Bereit für Veränderungen

 Gyula Pásztor

Die Theologische Hochschule im ungarischen Sárospatak bietet verschiedene Abschlüsse in Theologie, Religionspädagogik und Sozialarbeit an und engagiert sich in der Weiterbildung der lokalen Presbyter und Gemeindeglieder. Das Institut G2W unterstützt mittels Stipendien das Studium ungarischer Studierender aus der Karpato-Ukraine an der Hochschule. Der Studierendenpfarrer Gyula Pásztor gibt einen Einblick in das Leben der Hochschule. – S. K.

pdfRGOW 1/2019, S. 28-29

Mit einem feierlichen Aussendungsgottesdienst am 14. Dezember hat das Jahr 2018 an der Theologischen Hochschule in Sárospatak geendet. Ursprünglich war dies ein Abendmahlsgottesdienst, bei dem die Theologiestudierenden, die an Weihnachten in den Gemeinden Dienste leisten, beauftragt wurden, die frohe Botschaft als Boten Gottes und des Reformierten Kollegiums zu verkündigen. Seitdem die Hochschule mehrere Ausbildungsmöglichkeiten anbietet, ist dieser Abend ein größeres Fest geworden. Am vorletzten Wochenende vor Weihnachten werden alle unsere Studierenden zu einer Konsultation versammelt, und am Freitagabend – im Rahmen eines Gottesdienstes – bereiten wir uns gemeinsam auf die Feier der Inkarnation Gottes vor. Es ist eine Art freudiger Vorwegnahme des Festes. Eine Gelegenheit, bei der alle Teilnehmer – Theologen, Katecheten, Gemeindehelfer, Presbyter, Studierende und Dozenten – gestärkt und gesegnet in ihren Dienst weitergehen können. Nach dem Gottesdienst bleibt die Gemeinde zum Gastmahl zusammen. Früher gingen die Studierenden an diesem Abend noch zu ihren Dozenten, um mit ihnen die Weihnachtsgeschichte zu lesen und zu singen. Das geschieht heute einen Tag vorher.

Höhepunkte des Studienjahres
Anfang Dezember fand auch das jährliche Treffen der ehemaligen und jetzigen Studierenden statt. Das Thema, das dabei besprochen wurde, ist sehr aktuell: Pfarrerausbildung und Pfarrernachwuchs. In der Reformierten Kirche sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass immer weniger Jugendliche Theologie studieren und Pfarrer werden wollen. Dies bemerken zuerst die Ausbildungsstätten, dann aber auch die Gemeinden. Das Ziel des Treffens war daher, die kirchlichen und gesellschaftlichen Vorgänge besser zu erfassen. Im Mittelpunkt standen folgende Fragen: Wie verhält sich die Kirche in der Gesellschaft und wie reagiert sie auf die aktuellen Herausforderungen? Inwiefern erfüllt sie ihre Berufung? Ist sie in den Augen der Jugendlichen authentisch? Spielen die Jugendlichen im Leben der Gemeinden eine Rolle, so dass sie jene auch in ihren täglichen Dienst einbeziehen? Die Diskussion, zu der auch kirchenleitende Vertreter eingeladen worden waren, war sehr aufschlussreich, auch wenn wir uns erst am Beginn eines längeren Reflexionsprozess befinden.

Im Laufe des vergangenen Jahres hat eine Gruppe von Studierenden ein Theaterstück über das Leben von Albert Szenci Molnár einstudiert und an der Hochschule und in mehreren Gemeinden vorgestellt. Molnár hat die 150 Psalmen von Téodore de Bèze und Clément Marot 1606 ins Ungarische übersetzt. Diese Psalmen spielten eine wichtige Rolle im Leben der ungarischen Protestanten und werden in der Reformierten Kirche in Ungarn auch heute noch regelmäßig gesungen.

Im Sommer konnten die Renovierungsarbeiten im Hauptgebäude abgeschlossen werden. Die Flure wurden nach dem alten Muster mit neuen Türen und Böden versehen. Die Lampen und elektrischen Kabel wurden ausgetauscht, und die Wände bekamen eine neue Täfelung. Zur Zeit der kommunistischen Regierung, als die Theologische Hochschule nicht tätig sein durfte und in dem Gebäude ein Internat für Gymnasiasten untergebracht war, waren die Türen und Böden entsprechend dem geschmacklosen sozialistischen Baustil ausgewechselt worden. Es ist nun ein sehr erfreuliches Gefühl, die Flure wieder in ihrer alten Pracht zu sehen.

Das historische Institut „Reformiertes Kollegium in Sárospatak“ besteht nach dem alten Motto: „tres faciunt collegium“ auch heute wieder aus drei Einheiten: die Schule mit Grundschule und Gymnasium, die Hochschule (Theologische Akademie) und die wissenschaftlichen Sammlungen (Bibliothek und Museum). Diese Zusammengehörigkeit zeigt sich auch darin, dass das Kollegium seit einigen Jahren wieder einen gemeinsamen Chor von Gymnasiasten und Studierenden hat. Dieser hatte im Jahr 2018 mehrere Auftritte, der unvergesslichste Auftritt war dabei im Gefängnis, wo der Chor zum ersten Mal vor Sträflingen sang. Die dankbaren Gesichter und späteren Rückmeldungen haben uns besonders gestärkt. In diesem Gefängnis leistet unsere Hochschule auch sonst einen regelmäßigen Verkündigungsdienst.

Neben den bisherigen Fächern hat die Theologische Akademie im September 2018 ein neues Fach eingeführt: Diakonie. Dieser Abschluss ist staatlich anerkannt, so dass man nach dem Studium sowohl in der Kirche als auch im Sozialwesen arbeiten kann. Der diakonische Dienst wird in Ungarn immer wichtiger. Dazu hat die Hochschule im Winter neu mit der Obdachlosen-Mission in Sárospatak zusammen gearbeitet. Studierende und Dozenten haben gemeinsam für die Bedürftigen gekocht und anschließend das Essen verteilt. Diese Arbeit steckt noch in Kinderschuhen, aber wir hoffen auf eine Fortsetzung.

Viel Freude hatten wir 2018 auch an der sog. Volkshochschule, an der sich Presbyter weiterbilden können. Im Frühjahr hatten wir im Kirchbezirk von Nagykároly (ein von Ungarn bewohntes Gebiet in Transsylvanien, das heute zu Rumänien gehört) eine größere Gruppe und in diesem Wintersemester in Sárospatak. Es ist eindrücklich mitzuerleben, wie Pfarrer und Presbyter sich zusammen auf ihren gemeinsamen Dienst vorbereiten.

Schwierige Situation in der Karpato-Ukraine
Ein Drittel unserer Vollzeitstudierenden kommt aus der Karpato-Ukraine. So sind wir auch von den Entwicklungen in der Ukraine betroffen. Dort stehen Ende März Präsidentschaftswahlen an, die das politische Leben bestimmen. Die Zustimmungswerte zum jetzigen Präsidenten sind sehr gering, so dass es von nationalistischen Kreisen Bestrebungen gibt, bestimmte Gruppen als Gegner der Ukraine beschuldigen zu wollen, um so Stimmen zu gewinnen. Ins Visier geraten dabei leicht nationale Minderheiten. Neben den Russen in der Ostukraine sind das vor allem Ungarn und Polen in der Westukraine. Die Karpato-Ukraine war bis zum Ersten Weltkrieg ein Teil des Königreichs Ungarn, fiel dann aber an die Tschechoslowakei und nach dem Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion bzw. später an die Ukraine. Die einheimischen Russinnen/Ukrainer und Ungarn könnten in Frieden nebeneinander leben, doch dieser Friede ist in jüngster Zeit in Gefahr. Auf großformatigen Plakaten wurden beispielsweise der ungarische Abgeordnete und die Rektorin der ungarischen Hochschule in Beregovo als Feinde der Ukraine dargestellt. Mit der Hochschule in Beregovo bietet die Theologische Akademie eine Katechetenausbildung an. Bürger, die neben der ukrainischen auch die ungarische Staatsangehörigkeit angenommen haben, werden eingeschüchtert, obwohl dies gesetzlich erlaubt ist. Sie werden als „Separatisten“ bezeichnet.

Es dauert auch immer noch sehr lange, die ungarisch-ukrainische Grenze zu passieren. Außerdem wurde in der Ukraine wieder die Wehrpflicht eingeführt. Die militärische Führung hat zwar versprochen, dass Soldaten aus der Karpato-Ukraine nicht in die Kriegszone nach Osten abkommandiert werden. Allerdings glauben das die jungen Männer kaum und versuchen daher, eher ins Ausland zu gehen, um eine Einberufung zu vermeiden. Diese Lage stellt auch für die Kirche eine große Herausforderung dar: Einerseits möchte sie ihren Mitgliedern beistehen und sie im Zuhause-bleiben stärken, andererseits sind die Pfarrer als Führungspersönlichkeiten der ungarischen Gemeinschaft auch selbst gefährdet. Wir hoffen und beten, dass sich dieser Zustand nach den Wahlen ändert. Zugleich sind wir dankbar, dass auch in diesem Jahr zwei unserer Vikare ihr Praktikum in der Karpato-Ukraine leisten.

Vor diesem Hintergrund ist die Unterstützung durch G2W für die Studierenden aus der Karpato-Ukraine mehr als eine finanzielle Hilfe. Aber auch diesen Beistand brauchen sie. Der Durchschnittslohn in der Ukraine beträgt etwa ein Fünftel dessen, was in Ungarn verdient wird, doch die Kosten sind fast gleich. Die Familien sind also auch weiterhin kaum in der Lage, selbst die Kosten für ein Studium in Ungarn zu tragen. Deswegen hilft ihnen bis zu einem gewissen Grad der ungarische Staat. Zwar versuchen die Studierenden, in den Ferien selbst ein wenig Geld zu verdienen, doch nach wie vor sind die Stipendien von G2W ein wesentlicher und unverzichtbarer Beitrag zu deren Lebenshaltungskosten. Dazu möchte ich zwei Äußerungen von Studierenden zitieren: „So konnte ich mir wichtige Kommentare kaufen, die ich sonst nicht hätte besorgen können. Ich bin dankbar dafür.“ (M. K.) und: „Ich kaufe mir von diesem Geld meistens Lebensmittel. So können meine Eltern meine jüngeren Geschwister besser unterstützen.“ (Zs. M.) Im Namen unserer Studierenden möchte ich mich ganz herzlich bei den Spenderinnen und Spendern von G2W für die treue Unterstützung bedanken.

Sie können die Studierenden an der Theologischen Hochschule in Sárospatak mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sárospatak“ unterstützen.