Virulente Vergangenheit. 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica

Heike Karge

In Srebrenica ereignete sich im Juli 1995 das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Bei dem Massaker nach der Einnahme der UN-Schutzzone kamen über 8 000 muslimische Jungen und Männer ums Leben. 20 Jahre nach dem Verbrechen, das UN-Gerichte als Völkermord klassifiziert haben, sind weiterhin viele Fragen offen. Noch immer konnten nicht alle Hinterbliebenen die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen würdig bestatten, noch immer wird das Geschehen verdrängt und verleugnet, und noch immer sind nicht alle Verantwortlichkeiten beim Fall der Schutzzone geklärt. - S. K.

20 Jahre nach dem Völkermord sind die meisten der hinterbliebenen Frauen von Srebrenica längst ergraut. Das Leben vieler Hinterbliebenen, auch wenn es über zwei Jahrzehnte äußerlich weitergeführt wurde, ist innerlich faktisch steckengeblieben in diesen Tagen im Juli 1995 in Srebrenica. Denn auch 20 lange Jahre nach dem Massaker ist die Vergangenheit für viele von ihnen nicht abschließbar, der Zustand eines past perfect nicht erreicht und dies auch in absehbarer Zeit kaum vorstellbar. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die wichtigsten drei will ich hier benennen.

Die Suche nach den Körpern der Toten
„Neuigkeiten von gefundenen Körpern wurden zu guten Neuigkeiten, da sie eine angemessene Beerdigung ermöglichten.“1 Diese Worte der Historikerin Selma Leydesdorff könnten kaum treffender gewählt sein, um das Warten, Bangen und Hoffen zu beschreiben, das für viele der Überlebenden von Srebrenica die letzten 20 Jahre geprägt hat und weiterhin prägt.

Die 1996 geschaffene International Commission on Missing Persons (ICMP), welche mittels DNA-Analyse maßgeblich an der Identifizierung von Opfern der jugoslawischen Zerfallskriege beteiligt ist, bezeichnet den Völkermord von Srebrenica als „die komplizierteste forensische Herausforderung in Bezug auf die Lokalisierung und Identifizierung der Opfer.“2 20 Jahre nach dem Völkermord und nach dem Ende des Krieges in Bosnien-Herzegowina ist trotz umfangreicher Bestandsaufnahme am ICTY, dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia), die genaue Zahl der im Juli 1995 in der Enklave Srebrenica getöteten bosniakisch-muslimischen Männer und Jungen noch nicht (oder nicht mehr) feststellbar. Das ICTY spricht von etwa 7000 bis 8000 Toten, in den westlichen Medien ist meist von „mehr als 8000“ die Rede.3

Die Unsicherheit über die Opferzahl rührt daher, dass die Körper der Getöteten von bosnisch-serbischen Kräften im Juli 1995 zunächst in sog. Primär- und im Herbst 1995 dann in sog. Sekundärgräbern verscharrt worden waren. Das Ziel dieser Aktion, den Völkermord zu verschleiern und die Identifizierung der Opfer zu erschweren, wurde zumindest teilweise erreicht. In vielen Fällen fanden sich, wenn überhaupt, Teile des Körpers eines Opfers auf mehrere verschiedene Gräber verteilt. Was für die ICMP eine enorme Herausforderung bei der Identifizierung der Opfer darstellt, ist für die Angehörigen vor allem eine unvorstellbare psychische Belastung. Manche Frauen konnten nur einige wenige Knochen ihrer Angehörigen beerdigen, manche nur einen einzigen. Auf dem Gedenkfriedhof in Potočari nahe Srebrenica werden alljährlich am 11. Juli die sterblichen Überreste der im Verlauf des vergangenen Jahres identifizierten Opfer des Völkermordes zur letzten Ruhe gebettet. Am 11. Juli diesen Jahres, dem offiziellen Gedenktag für die Opfer des Völkermordes von Srebrenica, wurden hier weitere 136 Opfer des Massakers beerdigt.4 Im Jahr 2010, 15 Jahre waren da seit dem Völkermord bereits vergangen, betrug die Zahl der hier Beerdigten gerade einmal etwa 3000.5 15 Jahre, in denen mehr als die Hälfte der Opfer entweder nicht hatte identifiziert werden können bzw. weiterhin als vermisst galt. 15 Jahre, während derer die Hinterbliebenen Tag für Tag, Jahr für Jahr hofften, der Trauer um ihre Brüder, Söhne, Väter und Ehemänner endlich einen Ort zu geben – viele von ihnen vergeblich. Die Gesamtzahl der Personen, die heute in Bosnien-Herzegowina aufgrund des Krieges 1992–1995 weiterhin als vermisst gelten, liegt bei 8000.6 Die Ereignisse vom Juli 1995 betreffend, werden auch in diesem Jahr, 20 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica, noch etwa 1200 Männer und Jungen vermisst.7

Symbolpolitik und Anerkennung des Geschehenen
Abschließen können setzt voraus, dass es Formen der Anerkennung des Geschehenen gibt. Im Falle von Srebrenica ist dieser Aspekt, der in erster Linie symbolpolitische Handlungen meint, vor allem in der Frage der Anerkennung von Srebrenica als Völkermord verdichtet. Wie hochpolitisch und hochpolitisiert dieser Aspekt ist, zeigte jüngst das letztlich erfolglose Zerren um eine UN-Resolution zu Srebrenica. Der von Großbritannien vorbereitete Resolutionsentwurf, welcher den Völkermord von Srebrenica verurteilte, wurde am 8. Juli 2015 durch ein Veto Russlands abgeblockt. Die politischen Führungen Russlands und des ihm nahestehenden Serbien und der Republika Srpska, dem serbischen Landesteil von Bosnien-Herzegowina, lehnen eine Bewertung der Vorgänge von Juli 1995 in und um Srebrenica als Völkermord ab, auch wenn dieser bereits vor einigen Jahren von zwei internationalen Gerichtshöfen als solcher klassifiziert worden war. Für die Hinterbliebenen dürfte dieses Votum, kurz vor dem offiziellen Srebrenica-Gedenktag am 11. Juli, einer Re-Traumatisierung gleichgekommen sein. Da sie den Genozid in Srebrenica zugelassen hätte, habe die UN eine Verpflichtung, diese Resolution zu verabschieden, mahnte bereits im März die Vorsitzende der Vereinigung Majke Srebrenice (Mütter von Srebrenica), Hatidža Mehmedović.8 Nun hat statt der UN das Repräsentantenhaus der USA eine Resolution verabschiedet, in der die „Leugnung oder ein Anzweifeln, dass das Massaker in Srebrenica ein Genozid war“, kritisiert wird.9 Diese klare Positionierung der USA auf der Seite derer, die die Gerichtsurteile des Internationalen Gerichtshofes und des ICTY anerkennen, ist zwar ein gewichtiges politisches Statement, bedeutet aber letztlich für diejenigen, die den Völkermord sowieso leugnen, wenig.

Große mediale Aufmerksamkeit ist in diesem Zusammenhang stets auf Serbien gerichtet, das im März 2010 zwar eine Srebrenica-Resolution verabschiedet hatte, das Wort Genozid dabei jedoch nicht verwendete.10 Einen Umschwung in Bezug auf die serbische Auseinandersetzung mit Srebrenica und Serbiens Verantwortung in den jugoslawischen Zerfallskriegen hat diese Resolution daher nicht ausgelöst. Zwar entschuldigte sich im Frühjahr 2013 der serbische Präsident Tomislav Nikolić vor dem bosnischen Fernsehpublikum für die Mitschuld serbischer Kriegsverbrecher an den Ereignissen im Juli 1995 in Srebrenica. Aber eine Anerkennung von Srebrenica als Völkermord folgte auch daraus nicht. Die bis heute anhaltende Stoßrichtung der serbischen Politik ist gut zusammengefasst in den Worten des serbischen Ministerpräsidenten Aleksandar Vučić, der nach Bekanntgabe des Scheiterns der UN-Resolution eine Pressekonferenz gab. Seine dortige Ankündigung, an der diesjährigen Gedenkveranstaltung am 11. Juli in Potočari teilzunehmen, erklärte er mit folgenden verschlungenen Worten: „Weil wir der Meinung sind, dass wir Serben, als ein Volk, das viel gelitten hat, die Verantwortung haben, die Opfer der anderen zu ehren. Nur so werden auch sie unsere Opfer ehren.“11 Im serbischen öffentlichen Diskurs ist Srebrenica als Erinnerungsort inzwischen salonfähig – aber nur, wenn es a) nicht als Völkermord bezeichnet, und b) an das Gedenken auch der serbischen Opfer in diesem Krieg (die es unbestritten gegeben hat) gekoppelt wird. Die Stein- und Flaschenwürfe gegen Vučić am 11. Juli in Potočari haben gezeigt, dass diese Position schon lange nicht mehr ausreicht, um Versöhnung zu erreichen. Solange der Völkermord als solcher nicht anerkannt wird, wird es diese Versöhnung und ein Anerkennen auch der serbischen Opfer nicht geben können.

Bosnien-Herzegowina, das Land, in dem Srebrenica liegt, hat keine Srebrenica-Resolution verabschiedet. Dies liegt am bis heute anhaltenden Widerstand der politischen Führung der Republika Srpska unter Milorad Dodik. Nur in der muslimisch-kroatischen Föderation, dem zweiten Landesteil von Bosnien-Herzegowina, sowie auf kantonaler und kommunaler Ebene wurden Srebrenica-Resolutionen erlassen, wobei die bedeutendste wohl die im April 2011 verabschiedete Resolution in Srebrenica selbst war. Serbische Mitglieder der Gemeindeversammlung nahmen an der Abstimmung über diese Erklärung nicht teil, sie hatten zuvor demonstrativ den Saal verlassen.12 Srebrenica spaltet das Land bis heute, und so tat es auch der jüngste, im Mai 2015 in das Parlament der Republika Srpska in Banja Luka eingebrachte Resolutionsentwurf zu Srebrenica. Dieser forderte, wie auch schon die vorherigen, gescheiterten Entwürfe, die Anerkennung Srebrenicas als Genozid. Auf diese Forderung reagierte der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, mit den folgenden Worten: „Unser Standpunkt ist klar. Niemand bestreitet, dass sich in Srebrenica ein Verbrechen ereignet hat, aber eben kein Völkermord.“ Die Mütter von Srebrenica haben daraufhin gegen den Präsidenten Strafanzeige wegen Anstiftung zu Hass auf nationaler, rassischer oder religiöser Grundlage erstattet.13

Srebrenica ist und bleibt ein politisches Thema. Hier geht es schon lange nicht mehr um Symbolpolitik, hier geht es ganz konkret darum, den Völkermord beim Namen zu nennen, damit die Hinterbliebenen die Anerkennung ihrer Trauer und ihres Verlustes erfahren können. Wie schmal aber auch für Letztere der Grat hin zu einer fragwürdigen politischen Instrumentalisierung der Opfer ist, hat eine Meldung vom 12. Juni deutlich gemacht. Hier wurde von Seiten der Srebrenicaer Opferverbände angedroht, die offizielle Gedenkfeier am 11. Juli in Potočari zu verschieben, falls der im Juni in der Schweiz festgenommene Naser Orić, für viele bosniakische Muslime ein Kriegsheld, an Serbien ausgeliefert werden sollte.14 Ein Trauerprozess, der nicht beginnen kann, kann indes auch durch ein solches politisches Gezerre nicht initiiert werden.

Juristisches versus moralisches Recht
Dass juristische Aufarbeitung wichtig ist, aber allein nicht ausreicht, damit Srebrenica Geschichte werden kann, haben die letzten 20 Jahre hinlänglich bewiesen. Das ICTY hat bislang insgesamt fünf Genozid-Urteile in Verbindung mit Srebrenica gefällt. Die Anklagen gegen Ratko Mladić und Radovan Karadžić, die beiden Hauptverantwortlichen für die Geschehnisse in Srebrenica, lauten ebenfalls auf Genozid, die Urteile stehen noch aus. Bislang sind Urteile des ICTY und des Gerichtshofes in Bosnien-Herzegowina, die auf Genozid oder Beihilfe zum Genozid lauten, nur in Verbindung mit Srebrenica ergangen. Aber dies wird sich vermutlich ändern, und damit wird sich langfristig auch unser Bild von der Einmaligkeit des Völkermords in Srebrenica im Rahmen der jugoslawischen Zerfallskriege wandeln. Denn die Anklageschriften des ICTY gegen Mladić und Karadžić weiten die Anklage wegen Völkermords auch auf andere Gemeinden in Bosnien-Herzegowina auf. Zu nennen wären hier Prijedor, Foča oder Vlasenica. Im Herbst 2015 wird das Urteil im Prozess gegen Radovan Karadžić erwartet. Wichtig wird dies nicht nur für Historiker und Politologen sein, die sich mit der Frage nach dem Charakter des Krieges befassen. Wichtiger noch wird dies für diejenigen Hinterbliebenen sein, die Opfer außerhalb Srebrenicas zu beklagen haben, und die wie viele der Mütter von Srebrenica ebenfalls darauf warten, ihre Angehörigen endlich bestatten und angemessen betrauern zu können.

Die Haltung des ICTY gegenüber dem Völkermord von Srebrenica ist nicht ambivalent. Die gesprochenen Urteile sind eindeutig und lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft von den Vorkommnissen, dem schlimmsten Verbrechen auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg, distanziert. Aber juristisches Recht ist nicht dasselbe wie moralisches Recht, oder Recht in den Augen der Opfer. So lancierte das ICTY Mitte Juni dieses Jahres, kurz vor Beginn der offiziellen Srebrenica-Feierlichkeiten, eine neue Webseite zu Srebrenica auf seiner offiziellen Homepage.15 Dort sind alle am ICTY behandelten Srebrenica-Fälle mit Videos, Infografiken, einer Kurzvorstellung der Anklagen und Urteile sowie Zeugenaussagen dokumentiert. Eine übersichtliche, gut aufgearbeitete und beeindruckende Zusammenschau, die jedoch nicht thematisiert, dass manche ursprüngliche Anklagen, die auf Völkermord in Srebrenica lauteten, durch sog. plea bargains abgemildert worden sind. Diese Form der Verständigung im Strafverfahrensprozess, bei dem sich der Angeklagte in der Regel in einem oder mehreren Anklagepunkten (hier: Verbrechen gegen die Menschlichkeit) schuldig bekennt und im Gegenzug ein schwerwiegenderer Anklagepunkt (hier: Völkermord) fallengelassen wird, ist juristisch fraglos zu rechtfertigen, da sie lange Verfahren verkürzt und Ressourcen der Justiz schont. Die moralische Rechtfertigung dagegen fällt schwer, denn wie sollen die Hinterbliebenen damit umgehen, dass ehemaligen hochrangigen politischen und militärischen Entscheidungsträgern wie Biljana Plavčić, Momir Nikolić und Dragan Obrenović eine solche Verständigung mit der Staatsanwaltschaft gestattet wurde, wohingegen die Hinterbliebenen in der Republika Srpska weiterhin ihre Männer und Söhne suchen, und um die Anerkennung ihrer Trauer kämpfen müssen? Und dies alles vor dem Hintergrund, dass viele Hunderte derer, die an der Durchführung des Völkermordes beteiligt waren – als Soldat, als Paramilitär, als Bus- oder Bulldozerfahrer –, nach wie vor unbehelligt von jeglicher Justiz ihr Leben weiterleben?

Auch die Niederlande spielen eine Rolle in der juristischen Aufarbeitung von Srebrenica. Hier geht es in erster Linie um die inzwischen langjährigen Prozesse, welche von Srebrenica-Hinterbliebenen gegen den niederländischen Staat geführt werden. Im letzten Jahr gelang dabei ein wirklicher Durchbruch, als nämlich in einem spektakulären Urteil die Niederlande haftbar gemacht wurden für den Tod von etwa 300 muslimischen Männern und Jungen.16 Bisher, so die Politikwissenschaftlerin Erna Rijsdijk, sei die offizielle niederländische Narration zu Srebrenica stark auf das niederländische Trauma, also das Versagen von Dutchbat im Juli 1995 und dessen Folgen für die eigene Gesellschaft, fokussiert gewesen.17 Dies könnte sich durch Urteile wie das oben genannte ändern, die das Augenmerk endlich auf die in Srebrenica Ermordeten und deren Hinterbliebenen verschöben.

Verfolgt man die aktuelle internationale Presse, lässt sich zudem vermuten, dass nicht nur der niederländische Diskurs zu Srebrenica künftig ins Wanken geraten könnte. Denn nicht nur sind nicht alle Toten geborgen, nicht nur sind nicht alle Schuldigen verurteilt – hinzu kommt, dass sich nicht alles, was damals geschehen ist, auch rekonstruieren lässt. Die brisanteste Frage ist hier fraglos diejenige nach den Gründen für die ausgebliebene NATO-Luftunterstützung im Juli 1995. Zwei niederländische (Ex-)Militäroffiziere haben diese Debatte im Mai und Juni 2015 wieder angestoßen, und sie sind nicht die einzigen.18 Die umstrittene Journalistin und ehemalige ICTY-Pressesprecherin Florence Hartmann gehört ebenfalls zu denjenigen, die nicht aufhören, die ganz konkrete Frage nach der Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft für die Ermöglichung des Völkermords zu stellen.19 Diese Fragen sind nicht bequem, aber man wird sie stellen und vor allem beantworten müssen, um den Frauen von Srebrenica ins Gesicht blicken zu können.

Serbiens Haltung der Nicht-Anerkennung des Völkermordes in Srebrenica ist, wie oben geschildert, ebenfalls nicht ambivalent. Dennoch scheint sich auch hier einiges zu bewegen. So ist es im März 2015 infolge der neuen Zusammenarbeit der Staatsanwaltschaften in Belgrad und der bosnischen Hauptstadt Sarajevo zu sieben Festnahmen in Serbien in Verbindung mit Srebrenica gekommen. Der serbische stellvertretende Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Bruno Vekarić, nannte dies „de[n] erste[n] Fall, in dem es um Verdächtige geht, die an den Massenerschießungen teilgenommen haben sollen.“20 Das ist insofern richtig, als es tatsächlich das erste Mal ist, dass Serbien auf seinem Territorium lebende bosnische Serben verhaftete, die teilweise bereits vor Jahren von der bosnischen Staatsanwaltschaft wegen Genozids in Srebrenica angeklagt worden waren. Der Sprecher des Büros der Staatsanwaltschaft von Bosnien-Herzegowina, Boris Grubešić, würdigte diesen wichtigen Schritt mit den Worten: „Die Vertreter der Opferfamilien von Kriegsverbrechen […] begrüßen den Schritt der serbischen Justiz, gegen diese Verdächtigen zu prozessieren, der ein klares Signal von Vertrauen und Zusammenarbeit darstellt.“21

Die Wiederherstellung von Vertrauen in das Rechtssystem eines Staates, der in Verbrechen involviert gewesen ist – das ist für den Menschenrechtsaktivisten und Philosophen Pablo de Greiff die vielleicht wesentlichste Grundlage für Wiedergutmachung und Aussöhnung.22 Ob dies zwischen Serben und Bosniaken, zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina in nächster Zukunft tatsächlich gelingen wird, ist überhaupt nicht sicher. Viel wird davon abhängen, ob die Welle von Verhaftungen, symbolischen Gesten, Verurteilungen und Resolutionen, die die erste Jahreshälfte 2015 geprägt hat, den Auftakt zu einer erneuten intensiven Auseinandersetzung mit Srebrenica bildet, die keine Angst vor kritischen Fragen auch an die Rolle der internationalen Gemeinschaft hat. Oder ob sich stattdessen nach dem Jahrestag die internationale Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zuwendet und Srebrenica, Prijedor, Foča und andere Orte sowie die dort lebenden Menschen wieder ihrem Schicksal überlässt – bis in wenigen Monaten das nächste Medienevent, die Urteilsverkündung im Falle Karadžić, ansteht. Wie auch immer wir uns entscheiden, für die Menschen in Bosnien-Herzegowina geht das tägliche Leben weiter – ein Leben, das Almir Salihović, Koordinator der Republika Srpska-Rückkehrerkoalition „1st of March“, mit den folgenden bitteren Worten sehr treffend charakterisiert: „Wir leben in einer Gemeinschaft, welche die Wirklichkeit akzeptiert, die ein Völkermord geschaffen hat.“23

Anmerkungen
1) Leydesdorff, Selma: Surviving the Bosnian Genocide. Bloomington 2011, S.8.
2) http://www.ic-mp.org/press-releases/over-7000-srebrenica-victims-recovered.
3) Video „ICTY Remembers: the Srebrenica Genocide (1995–2015)“ auf der ICTY-Webseite „The Tribunal Remembers: The Srebrenica Genocide“, http://www.icty.org/srebrenica20
4) Roser, Thomas: Sebrenica: Die Stadt, die nur wegen der Toten lebt, http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4772827/Srebrenica_Die-Stadt-die-nur-wegen-der-Toten-lebt?from=suche.intern.portal.
5) Nikolic, Ivana; Dzidic, Denis: Serbian President Snubs Srebrenica Anniversary, http://www.balkaninsight.com/en/article/serbia-s-president-slammed-over-not-attending-srebrenica-commemoration
6) http://www.ic-mp.org/news/effort-to-account-for-the-missing-must-continue
7) Borger, Julian: Srebrenica 20 years on: ‘Every year I think this is the year I will bury my son’, http://www.theguardian.com/world/2015/jul/03/srebrenica-massacre-20-years-on
8) Dzidic, Denis: Reports of UN Srebrenica Declaration Divide Bosnia, http://www.balkaninsight.com/en/article/reports-of-un-srebrenica-declaration-divide-bosnia
9) http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/usa-sieht-srebrenica-als-voelkermord-andere-nicht-13693424.html
10) Karge, Heike: Nie wieder Srebrenica: Eine Dokumentation der Srebrenica-Erklärungen und ihrer Wirkungen. In: Südosteuropa 59, 1 (2011), S.128–167.
11) Ivanji, Andrej: Serbische Gratwanderung um Srebrenica-Gedenken, http://derstandard.at/2000018789071/Serbische-Gratwanderung-um-Srebrenica-Gedenken
12) Karčić, Hamza: Remembering by resolution – the case of Srebrenica. In: Journal of genocide research 17, 2 (2015), S.201–210, hier S.206.
13) http://www.klix.ba/vijesti/bih/zbog-negiranja-genocida-podnesena-krivicna-prijava-protiv-milorada-dodika/150610019
14) http://www.b92.net/eng/news/region.php?yyyy=2015&mm =06&dd=23&nav_id=94530
15) „The Tribunal Remembers: The Srebrenica Genocide“, http://www.icty.org/srebrenica20
16) http://www.tagesschau.de/ausland/srebrenica-100.html
17) Rijsdijk, Erna: „Forever Connected“: State Narratives and the Dutch Memory of Srebrenica. In: Zarkov, Dubravka; Glasius, Marlies (eds.): Narratives of Justice In and Out of the Courtroom. Former Yugoslavia and Beyond. Cham u.a. 2014, S.131–146, hier S.132.
18) http://www.sense-agency.com/icty/%E2%80%98specter-of-srebrenica%E2%80%99-still-haunting-the-dutch.29.html?cat_id=1&news_id=16629
19) Hartmann, Florence; Vulliamy, Ed: How Britain and the US decided to abandon Srebrenica to its fate, http://www.theguard ian.com/world/2015/jul/04/how-britain-and-us- abandoned-srebrenica-massacre-1995
20) http://www.sueddeutsche.de/politik/massaker-von-srebrenica-serbien-laesst-mutmassliche-massenmoerder-festnehmen-1.2399558
21) Ristic, Marija; Jukic, Elvira M.: Serbia Arrests Eight for Srebrenica Massacre, http://www.balkaninsight.com/en/article/serbia-arrests-seven-for-srebrenica-massacre
22) Greiff, Pablo de: Justice and Reparations. In: Greiff, Pablo de (ed.): The handbook of reparations. Oxford 2006, S.451–477, hier S.462.
23) Dzidic, Denis: Srebrenica Convictions Not Enough for Victims, http://www.balkaninsight.com/en/article/srebrenica-convictions-not-enough-for-victims

Heike Karge, Dr. phil., Historikerin, Universität Regensburg, forscht zur Kultur- und Sozialgeschichte Südosteuropas und beschäftigt sich dabei insbesondere mit der Geschichte von Kriegstraumata und Kriegserinnerungen in Jugoslawien im 20. Jahrhundert.

Foto: Jedes Jahr werden am 11. Juli die im vergangenen Jahr identifizierten Opfer des Völkermords auf dem Gedenkfriedhof in Potočari beerdigt (Aufnahme vom 11. Juli 2010). von Paul Katzenberger / Wikimedia Commons

 

pdfRGOW 9/2015, S. 12-15