RGOW 4-5/2019: Ukraine fünf Jahre nach dem Majdan

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Fünf Jahre nach der "Revolution der Würde" haben die Ukrainer in freien Wahlen einen neuen Präsidenten gewählt. Die Abwahl des Amtsinhabers Petro Poroschenko verdeutlicht, dass die Bevölkerung mit den Resultaten seit dem Euromajdan nicht zufrieden ist. Zwar gibt es Reformerfolge bei der Dezentralisierung, im Gesundheitswesen sowie in der Außenpolitik, doch zentrale Forderungen nach einer effektiven Korruptionsbekämpfung, der Ablösung alter Eliten und einer umfassenden Transformation der Justiz sind noch immer nicht erfüllt.
Der friedliche Machtwechsel jedoch hebt sich wohltuend von vielen anderen Ländern in der Region ab, und eine aktive Zivilgesellschaft setzt sich nach wie vor dafür ein, dass die Forderungen des Euromajdan umgesetzt werden. Die Beiträge in dieser Ausgabe geben Einblick in Erfolge, Veränderungen und Herausforderung in verschiedenen Bereichen wie Politik, Gesellschaft, Religion und Kultur, und lassen dabei auch periphere Regionen nicht unberücksichtigt.

pdfInhaltsverzeichnis und Editorial


Leseprobe:
Volodymyr Fesenko: Eine Wahlrevolution in der Ukraine
Ievgeniia Gubkina: "Losing my Religion" - der ukrainische Sowjetmodernismus und wir

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Da umfangreicher, kostet die aktuelle Ausgabe CHF 12.- bzw. € 10.-.

IM FOKUS

Volodymyr Fesenko: Eine Wahlrevolution in der Ukraine

POLITIK & GESELLSCHAFT

Viktor Stepanenko: Fünf Jahre Majdan: Gewinne, Verluste und noch immer Hoffnungen
Mit Blick auf die Forderungen des Euromajdan zeigt sich in der Ukraine heute ein durchzogenes Bild. Positive Zeichen setzen die wirtschaftliche Erholung, erfolgreiche Reformschritte im Gesundheitswesen und bei der Dezentralisierung sowie die außenpolitische Annäherung an die EU. Dennoch bleiben die Herausforderungen groß, insbesondere im Justizwesen und bei der Korruptionsbekämpfung. Angesichts des schleppenden Reformtempos droht eine zunehmende Ermüdung und Frustration unter der Bevölkerung. 

Anton Marchuk: Licht und Schatten bei der Korruptionsbekämpfung in der Ukraine
Zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen in der Ukraine engagieren sich in der Korruptionsbekämpfung. Sie helfen beim Aufbau einer effizienten Antikorruptions-Infrastruktur und kontrollieren deren Aktivitäten. Zahlreiche Missstände konnten so behoben und Strafverfahren gegen hochrangige Personen eröffnet werden. Allerdings hat in den letzten Jahren auch der Gegenwind zugenommen, so werden Antikorruptionsaktivisten immer wieder Ziel von Angriffen.

Mykhailo Mishchenko: Brudervolk ade! Russlands Wahrnehmung in der Ukraine
Seit den 2000er Jahren entwickeln sich die Gesellschaften in der Ukraine und Russland verstärkt auseinander, was auch auf Unterschiede in der historischen Prägung zurückzuführen ist. Der Beginn des bewaffneten Konflikts 2014 hat diesen Prozess deutlich beschleunigt und zu einem zunehmend negativen Image Russlands in der Ukraine sowie einer Distanzierung von Russland geführt. 

Viktoriya Sereda: Intern Vertriebene aus dem Donbass und von der Krim
Die russische Annexion der Krim und der militärische Konflikt im Donbass haben eine große Fluchtbewegung ausgelöst. Viele Flüchtlinge sind in andere Regionen der Ukraine gezogen, andere in Nachbarländer wie Russland. Die intern Vertriebenen sind mit Schwierigkeiten bei der Arbeits- und Wohnungssuche konfrontiert, erfahren aber auch breite gesellschaftliche Unterstützung.

Hanna Hrytsenko: Aufstieg und Fall der ukrainischen extremen Rechten
Russland benutzt bis heute die ukrainische extreme Rechte als Feindbild. Bei den Präsidentschaftswahlen konnte die extreme Rechte jedoch nicht reüssieren. Alle ultranationalistischen Parteien bewegen sich unterhalb der Fünfprozenthürde. Auf der Straße nimmt dagegen die rechtsextreme Gewalt vor allem gegen die LGBT-Community und feministische Gruppen zu. 

RELIGION

Tornike Metreveli: Neue orthodoxe Kirche in der Ukraine: Licht am Ende des Tunnels?
In der Ukraine konkurrieren zwei orthodoxe Kirchen um Gemeindemitglieder und öffentliche Anerkennung. In diesen Konflikt sind sowohl die Patriarchate von Konstantinopel und Moskau als auch die politischen Eliten der Ukraine und Russland involviert. So überlagern sich religiöse und (geo-) politische Identitäten und Diskurse, was sich auf das Gemeindeleben vor Ort auswirkt und neue Identitätsmuster hervorruft. 

Bohdan Ohultschanskyj: Innere Konflikte in den orthodoxen Kirchen der Ukraine
In beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine lässt sich ein Wettstreit von konservativen und modernisierenden Kräften beobachten. Dabei sind die Rollen keineswegs klar verteilt. Auch in der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine bleibt abzuwarten, ob den ehemaligen Kircheneliten und den auf Erneuerung drängenden Laien der gemeinsame Aufbau neuer Strukturen gelingt. 

Andriy Mykhaleyko: Die Griechisch-Katholische Kirche fünf Jahre nach dem Majdan
Mit mehreren gesellschaftspolitischen Stellungnahmen hat die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche (UGKK) eine Fortsetzung der Reformen nach dem Majdan angemahnt. Die Autokephaliebestrebungen der ukrainischen Orthodoxie wurden von der Kirchenleitung der UGKK unterstützt, gleichzeitig kam es jedoch auch schon zu Konflikten mit der neuen orthodoxen Kirche. 

REGIONEN

Julyja Tyshchenko: Neokolonisierung und Repression: Die Krim nach der Annexion
Seit der Annexion der Krim betreibt Russland viel Aufwand für die soziokulturelle und ökonomische Integration der Halbinsel. Die Neuregistrierung gesellschaftlicher und religiöser Organisationen, „Nationalisierungen“ von ukrainischem Eigentum und Repressionen gegen andersdenkende Bürger, Organisationen und Minderheiten wie die Krimtataren haben zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zur Folge. Zudem ist eine zunehmende Militarisierung unübersehbar.

Tatiana Zhurzhenko: Charkiv – von der Grenzstadt zur Frontstadt
Charkiv, die zweitgrößte Stadt der Ukraine, liegt nahe der russischen Grenze. Während die lokale Bevölkerung nur geringes Vertrauen in die Kiewer Zentralregierung hat, genießt Bürgermeister Gennadiy Kernes eine breite Unterstützung. Er pflegt das Image eines „Stadtvaters“ und eines Beschützers der lokalen Identität vor der Kiewer Zentralregierung. Durch den Krieg im Osten der Ukraine ist Charkiv von einer Grenzstadt zu einer Frontstadt geworden, was zu einem zunehmenden Abbruch der Beziehungen zu Russland geführt hat. 

Ágnes Erőss, Patrik Tátrai, Katalin Kovály: Alltägliche Grenznähe und Emigration aus Transkarpatien
Im westlichsten Teil der Ukraine gehören Arbeitsmigration und grenzüberschreitende Mobilität seit jeher zum alltäglichen Leben. Seit dem Euromajdan hat die Emigration aus Transkarpatien jedoch nochmals zugenommen. Die erleichterte ungarische Einbürgerung für Bewohner des ehemaligen Territoriums des Königreichs Ungarn ist nicht nur für Ungarn, sondern auch zunehmend für Ukrainer attraktiv.

KULTUR

Ievgeniia Gubkina: „Losing my religion“ – der ukrainische Sowjetmodernismus und wir
Das architektonische Erbe der Sowjetzeit in der Ukraine fällt nach und nach der Zerstörung anheim. Mit einer Dokumentationsreise und einem Buch kämpfen eine Architektin und ein Fotograf für den Erhalt dieses Erbes. Ernüchtert von der schlechten Qualität der Objekte und der politischen Realität beschreiben sie ein differenzierteres Verhältnis zum sowjetischen „Modernismus“, seinen Architekten und deren sozialpolitischen Kontext.

Alexander Kratochvil: Von Tschernobyl zu Majdan und Krieg: Ukrainische Literatur
Glasnost und Perestrojka bewirkten auch in der ukrainischen Literatur eine Abkehr vom sowjetischen Kanon. In den 1990er Jahren erfolgte zudem eine Wiederentdeckung der vielfältigen Kulturtopographien des Landes. In jüngster Zeit stehen vor allem der Majdan und der Krieg im Donbass thematisch im Zentrum. 

Stas Menzelevsky: Auf der Suche nach der post-revolutionären Identität im Film
Die Ereignisse auf dem Majdan und der Krieg im Osten der Ukraine sind zentrale Themen des zeitgenössischen ukrainischen Kinos. Neben diesen aktuellen Geschehnissen setzen sich die Filmschaffenden aber auch vermehrt mit historischen Themen auseinander, die zu sowjetischen Zeiten tabuisiert waren, und tragen so zu einer Neuinterpretation des nationalen Selbstverständnisses bei.

Tanja Penter: Neue Forschungsperspektiven zum Holodomor
Die Hungersnot in der Ukraine von 1932/33 ist heute wichtiger Bestandteil der ukrainischen Erinnerungskultur. In der Öffentlichkeit und Forschung dominiert dabei zumeist die Genozid-Frage. Der Blick auf regionale Mikrogeschichten sowie innersowjetische und internationale Vergleiche versprechen dagegen neue Perspektiven auf eine der großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. 

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