25 Jahre Reformierte Theologische Hochschule

Gyula Pásztor

pdfRGOW 12/2016, S. 28-29

25 Jahre Reformierte Theologische Hochschule in Sárospatak

Die Theologische Hochschule im ungarischen Sárospatak bietet Abschlüsse in Theologie, Religionspädagogik, für Gemeindehelfer, eine Volkshochschule und weitere Fachweiterbildungen an. Großer Stellenwert wird Sozialpraktika unter älteren Menschen, Menschen mit Behinderung und unter Roma beigemessen. Das Institut G2W unterstützt ungarische Studierende aus der Karpato-Ukraine an der Hochschule, deren wirtschaftliche Situation sich aufgrund des Kriegszustands in der Ostukraine merklich verschlechtert hat.

Am 12. Oktober 2016 haben sich ehemalige und aktuelle Studierende und Dozierende der Reformierten Theologischen Hochschule in Sárospatak zu einem schönen Dankesfest zusammengefunden. 25 Jahre ist es her, seit das Institut nach 40-jähriger Zwangspause seine Türen wieder öffnen durfte. Es tat gut, sich an die Ereignisse der letzten zweieinhalb Jahrzehnte zu erinnern. In den 1990er Jahren war unsere Institution eine Hochschule, an der nur Pfarrer ausgebildet wurden. Sehr viele Kandidaten/-innen bewarben sich damals für ein Theologiestudium. Das war wichtig, weil in der damaligen reformierten Kirche ein Mangel an Pfarrern herrschte. In der Zwischenzeit sind die Studiengänge wesentlich erweitert worden. Seit 2005 werden an der Hochschule auch Religionspädagogen für die Primarstufe und Gemeindehelfer ausgebildet.

Neue Studiengänge und Entwicklungen
Die Fortbildung der Presbyter und Laienarbeiter ist seit 2005 ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Es liegt in unserer Verantwortung, zur Erneuerung der Gemeinden beizutragen, weil dies nicht nur durch neu ausgebildete Pfarrer geschehen kann. Damit die Erneuerung der Gemeinde vielseitiger wird, haben wir innerhalb der Theologischen Hochschule auch eine sog. Volkshochschule eingerichtet, an der Gemeindeglieder ohne besondere Vorbedingungen studieren können. Dieser Fernkurs dauert 10 Monate lang.
2009 hat die Hochschule ein neues Bachelorprogramm für Community Organizer (diese sind in einer Dorf- oder Kirchgemeinde für organisatorische Dinge verantwortlich) eingerichtet. Dabei werden Fachleute für Gemeindeorganisation, für die Mission unter den Roma, für Diakonie und Kirchenmusik ausgebildet. Erfreulich ist, dass viele Studierende, die bisher meistens die Diakonie bevorzugten, im letzten Schuljahr die Roma-Mission gewählt haben. Seit 2015 gibt es auch eine zweijährige Fachweiterbildung, bei der Pfarrer, Religionspädagogen oder andere Studierende Pastoralpsychologie, Hospiz-Seelsorge oder kirchliche Kommunikation studieren können. Zurzeit planen wir zusammen mit der Universität in Miskolc eine gemeinsame Ausbildung für Sozialarbeiter. Da unsere Region aufgrund von Abwanderung, Überalterung und – besonders unter den Roma – von Armut betroffen ist, wird Sozialarbeit in den Gemeinden immer wichtiger. Diesen Kurs möchten wir im September 2017 einführen.
Am Festakt zum 25-jährigen Bestehen wurde auch die Eröffnung des neuen, modernen Internats für Männer gefeiert. Dieses ist von Januar bis August sehr schnell erbaut und eingerichtet worden, im September konnten die jungen Männer bereits einziehen. Damit ist der notwendige Ausbau der Infrastruktur der Hochschule zum Abschluss gekommen.

Engagement für Ungarn in der Karpato-Ukraine
Die Hochschule sieht sich in einer ständigen Verantwortung für die Ungarn, deren Heimat nach dem Ersten Weltkrieg jenseits der ungarischen Grenzen liegt, nämlich in der Slowakei, in der Ukraine, in Rumänien und in Serbien. Da es in der Karpato-Ukraine keine protestantische Hochschule gibt, ist die Theologische Hochschule in Sárospatak gewissermaßen auch zu deren Hochschule geworden. Das war im Grunde bereits vorher so, weil die beiden Gebiete zu einem Kirchendistrikt gehörten. Auf die letzten 25 Jahre zurückzuschauen ist auch deshalb erfreulich, weil Jugendliche aus der Karpato-Ukraine nach der langen Isolation nun frei bei uns studieren können. So gibt es Jahrgänge, in denen mehr als die Hälfte der Vollzeitstudierenden aus diesem Gebiet kommt. Um die Ausbildung ungarischer Lehrkräfte zu fördern, unterstützt der ungarische Staat zudem eine Hochschule im westukrainischen Beregovo (ungar. Beregszász), an der wir im Rahmen der Katechetenausbildung beteiligt sind. In diesem Schuljahr zählen wir dort 40 Studierende.
Derzeit planen wir einen Gedenktag im Hinblick auf die Pfarrer und Gemeindeglieder aus der Karpato-Ukraine und aus Ungarn, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Lager des sowjetischen GULag verschleppt wurden. Sie haben dort mehrere Jahre gelitten und viele von ihnen sind nie wieder nach Hause zurückgekehrt.
Wir sind froh, dass es zurzeit in der Ostukraine keine so heftigen Angriffe mehr gibt wie vor zwei Jahren. Der Kriegszustand besteht jedoch weiterhin. Die Einheimischen sind der Meinung, dass die gegenwärtige ukrainische Regierung daran interessiert ist, diese Situation aufrecht zu halten, um dadurch westliche Kredite zu erwirken. Es werden aber nicht mehr so viele Männer (auch ungarischer Abstammung) als Soldaten in das Donezk-Gebiet geschickt. Die Angst vor einer Einberufung hat deshalb in der Karpato-Ukraine etwas nachgelassen (s. RGOW 3/2015, S. 28–29).
Die wirtschaftliche Lage hat sich jedoch leider weiter verschlechtert. Da der russische Markt wegen des Konflikts für die Ukraine verschlossen ist, kann das Land seine landwirtschaftlichen und industriellen Produkte kaum mehr verkaufen. Viele Fabriken sind deshalb geschlossen worden. Die westlichen Investoren ziehen sich aus den Geschäften zurück. Es gibt deher weniger Arbeit, wobei das Gehalt einer einzigen Arbeitsstelle eine Familie kaum ernähren kann. Die Inflation ist im letzten Jahr auf etwa 100 bis 200 Prozent gestiegen.

Situation der Studierenden aus der Karpato-Ukraine
In dem Gebiet, aus dem unsere Studierenden stammen, betreiben die Familien meistens Landwirtschaft. Sie erzählen uns, dass sie, obwohl ihre Ausgaben um das Dreifache gestiegen sind, für ihre Produkte nur genauso viel Geld einnehmen wie vor dem Krieg in der Ostukraine. So verlassen diese Männer (und Frauen) ihre Heimat nicht, um der militärischen Einberufung zu entgehen, sondern um Geld zu verdienen. Demzufolge ist heute das größte Problem die – durch die Inflation entstandene – Auswanderung.
Im Hochschulwesen ist die Situation nicht viel leichter. Für Jugendliche ungarischer Abstammung ist es sehr schwer, in der Ukraine zu studieren, denn sie müssen eine sehr schwierige ukrainische Sprachprüfung ablegen. Stattdessen versuchen sie im Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Deshalb sind wir besonders dankbar, dass vier von unseren Studenten im sechsten Jahrgang ihr Praktikum in der Karpato-Ukraine absolvieren: Zwei von ihnen arbeiten in Beregovo, wo eine große Kirchgemeinde existiert, die viele Mitarbeiter für die vielseitigen geistlichen und sozialen Aufgaben braucht. Zwei weitere Studenten sind in Dörfern engagiert, in denen größere Gemeindekreise entstanden sind, um die älteren Pfarrer zu entlasten. Im letzten Jahr hat nur ein Student aus der Karpato-Ukraine sein Studium abgeschlossen. Er ist in sein Heimatland zurückgekehrt und arbeitet weiterhin in der dörflichen Gemeinde mit, in der er sein Praktikum absolviert hat. Für die Gemeinden wird solches Ausharren immer wichtiger. Er ist ein Beispiel für diejenigen, die daran festhalten können, dass Gott sie in ihrer Heimat segnen wird.
Der ungarische Staat unterstützt die Studierenden aus der Karpato-Ukraine. Abhängig von ihrer sozialen Lage und ihren Studienergebnissen haben sie Anspruch auf Sozial- und Studienstipendien. Diese fallen aber immer noch zu gering aus, um die Lebenshaltungskosten vollumfänglich zu finanzieren. Die Studierenden sind daher auch auf Unterstützung seitens ihrer Familien angewiesen. Eine große Hilfe ist dabei auch die Unterstützung durch das Institut G2W. Dazu seien hier einige Äußerungen unserer Studenten zitiert: „Ich bin dankbar für die Unterstützung durch das Institut G2W, weil ich dadurch wichtige theologische Bücher kaufen kann, was ich mir sonst nicht leisten könnte“ (T. A.). – „Da ich schon etwas älter bin als meine Mitstudenten, können mich meine Eltern von ihrer Rente nicht unterstützen. Neben meinem Stipendium versuche ich mit meiner Arbeit Geld zu verdienen. Die Unterstützung durch G2W ist mir eine wesentliche Hilfe, um meine täglichen Kosten zu decken, wofür ich mich hier bedanken möchte“ (S. V.). – „Die Unterstützung trägt mit dazu bei, die Nahrungskosten zu decken und regelmäßig nach Hause fahren zu können“ (M. Cs.).

Die kirchliche Lage in Ungarn
Es ist eigenartig, wie sich die Gesellschaft in Ungarn polarisiert. Um eine Arbeitsstelle zu finden, ziehen viele Menschen in die Großstädte, deren Agglomeration oder ins Ausland. In den Großstädten hat die Kirche die Aufgabe, neben den schon lange säkularisierten Stadtbewohnern auch diese Menschen aufzusuchen und anzusprechen. Dafür braucht es Treue, Kraft und neue Methoden zugleich. In den kleineren Dörfern bleiben oftmals nur die Alten und Roma zurück. Damit lösen sich jedoch zugleich die traditionellen Kirchgemeinden auf. Die Kirche muss lernen, ihre Berufung auch unter diesen ganz neuen Umständen zu erfüllen.
Die Theologische Hochschule hat die Aufgabe, die zukünftigen Pfarrer und Mitarbeiter auf diese Arbeit vorzubereiten. Diesem Zweck dient das missionarische Praktikum, das die Theologiestudierenden unter älteren Menschen, Menschen mit Behinderung bzw. unter den Roma zu leisten haben. Darüber hinaus bemüht sich die Hochschule, möglichst viele Gemeindebesuche in kleineren und größeren Gemeinden zu organisieren, damit die Studierenden die aktuelle Lage der Gemeinden, das Leben dort und den Dienst eines Pfarrers näher kennenlernen. Dabei hat sich in den letzten Jahren klar gezeigt, dass – aufgrund der kulturellen Unterschiede – Roma und Ungarn im Allgemeinen keine gemeinsamen Gemeinden bilden können. So müssen die Pfarrer und ihre Mitarbeiter im Rahmen der Roma-Mission innerhalb der Gemeinden getrennte Roma-Gruppen gründen und sie parallel betreuen. Diese Arbeit muss deshalb immer eine missionarische, soziale und lehrende Arbeit zugleich sein. Das erwarten auch die Roma selbst. Da sich auf diesem Gebiet noch keine festen Wege herauskristallisiert haben, ist es umso wichtiger, die verschiedenen Versuche zu beobachten, zu sichten und auszuwerten.
Wir beten dafür, dass diese Suche nach neuen Wegen der Gemeindearbeit und die damit verbundene Vorbereitung auf die nähere Zukunft ein wirksames Mittel der Erneuerung in unserer Kirche sein möge. Möge der Herr uns darin führen und segnen.

* * *

Sie können die Studierenden an der Theologischen Hochschule in Sárospatak mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sárospatak“ unterstützen.