Buchbesprechung: Kiew - Revolution 3.0

Simon Geissbühler (Hg.)
Kiew – Revolution 3.0
Der Euromaidan 2013/14 und die Zukunftsperspektiven der Ukraine.
Stuttgart: Ibidem Verlag 2014, 160 S.
ISBN 978-3-8382-0681-3. € 24.90; CHF 35.40.

In dem vorliegenden Buch schreiben Experten und Expertinnen aus unterschiedlichen Perspektiven vor allem über die Ereignisse auf dem sog. Euromaidan. Die Publikation bietet eine Fülle an Anregungen und auch Lösungsansätzen, was weiter mit der Ukraine geschehen soll. Herausgeber Simon Geissbühler sieht vor allem seit langem existierende innenpolitische Probleme wie korrupte Eliten, schwache staatliche Institutionen und einen mangelnden Reformwillen unter Janukovytsch als Gründe für die Revolte. Mykola Rjabtschuk schildert das Profil der Demonstranten, deren Durchschnittsalter bei ca. 36 Jahren lag, und die einen Wertewandel weg vom sowjetischen Erbe einforderten. In der Ukraine bestehe eine Teilung, die aber genau durch diese Einstellungen vorgenommen werde und nicht ethnisch oder regional zu definieren sei.

Sehr deutlich wird in den einzelnen Beiträgen die Komplexität der Probleme, an denen ganz unterschiedliche Akteure beteiligt sind. Taras Kuzio kritisiert die zögerliche Haltung der EU gegenüber der Ukraine. Zudem hätte diese die „Doppelzüngigkeit“ der Janukovytsch-Politiker nicht verstanden, die gleichzeitig mit der EU und Russland verhandelten. Die EU hätte eindeutiger Handlungsspielräume gegenüber Janukovytsch nutzen sollen, um Perspektiven zu eröffnen und Reformen einzuleiten. Liest man die Schilderungen von Rudolf Hermann zur ökonomischen Situation der Ukraine, wird sehr schnell klar, dass in dem Land bereits seit längerer Zeit strukturelle Probleme anwuchsen, die nicht schnell zu lösen sind und für egal welche externen Unterstützer teuer werden. Der zweite externe Akteur in der Ukraine-Politik ist Russland, dass laut Wojciech Kononczuk eigene innenpolitische Interessen hat, die Ukraine in ihrem Wirkungsbereich zu halten.

Lilia Shevtosa spitzt diese Frage weiter zu: „Die Ukraine ist ein Test, ob Russland bereit ist, sein imperiales Modell aufzugeben […].“ (S. 127) Sie zeigt ein komplexes Gebilde von Ursachen und Folgen, die etwa mit der „Schaukelpolitik“ der EU zusammen hängen, einem Kurswandel in Russland weg von einer Annäherung an Europa und hin zum Selbstbild einer „einzigartigen Zivilisation“. Die Analyse zeigt ernüchternd langfristige strukturelle Fragen eines Staates im Übergang, in einer „grauen Zone“, wo zum Zeitpunkt der Niederschrift kein Optimismus über eine erfolgreiche Fortsetzung des auf dem Maidan geäußerten Reformwillens aufkommt. Es sei eine große Herausforderung des Westens, der Ukraine bei dem Aufbau einer liberalen Zivilisation zu helfen, andernfalls drohe ein Rückfall in autoritäre und damit russland-affine Fahrwasser.

Carmen Scheide, St. Gallen