Witwen als Kleinunternehmerinnen

Regula Spalinger im Gespräch mit Elena Lepeschonok

Der Wohltätigkeitsfonds „Mit Rat und Tat“ ist die erste NGO in Russland, die Witwen und deren Kinder unterstützt. Um den Frauen ein Auskommen zu sichern, hat „Mit Rat und Tat“ eine Weiterbildung zu Mikrounternehmertum organisiert, die bereits erste vielversprechende Ergebnisse zeitigt. Zudem berichtet die Co-Leiterin Elena Lepeschonok vom weiteren Ausbau des Selbsthilfenetzwerks.

G2W: Vor kurzem hat „Mit Rat und Tat“ zusammen mit einer Business-Schule ein Weiterbildungsprojekt für 20 Witwen durchgeführt. Wie kam es dazu?
Elena Lepeschonok: Die von uns betreuten Witwen müssen fast alle ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, da Witwenrenten in Russland nicht existenzsichernd sind. Viele der Frauen haben zudem Kinder im Kleinkind- oder Schulalter, für die sie nach dem Tod ihres Mannes die alleinige Erziehungsverantwortung tragen. Laut einer aktuellen Studie einer renommierten Moskauer Hochschule sind in Russland 41 Prozent der Frauen, die einen Haushalt ohne Partner führen (mit oder ohne Kinder), Witwen. Für die meisten ist es sehr schwierig, eine geeignete Arbeitsstelle zu finden. Viele müssen prekäre Jobs annehmen oder haben Probleme bei der Vereinbarung von Familien- und Arbeitszeit. Umso erfreulicher war es, als sich das Management Institute of Saint Petersburg (IMISP) an uns wandte und vorschlug, einen kostenfreien Business-Kurs für unsere Witwen durchzuführen. Dieser Vorschlag war genau das, was unsere Frauen brauchten. Nachdem wir die Witwen nach ihren Erwartungen an eine Weiterbildung befragt hatten, bereiteten wir gemeinsam mit IMISP das Unterrichtsprogramm vor.

Was stand im Mittelpunkt der Weiterbildung?
Die zweimonatige Weiterbildung, die in Blöcken jeweils freitags und samstags stattfand, stand unter dem Titel „Du am Steuer“ und vermittelte den Witwen Grundlagenwissen zur Entwicklung und Umsetzung eines eigenen Business-Projekts. Einige der Frauen führten bereits ein Mikrounternehmen, die anderen hatten eine Geschäftsidee. Die Unterrichtsmodule befassten sich mit Projektentwicklung, Produktmanagement, Finanzwissen und Buchhaltung. Geübt wurden auch öffentliche Auftritte. Jede Kursteilnehmerin wurde von einem Coach unterstützt, die oder der sich mehrmals mit ihr traf, um bei der Klärung von beruflichen Zielen und deren Etappierung zu helfen. Außerdem bezog IMISP Unternehmer:innen ein, die den Witwen als Tutoren bei der Formulierung ihres Berufsprojekts zur Seite standen. Trotz der herausfordernden Umstände zeigte die Weiterbildung großartige Resultate: Bei der Abschlusspräsentation am 10. Dezember 2021 verteidigten 19 von 20 Frauen erfolgreich ihr Projekt.

Wie geht der Geschäftsaufbau der beteiligten Frauen nun weiter?
Beispielhaft kann ich über die Projekte von drei Frauen berichten. Milena Bojko arbeitet als Pädagogin in einem Bildungszentrum und verfügt über eine behindertenpädagogische Zusatzausbildung. Da in St. Petersburg ein großer Mangel an betreuten Wohneinrichtungen besteht, hat sie ein Projekt zum „Begleiteten Wohnen für behinderte junge Erwachsene“ (Altersgruppe 18–30 Jahre) ausgearbeitet. Dazu hat sie bereits eine Umfrage unter Erziehenden aller städtischen Behindertenheime durchgeführt, die ein großes Interesse bekundet haben. Gemäß dem Rat ihres Coachs will Milena ihr Projekt in einer Mietwohnung mit vier bis sechs jungen Leuten starten.
Maria Markova, Mutter eines erwachsenen und eines sechsjährigen Sohnes, arbeitete früher im Einzelhandel und absolvierte dann ein Zweitstudium in Pädagogik und Psychologie. Ihr Projekt betrifft den Aufbau einer privaten Grundschulklasse. Dabei soll Homeschooling mit Präsenzunterricht kombiniert werden, was in Russland möglich ist. Sie hat zwar noch keine geeigneten Mieträume gefunden, doch wurde eine bestehende Privatschule auf ihr Projekt aufmerksam. Diese Schule hat sie kürzlich zu Gesprächen eingeladen und ihr angeboten, allenfalls deren Leitung zu übernehmen. Maria ist zudem sehr versiert im Online-Marketing und unterstützt unsere Organisation beim Fundraising, was für uns sehr wertvoll ist.
Olga Kozlova ist Mutter dreier Kinder und war einige Jahre als Leiterin eines Warenlagers tätig. Nach der Geburt des dritten Kindes machte sie ihre Leidenschaft für das Nähen zum Beruf. Vor drei Jahren starb ihr Mann an einer Krebserkrankung. Seither bringt Olga ihre Familie allein durch, vor allem über den Verkauf von Kleidern aus ihrer Kundenschneiderei. Während der Weiterbildung entwickelte Olga mit ihrem Coach ein neues, zentrales Label: Dreiteiler in großen Größen für Frauen. Zurzeit ist Olga auf der Suche nach Stofflieferanten mit einem geeigneten Preis- und Qualitätsangebot. Wir werden Olga bei der Fotosession behilflich sein, bei der eine unserer Witwen als Model die neuen Kombinationen tragen wird.

Wie wirkt sich die Covid-19-Pandemie auf Ihre Arbeit aus?
Nach wie vor finden die meisten unserer Anlässe online statt. Dazu zählen auch die psychologischen Unterstützungsgruppen, die allen Witwen, die sich an uns wenden, offenstehen. Fast jeden Monat startet eine neue Gruppe mit fünf bis acht Frauen unter der Leitung unserer erfahrenen Psychologen Elena Kartavenko und Nikolaj Ekimov. Einige der von uns betreuten Witwen haben ihren Mann in den letzten zwei Jahren durch die Pandemie verloren. Mit dem zwischenzeitlichen Abflauen der Pandemie im letzten Sommer konnten wir glücklicherweise auch wieder Ausflüge für die Witwen und ihre Kinder organisieren. Einige Frauen, die am Business-Kurs teilgenommen haben, sind momentan durch die starke Omikron-Welle in der Weiterführung ihres Projekts blockiert. Momentan erreichen die Fallzahlen jeden Tag neue Höchstwerte; der Höhepunkt der Omikron-Welle in Russland wird im Verlauf des Februars erwartet. Schwere Krankheitsverläufe sind zwar seltener geworden, doch erkranken derzeit besonders viele Kinder.

Was hat sich „Mit Rat und Tat“ für dieses Jahr vorgenommen?
Besonders am Herzen liegt uns das Kinderprojekt, das wir 2021 gestartet haben. In dessen Rahmen erhalten Kinder und Jugendliche – einzeln oder gemeinsam mit der Mutter – altersgerechte psychologische Unterstützung bei der Verarbeitung des Verlusts ihres Vaters. Unser russlandweites Selbsthilfenetzwerk regional verankerter Witwengruppen wird ebenfalls fortgesetzt. Ein strategisches Ziel ist dabei, dass wir in kleinen Schritten eine Ausbildung für Spezialist:innen aus NGOs und staatlichen Sozialdiensten, zu deren Klienten Witwen gehören, entwickeln möchten, um deren Know-how bei der Beratung der Frauen zu verbessern. Dazu konnten wir vor einem Jahr den Grundstein legen, indem wir ein Rundtischgespräch mit Fachpersonen aus verschiedenen Einrichtungen organisierten. Im Zentrum unserer Arbeit wird natürlich weiterhin die Unterstützung von Witwen und deren Kindern stehen. Die Co-Leiterin Alexandra Starostenko und ich sowie die Mitarbeitenden unseres Teams (eine Sozialarbeiterin, zwei Psychologen, eine Juristin) leisten regelmäßig kostenlose individuelle Beratung, führen Webinare und Gruppenanlässe für Witwen durch.

Wie entwickelt sich das Selbsthilfenetzwerk für Witwengruppen?
Im letzten Jahr erhielten wir Anfragen aus 44 verschiedenen russischen Regionen. Zudem kontaktierten uns sogar russischsprachige Witwen aus Nachbarländern und dem fernen Ausland. Insgesamt konnten wir im vergangenen Jahr rund 200 neuen und über 40 bisherigen Familien helfen. Unsere Ratgeberbroschüre, die wir zum Selbsthilfenetzwerk herausgeben, stößt auf große Nachfrage. Von unserer Internetplattform wurde sie mehrere hundertmal heruntergeladen. Momentan sammeln wir Mittel, um erneut Einführungs-Webinare, Kurse und Supervision für interessierte Witwen durchzuführen, damit sie in ihrer Region eine Selbsthilfegruppe aufbauen können. Nina Rjabova, unsere Mitarbeiterin in Saratov, ist weiterhin als Projektkoordinatorin tätig.
Am 2. Februar konnten wir das fünfjährige Bestehen unserer Organisation feiern. In diesen fünf Jahren war das Institut G2W an unserer Seite. Die Arbeit von „Mit Rat und Tat“ wäre ohne diese Hilfe nicht möglich gewesen. Dafür möchten wir von Herzen Danke sagen!

Sie können die Arbeit der Witwenhilfe „Mit Rat und Tat“ mit einer Spende auf das Konto des Instituts G2W (IBAN CH22 0900 0000 8001 51780) mit dem Vermerk „Mit Rat und Tat“ unterstützen.

pdfRGOW 2/2022, S. 28–29

Bild: Elena Lepeschonok (rechts), Alexandra Staro­stenko (Mitte) und Kristina Ganschina, die eine Selbsthilfegruppe in Jekaterinburg leitet.