RGOW 9/2020: Bleibende Herausforderungen – Holocaust-Gedenken und Antisemitismus

rgow cover 2019 9Am 27. Januar jährte sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum 75. Mal. Die Erinnerung an den Holocaust und das Ende des Zweiten Weltkriegs stand allerdings in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nicht im Zentrum des Interesses. Stattdessen lässt sich eine Reaktivierung von Verschwörungstheorien und antisemitischen Stereotypen beobachten. Angesichts dieser Entwicklungen widmen wir die aktuelle Ausgabe dem Holocaust-Gedenken und dem nach wie vor latenten Antisemitismus in Europa. Nach dem Blick auf Deutschland richten wir den Fokus auf Ost- und Ostmitteleuropa, das zentraler Schauplatz der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gewesen war und sowohl besorgniserregende Entwicklungen als auch beeindruckende zivilgesellschaftliche Initiativen aufweist. 

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IM FOKUS

Alena Alshanskaya: Ambivalente kirchliche Reaktionen auf die Proteste in Belarus

HOLOCAUST-GEDENKEN

Juliane Wetzel: Antisemitismus in Deutschland und Europa heute
Vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie erfahren Verschwörungstheorien und antisemitische Stereotype einen Aufschwung. Insbesondere über die sozialen Medien findet der „hate speech“ rasch Verbreitung. Der gegenwärtige Antisemitismus knüpft dabei an die immer gleichen Stereotype an und ist in den Formen des sekundären Antisemitismus bis in die Mitte der Gesellschaft anschlussfähig.

Michael Shafir: Einmal mehr zu einer Vergangenheit, die nicht vergeht
Eine offene Leugnung des Holocaust gilt in allen osteuropäischen Staaten als inakzeptabel. Angesichts von Kollaborationsvorwürfen wurden jedoch verschiedene alternative Gedenknarrative entwickelt, bei denen die eigene Schuld ignoriert, kommunistische und Nazi-Verbrechen gleichgesetzt und der eigene Status als Opfer betont werden. Auf gesamteuropäischer Ebene wird eine größere Anerkennung des Leidens unter den kommunistischen Regimen gefordert.

Andrea Pető: Ein Paradigmenwechsel im Holocaust-Gedenken in Ungarn
Seit dem Ende des Kommunismus hat sich das Gedenken an den Holocaust in Ungarn verändert. Das Leiden der Nation und ihre Rolle als zweifaches Opfer der deutschen und sowjetischen Besatzung werden zunehmend ins Zentrum gerückt. Dabei wird die eigene Verantwortung für Verbrechen ausgeblendet. Zugleich tauchen zuvor unterdrückte Erinnerungen auf und fordern dominante Narrative heraus. Dabei spielen die Digitalisierung und das Internet als Raum, in dem jeder Handlungsmöglichkeiten hat, eine wichtige Rolle.

Anatolij Podolskyj: Gedenken an die Holocaust-Opfer in der Ukraine
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Ukraine über eine Million Juden durch Massenerschießungen von den deutschen Besatzern ermordet. Ziel des deutsch-ukrainischen Projekts „Erinnerung bewahren“ ist die Wahrnehmung des Holocaust als Teil der ukrainischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Seit 2010 wurden 20 Orte von Massenexekutionen lokalisiert und als Gedenkstätten eingerichtet. Umstritten ist dabei die Frage der Mittäterschaft der ukrainischen Lokalbevölkerung.

Gregor Kranjc: Sloweniens verspätete Aufarbeitung des Holocaust
Erst mit der Unabhängigkeit Sloweniens begann in dem Land eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Zuvor hatte das Partisanengedenken ein eigenständiges Erinnern an die jüdischen Opfer überlagert. Nach der Unabhängigkeit entstanden erste Gedenkorte, gleichzeitig kam es jedoch zu einer Rehabilitation von Kollaborateuren im Zweiten Weltkrieg.

Ulrike Huhn: Die Suche nach der „verlorenen Welt“ der Schtetl in der Sowjetunion
Auf der Suche nach ihrer jüdischen Identität unternahmen jüdische Aktivistinnen und Aktivisten in der späten Sowjetzeit Expeditionen an die Orte ihrer Vorfahren in die historischen jüdischen Siedlungsgebiete im heutigen Baltikum, in Belarus und in der Ukraine. Diese zunehmend wissenschaftlich orientierte Kultur- und Ausreisebewegung führte schließlich zur Etablierung mehrerer judaistischer Forschungseinrichtungen.

Regula Zwahlen: Antijudaistische Elemente in der Orthodoxie
Mit der Renaissance der Religion in Russland gelangten auch antijudaistische und antisemitische Tendenzen in der russischen Orthodoxie wieder an die Oberfläche. Weder von der Kirche noch vom Staat wird dies offiziell gefördert, aber auch nicht unterbunden. Eine Auseinandersetzung mit antijudaistischen Stellen in den orthodoxen Liturgien findet auch in der Weltorthodoxie bisher erst auf akademischem Niveau statt.

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