RGOW 6/2019: Nordkaukasus - eine gezähmte Krisenregion?

rgow cover 2019 6

Vor zehn Jahren, im April 2009, endete offiziell der Zweite Tschetschenienkrieg, doch der Nordkaukasus gilt nach wie vor als einer der größten Unruheherde im postsowjetischen Raum. Korruption im Staatsapparat, Klientelpolitik, Clan-Wesen und systematische Menschenrechtsverletzungen konzentrieren sich hier stärker als in anderen Teilen Russlands. In der seit zehn Jahren als „befriedet“ geltenden Region bleibt Gewalt ein verbreitetes Phänomen.
In der vorliegenden Ausgabe stehen das Trauma der Deportation kaukasischer Völker 1943/44 nach Zentralasien, die gegenwärtige Stellung Tschetscheniens, dessen Territorialkonflikt mit Inguschetien, aber auch die friedlichere Entwicklung in Kabardino-Balkarien im Fokus. Weitere Beiträge behandeln die prekäre rechtliche Stellung von Frauen, die Entwicklung des radikalen Islam und christlicher Kirchen im Nordkaukasus sowie den Ausbau der Tourismus-Infrastruktur auf Kosten des Naturschutzes.

pdfInhaltsverzeichnis und Editorial


Leseprobe:
Svetlana Anokhina: Frauenrechte im Nordkaukasus

Exemplar bestellen

IM FOKUS

Beate Eschment: Das Ende der Ära Nasarbajev in Kasachstan: Planerfüllung um jeden Preis?

IN MEMORIAM GERD STRICKER (1941–2019)

NORDKAUKASUS

Jeronim Perović: Vertreibung, Trauma, Krieg: Tschetscheniens schwierige Vergangenheit
Die Deportation im Zweiten Weltkrieg prägte sich als großes Trauma in das kollektive Gedächtnis der Tschetschenen ein. Nach ihrer Rückkehr in den Kaukasus verunmöglichten schwierige Lebensbedingungen und das Tabuisieren des Geschehenen von offizieller Seite eine Aussöhnung mit Moskau. Das Narrativ eines russisch-tschetschenischen Dauerkonflikts trug schließlich in den frühen 1990er Jahren zur mentalen Vorbereitung der Kriege bei.

Ekaterina Sokirianskaia: Tschetschenien unter Ramsan Kadyrov
In den über zehn Jahren seiner Herrschaft über Tschetschenien ist es Ramsan Kadyrov gelungen, die Republik weitgehend zu befrieden und wieder aufzubauen. Um die Rechte und Freiheiten der Einwohner steht es jedoch schlecht, wirtschaftlich profitiert vor allem die höchst korrupte Elite um Kadyrov. Doch seine demonstrative Loyalität zum Kreml garantiert ihm und seiner Entourage Straffreiheit und Tschetschenien einen hohen Status innerhalb der Russischen Föderation.

Ian Lanzillotti: Frieden dank erfolgreicher Reintegration: Kabardino-Balkarien
Im Gegensatz zu anderen nordkaukasischen Republiken ist Kabardino-Balkarien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion von größeren interethnischen Konflikten verschont geblieben. Wie viele andere Völker des Nordkaukasus wurden auch die Balkaren während des Zweiten Weltkriegs nach Zentralasien deportiert, doch gelang nach ihrer Rückkehr eine erfolgreiche Reintegration. Am Ende der Sowjetzeit waren die Ungleichheiten gegenüber den anderen Ethnien in der Republik weitgehend eingeebnet, was einem balkarischen Separatismus den Boden entzog.

Cécile Druey: Inguschetiens beharrlicher Kampf ums Überleben
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Inguschen zusammen mit anderen nordkaukasischen Muslimen nach Zentralasien deportiert. Nach der Rückkehr kam es mit dem benachbarten Nordossetien immer wieder zu territorialen Auseinandersetzungen, die Anfang der 1990er Jahre in einen kurzzeitigen bewaffneten Konflikt ausarteten. Neuerdings belasten vor allem Grenzstreitigkeiten mit Tschetschenien das Verhältnis Inguschetiens zu seinen Nachbarn und zur Zentralregierung in Moskau.

Sufian N. Zhemukhov: Radikaler Islam im Nordkaukasus
Nach den Tschetschenienkriegen wurden der Nordkaukasus und andere Regionen Russlands von zahlreichen Terroranschlägen erschüttert. Die meisten wurden vom 2007 gegründeten „Kaukasus-Emirat“ verübt, das sich einer radikalisierten Version des Salafismus verschrieben hat. Russische Sicherheitsmaßnahmen, innere Spannungen und vor allem die Rivalität zum IS, dem ab 2014 viele nordkaukasische Kämpfer in den Mittleren Osten folgten, führten zu einem Bedeutungsverlust des Emirats.

Roman Lunkin: Die neue Christianisierung des Nordkaukasus
Seit den 1990er Jahren hat das Christentum in den nordkaukasischen Republiken auf vielfältige Weise wieder Fuß gefasst. Die Russische Orthodoxe Kirche hat ihre Präsenz schrittweise ausgebaut, während evangelische Freikirchen seit der Wende vor Ort missionieren. Dabei stellen sich neue Fragen des Verhältnisses zwischen Religion, Mission und Kultur. Die Reaktionen der hauptsächlich muslimischen Lokalbevölkerung reichen von gewalttätiger Ablehnung über intellektuelles Interesse bis hin zu Konversion.

Svetlana Anokhina: Frauenrechte im Nordkaukasus
Patriarchale Rollenmuster prägen das Geschlechterverhältnis im Nordkaukasus. Frauen gelten häufig als Eigentum ihrer männlichen Verwandten und später ihres Mannes. Verletzungen von Frauenrechten, Ehrenmorde und Inzest-Fälle kommen daher selten zur Anzeige. In den sozialen Netzwerken und unter Jugendlichen lässt sich gar ein neuer konservativer Trend beobachten. Der russische Staat toleriert die frauenfeindliche Praxis unter dem Stichwort „nationale Besonderheiten“.

Julija Nabereschnaja: Das Weltnaturerbe „Westkaukasus“ in Gefahr
Der Westkaukasus zählt zu den elf Stätten des russischen UNESCO-Weltkulturerbes. Mit den Olympischen Winterspielen 2014 im angrenzenden Sotschi begann jedoch eine rege Bautätigkeit, die das Kaukasus-Naturreservat zunehmend bedroht und die Biodiversität gefährdet. Gesetzesänderungen höhlen den Naturschutz aus und erlauben die Einrichtung von als „Biosphären-Polygonen“ getarnten Skikurorten innerhalb des Weltnaturerbes. Deshalb droht die unrühmliche Aufnahme des Gebiets in die Rote Liste des gefährdeten Welterbes.

Drucken