Ein Lebenszeichen von der Theologischen Hochschule in Sárospatak

Gyula Pásztor

Die Corona-Krise hat auch den Lehrbetrieb der Reformierten Theologischen Hochschule im ungarischen Sárospatak beeinträchtigt. Er findet momentan nur virtuell statt, hat jedoch auch zu einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl geführt. Das Institut G2W unterstützt mittels Stipendien das Studium ungarischer Studierender aus der Karpato-Ukraine an der Hochschule. Der Studierendenpfarrer Gyula Pásztor gibt Einblick in das Leben der Hochschule zu Corona-Zeiten. – S. K.

Während ich diese Zeilen schreibe, sind die Gebäude der Reformierten Theologischen Hochschule in Sárospatak ganz still und leer. Nur manche Mitarbeiter tauchen ab und zu zwischen den historischen Gemäuern auf. Das Gewimmel, das gewöhnlich an den Wochenenden herrscht, ist langsam vergessen. Hoffentlich aber nur vorübergehend. Es war ein sehr besonderes, trauriges Gefühl, Mitte März die Studierenden zu entlassen, als wenn sie sich retten sollten. Das letzte Mal hat die Hochschule so etwas während des Zweiten Weltkrieges erlebt. Wie damals waren auch jetzt die Entlassungsworte: „Gott behüte Euch!“ Und: „Nehmt Eure Bücher mit!“

Lernprozess für Lehrende und Studierende
Dann begann ein schneller Lernprozess – besonders für das Lehrpersonal. Auch die älteren Dozierenden mussten die neuesten Online-Techniken erlernen. Auch wenn dies nicht immer vollständig gelungen ist, konnten wir auch solche Probleme lösen – das hätten wir vorher nicht gedacht! Für die Studierenden – so meine Einschätzung – war die bewusste, disziplinierte Zeiteinteilung zu Hause etwa genauso schwer wie unsere Aufgabe. Hoffentlich ist es ihnen gelungen. Das stellt sich erst bei den Prüfungen heraus. Es ist eine große Hilfe, dass die Netzabdeckung überall gut funktioniert, wo unsere Studierenden herkommen, auch in der Karpato-Ukraine. So können wir leicht miteinander den Kontakt halten. Das „Fernlehren“ braucht jedoch immer neue Ideen und Lösungen. Wir hoffen, dass wir dieses Semester bis auf das Examen zu den geplanten Terminen abschließen können.

Diese Corona-Zeit hat aber auch Vorteile: Mehr als bisher merkt man, wie wertvoll die unmittelbare Gemeinschaft in den Hörsälen, im Internat, auf dem Flur und im Gottesdienst ist. Um dies zu kompensieren, sind unsere Briefe untereinander auch unbewusst viel persönlicher geworden. Es ist auch gut von verschiedenen Studierenden in unterschiedlichen Lebensaltern zu hören, wie treu sie aneinander denken. Ja, wir lernen auch treuer füreinander zu beten.

Diese Krisensituation lehrt auch die Gesellschaft: Es war auffallend, besonders in den ersten Wochen, wie die Menschen auf der Straße, in den Geschäften und generell am Wohnort viel rücksichtsvoller geworden sind. Der Kampf gegen das Virus und füreinander ist ein gemeinsames Anliegen geworden – auf die älteren Menschen zu achten, sie zu betreuen, die Mitarbeiter im Gesundheitswesen und die Verkäuferinnen im Geschäft zu schätzen, ist wichtiger geworden als früher. Viele haben einen Dienst gefunden, wie sie helfen können. So gibt es – Gott sei Dank – in Ungarn bis jetzt relativ wenige Erkrankungen. Unter unseren Studierenden wissen wir nur von einem, der sich infiziert hatte. Er ist aber mittlerweile schon wieder genesen.

Erneuerung des historischen Kollegiums
Auch die Regierung handelt in dieser außergewöhnlichen Lage sehr verantwortlich. Wir erleben es so, dass das Kabinett und die zuständigen Behörden für alles zu sorgen versuchen, was möglich ist. So schickten sie von den Reserven an Schutzmitteln auch welche an die Krankenhäuser, die jenseits der Grenzen in der Karpato-Ukraine und in Transsylvanien (Rumänien) liegen, wo viele Ungarn leben. Die Hilfsmittel kamen selbstverständlich nicht nur der ungarischen Bevölkerung, sondern auch Ukrainern und Rumänen zugute. Für uns ist diese Hilfe deshalb so wichtig, weil wir auch in diesen beiden Gebieten Dienste leisten und mehrere Mitarbeiter haben. Im Jahr 2019 hatten wir einen Presbyter-Kurs im Kirchbezirk Nagybánya (Nord-Transsylvanien in Rumänien) und in diesem Winter in Szilágyság, Bezirk Zilah (Rumänien). An den beiden Kursen nahmen viele Presbyter teil, jeweils etwa 150–180 Personen. Mit Freude berichteten sie über die Hilfen, die die dortigen Gemeinden für die Renovierung ihrer Kirchen vom ungarischen Staat erhalten. So sind wir auch dankbar, dass unser Land trotz der heutigen Krisensituation den verfolgten Christen im Nahen Osten (im Irak und Syrien) bei der Widerherstellung ihrer Kirchen und Schulen behilflich ist.

Das historische Kollegium, Teil dessen auch die Theologische Akademie ist, hat vom Staat eine Unterstützung bekommen, um die Rekonstruktionsarbeiten zu beenden, die schon seit der Wende aktuell sind. Ein Teil der Gebäude ist noch in dem Zustand, wie sie die Kirche im Jahr 1990 zurückbekommen hat. Bislang wurden bereits die Mensa und ein Internat für Gymnasiasten erneuert. Jetzt sind die Arbeiten am schulhistorischen Museum und im Schulgarten (ein größerer Park) im Gang. Im nächsten Jahr kommen dann die Fenster am Hauptgebäude und der Innenhof an die Reihe. Sie werden hoffentlich sehr schön aussehen.

Unsere Hochschule hat schon sehr lange gute Kontakte zum Protestantischen Theologischen Institut von Kolozsvár (Cluj-Napoca in Rumänien). Durch das Erasmus-Programm kommen regelmäßig Studierende von dort nach Sárospatak, und umgekehrt verbringen mehrere von unseren Studierenden dort ein bis zwei Semester. Das gilt auch für die Dozierenden. Im letzten Jahr war dieses gegenseitige Programm besonders reichhaltig. Im Frühling 2019 nahmen wir dort mit einer Gruppe von unseren Studierenden an einem Kurs zum Thema „Diaspora-Mission“ teil. Das ist Teil unseres Dienstes, der in den nächsten Jahren immer wichtiger werden wird – und in Transsylvanien schon lange eingeübt wird.

Studierende aus der Karpato-Ukraine
Ein großer Teil unserer Studierenden kommt aus der Karpato-Ukraine. Dass die Leiter der Studentenselbstverwaltung meistens aus ihren Reihen gewählt werden, zeigt die Anerkennung gegenüber den Studierenden von dort. Der „Senior“ und der „Contrascriba“ werden von der Studentengemeinde gewählt. Sie sind verantwortlich für die Programme und Missionseinsätze der Studierenden, überwachen die Ordnung im Internat und vertreten die Studierenden im Senat. In diesem Jahr entstammen beide aus der Karpato-Ukraine.

Der Trend, dass an der Ausbildung für Religionspädagogik in Beregszász (Beregovo in der Karpato-Ukraine) immer weniger Studierende studieren, hat sich leider nicht verändert. Andererseits ist die Treue derer, die ausharren, umso beispielhafter. Im Jahr 2019 hatten wir dort nur fünf Absolventen, weshalb sie – anders als zuvor – an der Abschlussfeier in Sárospatak teilnahmen. Das hatte den Vorteil, dass sie ihre Mitabsolventen an der Theologischen Akademie kennenlernen und mit ihnen gemeinsam das Fest erleben konnten – aber auch den Nachteil, nicht in ihrer eigenen Gemeinschaft feiern zu können.

Auch der Nachwuchs aus der Karpato-Ukraine scheint für die Zukunft ungewiss zu sein. Das umstrittene ukrainische Sprachgesetz ermöglicht das Lernen in den Schulen in der Muttersprache für die Ungarn in der Karpato-Ukraine nur bis zur vierten Klasse. Dann sollen sie die meisten Fächer auf Ukrainisch lernen. Unserer Erfahrung nach können diejenigen, die in ukrainischen Schulen ihr Abitur machen, ihren sprachlichen Rückstand nur sehr schwer aufholen, auch wenn sie bis zum 9. Schuljahr Ungarisch gelernt haben. Es ist noch nicht absehbar, was die Folgen dieses tragischen Gesetzes sind. Es wurde zwar mit Blick auf die russischsprachige Bevölkerung in der Ostukraine verfasst, trifft aber die Ungarn viel härter, weil ihre Muttersprache keine slawische Sprache ist und sie beim Schreiben keine kyrillischen Buchstaben benutzen.

Eine weitere offene Frage ist, wie die Krisenzeit die Familien in der Karpato-Ukraine finanziell treffen wird. Es ist bekannt, dass wegen der Wirtschaftskrise und des Krieges in der Ostukraine viele Familienmitglieder im Ausland arbeiten. Sie sind in den letzten Monaten jedoch meistens zurückgekehrt. Man weiß noch nicht, ob sie ihre Stellen wiederbekommen können. Zu Hause finden sie leider keine Arbeitsmöglichkeit. Dazu kommt noch, dass die hiesige medizinische Betreuung die Patienten sehr viel kostet. Das ist auch ein Anlass dafür zu beten, dass das Virus sich nicht weiterverbreitet.

Im Juni 2020 war es 100 Jahre her, dass durch den Friedensvertrag von Trianon nach dem Ersten Weltkrieg zwei Drittel unseres Landes unter den Nachbarländern verteilt wurde. Es ist die besondere Verantwortung auch unserer Hochschule, unsere Volksgenossen die Zusammengehörigkeit über die Grenzen hinweg spüren zu lassen. Diese Mission möchten wir auf unserem Arbeitsfeld, so auch in der Karpato-Ukraine treu erfüllen.

Sie können die Studierenden an der Theologischen Hochschule in Sárospatak mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Sárospatak“ unterstützen.

pdfRGOW 7-8/2020, S. 44-45.