RGOW 9/2019: 1989 - Orte des Wandels

rgow cover 2019 930 Jahre sind seit den friedlichen Revolutionen von 1989 vergangen, als überall in Europa Menschen für die Freiheit auf die Straßen gingen und zum Zusammenbruch der sozialistischen Regimes beitrugen. Einige Orte dieses Wandels – wie der Runde Tisch in Polen, der Kongress der Volksdeputierten in Moskau, die Erste Ökumenische Versammlung in Basel, das Paneuropäische Picknick in Ungarn, der Baltische Weg, der Wenzelsplatz in Prag und der Ausbruch der Revolution in Timişoara – stehen im Zentrum dieser Ausgabe. Inzwischen ist die Begeisterung einer verbreiteten Ernüchterung über das Erreichte oder eben Nicht-Erreichte gewichen, vielmehr lassen sich 30 Jahre nach dem stürmischen Wendejahr neue Krisen und Herausforderungen beobachten. Der abschließende Beitrag plädiert daher für eine Stärkung der sozialen Grundlagen der Demokratie, um den Aufstieg populistischer politischer Kräfte zu bremsen.

pdfInhaltsverzeichnis und Editorial


Leseprobe:
Priit Rohtmets: Der Tag der baltischen Einheit, der die Welt bewegte

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Reinhold Vetter: Der Runde Tisch in Polen: Vorbild für den friedlichen Übergang
Der friedliche Machtwechsel in Polen wurde 1989 am berühmten Runden Tisch in Warschau ausgehandelt – nach einem Jahrzehnt zähen Ringens zwischen Vertretern der kommunistischen Machthaber und der Opposition in Gestalt der Gewerkschaft Solidarność und des Bürgerkomitees. Das vereinbarte Wahlprozedere fügte den Machthabern eine Niederlage zu und ebnete der demokratischen Republik Polen den Weg.

Klaus Gestwa, Alexa von Winning: Das Wagnis Demokratie im Moskauer Kreml 1989
Gewaltanwendung – wie am 4. Juni 1989 in Peking geschehen – kam für Michail Gorbatschow als Mittel der Politik nicht in Frage. Vielmehr hoffte er mit den halbfreien Wahlen zum ersten „Kongress der Volksdeputierten“ im Frühling 1989 darauf, seine Reformpolitik trotz desolater Wirtschaftslage mittels Demokratisierung in die Erfolgsspur zu bringen. Dabei kamen jedoch sämtliche sozialen, wirtschaftlichen, ökologischen und ethnischen Probleme der UdSSR zur Sprache. Diese Explosion öffentlicher Kritik setzte neue politische Kräfte frei und trug zur Implosion des Sowjetimperiums bei. 

Katharina Kunter: Aufbruch: Basel im Mai 1989
Die Erste Ökumenische Europäische Versammlung in Basel trug zu einem neuen kirchlichen Blick auf gesamteuropäische Fragen bei. Zwar konnten keine osteuropäischen Dissidenten das Wort ergreifen, doch die Begegnungen von kirchlichen Basisgruppen aus Ost und West führten dazu, dass die Situation in Osteuropa ein zentrales Thema der Kirchenversammlung wurde. Für die Teilnehmer war die Versammlung Ausdruck für ein friedliches und gerechtes Europa. 

Krisztina Slachta: Das Paneuropäische Picknick – Grenzöffnung an einem Sommertag
1988 wurde in Ungarn der Abbau des „Eisernen Vorhangs“ – der Grenzschutzanlagen an der stark gesicherten Grenze zu Österreich – vorbereitet und 1989 umgesetzt. Als ungarische Aktivisten im August 1989 ein Treffen an der Grenze organisierten, nutzten viele DDR-Bürger die Gelegenheit zur Flucht. Bald nach dem Paneuropäischen Picknick wurde die Grenze vollständig geöffnet.

Priit Rohtmets: Der Tag der baltischen Einheit, der die Welt bewegte
Mit Glasnost und Perestrojka entstanden im Baltikum erste zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich mit der von der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung ignorierten eigenen nationalen Geschichte befassten. Sie forderten von der sowjetischen Führung eine Anerkennung der Geheimprotokolle des Molotov-Ribbentrop-Pakts und somit ein Eingeständnis der Annexion der in der Zwischenkriegszeit unabhängigen baltischen Staaten. Die friedlichen Massenproteste erreichten am 23. August mit dem Baltischen Weg ihren Höhepunkt. 

Oldřich Tůma: Die Samtene Revolution und der Wenzelsplatz
Der Prager Wenzelsplatz war im 20. Jahrhundert immer wieder Schauplatz bedeutender historischer Ereignisse. Am 17. November 1989 konnte die Polizei zwar eine Großdemonstration auf dem symbolträchtigen Platz verhindern, doch die gewaltsame Intervention brachte eine nicht mehr aufzuhaltende Protestwelle ins Rollen, die das kommunistische Politbüro wenige Tage später zum Rücktritt zwang.

Dragoş Petrescu: Eine unerwartete Revolution: 1989 in Rumänien und die Folgen
Im Gegensatz zu den anderen ostmitteleuropäischen Ländern verlief der Machtwechsel in Rumänien nicht friedlich. Das Ceauşescu-Regime wurde vielmehr gewaltsam gestürzt und die Revolution endete mit einem Wahlsieg der kommunistischen Nachfolgepartei. Vor diesem Hintergrund wird bis heute darüber diskutiert, ob 1989 überhaupt eine echte Revolution in Rumänien stattgefunden hat.

Dieter Segert: Europa 30 Jahre später: Was bleibt vom Geist der Freiheit?
Die Epochenwende von 1989 verdankt sich vielfältigen Triebkräften und war von unterschiedlichen Erwartungen begleitet. Politisch haben sich die früheren sozialistischen Regime zu Demokratien gewandelt, doch wirtschaftlich und sozial hinken sie weiterhin den westeuropäischen Ländern hinterher. Dies hat zum Anwachsen von politischer Unzufriedenheit und dem Entstehen von populistischen Parteien beigetragen. Nur durch eine Stärkung der sozialen Grundlagen der Demokratie lässt sich dieser Entwicklung entgegenwirken.

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