Ausstellungen: Ikonen auf Munitionskisten aus der Ukraine

Offene Kirche Elisabethen, Basel
27. November 2022 bis 3. Januar 2023

jenseits im Viadukt, Zürich
26. Januar bis 17. Februar 2023

Kloster Ilanz, Klosterweg 16
März 2023

«Eine Ikone kann auf wundersame Weise nicht nur die Ereignisse von vor zweitausend Jahren wiedergeben, sondern auch die tragischen Ereignisse des modernen Krieges, der sich vor unseren Augen abspielt und in den Hunderttausende direkt verwickelt und Millionen vertrieben sind. Deckel von Munitionskisten, gesammelt an der Front, werden zu Trägern von Bildern, die die Sehnsucht der Menschen nach Frieden ausdrücken.»
Statement von Oleksandr Klymenko, Kurator der Ausstellung Ikonen auf Munitionskisten

Ausstellung in Basel:

Leben auf den Tod malen. Ikonen auf Munitionskisten aus der Ukraine

mit Ikonen der Familie Klymenko-Atlantova.
27. November 2022 bis 3. Januar 2023 – Vernissage am 1. Advent, 27. November, 17 Uhr
Offene Kirche Elisabethen, Elisabethenstrasse 14, 4051 Basel (Tram: Bankverein)
organisiert von Offene Friedenskirche für alle im Herzen von Basel, G2W - Ökumenisches Forum, Reformiertes Pfarramt für Weltweite Kirche BL/BS
pdfFlyer

Ukrainische ikonenausstellung

 

Interview von Regula Zwahlen mit Olexander Klymenko, Ikonenmaler und Kurator des Projekts "Ikonen auf Munitionskisten"

Wie kamen Sie auf die Idee, Ikonen auf Munitionskisten zu schreiben?

Die Idee, Ikonen auf Munitionskisten zu schreiben, entstand 2014 nach der Invasion Russlands im Donbass. Die über 1000 Jahre alte Kunstform der Ikonographie ist am besten geeignet, um die Ereignisse des mit modernster Technik geführten Krieges widerzuspiegeln. Als Ikonenmaler schreibe ich Ikonen als Zeugen des Sieges des Lebens über den Tod. Die Werke zeugen davon, dass wir den Krieg nur mit Liebe überwinden können. Wer einmal eine normale Ikone gesehen hat, wird feststellen, dass diese auf ganz ähnlichen Brettern (mit Querstreben zusammengehalten) geschrieben ist wie die Munitionskisten.
Ikonen auf Munitionskisten sind auch Aktionskunst: Die Freiwilligen, die an der Front die leeren Kisten aufsammeln, sind an dem Kunstprojekt mitbeteiligt. Wenn ich zu den Soldaten komme, begrüssen sie mich begeistert und fühlen sich nicht mehr nur als Kanonenfutter. An der Front weiss niemand, wann er sterben wird, der Tod kann jederzeit kommen. Daher spüren alle – egal ob gläubig oder nicht –, dass es etwas Transzendentes geben muss. An der Front ist überall nur Schmutz und Dreck und Blut, da will man raus, man will ans Licht. Diese Ikonen sehen die Soldaten als Licht, und ich sehe das in der Tradition des Kirchenvaters Gregorios Palamas, der gesagt hat: Gott ist Licht. Mit dem Erlös des Verkaufs der Ikonen finanzieren wir an der Front das erste mobile Freiwilligenkrankenhaus bei Charkiw.

Die „Mariupol Deesis“ ist Mariupol gewidmet. Was bedeutet das Werk für Sie?
2015 hatte ich in Mariupol eine Ausstellung, das war eine helle Hafenstadt mit schönen Konditoreien, Strassencafés in französischem Stil. Jetzt ist Mariupol zerstört, über 90% der Stadt liegen in Ruinen. Sie sehen unten auf den Ikonen des Mariupol-Deesis die Ruinen und Menschen, die noch in diesen Ruinen existieren. Sie beten, so wie wir, und sie brauchen unsere Gebete. Auch ich war einige Wochen als Freiwilliger bei der Evakuierung von Menschen aus Kampfgebieten beteiligt. Die Menschen, die aus Mariupol evakuiert wurden, wirkten auf mich wie Krebskranke, die der Krankheit schon fast erlegen sind, wie Schatten ihrer selbst, von grauenhafter Angst geprägt. Daher habe ich die klassische Ikonographie erweitert: Am unteren Rand ist die Silhouette der zerstörten Stadt zu sehen, über der sich die Ikonen erheben. Die Deesis zeigt das Jüngste Gericht – da werden die Heiligen und der Herr auf Seiten derjenigen sein, die jetzt leiden, nicht auf der Seite derjenigen, die jetzt morden. Diese Ikonen versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben: Wie kann Gott das zulassen? Das ist für mich das einzig verbleibende Argument für die Existenz Gottes: Er geht mit den Leidenden den Leidensweg.

 

ÜBER DIE KÜNSTLER

SONIA ATLANTOVA
(geb. 1981, lebt und arbeitet in Kyjiw, Ukraine)
Absolventin der Nationalen Akademie der Schönen Künste und der Architektur. Arbeitet im Bereich der Monumental- und Staffeleimalerei, Buchgrafik und Installationen. Beteiligte sich an Ausstellungen in der Ukraine und im Ausland. Ihre Bücher wurden in die Short- und Long-Lists mehrerer Literaturpreise in der Ukraine und im Ausland aufgenommen, insbesondere in die Liste "BBC Book of the Year".

OLEXANDER KLYMENKO
(geb. 1976, lebt und arbeitet in Kyjiw, Ukraine)
Absolvent der Nationalen Akademie der Schönen Künste und Architektur (1998), des Instituts für Kunstgeschichte, Volkskunde und Ethnologie und der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine (2002). Lehrtätigkeit am Staatlichen Institut für dekorative Kunst und Design in Kyjiw und an den höheren humanitären theologischen Kursen (Kyjiw). Er nahm an Ausstellungen in der Ukraine und im Ausland teil und organisierte eine Reihe von literarischen und künstlerischen Veranstaltungen und Performances. Autor der Idee und eine der Kuratoren des Projekts „Ikonen auf Munitionskisten“.

 

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 Aussstellung G2W-Jubiläum am 10.9.2022 in Chur  Die Mariupol-Deesis  Rückseite einer Ikone

 

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