RGOW 12/2016: 500 Jahre Reformation in Ostmitteleuropa

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In ganz Europa laufen die Vorbereitungen für die Feiern zu 500 Jahren Reformation. Die reformatorische Bewegung hat auch im östlichen Europa nachhaltige Spuren hinterlassen: Durch Studienreisen, brieflichen Austausch und die Verbreitung gedruckter Bücher fanden die Ideen Luthers, Zwinglis und Calvins auch zwischen Ostsee und Adria rasch zahlreiche Anhänger. Und im Gegensatz zu den blutigen konfessionellen Auseinandersetzungen in Westeuropa gab es in diesem religiös und ethnisch so vielschichtigen Raum sogar schon sehr früh verschiedentlich friedliche Ausgleichsversuche unter den Konfessionsgemeinschaften.
Diese Ausgabe lädt zum Entdecken der Reformationsgeschichte in Ostmitteleuropa ein, nimmt aber auch die gegenwärtige Situation einzelner evangelischer Kirchen in den Blick, die sich heute alle in einer Minderheitenposition befinden.

 

pdfInhaltsverzeichnis und Editorial

Leseprobe:
Luka Ilić, Angela Ilić: Evangelische Christen in den jugoslawischen Nachfolgestaaten

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Joachim Bahlcke: Reformatorische Aufbrüche zwischen Ostsee und Adria
Trotz der heute dominanten Rolle der katholischen Kirche in Ostmitteleuropa prägte die Reformation diese Region in der frühen Neuzeit nachhaltig. Aufgrund unterschiedlicher Voraussetzungen verliefen die Entwicklungen in den einzelnen Herrschaftsverbünden jedoch unterschiedlich und meist dezentral. Für die religiöse Landschaft war die zumeist friedliche Koexistenz verschiedener reformatorischer Strömungen charakteristisch.

Maciej Ptaszyński: Die Reformation in Polen und die Warschauer Konföderation
Reformatorische Ideen erreichten im 16. Jahrhundert über die städtischen Bildungseliten den polnischen Adel und beeinflussten dessen Kampf gegen die Privilegien des katholischen Klerus. Unter König Sigismund August erlebten die Kirchen der Reformation eine erste Blütezeit in Polen-Litauen. Die Warschauer Konföderation von 1573 diente als Friedensinstrument zwischen den Adligen aller Konfessionen, deren Anerkennung auch vom König gefordert wurde.

Jan-Andrea Bernhard: Die Reformation bei den Ungarn im Reich der Stephanskrone
Die Reformationsgeschichte im Königreich Ungarn war geprägt von der osmanischen Bedrohung und einem reformatorischen Humanismus. Dies führte dazu, dass sich die ungarischen Reformatoren eher an der schweizerischen als an der Wittenberger Reformation orientierten. Richtungsweisend war in dieser Hinsicht die Synode von Debrecen 1567, die sich ausdrücklich auf die Confessio Helvetica posterior berief.

János L. Győri: Debrecen als Reformationsstadt
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich Debrecen zu einem Zentrum der ungarischen Reformation helvetischer Prägung. Im 19. Jahrhundert spielte die Stadt im ungarischen Freiheitskampf eine wesentliche Rolle. Von größter Bedeutung ist bis heute das Reformierte Kollegium, das sowohl zu Zeiten der Gegenreformation als auch unter der Sowjetherrschaft reformierte Theologen ausbildete.

Gerhard Frey-Reininghaus: Evangelisch-Sein im Lande von Jan Hus und Hieronymus von Prag heute
Tschechien gilt als einer der säkularsten Staaten in Europa, entsprechend klein ist die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder. Ihre Gemeinden sind aber sehr lebendig und bieten vielfältige soziale Dienste an. In den letzten Jahren war die Erarbeitung neuer Finanzierungsmodelle eine wichtige Aufgabe.

Bischof Károly Fekete: Ungarische Reformierte im Karpatenbecken
Die Aufteilung Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg führte auch zur Entstehung mehrerer ungarisch-sprachiger reformierter Kirchen im Karpatenbecken. Erst 2009 gelang die Gründung einer neuen Dachorganisation in Form der Ungarischen Reformierten Kirche. Die Reformierte Kirche in Ungarn gedenkt 2017 nicht nur des Beginns der Reformation, sondern der Synode von Debrecen vor 450 Jahren, die als Gründungsdatum der reformierten Kirche im Karpatenbecken gilt.

Olga Lukács: Reformiert-Sein im heutigen Siebenbürgen
Seit dem politischen Umbruch hat die Reformierte Kirche in Rumänien eine geistliche Erneuerung erfahren. Dagegen verläuft die Restitution enteigneter Güter schleppend und erschwert Aktivitäten im Bildungsbereich. Finanzielle Schwierigkeiten und die Überalterung und Abwanderung in den siebenbürgischen Gemeinden bleiben Herausforderungen. Positiv haben sich die Zusammenarbeit und Versöhnungsbemühungen der rumänischen Kirchen entwickelt.

Luka Ilić, Angela Ilić: Evangelische Christen in den jugoslawischen Nachfolgestaaten
In Kroatien, Serbien und Slowenien stellen die Kirchen der Reformation kleine Minderheitenkirchen dar. Ihre Zentren liegen auf dem Land und sind oftmals mit bestimmten nationalen Minderheiten verbunden. Ein übergreifendes evangelisches Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt weitgehend, die Kontakte zu evangelischen Kirchen in Europa werden jedoch gepflegt.

Klára Tarr Cselovszky: Reformation als Erbe und Verpflichtung
Die Reformation ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern verpflichtet auch zur Weitergabe der Tradition. Um die tiefe Prägung Europas durch das Gedankengut der Reformation sichtbar zu machen, hat die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen Europas mehrere Projekte entwickelt. Eines davon konzentriert sich auf die „Reformationsstädte Europas“.

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