Studierende aus der Karpatenukraine

Gyula Pásztor

pdfRGOW 3/2015, S. 28-29

Die Reformierte Theologische Hochschule in Sárospatak

Seit der Wiedereröffnung der Reformierten Theologischen Hochschule in Sárospatak 1991 stellt G2W jedes Jahr Stipendien für mittellose Studierende, vor allem aus der Karpatenukraine bereit. Da dort die wirtschaftlichen Verhältnisse noch immer prekär und die Kirchen nicht in der Lage sind, eigene Ausbildungsstätten zu führen, ist diese Unterstützung hoch willkommen. Die Akademie von Sárospatak zeichnet sich durch eine sorgfältige Ausbildungsarbeit aus.

Die Geschichte des Reformierten Kollegiums in Sárospatak und der Reformierten Kirche in Nord-Ost Ungarn sind von Anfang an eng miteinander verbunden. Die Schule wurde im Jahr 1531 gegründet, also unmittelbar als Folge der Reformation in Ungarn. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurden hier protestantische Pfarrer ausgebildet, die ihre Studien dann oft an holländischen und deutschen Universitäten fortsetzten. Neben einer Realschule ist später auch eine selbständige theologische Hochschule entstanden. Das war die erste Blütezeit des Kollegiums, maßgeblich gefördert durch die Unterstützung der Siebenbürger Fürsten. Infolge der Gegenreformation musste die ganze Schule 1671 ihre Tätigkeit in Sárospatak aufgeben, konnte ihren Dienst aber zunächst in einer anderen Stadt in Siebenbürgen fortsetzen. Mehrere ihrer Absolventen haben als evangelische Pfarrer und Lehrer auch den Märtyrertod erlitten, andere zum Tode Verurteilte haben in Zürich Zuflucht gefunden.

In der Zeit des 18./19. Jahrhunderts wurde das Institut wieder zu einer Hochburg der ungarischen Wissenschaft und Kultur, aus der berühmte Persönlichkeiten der reformierten Kirche hervorgegangen sind.

Das 20. Jahrhundert war eine besonders schwierige Epoche im Leben des Kollegiums. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Ungarn durch das Pariser Friedensdiktat zwei Drittel seiner Gebiete und einen Drittel seiner Bevölkerung. Dies hat auch unsere Schule schwer getroffen: Ein großer Teil des Kirchendistrikts, aus dem die meisten Schüler und Studenten nach Sárospatak kamen, lag nun jenseits der neuen Grenzen. Dazu gehörte auch die Region der Subkarpaten, die heutige Karpatenukraine. Für deren Bewohner war es nun nicht mehr möglich, in Sárospatak zu studieren. Auch in den bei Ungarn verbliebenen Gebieten waren die Hilflosigkeit und die Armut groß. Daraufhin suchten Studenten und Professoren der Theologische Akademie systematisch die Dörfer auf, um den Menschen helfen und sie zu ermutigen. In den 30er Jahren stiftete die Theologische Akademie für junge Bauern eine sog. Volkshochschule, in der diese in den Wintermonaten neben den biblischen Fächern auch Agrarkunde studieren konnten. Die Innere Mission, die Verkündigung, und die Äußere Mission, die Sorge um das Volk, sind zu dieser Zeit besonders wichtig geworden. Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde die Theologische Hochschule 1951 geschlossen.

Die Ungarn, die in den Subkarpaten wohnten, gehörten zuerst zur Tschechoslowakei, von 1938/39 für eine kurze Zeit wieder zu Ungarn. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet von der Sowjetunion annektiert, worauf es – samt seiner ungarischen Bevölkerung – von der Ukraine „geerbt“ wurde. Die hiesigen Ungarn wurden von der sowjetischen Regierung zu Kriegsverbrechern erklärt und verfolgt. Wer sich zu Christus bekannte, wurde noch stärker unterdrückt. Kirchliche Tätigkeit war nur begrenzt, Ausbildung gar nicht möglich. So wurden die Pfarrer immer älter und immer weniger.

Nach der Wende durfte die Kirche jedoch eine Erweckung erleben. Deren Wellen sind bei unseren Studierenden immer noch spürbar. In der Region fehlt zwar noch immer eine theologische Ausbildungsmöglichkeit, doch seit 1990 sind die Grenzen durchlässiger geworden, und auch die Theologische Akademie im ungarischen Sárospatak durfte 1991 wieder ihre Tore öffnen.

Heutige Tätigkeit der Theologischen Akademie

Die Grundtätigkeit der Theologischen Akademie ist und bleibt die Pfarrerausbildung. Dieses Studium kann durch ein Vollzeitstudium absolviert werden, was einschließlich eines Praktikumjahrs sechs Jahre dauert.

Um die Erneuerung der Kirche fördern zu können, hat die Reformierte Theologische Akademie im Jahr 2005 einen staatlich akkreditierten Bachelorstudiengang für Religionspädagogen und für Gemeindehelfer eingeführt, der im Vollzeitstudium oder durch ein Fernstudium absolviert werden kann. In den letzten Jahren haben sich immer mehr Christen aus der Karpatenukraine für diese beiden Studiengänge beworben, was sich jedoch viele von ihnen aufgrund der hohen Kosten (Pässe, Visa, Reise, Unterkunft) nicht leisten können. Mit Gottes Gnade ist es aber 2011 durch einen Vertrag mit der Pädagogischen Hochschule im ukrainischen Beregove (ung. Beregszász) nahe der ungarischen Grenze gelungen, diese Studiengänge auch in der Ukraine anzubieten. Seitdem gibt es dort bereits drei Jahrgänge mit etwa 100 Studierenden. In dem Fernkurs werden Vorträge von Professoren aus Sárospatak gehalten. Dabei ist beabsichtigt, auch immer mehr Lehrkräfte aus der Reformierten Kirche der Karpatenukraine mit einzubeziehen.

Seit 2005 bietet die Theologische Hochschule im Rahmen der ehemaligen Volkshochschule einen einjährigen Kurs für Presbyter und einfachere Gemeindeglieder an. Im Kursangebot sind u. a. Bibelkunde, Kirchengeschichte, Diakonie, Gemeindeaufbau und Mission. Es ist eine große Freude für uns, dass wir dieses Programm im letzten Schuljahr nicht nur in Sárospatak, sondern auch in der Karpatenukraine und in der Slowakei durchführen konnten.

Seit drei Jahren hat die Hochschule auch ein Bachelorprogramm für Community Organizer. Hier werden Fachleute für die Mission unter den Roma, für die Diakonie und Kirchenmusik ausgebildet.

Die Bildungsarbeit der Theologischen Akademie ist ein Versuch, die Gemeindearbeit auf möglichst vielseitige Weise zu unterstützen. Die gegenwärtige Kirche, die auf unsere Absolventen wartet, basiert einerseits noch auf dem klassischen Kirchensystem und den herkömmlichen Aktivitäten. Andererseits verlassen viele Jugendliche die kleineren Dörfer und damit auch die Kirchen, da es auf dem Lande sehr wenige Arbeitsplätze gibt. Zurück bleiben alte Leute und diejenigen, die auch anderswo keine Arbeit erwarten. Besonders in den Dörfern wächst die Zahl der Roma, die weiterhin mit großen Problemen kämpfen (s. RGOW 9/2012, S. 12-17). Außerdem leben immer mehr Menschen im Umfeld unserer Gemeinden, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben. Mission, Diakonie und Seelsorge werden so immer mehr zur Grundaufgaben unserer Absolventen.

Finanzierung der Studierenden

Die Theologische Akademie in Sárospatak ist ein staatlich akkreditiertes Institut. Von daher beteiligt sich der ungarische Staat für eine bestimmte Semesterzahl an den Studienkosten in Form von Sozial- und Studienstipendien, je nach sozialem Bedürfnis bzw. Studienergebnis.

An der Studienfinanzierung beteiligt sich auch der Kirchendistrikt. Ein wichtiger Teil der kirchlichen Unterstützung ist die sog. Legation, wenn die Studierenden zu den großen Festen jeweils alleine in verschiedene Gemeinden gehen, um dort Gottesdienste zu halten. Dafür erhalten sie eine Unterstützung von den aufgesuchten Gemeinden. All dies reicht jedoch nicht aus, um die allgemeinen Studienkosten zu finanzieren. Die Studierenden brauchen auch die Unterstützung ihrer Familien.

Um auch denjenigen Studierenden zu helfen, die nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen können, hat die Hochschule einen Fonds eingerichtet. Das Vermögen des Fonds wird grundsätzlich für Stipendien verwendet. Darüber hinaus bietet der Fonds auch Kurzzeitarbeiten an, mit denen Studierende ihr Stipendium ergänzen können. Der Fonds wird vom Vorsitzenden und dem Sekretär verwaltet, die Beschlüsse werden jedoch vom Kuratorium getroffen, das aus sieben Personen besteht (vier Dozenten der Akademie und drei Pfarrer aus dem Kirchendistrikt).

In den ersten Jahren hat der Fonds zweckbestimmte Spenden von einem Freundeskreis des Kollegiums aus Amerika bekommen. Kleinere Spenden erhielt er regelmäßig von ungarischen Privatpersonen und von denen, welche die freiwilligen 1 % ihrer Einkommensteuer dafür geben. Ehemalige Professoren und Absolventen der Akademie haben im Rahmen des Fonds einen Geldvorrat gestiftet, um von dessen Zinsen jedes Jahr diejenigen zu belohnen, die auf bestimmten Fachgebieten besonders erfolgreich abgeschnitten oder sich für das Wohl der Gemeinschaft eingesetzt haben. Die größte Unterstützung hat der Fonds in den letzten Jahren durch das Institut G2W erhalten. Diese Spenden haben wesentlich dazu beigetragen, auswärtigen Studierenden ihre Studien in Sárospatak zu finanzieren.

Die Studierenden aus der Karpatenukraine erhalten vom ungarischen Staat die gleiche Unterstützung wie ungarische Staatsbürger. Ihre familiären Einkommen sind aber viel niedriger (ca. ein Drittel eines ungarischen) und viele Eltern sind arbeitslos. Nachdem das Studium zum Pfarramt nur durch ein Vollzeitstudium absolviert werden kann und in der Karpatenukraine dazu keine Möglichkeit besteht, sind diese Studierenden auf Unterstützung angewiesen. Deshalb hat das Kuratorium des Fonds das letzte Mal die Spenden von G2W unter den Studierenden aus der Karpatenukraine gleich verteilt. So haben 20 Studenten zehn Monate lang 10000 HUF erhalten, was dem durchschnittlichen sozialen Stipendium entsprach. Wir möchten uns auch in ihrem Namen für diese Hilfe herzlich bedanken.

Studierende aus der Karpatenukraine

In diesem Schuljahr absolvieren 28 Studierende aus der Karpatenukraine an unserer Hochschule ein Vollzeitstudium. Zudem gibt es zurzeit 110 Fernstudierende aus der Karpatenukraine. Insgesamt kommt ein Drittel aller unserer Studierenden aus der Region.

Seit der Wende haben 46 Pfarrer und 18 Religionspädagogen bzw. Gemeindehelfer aus der Karpatenukraine an der Theologischen Akademie in Sárospatak studiert. Die meisten von ihnen arbeiten wieder in ihrer Heimatkirche. Viele sind bereit, auch in ganz kleinen Gemeinden zu arbeiten. Eine Pfarrerin ist in Beregovo Krankenhaus-Seelsorgerin geworden, während ein Pfarrer dort für die Jugendlichen verantwortlich ist. Ein junger Pfarrer, der in Sárospatak regelmäßig die Gefängnisseelsorge gemacht hat, wird diesen Dienst hoffentlich auch zu Hause fortsetzen. Mehrere Absolventen arbeiten in der Mission unter den Roma.

In den Gemeinden der Reformierten Kirche in der Karpatenukraine sind viele Mitarbeiter und Ehrenamtliche tätig, vor allem im Religionsunterricht, in der Diakonie und im Besuchsdienst. In diesen Dienstmöglichkeiten können auch unsere Absolventen ihre Berufung erfüllen.

Möge der Herr geben, dass durch diesen Dienst das Evangelium sein Ziel erreicht – und auch Ihre Spende und unsere Arbeit gesegnet wird.

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Sie können die Studierenden an der Theologische Hochschule in Ungarn mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sárospatak“ unterstützen.