70 Jahre später. Kriegserinnerung im heutigen Russland

Irina Scherbakowa

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dient in Russland das eklektische Gedenken an den Großen Vaterländischen Krieg als ideologische Grundlage für die national-patriotische Ausrichtung des autoritären Regimes. Die offenen Diskussionen der Perestrojka-Zeit über die unermesslichen menschlichen Verluste und den Stalinschen Terror sind Vergangenheit. Seit den 2000er Jahren wird vielmehr ein positives Bildes der Geschichte Russlands konstruiert, das Elemente der stalinistischen Rhetorik mit nationalistischen Inhalten kombiniert. – R.Z.

Die kollektiven und kulturellen Formen des Gedächtnisses an den Großen Vaterländischen Krieg in Russland sind unüberschaubar vielfältig: man findet sie in der historischen und historiographischen Literatur, der Belletristik und Kunst, in der Memoirenliteratur und im Film. Hinzu kommt das Familiengedächtnis, das zwar nur in einer narrativen Form existiert, welche sich der Analyse schwerlich erschließt, das aber zweifellos bis heute wahrnehmbar und – im Sinne der Selbstidentifikation – auch wirksam ist, obwohl es in der jetzt vierten Generation schon sehr stark verblasst. Dasselbe lässt sich über Orte sagen, die an den Krieg erinnern: in Russland gibt es Tausende von Museen und Gedenkkomplexen, eine unermessliche Zahl an Gedenktafeln und Obelisken. Es brennen in den Städten unzählige „ewige Feuer“. Schließlich ist der 9. Mai, der Tag des Sieges, das einzige historische Datum, das viele Menschen von der Sowjetzeit bis heute als das wichtigste historische Ereignis in der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts anerkennen.
All das bildet die Klammer für jene höchst widersprüchliche Substanz, die man nur sehr bedingt überhaupt als Kriegsgedächtnis bezeichnen kann, und die über viele Jahrzehnte hinweg formiert wurde.

Abschied von den Zeitzeugen
Vor zehn bis 15 Jahren stand dem Mythos vom glorreichen Sieg im Krieg noch die lebendige Erinnerung von Kriegsteilnehmern gegenüber. Heute leben kaum noch Zeitzeugen. Die Menschen, die noch eigene Erinnerungen an die Fronthandlungen hatten, und an deren Erinnerung man hätte appellieren können, sind fast alle gestorben.
Was als Quelle der Erinnerung bleibt, ist das Familiengedächtnis. In Russland reicht es allerdings meistens nicht weit zurück und ist, insbesondere wenn es um die Repressionen, aber auch um Kriegserinnerungen geht, bruchstückhaft. Außerdem führt die Erinnerung von Zeitzeugen nicht unbedingt zum Verständnis von Ursachen, Folgen und komplexen Zusammenhängen. Vielmehr ist diese Erinnerung oft sogar eine Quelle der Sowjetmythologie, etwa: „Mein Großvater hat gesagt, dass unter Stalin alles gut war, dass wir ohne Stalin den Krieg nicht gewonnen hätten.“
Die Kriegserinnerungen werden heute häufig durch das Prisma der Breschnew-Zeit weitergegeben. In den 1970er Jahren wurde im offiziellen Diskurs massiv jenes Klischeebild des Krieges geformt, das bis heute in den Medien, vor allem im Fernsehen lebendig ist: das gute Leben im Frieden, der plötzliche, heimtückische Überfall des Feindes, die prächtigen Jünglinge und Mädchen, die nicht umkommen, sondern „ihr Leben opfern“. Dieses romantisierende Kriegsbild, das sich durch viele sowjetische Filme, Romane und durch die Memoirenliteratur zieht, dient bis heute dazu, Erlebtes zu verdrängen und unbewältigte Traumata zu verhüllen. Nur wenigen Kriegsteilnehmern ist es gelungen, die Folgen ihrer traumatischen Erlebnisse zu überwinden und ihre Erfahrung auch nur ansatzweise zu reflektieren (z.B. einige Schriftsteller und Filmemacher). Die meisten Frontsoldaten mussten – ebenso wie die ehemaligen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter – ihre verdrängten, oft grausamen Erlebnisse heimlich ertragen. Viele begannen zu trinken oder gingen auf andere Weise an den seelischen Verwundungen zugrunde.
Die Kriegsgeneration wurde somit in den 1970er Jahren zum Verstummen gebracht, und sie hat bis zuletzt nicht wirklich zu reden begonnen, auch nicht mit ihren Familienangehörigen. Eigene Grausamkeit oder erlittene Gewalt konnte sie nicht einmal sich selbst eingestehen und nahm deshalb Zuflucht zu der abgegriffenen Formel „Der Krieg nimmt’s auf sein Konto“. Und gerade deshalb nutzten viele Kriegsteilnehmer seit den 1970er Jahren die Chance, sich hinter dem vorgefertigten ehrenvollen Veteranenstatus zu verschanzen. Doch diese Art der Scheinbewältigung wirkte sich in der Realität auf die Familien, auf die Beziehungen zu den Frauen und Kindern aus – allein schon in Form des unermesslichen Alkoholmissbrauchs, der in den 1970er Jahren zu einer nationalen Katastrophe wurde. So hatte die traumatisierte Erinnerung Folgen auch für die nächsten Generationen.

Perestrojka: Der Fall der Mauer des Schweigens
Mit der Perestrojka und der sich entfaltenden gesellschaftlichen Diskussion rückte die grundlegende Frage nach dem Verhältnis zum stalinistischen Erbe, nach den Folgen des Terrors und den politischen Repressalien in den Mittelpunkt. Was das Bild des Vaterländischen Krieges betrifft, so vollzog sich Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre eine ziemlich weitgehende Loslösung vom offiziellen Kriegsbild: Das grundlegende Pathos dieser Zeit lag im Bestreben, die Wahrheit zu erfahren. Mit Glasnost setzte eine intensive Entmythologisierung ein, und, wie man damals häufig schrieb, das Ausfüllen von Leerstellen und weißen Flecken. Als eine der größten Blindstellen, die sehr schnell an politischer Bedeutung gewann, erwies sich die Frage nach Kontext und Bedeutung der sog. Geheimprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt, wie auch nach der Tatsache, dass die UdSSR im September 1939 faktisch an der Teilung Polens partizipiert und die baltischen Staaten besetzt hatte.
Alles, was bis zu dieser Zeit aus dem offiziellen Kriegsgedächtnis – und auch aus dem kollektiven Gedächtnis – gestrichen worden war, kehrte nun zurück: als Begründung der Forderungen nach Unabhängigkeit und Befreiung von der sowjetischen Besatzung in den baltischen Staaten sowie in der westlichen Ukraine. Auch in den Beziehungen zu Polen war die verfälschte Geschichte ein Stein des Anstoßes – dabei ging es vor allem um die Anerkennung der sowjetischen Verantwortung für die Erschießung von 20000 polnischen Offizieren, die 1939 in Gefangenschaft genommen worden waren. Die unansehnliche Rückseite des polierten Bildes vom Krieg trat allmählich hervor.
Es erklärten sich Menschen, die bis dato jenseits des Mainstreams offizieller Erinnerung gestanden hatten: Kriegsgefangene, Ostarbeiter. Schließlich wurde 1993 das noch während des Krieges von den Schriftstellern Ilja Ehrenburg und Wasilij Grossman herausgegebene „Schwarzbuch“, das die Judenvernichtung auf sowjetischem Territorium dokumentiert hatte und 50 Jahre unter Verschluss gewesen war, sowie weitere Materialien und Dokumente über den Holocaust veröffentlicht. Die Liste war lang und wurde immer länger, und unter dem Druck der Öffentlichkeit kam allmählich ans Licht, was für immer in den geheimen Archiven vergraben zu sein schien.
An der Schwelle zu den 1990er Jahren, als frühere Denkmäler und Gedenkstätten immer mehr an Bedeutung einbüßten und neue nur sehr langsam auftauchten, wurde das „Archiv“, vor allem das Archiv mit den in der Sowjetzeit geheim gehaltenen Dokumenten zum wichtigsten alternativen Erinnerungsort. Es wurde möglich, in einer Weise über den Krieg zu sprechen, die bis zu diesem Zeitpunkt von der Zensur nicht zugelassen war: über die unermesslichen Verluste (28 Millionen) in der Sowjetunion – nicht nur an der Front, sondern auch im Hinterland, über die Mitverantwortung der Stalinschen Führung für die gröbsten politischen und militärischen Fehler, über die Repressionen in der Armee vor und während des Kriegs, über das Verschweigen der Opferzahlen der Leningrader Blockade und vieles andere mehr. Aber auch die Gegner der Reformen appellierten an die Veteranen, sprachen in ihrem Namen und verwendeten in ihren Veröffentlichungen Termini und Aufrufe aus dem Lexikon der sowjetischen Kriegspropaganda: Sie bezeichneten Moskau als das neue Stalingrad, das vor Gorbatschow und den Reformern geschützt werden müsse.

Aufkommende Sowjetnostalgie
Mit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Entstehung neuer unabhängiger Staaten begann man zu artikulieren, was bis zu diesem Zeitpunkt nicht laut ausgesprochen werden durfte: Dass die sowjetische Armee nur um den Preis unermesslicher Verluste die Völkerschaften Osteuropas vom Nationalsozialismus hatte befreien können, ihnen aber keine Freiheit gebracht hatte und bringen konnte. Das heroische Bild des sowjetischen Befreier-Soldaten erschien jetzt in einem ganz anderen Licht. Sowohl im gesellschaftlichen Bewusstsein als auch auf familiärer Ebene verloren die Veteranen ihren früheren Status, der vor dem Hintergrund der ökonomischen Katastrophe aufhörte, vorteilhaft und angesehen zu sein. Nun erhielt der siegreiche Veteran vielmehr ein Päckchen mit Gütern humanitärer Hilfe aus dem vor vielen Jahren besiegten Deutschland. Doch abgesehen von der wirtschaftlichen Misere Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre schien es, dass dies endlich der Beginn einer breiten Revision der sowjetischen Vergangenheit sei, die tiefe Veränderungen im kollektiven Gedächtnis und der Geschichtspolitik nach sich ziehen würde.
Anders als erwartet wurde jedoch die Nostalgie, die Sehnsucht nach der Sowjetzeit um die Mitte der 1990er Jahre zu einer immer sichtbareren Erscheinung. Diese Nostalgie hatte verschiedene Gründe, aber der wichtigste war die wachsende Unzufriedenheit mit dem Zusammenbruch der UdSSR, mit den harten wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Reformen. Zudem erweckte der blutige und sinnlose Tschetschenienkrieg, der 1995 begann und sich über viele Jahre hinzog, nicht nur die Rhetorik und Lexik der Stalin-Ära wieder zum Leben, sondern auch die Sehnsucht nach den Methoden Stalins, der 1944 schnell mit den unbezähmbaren Tschetschenen fertiggeworden war, indem er das ganze Volk deportiert hatte (s. RGOW 6–7/2015, S.12–15).
Die Regierung, die immer populistischer agierte und das westliche Modell der Demokratie abzulehnen begann, wandte sich auf ihrer Suche nach einem „eigenen“ Weg und einer nationalen Idee, um einen Konsens für die zerrissene, unversöhnliche und widersprüchliche Gesellschaft zu finden, immer aktiver sowjetischen Mythen zu, und somit auch dem Mythos des Sieges. Das Gedächtnis an den Vaterländischen Krieg wurde erneut zum Gedächtnis an den Sieg und wurde verstärkt zum versuchsweisen ideologischen Fundament für den wachsenden Nationalismus. Mehr noch: Mit der Stärkung chauvinistischer und fremdenfeindlicher Stimmungen entstand eine Symbiose rechtsradikaler Stimmungen faschistoider Art mit einer auf das stalinistische Imperium gerichteten Nostalgie.

Das Kriegsgedenken der 2000er Jahre
Doch erst nach Putins Machteintritt begann die ideologische Konstruktion eines neuen, positiven Bildes der russischen Vergangenheit. Dass die Erfolge der Stalinschen Modernisierung mit unermesslichen menschlichen Verlusten und Terror verbunden waren, war zu diesem Zeitpunkt kaum zu leugnen, weshalb als wichtigstes positives Ereignis in der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg in den Vordergrund gerückt wurde. In einer solchen Konzeption tauchte die Figur Stalins, die im Bewusstsein der Mehrheit direkt mit dem Sieg im Krieg verbunden war, ganz selbstverständlich auf.
Warum dies geschah, ist in der russischen historischen Debatte eine der meistdiskutierten Fragen der letzten Jahre: Wie kann man sich heute erneut positiv auf Stalin beziehen, nach all den Enthüllungen, nach der großen Zahl von Publikationen, Filmen, nach der Fülle bekannt gewordener Dokumente, die von den Verbrechen des Stalinismus zeugen? Womit lassen sich die Umfrageergebnisse erklären, nach denen über 50 Prozent der Befragten Stalin für einen weisen Führer halten, der die UdSSR zu Macht und Blüte brachte? Was Krieg und Sieg anbelangt, so sind hier die Zahlen noch höher: 60 Prozent der Befragten antworteten, dass es trotz möglicher Fehler Stalins das Wichtigste sei, dass das Volk unter seiner Führung den Krieg gewonnen habe. Warum ist das Bild Stalins bei der Mehrheit der russischen Bevölkerung nicht mit dem Gedächtnis an den Terror verbunden, wie dies Anfang der 1990er Jahre schon einmal der Fall war?
Ein Grund besteht sicherlich darin, dass in den vergangenen 25 Jahren im Rahmen der Geschichtspolitik kaum etwas dafür getan wurde, um die Erinnerung an die Opfer des Terrors wachzuhalten. Am schwersten wiegt jedoch, dass bis heute weder Stalin noch seine Mitstreiter noch das stalinistische Regime selbst einer juristischen Bewertung oder einem rechtskräftigen Urteil unterworfen wurden. Das hat es ermöglicht, Stalin öffentlich zu glorifizieren, mit Initiativen für neue Denkmäler aufzutreten, die Repressionen zu negieren oder zu entschuldigen, und mehr noch den Sieg im Krieg der harten Führung Stalins zuzuschreiben. All dies half, das vereinfachte und mythisierte Bild vom Krieg als Sieg dauerhaft am Leben zu halten. Dies umso mehr, als der Krieg seit dem Ende der 1990er Jahre zu einer beliebten Quelle für Sujets zahlreicher Fernsehserien im Blockbuster-Genre wurde, die von einem äußerst primitiven, heroisch-patriotischen Geist erfüllt sind und nichts mit dem realen Krieg gemein haben.
Ein weiterer wichtiger Faktor, der auf das mythologische Kriegsgedächtnis einwirkt, ist die Tatsache, dass Russland seit den 1980er Jahren kleine, aber mit großem Blutvergießen bezahlte und in den Augen der Bevölkerungsmehrheit ungerechtfertigte Kriege geführt hat (Afghanistan, Tschetschenien). In ihnen kämpften die Kinder und Enkel der Teilnehmer des Vaterländischen Kriegs. Heute sind sie die Träger eines Gedächtnisses an blutige und sinnlose Kriege, die von keinem Sieg gekrönt wurden. Diese Erfahrung verstanden weder sie selbst, noch verstand sie die Gesellschaft. Diese unverarbeiteten Traumata werden durch eine patriotische Rhetorik und Symbolik überdeckt, die dem wichtigsten, dem siegreichen Krieg entlehnt ist. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass an vielen Plätzen in unmittelbarer Nähe zu den Denkmälern für die Gefallenen im Vaterländischen Krieg Denkmäler für die in Afghanistan und Tschetschenien Gefallenen errichtet wurden.
Weitere zentrale Gründe sind der Zerfall der UdSSR und der Verlust des durch den Sieg im Zweiten Weltkrieg erlangten Großmachtstatus Anfang der 1990er Jahre. Die veränderte Darstellung Russlands von einem Befreier-Land zu einem Besatzer-Land rief eine große Kränkung und die Ablehnung der Nachbarstaaten hervor. So entwickelte sich ein regelrechter Kampf um verschiedene Narrative und Denkmäler, wobei man in den Nachbarstaaten begann, die pompösen Monumente für die sowjetischen Krieger-Befreier von den zentralen Plätzen zu entfernen (z.B. den „Bronzenen Soldaten“ 2007 in Tallinn).
All diese Tendenzen verstärkten sich um ein Vielfaches, als sich Putins Regime auf der Suche nach einer ideologischen Grundlage für seine national-patriotischen Ideen aktiv einer kriegspatriotischen Rhetorik zuwandte und dabei als Hauptsymbol das Bild vom Sieg nutzte. Schon Anfang der 2000er Jahre trat dies in einer partiellen Rückkehr zur sowjetischen Symbolik zutage. In der Armee wurde die Rote Fahne mit Stern weiter verwendet und die alte sowjetische Landeshymne kehrte mit leicht verändertem Text zurück. Zurück kehrten auch die unter Jelzin abgeschafften Militärparaden am 9. Mai (seit 2008), die dazu dienten, die Stärke der russischen Streitmacht zu demonstrieren. Dabei wurden die schlechtesten Vorbilder sowjetischer Feiertagsästhetik wiederbelebt.
Das echte Gefühl des unermesslichen Preises, der für diesen Sieg bezahlt worden war, wurde mehr und mehr durch leere, kollektive, mythologisierte Symbole ersetzt, z.B. durch das sog. „Sankt-Georgs-Band“, das in den Gebrauch der Massenkultur eingegangen ist und keinerlei Bezug zum realen Kriegsgedächtnis hat. Dieses Bändchen, das an Autos, Taschen und so weiter befestigt wird, erfüllt die Rolle einer eigentümlichen Indulgenz – ein leeres Symbol anstelle einer wirklichen Reflexion. Die Figur des (äußerst selten gewordenen) Veteranen jedoch wird dabei nicht nur als Quelle eines unsterblichen Mythos verwendet, hinter ihr versteckt man sich auch in einem sich gegen die ehemaligen Unionsrepubliken entfaltenden Krieg um das Gedächtnis, indem an dieses mythologische Bild appelliert wird – behängt mit Orden und Medaillen (bei denen oft nicht klar ist, wo und wie sie errungen wurden) und mit dem Porträt Stalins in den Händen.
Diese ideologische Politik zog die Wiederbelebung eines wichtigen Elements der Sowjetideologie nach sich: des Bildes vom äußeren Feind. Sowohl der Antiamerikanismus als auch die feindliche Stimmung gegenüber den ehemaligen Bruderländern (wie Polen) und gegen ehemalige Sowjetrepubliken (die baltischen Staaten, Georgien, und ab 2014 gegenüber der Ukraine) haben sich in den letzten Jahren deutlich spürbar verstärkt. All das ruft in der Erinnerung die Stereotype des Kalten Kriegs und das Bild Russlands als einer „belagerten Festung“ hervor. Im Geist dieser Stereotype werden Geschichtslehrbücher umgeschrieben. Gewaltige Geldsummen werden von der Regierung für die sog. kriegspatriotische Erziehung ausgegeben, zu deren wichtigstem Objekt die Jugend wurde.
Schon vor 15 Jahren hat der ehemalige Frontsoldat und bekannte russische Schriftsteller Viktor Astafjew geschrieben: „Im Zusammenhang mit dem näher rückenden Tag des Sieges reißen sie sich um dich, und das Telefon verstummt nicht. Alle verlangt es nach patriotischem Geschwätz über den Krieg – ich drücke mich, wo ich nur kann. Mein Gott, was sind wir doch trotz alledem für eine Nation, die sich bereit macht, das Heiligste in fortgesetztem Gerede, verantwortungsloser Geschwätzigkeit zu ersticken. Weder der Verstand noch das Gewissen können diese Schmähung verstehen, solange sie nur prunkhaft zur Schau gestellt wird, solange nur die Heldenbrust herausgestreckt wird und die Medaillen klimpern, […] die Köpfe unseres Volkes sind vollkommen verrenkt, das Gewissen durch die kommunistische Moral und Verleumdung verstümmelt.“1 Ein Jahr später starb er, ständig gehetzt von den „Berufsveteranen“ und „ Patrioten“.

Der Krieg nur als Sieg
Die Geschichtspolitik der letzten Jahre, die den Krieg zur ideologischen Grundlage eines neuen russischen Patriotismus und Nationalismus gemacht hat, verzerrt auch das Kriegsbild in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen. In neuen Geschichtsbüchern wird der Sieg zur Rechtfertigung der als „Modernisierung“ präsentierten Zwangsmobilisierung und des Terrors der 1930er Jahre verwendet. Auf diese Weise wird Stalin rehabilitiert und Gewalt als effektives politisches Steuerungsinstrument gerechtfertigt.
Mit dem Leid der Kriegszeit und der Repressionen hat der Erinnerungskitsch nichts zu tun. Junge Menschen sind in Russland einer ideologisierten, pseudopatriotischen Erinnerungspolitik ausgeliefert. An sich wäre das Familiengedächtnis eine Quelle der Erinnerung. Doch selbst das war immer fragmentiert und widersprüchlich. Traumata und Zensur verhinderten, dass die Alten sich öffneten. Die Dynamik der 1990er Jahre führte dazu, dass den Jungen die Werte und Erfahrung der Alten nichts mehr galten. Ein Zwiegespräch über historische Erfahrungen kam so kaum zustande.
Für junge Menschen in Russland ist der Krieg etwas abstraktes geworden, gänzlich ohne Bezug zu irgend einer, ganz gleich wie sehr mythisierten, aber dennoch lebendigen Erinnerung. Der Krieg erscheint als eine Ansammlung von Klischees aus der Breschnew-Zeit, von auswendig gelernten Formeln wie „der große Sieg des Sowjetvolkes“, „Niemand ist vergessen und nichts ist vergessen“, „Erweist Euch der Erinnerung an die Gefallenen würdig!“ usw. Heute zeigt sich, wie stark die Jugendlichen zu Opfern des sinnentleerten, jedes menschlichen Inhalts beraubten staatlichen „Gedenkens“ geworden sind. Sie reproduzieren unentwegt dessen Sprache, da ihre Lehrer in dieser Sprache über den Krieg sprechen und ihre Lehrbücher in dieser Sprache verfasst sind. Sie haben sich daran gewöhnt, die Veteranen, die ihre Teilnahme am Krieg zum Beruf gemacht haben, in eben dieser Sprache erzählen zu hören.
Da der Stolz auf die Großmacht Russland das konstitutive Element dieses Geschichtsbildes ist, darf der lange, schreckliche Krieg, der das Land zur Gänze entkräftete und auszehrte, in ihm nicht vorkommen. Stattdessen wird der Sieg im Krieg inszeniert, auf dem die Vorstellung von der einstigen, heutigen und künftigen Größe Russlands gründet. Diese Politik trägt in erster Linie dazu bei, die Erinnerung an die Repressionen zu verdrängen, über die man Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre endlich zu reden begonnen hatte.
Wenn der Krieg nur als Sieg betrachtet wird, der den Völkern Frieden gebracht hat, verbietet das jedes Nachdenken über den Preis des Sieges und jeden Versuch, noch unbekannte Aspekte der Kriegsgeschichte aufzuarbeiten. In vielen Städten Russlands werden Stalin-Porträts aufgehängt oder Denkmäler aufgestellt (zum 9. Mai 2015 in über 80 Orten). Die Kriegserinnerung blendet also alles aus, was nicht zum Mythos des Sieges passt: der große Terror von 1937/38, der kurz vor Kriegsausbruch auch die Offizierselite der Roten Armee dezimierte; Stalins schwere Fehlentscheidungen zu Kriegsbeginn und die brutalen Methoden der Kriegführung, die Millionen von Soldaten das Leben kosteten; die Deportation ganzer Völker, die der Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht beschuldigt wurden; die grausame Behandlung von den aus deutscher Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Soldaten und ehemaligen Zwangsarbeitern; die blutige Niederschlagung von Befreiungsbewegungen im Osteuropa der Nachkriegszeit und vieles mehr.
Dass die Folgen des Hitler-Stalin-Pakts für die baltischen Staaten, Polen und die Westukraine aus der ideologisierten Erinnerung ausgeklammert sind, versteht sich von selbst. Auch der Holocaust passt nicht zum Siegesmythos und wurde deshalb aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt, wobei sich sein Verschweigen im Laufe der Jahrzehnte, bis zur Perestrojka, zu einem zusätzlichen Trauma entwickelte. Ferner wird der Verteidigungskrieg der Sowjetunion isoliert vom Zweiten Weltkrieg insgesamt betrachtet, die Rolle der Alliierten herabgesetzt, und mit der Figur Stalin erlebt auch der Antagonismus des Kalten Krieges eine Renaissance.

Die neue Konfrontation mit dem Westen
Eine neue und weit aggressivere Spirale des Missbrauchs von historischen Mythen erleben wir seit genau einem Jahr. Mit einer beispiellosen Propaganda ist es gelungen, die Proteststimmung gegen die Regierung von 2011/12 einzudämmen, innere und äußere Feindbilder zu schaffen sowie eine Hassatmosphäre zu erzeugen (s. RGOW 4–5/2015, S.17–19).
Die offensichtliche Entscheidung der Regierung, den Weg des „Anziehens der Schrauben“ zu wählen (ein Begriff aus der Stalinzeit), führte zur harten Verfolgung der Teilnehmer an Protestkundgebungen. Darauf folgten das Gesetz gegen sog. „ausländische Agenten“ und Einschränkungen der Meinungs- und Pressefreiheit. Das postimperiale Syndrom erleben wir heute in Russland in einer sehr gefährlichen und aggressiven Form. Nach den Ereignissen in der Ukraine hat Russland einen Weg der scharfen Konfrontation mit dem Westen eingeschlagen. All dies hat zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft geführt: zwischen einem modernen, gebildeten und demokratisch eingestellten Teil und traditionalistischen, konservativen und passiven Kräften, die von einem starken Nationalismus angesteckt sind. Heute scheint es, dass der erste Teil leider viel kleiner und schwächer ist, und dass man wieder in der ewigen Spirale der russischen Geschichte gefangen ist: die Mobilisierung marginaler Schichten haben eine Atmosphäre des Hasses geschaffen, in der die rechtsradikale Antimajdanbewegung entstanden ist, und der offene Mord am Oppositionspolitiker Boris Nemzov in unmittelbarer Nähe des Kremls möglich geworden ist.
Diese Stimmungen (sowohl von „oben“ als auch von „unten“) dominierten am 9. Mai 2015 leider im ganzen Land, wobei nicht die wahre Erinnerung an die Tragödie des Vaterländischen Krieges, sondern der militante Nationalismus seinen Sieg feierte. Das äußerte sich in den Militärparaden in allen Großstädten, im totalen Verschweigen der Rolle der Alliierten, wie auch in einem unvergleichlich propagandistischen Kitsch und Spiel mit Kriegssymbolen. So steckte man beispielsweise auch ganz kleine Babys in Soldatenuniformen, und auf westlichen Autos (in Russland immer noch die beliebtesten) klebten Plaketten mit dem Spruch „Nach Berlin!“. Auch große Inszenierungen sind beliebt – unübertroffen war diejenige in Grosny, wo Ramsan Kadyrov die Eroberung des Reichstags 1945 in Echtgröße inszenierte.
Diese Rückkehr in die Vergangenheit, in die Rhetorik, die nicht nur Propagandaelemente aus der Stalin-Zeit kopiert, sondern auch faschistoide Züge trägt, ist derzeit der deutlichste Trend in der russischen Politik. Ob dieser Umgang mit der Vergangenheit als ideologische Grundlage für neue Konflikte, für einen neuen „Kalten Krieg“ und für die Legitimierung eines autoritären Regimes dienen wird, ist eine sehr akute Frage, die sich heute in Russland stellt.

Anmerkung

1) Astafiew, Viktor: Net mne otveta [Ich bekomme keine Antwort]. Moskau 2009, S.576.

 

Irina Scherbakowa, Dr. phil., Germanistin, Historikerin, Leiterin der Bildungsprogramme der Gesellschaft Memorial.

Foto: kremlin.ru

 

pdfRGOW 8/2015, S. 10-13