Wärme in Schnee und Eis

Regula Spalinger

pdfRGOW 1/2015, S. 28-29

Wärme in Schnee und Eis auf Tschukotka

Priestermönch Serafim Nosyrev betreut orthodoxe Kirchgemeinden in Russlands fernöstlicher Region Tschukotka. Vater Serafim und seinem Vorgänger, Priester Leonid Zapok, ist es mit Hilfe der einheimischen Bevölkerung (hauptsächlich indigene Tschuktschen und Yupik vom Volk der Eskimo sowie zugewanderte Russen) gelungen, Zellen eines neuen religiösen Lebens zu begründen. Gleichzeitig haben sie Arbeitsplätze für ausstiegswillige Alkoholabhängige und eine Anlaufstelle für die Ärmsten während der Winterzeit geschaffen.

In Lavrentia ist vieles jung: Die Siedlung mit heute knapp 1400 Einwohnern wurde vor weniger als 100 Jahren gegründet und ist somit der jüngste Ort in Russlands fernöstlicher Region Tschukotka. Lavrentia liegt am südlichen Ufer der gleichnamigen Bucht an der Beringstraße. Im offenen Meer weiter draußen strömen die Gewässer des Nordpolarmeers und des Pazifischen Ozeans zusammen. Durch die Lage der Tschukotka-Halbinsel nahe am Polarkreis sind die Temperaturen unwirtlich und kalt: Im wärmsten Monat Juli klettern sie kaum je über 10 °C, der Winter setzt bereits im September ein und dauert bis Mai. Minustemperaturen in den dunklen Wintermonaten von -20 °C sind keine Seltenheit, wobei Tiefstwerte von unter -40 °C möglich sind. Zudem können Schneestürme über eine Woche und länger über die Tundra fegen. Zeigt sich die Sonne, so heißt es rasch handeln: Boote, Netze und Gerätschaften bereit machen für die Fischer, aufbrechen für Jäger oder Rentierherden.

Die Urbevölkerung der Tschuktschen, die sich selbst als Luoravetlan („die echten Menschen“) bezeichnen, war an die wechselhaften, harten Naturbedingungen perfekt angepasst, ihre Naturverbundenheit pflegten die Tschuktschen durch eigene spirituelle schamanistischen Traditionen. Die an den Küsten sesshaften Yupik (die Eskimo auf Tschukotka) sowie die übrigen indigenen Völker pflegten ebenso ihre eigenen Bräuche und Sprachen. Doch durch die von außen aufgedrückte Kollektivierung während der Sowjetzeit wurden manche Dörfer komplett umgesiedelt und viele Angehörige der indigenen Völker entwurzelt. In den neuen Wohnorten fand eine Durchmischung statt, je nach Ort auch mit zugezogenen Russen oder Ukrainern. Angelockt durch höhere Löhne als auf dem „Festland“ (so nennen die Bewohner von Tschukotka alle westlich gelegenen Landesteile Russlands) arbeiteten letztere als Fachkräfte in Anadyr, der Hauptstadt des Autonomen Kreises der Tschuktschen, in den größeren Siedlungen oder in Bergwerksorten in der Gold-, Silber- und Kohleförderung. Doch die meisten dieser Ingenieure, Ärzte, Lehrerinnen und Verwaltungsangestellten hielten und halten auch heute nicht lange in Tschukotka aus; sind die Kinder groß oder spätestens mit der Pensionierung ziehen sie in ihre Heimat zurück.

Eine der jüngsten Kirchgemeinden Tschukotkas

Lavrentia ist auch eine der jüngsten Kirchgemeinden der Russischen Orthodoxen Kirche. Mit Vater Leonid Zapok erhielt sie bei ihrer Gründung 2001 einen auf der Tschuktschen-Halbinsel geborenen Russen als Vorsteher. Doch selbst ihn, den Stadtmenschen aus Anadyr, stellte der Aufbau eines Gemeindelebens in den schwer zugänglichen Siedlungen seines Bezirks vor viele Herausforderungen. Flächenmäßig umfasst das Gebiet mehr als 30000km2, also nur ein Drittel weniger als die ganze Schweiz (41285km2). Doch die Bevölkerung beträgt insgesamt lediglich 5000 Einwohner, davon entfallen allein1400 auf den Hauptort Lavrentia. Die wichtigsten weiteren Dörfer sind Lorino, Neschkan, Enurmino, Uelen und Intschoun, dazu eine Vielzahl kleinerer Siedlungen.

Da es keine Straßen, sondern nur lokale, im Winter befahrbare unbefestigte Pisten gibt, bleiben zur Fortbewegung per Luftweg nur kleine Linienflugzeuge (für Orte mit Flugplatz) oder teure Helikopter. In der kurzen Sommerzeit kann man für Orte entlang der Küste auf eine kostenpflichtige Mitfahrgelegenheit auf einem der Transportschiffe hoffen, von den Flüssen ist allein der Anadyr schiffbar. Im Winter gibt es außerdem Mitfahrgelegenheiten mit geländegängigen Raupenfahrzeugen, welche die Dörfer der Einheimischen mit Waren versorgen. Daher war es eine große Erleichterung, als Vater Leonid Zapok 2007 mit Unterstützung von G2W einen gebrauchten „Trekol“ (einen russischen Geländewagen mit riesigen, fast mannshohen Rädern) erwerben und in einer Reise zu zweit über 1000 km von Anadyr nach Lavrentia überführen konnte.

Vater Leonid hat später die Vorteile dieses Fahrzeuges eindrücklich geschildert: „Das wichtigste Ereignis des letzten Monats war meine Reise durch alle größeren Dörfer meines Bezirks. Ich habe in zwei Wochen eine Arbeit geleistet, für die ich früher Monate brauchte, sofern sie sich überhaupt leisten ließ. Erst der Trekol machte es möglich. Die interessanteste Reise führte mich nach Neschkan und Enurmino. Diese beiden Ortschaften sind in meinem Bezirk am schwierigsten erreichbar. Hier hat sich die traditionelle Lebensweise der Tschuktschen am besten erhalten. In den Dörfern spricht sogar die mittlere Generation der Einheimischen noch Tschuktschisch. Wal- und Robbenfang ist ihre Hauptbeschäftigung. Das Fleisch dieser Meerestiere ist für sie nicht bloß Zugabe, sondern Hauptspeise.“

Je häufiger Vater Leonid die Tschuktschensiedlungen besuchte, desto mehr erwarb er sich im Gespräch die Fähigkeit, in der Liturgiegestaltung auf die Psychologie der Tschuktschen einzugehen. In einem Fernsehinterview, das sich an angehende orthodoxe Priester richtete, äußerte er einmal, wie er erst mit der Zeit gelernt habe, dass die Liturgie in familiärer Umgebung die natürlichste Art für die einheimische Bevölkerung sei, um deren Inhalt aufzunehmen. Einfach, weil eine solche Form ihren angestammten Lebensweisen am nächsten komme. Den Rahmen des Gottesdienstes bilde eine freie Diskussion von persönlichen Fragen vor und nach der Liturgie.

Priester und Handwerker in einem

Vater Serafim Nosyrev ist der Nachfolger von Vater Leonid und betreut seit 2009 die Kirchgemeinde in Lavrentia. Er selbst stammt aus Kamtschatka, wo auch noch seine Mutter lebt, die er etwa alle zwei Jahre besuchen kann. Der Norden der Halbinsel Kamtschatka grenzt an Tschukotka, so waren die in Lavrentia herrschenden harten Naturbedingen Vater Serafim keineswegs fremd. In diesen fernöstlichen entlegenen Landesteilen Russlands sind praktische Fähigkeiten überlebenswichtig. Doch Vater Serafim besitzt solch handwerkliches Talent in erstaunlichem Ausmaß. So nutzt er den Trekol bei Besuchen entlegener Gemeindegebiete nicht nur als Fahrer, sondern führt Reparaturarbeiten am Geländewagen auch selbst aus.

Der Priestermönch wohnt in einer winzigen Eineinhalbzimmerwohnung direkt neben der Kirche. Diese Behausung sowie die dem Erzengel Michael geweihte Kirche von Lavrentia wurden auf den Grundmauern eines ehemaligen Wehrkommandos (örtliche Kommandobehörde des Militärs während der Sowjetzeit) errichtet. In die Wohnung von Vater Serafim bringen Dorfbewohner ihre Schuhe, wenn es etwas zu flicken gibt: also amtet er auch als Schuster. Ebenso näht er geschickt Pantoffeln, nicht für sich, sondern für andere. Und auf der Terrasse neben dem Haus hat er ein Gewächshaus eingerichtet, in dem allerlei Gemüse trotz der kalten Temperaturen des tschuktschischen Frühlings und Sommers gedeiht. So ist er seiner Gemeinde nicht nur in geistlichen Belangen ein Vorbild, sondern auch in der Bewältigung des harten Alltags.

Schon sein Vorgänger, Vater Leonid, bemerkte, dass Vater Serafim die Gabe habe, Tschuktschen und neue Ortsbewohner in die Gemeinde zu integrieren. In diese Richtung muss ein Geistlicher auf Tschukotka unablässig arbeiten, denn die russischstämmigen Gemeindeglieder bleiben wie erwähnt meist nur für ein bis zwei Jahrzehnte vor Ort. Besonders freut es Vater Serafim, wenn die Kinder zu den eigens für sie organisierten Anlässen drängen. Wie er erzählt, gab es sogar einen Fall, in dem die Eltern einer kinderreichen Familie durch ihre eigenen Jungen und Mädchen zu trinken aufhörten. Trunksucht ist durch die auf Tschukotka verbreitete Armut und Arbeitslosigkeit, die harten Lebensumstände des hohen Nordens, aber auch durch geistige Entwurzelung eines Teils der Bevölkerung eines der ernsthaftesten lokalen Gesundheitsprobleme. „Die Kinder dieser Eltern rannten zuerst von sich aus immer wieder zur Kirche, zu Veranstaltungen für die Kleineren. Danach brachten sie auch ihren Vater und die Mutter. Diese hörten darauf ganz mit dem Alkoholtrinken auf“, schildert Vater Serafim den glücklichen Ausgang der Geschichte.

Ereignisse aus dem Gemeindeleben

Vater Serafim lernte ich im November 2014 persönlich kennen. Er war für das Treffen, und um weitere Angelegenheiten „auf dem Festland“ erledigen zu können, extra nach Moskau gereist. Flüge von Lavrentia nach Anadyr, der Haupstadt von Tschukotka und Hub für die Weiterreise, gehen im Winter nur alle zwei Wochen ab, zudem sind wetterabhängige Verschiebungen von mehreren Tagen keine Seltenheit. Man kann sich vorstellen, wie viel Zeit Vater Serafim also für das ganze Vorhaben einrechnen musste!

Später, am 21. Dezember schrieb mir Gemeindehelferin Walentina Gontscharowa zu den Ereignissen im vergangenen Jahr: „2014 wurden in unserer Gemeinde 97 Personen getauft, unter ihnen 82 Kinder. Die Arbeit in der Sonntagsschule wurde nach der Sommerpause wieder aufgenommen. Gemeindeglieder spendeten einführende Handbücher zur kirchenslawischen Sprache, es wurden Schreibwaren angeschafft, die nötige Literatur sowohl für die Kinder als auch für die Erwachsenen ist vorhanden. Während der Sommerzeit konnten mit Hilfe von Gemeindemitgliedern und Vater Serafim alle Heizkörper in der Kirche vollständig erneuert werden. In der Bibliothek und in der Mönchszelle (der Wohnung von Vater Serafim) wurden einige leichte Renovierungsarbeiten durchgeführt. Zur Abdeckung der Böden im Mittelteil der Kirche und im Vorraum wurde neues Linoleum verwendet. Um die folgende Umbauetappe, die Erneuerung von Fundament und Böden im zentralen Teil der Kirche, angehen zu können, hat Vater Serafim eine Hebewinde angeschafft; Baumaterialien für die Verkleidung der Decke und der Wände werden zugekauft. Zum Renovierungsplan gehört auch die Erneuerung der Decke, doch dafür werden wir man einen Spezialisten hinzuziehen müssen, über den wir im Dorf zurzeit nicht verfügen. Wir werden damit bis zum Sommer warten, denn dann werden auswärtige Wanderhandwerker hier sein.“

Vater Serafim bedankt sich im Namen seiner Gemeinde ganz herzlich bei allen Spenderinnen und Spendern von G2W, die in der Vergangenheit sehr viel zur Durchführung solcher Arbeiten beigetragen haben und ihm weiterhin die Unterstützung der Bedürftigsten in seiner Kirchgemeinde ermöglichen.

Sie können Vater Serafim beim Gemeindeaufbau auf Tschukotka mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Tschukotka“ unterstützen.