Alles Propaganda? Russland in den Medien - Medien in Russland

Alles Propaganda? Russland in den Medien - Medien in Russland
G2W-Jahrestagung 2017 in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Osteuropäische Geschichte der Universität Zürich.

Dienstag, 23. Mai, 16:00 – 20:00 Uhr
Universität Zürich, Hauptgebäude, Hörsaal KOL-G-209
Rämi-Str. 71, 8006 Zürich
 

Propagandafabriken, "Kreml-Trolle", "Fake News" – viele sind angesichts der Berichterstattung über Russland verunsichert. Versucht die russische Regierung westliche Medien zu beeinflussen? Gibt es noch unabhängigen Journalismus in Russland? Und wie lässt sich jenseits polemischer Grabenkämpfe zwischen „Russlandverstehern“ und Russlandkritikern ein differenziertes Russlandbild zeichnen?

 
Programm
16:00 Uhr Öffentliche G2W-Mitgliederversammlung
17:30 Uhr Apéro im Lichthof Nord
18:15 Uhr Kurzreferate mit anschliessender Podiumsdiskussion zum Thema "Alles Propaganda? Russland in den Medien - Medien in Russland"
Moderation: Regula Zwahlen, Redaktorin RGOW
 
Tagungsbericht
Die diesjährige G2W-Jahrestagung widmete sich einerseits der Frage, inwiefern die russische Regierung in die Medienlandschaften im In- und Ausland eingreift, und andererseits, wie und mit welcher Kompetenz westliche Medien über Russland berichten. In Zusammenarbeit mit der Abteilung für Osteuropäische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich organisierte das Institut G2W eine Podiumsdiskussion mit Martin Krohs, Herausgeber des Informationskanals dekoder.org, Andreas Rüesch, Auslandredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, und Nada Boškovska, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich, die von Regula Zwahlen, Redakteurin der Zeitschrift Religion & Gesellschaft in Ost und West, moderiert wurde.

In seiner Begrüßung wies Jeronim Perović, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich, darauf hin, dass Falschmeldungen zwar so alt seien wie die menschliche Kommunikation überhaupt, dass sie aber in unserem Informationszeitalter ein bisher ungekanntes Ausmaß angenommen hätten. Martin Krohs ging in seinem Referat zunächst auf die gegenwärtige russische Medienlandschaft ein, die man sich als eine Torte vorstellen solle: Die dicke Sahneschicht obenauf stehe für das staatliche Fernsehen – nach wie vor die wichtigste Informationsquelle für 85 Prozent der Bürger der Russischen Föderation. Der dünne Biskuitboden dieser Torte hingegen bestehe aus diversen Publikationen, die aufgrund der geringen Leserschaft eine relative Unabhängigkeit genießen, jedoch eine gewisse rote Linie nicht überschreiten dürfen. Hier fänden durchaus inhaltliche Debatten statt, die dem häufig stereotypen Russlandbild des deutschsprachigen Lesers kaum entsprechen. Um diese Debatten dem deutschsprachigen Leser zugänglich zu machen, hat Krohs die Internetplattform dekoder.org gegründet, für die Artikel direkt aus den russischen Medien ins Deutsche übersetzt und gleichzeitig auch deren Kontext mittels Sacherklärungen ausgeleuchtet werden.

NZZ-Redaktor Andreas Rüesch fokussierte in seinem Referat auf die Militarisierung von „Information“ in Russland. Die russische Militärdoktrin von 2014 beispielsweise bezeichne die Untergrabung der „historischen, geistigen und patriotischen Traditionen“ durch Desinformation als eine Hauptgefahr im Innern. Auch Margarita Simonjan, die Chefredakteurin von „Russia Today“, das im Ausland in mehreren Sprachen die russische Sicht des Weltgeschehens präsentiert, betrachte „Information als Waffe wie jede andere“. Die Frage, ob es in Russland noch unabhängigen Journalismus gebe, beantwortet Rüesch klar negativ: Habe es vor dem Jahr 2000 noch eine gewisse Vielfalt gegeben, so sei seither eine zunehmende Gleichschaltung zu beobachten, die sich einerseits durch die Monopolstellung des Kremls, und andererseits durch eine weitgehende Selbstzensur der Journalisten auszeichne. Die wenigen verbleibenden kritischen Medien müssten jederzeit mit Repressionen rechnen.

Auch Nada Boškovska war der Ansicht, dass in Russlands Geschichte noch nie politische Bedingungen für einen freien und unabhängigen Journalismus geherrscht hätten. Doch auch das Russlandbild im Westen sei seit „Ivan dem Schrecklichen“ im 16. Jahrhundert äußerst negativ geprägt. Ebenso dürfe man nicht vergessen, dass auch im Westen Formen von Propaganda angewandt würden. Boškovska monierte, dass in westlichen Medien häufig sogar kulturelle Aspekte politisiert und die meisten Ereignisse immer mit Vladimir Putins in Verbindung gebracht würden.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmenden, dass die russische Regierung zahlreiche Kanäle nutzt, um die öffentliche Meinung auch im Westen mit dem Ziel zu beeinflussen, das Vertrauen in demokratische Prozesse zu erschüttern. Das Phänomen der Regierungspropaganda in und außerhalb Russlands dürfe weder unter- noch überschätzt werden. Fazit: Propaganda kann gedeihen, wo sie auf Unkenntnis trifft und stereotype Vorstellungen bedient.

Regula Zwahlen

Bericht in russischer Sprache von Nadezhda Capone auf swissinfo.org/ru
 
Referenten
krohs web2 Martin Krohs ist Herausgeber des Informationskanals dekoder.org, der dem deutschsprachigen Publikum direkte Einblicke in die russische Medienwelt bietet. 
 ar web  Andreas Rüesch ist als Auslandredaktor der NZZ u.a. für die Dossiers USA und Russland zuständig.
 boskovska nada neu web  Nada Boškovska ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Zürich
 

 

 
 
Bild oben (kyrillische Tastatur): © Monika Farling
 

 

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