mit den Begleitern nach Nadkopanje aufgebrochen. Denn angesichts der für St. Petersburg angeordneten zweiten Quarantäne kann die Rehabilitation in der dörflichen Umgebung sicherer und sinnvoller durchgeführt werden.

Wie haben die Mädchen und Jungen, welche die Rehabilitation in diesem Jahr beendeten, den Schulabschluss bzw. den Übergang ins Berufsleben geschafft?
Anna Vendelovskaja
: Wegen der Pandemie fanden dieses Jahr keine Abschlussprüfungen nach der 9. Klasse statt. Maßgeblich für den Schulabschluss waren die Vornoten der Schülerinnen und Schüler. Für unsere Jugendlichen bedeutete das, dass zwei in die Berufsmittelschule wechseln konnten. Die übrigen bereiten sich zurzeit über Homeschooling auf die nächsten Prüfungen für das Abschlusszeugnis vor. Diese Unterrichtsform ist jedoch für die Jugendlichen anspruchsvoller. Das gilt auch für unsere Mitarbeitenden, weil sie so zusätzlich die Rolle der Lehrer übernehmen müssen. In dieser Situation helfen uns unsere freiwilligen Aufgabenhelfer sehr. Sie unterrichten in Geschichte, Englisch, Mathematik, Biologie, Gesellschaftskunde und Russisch.

Ein Jugendlicher, der vor der ersten Quarantäne die Rehabilitation abgeschlossen hat, ist Dmitrij. Vor seiner Rehabilitation nahm er psychoaktive Substanzen und war durch Ladendiebstähle auffällig geworden. Anfangs war er sehr impulsiv, doch während der Therapie fand er zu einer neuen Ausgeglichenheit. Dies half Dmitrij, der sich vor allem für Sport und Kunst interessiert, beim Lernen in der Abendschule unseres Zentrums. Den Abschluss der 9. Klasse schaffte er selbständig ohne die Unterstützung unserer Spezialisten. Seither arbeitet er als Kurier und besucht regelmäßig die Sportkurse im Basilius-Zentrum. Dmitrij hat bereits sein nächstes Ziel ins Auge gefasst: Er möchte eine Berufsausbildung zum Automechaniker beginnen.

In Nadkopanje soll in den nächsten Jahren eine Filiale des Basilius-Zentrums mit einem Fokus auf die Berufsvorbereitung entstehen. Wie weit sind die Vorbereitungen dazu gediehen?
Juliana Nikitina
: Während des durch die Pandemie erzwungenen Aufenthalts in Nadkopanje sind sehr gute Beziehungen zwischen Mitarbeitenden unseres Zentrums und Vater Antonij (Kusnezov), dem Vorsteher der orthodoxen Kirche von Nadkopanje, entstanden. Auch auf dem Dorf gibt es viele Jugendliche, die eine soziale Rehabilitation benötigen. Doch auf dem Land gibt es viel weniger Möglichkeiten als für die Jugendlichen in der Stadt. Deshalb haben wir gemeinsam mit den lokalen und regionalen Behörden das Projekt einer Filiale des Basilius-Zentrums in Nadkopanje für den Bezirk Volchov (Leningrader Gebiet) entwickelt. In einer ersten Etappe errichten wir im nächsten Jahr eine Baumschule, in der künftig Jugendliche den Beruf des Landschaftsgärtners oder -architekten erlernen können. Zur Durchfahrtsstraße hin wird angrenzend ein Café für die Ausbildung zum Barista gebaut. Zu den weiteren Einrichtungen mit möglicher Berufsausbildung sollen gehören: eine Töpferwerkstatt, ein Schreineratelier mit integrierter Glaserei sowie eine Autofahrschule. Im Juni 2020 fand ein konstruktives Rundtischgespräch mit den wichtigsten Behördenvertretern des Bezirks Volchov statt. Sämtliche Beteiligte stehen hinter dem Projekt. Von der Leitung der dörflichen Gemeinderegion von Pascha, der neben Nadkopanje 54 weitere Dörfer angehören, haben wir bereits ein Unterstützungsschreiben erhalten. Nun planen wir gemeinsam mit jungen Architekten die Gestaltung des Geländes und der Gebäude des künftigen Areals. Auch wurde bereits eine Kerngruppe verantwortlicher Pädagogen bestimmt.

Das Basilius-Zentrum hat dieses Jahr ein zusätzliches Programm gestartet, das sich an gefährdete Jugendliche auf der Wassili-Insel von St. Petersburg richtet. Wie ist es angelaufen?
Das niederschwellige Projekt „Repa“ (russ.: Rübe) hat im Herbst begonnen. Es richtet sich an Jugendliche, die auf der Suche nach einem betreuten Ort für entspanntes Zusammensein, Spiele und Projekte sind. Teenager in schwierigen Lebenslagen erhalten durch das „Repa“ Ansprechpersonen für ihre Probleme. Die Räume der neuen Einrichtung liegen nur 20 Minuten zu Fuß von unserem Zentrum entfernt. Die Stadt hat sie unseren Partnern von „Anna hilft“, dem Hilfswerk der St.-Annen-Kirche, einer der ältesten Kirchen der Stadt, zur Verfügung gestellt. Deren Kirchgemeinde gehört der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ingermanlandes in Russland an. Auf Bitte von „Anna hilft“ sind sieben Sozialarbeiterinnen und Psychologen unseres Zentrums am Projekt beteiligt. Von unserer Seite steht das „Repa“ insbesondere Jugendlichen offen, die aus verschiedenen Gründen das stationäre Rehabilitationsprogramm abbrechen mussten. Auch Jungen und Mädchen aus der Gruppe der „sozialen Patronage“ besuchen es. Das Projekt schließt eine wichtige Lücke, weil wir so Jugendliche früh, d. h. rechtzeitig vor einem möglichen Abgleiten in Drogenkonsum oder Kriminalität erreichen können.

Sie können die Arbeit des „Basilius-Zentrums“ in St. Petersburg mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Basilius-Zentrum“ unterstützen.

pdfRGOW 12/2020, S. 28–29