Die Gegenwart des Sowjetischen in Aserbaidschan

Sergey Rumyantsev

Wie in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken lässt sich in Aserbaidschan eine Kontinuität zwischen sowjetischer und postsowjetischer Gedächtnispolitik beobachten. Die politischen und kulturellen Eliten sind nahezu identisch geblieben, ihren Aufstieg verdanken sie der sowjetischen Nationalitätenpolitik, deren Institutionen die Kulturpolitik noch heute prägen. Seit dem Tod von Präsident Heydar Aliyev 2003 wurden landesweit zahlreiche Aliyev-Denkmäler errichtet, die an den sowjetischen Personenkult erinnern. – R. Z.

Ist eine vollständige „Befreiung“ vom sowjetischen Erbe zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Zerfall der UdSSR möglich? In Anbetracht der Tatsache, dass das sowjetische Regime die Kontrolle über alle Lebensbereiche anstrebte, stellt sich die Lösung dieser Aufgabe außergewöhnlich schwierig dar. Insbesondere dann, wenn sich dieser Aufgabe Politiker, Unternehmer, Gelehrte und Kulturschaffende annehmen, die ihre Karriere zu sowjetischen Zeiten begonnen haben. Hinzu kommt, dass ein bedeutender Teil des sowjetischen Erbes auch nach Erlangung der Unabhängigkeit weiterhin gefragt ist.
In diesem Beitrag konzentriere ich mich vor allem auf die Produktion einer Nationalkultur in Aserbaidschan im Kontext ihrer Kontinuität zwischen Sowjetischem und Postsowjetischem. Dabei geht es insbesondere um öffentliche Denkmäler als augenfälligste Symbole des Vergangenen und des Gegenwärtigen. Zudem werde ich auf die Besonderheiten der politischen Macht eingehen, die sich in dieser ehemaligen Sowjetrepublik etabliert hat. Was hat sich in der Erinnerungspolitik verändert, und inwiefern haben die zu Sowjetzeiten entstandenen Nationalsymbole auch in der postsowjetischen Situation Gültigkeit?

Das politische Regime als sowjetisches Erbe
Im Gegensatz zu den zentralasiatischen Republiken haben die Sowjetfunktionäre in Aserbaidschan die Macht nicht lange lokalen Nationalisten überlassen. Im Frühsommer 1992 war es der aserbaidschanischen Volksfront zwar gelungen, den bisherigen Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei und den ersten Präsidenten des unabhängigen Aserbaidschans, Ayaz Mütallibov, abzusetzen. Seinem Nachfolger, Abülfaz Elçibay (ein Akademiker mit dem Ruhm eines Dissidenten), gelang es jedoch nicht, ein lebensfähiges Regierungssystem auf die Beine zu stellen. So kam im Herbst 1993 nach einer längeren Pause wiederum Heydar Aliyev an die Macht, der Ex-Chef des lokalen Komitees für Staatssicherheit (KGB) und von1969 bis 1982 Parteiführer der lokalen Kommunistischen Partei (KP). Ihm gelang es, die Situation zu stabilisieren und ein solides autoritäres Regime zu etablieren, das seinen Tod erfolgreich überlebt hat.
Als charismatischer Führer und durchaus geschickter und flexibler Politiker blieb Heydar Aliyev jedoch auch in der für ihn neuen Situation weitgehend ein Sowjetfunktionär. Seine Biographie und bisherige Erfahrung (wie auch diejenige seines engsten Umfelds) beeinflussten seine Tätigkeit auch nach dem Zerfall der UdSSR wesentlich. In diesem Sinne war die Kontinuität des politischen Regimes, der bürokratischen und kulturellen Eliten, der Regierungsinstitutionen und der Diskurse im Prinzip logisch und größtenteils unvermeidlich. Es ist kein Zufall, dass viele der jüngsten Versuche, das politische Regime Aserbaidschans als autoritäres zu beschreiben, Hinweise auf eine zunehmende Sowjetisierung enthalten. Auf deutliche Hinweise für diese Rückkehr in die Vergangenheit stößt man in Aserbaidschan wirklich überall. Am offensichtlichsten ist vermutlich der Personenkult um den verstorbenen Präsidenten Heydar Aliyev, der noch während seiner Regierungszeit etabliert wurde und unter seinem Sohn und Nachfolger im Präsidentenamt seit 2003, Ilham Aliyev, floriert.
Die politische Struktur des gegenwärtigen Aserbaidschan weist nicht gerade wenige Anzeichen des sowjetischen institutionellen Erbes auf. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben sich diese Eigenschaften des Regimes, so scheint es auf den ersten Blick, noch verstärkt. Die sog. Clan-Struktur der Macht (oder das Patronage-Beziehungssystem1) hat den Zerfall der UdSSR überlebt und bleibt auch unter Ilham Aliyev in Kraft. Das Parlament der Republik verfügt über einen ähnlich geisterhaften Einfluss auf die Entscheidungen des Präsidenten oder die Tätigkeit der Minister wie der Oberste Sowjet zu Zeiten der UdSSR. Kontinuität zeigt sich auch in der höchsten Bürokratie. Die Regierung hat die Partei „Neues Aserbaidschan“ gegründet, die stark an die KP erinnert. Die Erfolgsdarstellungen des Regimes in allen Bereichen der Wirtschaft, der Kultur und des öffentlichen Lebens sind nach dem Muster des sowjetischen Diskurses über den unveränderlich erfolgreichen und aktiven Staatsaufbau gestrickt.

Sowjetische Quellen der Nationalkultur
Viel Sowjetisches in Stil und Praxis ist auch in der Erinnerungspolitik und in den Diskursen über die Kontinuität der Macht erkennbar. Das zeigt sich beispielsweise in der kulturellen Sphäre. Doch bevor wir zur postsowjetischen Zeit kommen, müssen wir uns der sowjetischen Nationalitätenpolitik zuwenden, in deren Rahmen in allen Sowjetrepubliken sowie autonomen Republiken und Gebieten Nationalkulturen und Pantheons großer nationaler Akteure geschaffen wurden. Auch wenn diese Politik am intensivsten in den ersten zwei, drei Jahrzehnten der Sowjetmacht verfolgt wurde, gab man sie während der ganzen Geschichte der UdSSR nie auf. Die öffentlichen Räume der Hauptstädte der kaukasischen Republiken wurden in dieser Zeit nicht nur mit Symbolen zur Propaganda kommunistischer Ideen gefüllt, sondern auch mit den Figuren nationaler Dichter, Schriftsteller, Aufklärer und Komponisten.
Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann hat mit Blick auf Denkmalbau und Erinnerungspolitik folgende Fragen formuliert: „Wer bleibt außerhalb des kulturellen Gedächtnisses? Welches sind die Prinzipien der Inklusion und Exklusion? Diese Fragen sind notwendig mit Fragen der Machtergreifung und des Machterhalts verbunden; das heißt, dass eine Veränderung in den Machtbeziehungen auch eine Veränderung in der Struktur des kulturellen Gedächtnisses nach sich ziehen wird.“2 Auf die Frage, warum ich gerade den Denkmalbau ins Zentrum dieser Erörterung stelle, zitiere ich folgende Antwort: „Ein Denkmal oder ein Gedenkort stärkt den Gemeinschaftssinn, indem es den Mitgliedern einer Gemeinschaft ein Bild dieser Mitgliedschaft stiftet. Denkmäler schaffen soziale Räume, indem sie Gefühle der Identität und der Zugehörigkeit hervorrufen.“3 Im 20. Jahrhundert hat die politische Förderung nationaler Identitäten durch Regierungen mehrere gravierende Veränderungen erlebt. Viele Denkmäler, welche die Herrschaft des Russländischen Imperiums in Transkaukasien versinnbildlichten (keines von ihnen wurde in Aserbaidschan errichtet), erwiesen sich Anfang 20. Jahrhundert als ebenso unbeständig wie die imperiale Macht selbst. Die sowjetische Regierung hingegen war im Gegensatz dazu weit aktiver und konsequenter bei der Realisierung „memorialer Propaganda“. Viele rituelle Praktiken und kulturelle Bilder, die zur Sowjetzeit geschaffen wurden, haben den Zusammenbruch der UdSSR erfolgreich überlebt.

Die Kontinuität kultureller Eliten
Die sowjetische Nationalitätenpolitik und als integraler Teil davon die Konstruktion einer nationalen „Hochkultur“ wurden mehrheitlich durch die lokalen kulturellen und intellektuellen Eliten verwirklicht. Die Sowjetmacht formierte sehr schnell eine Schicht neuer (sowjetischer) Spezialisten aus Vertretern der „Titularnation“, d. h. der dominierenden ethnischen Gruppe – in unserem Falle also der Aserbaidschaner. Die lokale Kulturelite schloss sich der Realisierung der sowjetischen Nationalitätenpolitik schnell an. Die Mehrheit ihrer Vertreter überlebte den Großen Terror unter Stalin und machte erfolgreich Karriere voller Preise und Ehrungen. Stephen Kotkin hat darauf hingewiesen, dass die totalitären Staaten im Ostblock die Gesellschaft nicht eliminierten, sondern eigene Gesellschaften schufen.4 So wurden in den Jahren des sowjetischen Totalitarismus seit Ende der 1920er bis Anfang der 1950er Jahre in den jeweiligen Volksrepubliken neue kulturelle Eliten geschaffen, und zwar nicht nur als sowjetische, sondern auch als nationale Eliten.
Die sowjetische Nationalitätenpolitik beinhaltete auch die Etablierung zahlreicher Institutionen im akademischen und Bildungsbereich sowie Bünde für Schriftsteller und Komponisten, aber auch die Schaffung kollektiver Rituale, die das nationale Gedächtnis der „Titularnationen“ konstituierten. Die grundlegenden Züge dieser Nationalisierungspolitik (mit Pantheons von Kulturschaffenden, mit kollektiven Ritualen wie Begräbnissen, Jubiläen etc., mit dem Studium nationaler Dichter und Schriftsteller als Schulpflichtstoff) haben den Zerfall des sowjetischen Regimes erfolgreich überlebt. Die Vertreter der sowjetischen Kultureliten waren so auch in der postsowjetischen Situation weiterhin gefragt.
Bildhauer, die in den 1960er bis 1980er Jahren tätig waren, haben sich erfolgreich im postsowjetischen Denkmalbau etabliert. Der Urheber des Denkmals für den sowjetischen Volkskommissar Prokofij Dschaparidse (1880–1918), Omar El’darov, startete mit einem großen Denkmal zum Gedächtnis an den in den Jahren des Stalinterrors unterdrückten Dichter und Dramaturg Gusejn Dschavide erfolgreich in die postsowjetische Periode. Anlässlich des 65. Gründungsjubiläums des Aserbaidschanischen Künstlerbundes 2006 erhielt El’darov, der zu dieser Zeit bereits einige Jahre lang Rektor der Staatlichen Kunstakademie war, die „Goldmedaille“ für seinen Beitrag zur Entwicklung der aserbaidschanischen (und nicht der sowjetischen) darstellenden Kunst.
Sollte man sich über die schnelle und erfolgreiche Integration sowjetischer Kulturschaffender in den Prozess des postsowjetischen Kulturschaffens wundern? Nein, denn ihre ganze bisherige Tätigkeit hat den Erfolg in der postsowjetischen Zeit nur gefördert, weil die Aufgabe der sowjetischen Bildhauer während der ganzen Sowjetzeit nicht nur darin bestand, sowjetische Symbole zu schaffen, sondern auch Nationalkulturen. Nach dem Zerfall der UdSSR hat man ihren Beitrag zur Verewigung sowjetischer und bolschewistischer Führer still und rasch vergessen. Dafür herrschte ein umso größerer Bedarf an der Schaffung neuer Gedenkorte für die jeweiligen Nationaldichter und -helden.
Die postsowjetischen Regimes erbten eine institutionelle Struktur, die Kultur- und Kunstschaffende vereinte, und ein ganzes System von Titeln und Preisen umfasste. Als einzige gravierende Veränderung kann man nur die Abschaffung der gesamtsowjetischen Titel und Preisverleihungen bezeichnen, während die Staatspreise der sowjetischen Bundrepubliken, die in den Jahren des Tauwetters und der Stagnation populär waren, einfach als wichtigste Preisehrungen bestätigt wurden. Zusammen mit den gewohnten bürokratischen Strukturen, die zu staatlichen Kontrollzwecken geschaffen worden waren und ein hierarchisches System der Förderung, Preis- und Titelverleihung hervorgebracht hatten, konnten die Bildhauer, Schriftsteller, Dichter und Künstler nahtlos zum kulturellen und nationalen Schaffen der postsowjetischen Zeit übergehen.

Postsowjetischer Denkmalbau
Nicht nur die bürokratischen Praktiken, Institutionen oder die qualitative Zusammensetzung der Eliten haben sich wenig verändert, sondern auch die Prinzipien der städtischen Raumgestaltung. Lediglich einzelne Symbole wurden entfernt. Zwar zielten einige spontane Massenaktionen zwischen 1989 und 1991 auf den Abbruch sowjetischer Denkmäler, doch war dies nicht von Dauer und wurde durch eine routinierte Demontage ersetzt, deren Kontrolle wiederum die Regierung übernahm.
Wie bereits zu Sowjetzeiten werden nicht mehr genehme Denkmäler bevorzugt nachts demontiert, wie z. B. die beiden Denkmäler für die kommunistischen Volkskommissare Dschaparidse und Asisbekov in Baku. Die beiden 1918 von antikommunistischen aserbaidschanischen Kräften erschossenen Volkskommissare gehörten zu denjenigen, die man 1998 rückwirkend des Genozids an den Aserbaidschanern beschuldigte. Das entsprechende offizielle Dekret wurde vom damaligen Präsidenten Heydar Aliyev unterschrieben, dennoch standen die Denkmäler noch bis 2009 in Baku. Ebenfalls nachts wurde bereits 1962 die größte Stalin-Statue der Sowjetunion in Jerewan entfernt,5 wie auch das Stalindenkmal im georgischen Gori 2010.
Laut John R. Gillis hat die Gedächtnispolitik im postsowjetischen Raum noch keinen „demokratischen“ Charakter angenommen,6 denn die Prozedur der Demontage wird nicht von einer breiten gesellschaftlichen Debatte begleitet. Das bedeutet, dass die öffentliche Meinung auch im Postkommunismus praktisch keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen der Regierung über Errichtung oder Abbau dieses oder jenes Denkmals hat. So ist eine Kontinuität von Traditionen, Praktiken und Institutionen zu beobachten, wobei die populistische Ausrichtung auf Nationalisierung verstärkt wird, und die sowjetischen imperialen Symbole teilweise verabschiedet werden.

Neuer Personenkult
Natürlich spiegelt sich in der postsowjetischen Gedächtnispolitik auch die Spezifik der neuen politischen Regime und des politischen Konkurrenzkampfes wider. Im Südkaukasus kann man diese neue Spezifik besonders gut in Aserbaidschan beobachten. Schon in den 1990er Jahren wurde der öffentliche Raum in den Städten und Dörfern Aserbaidschans von zahlreichen Plakaten mit Darstellungen und geflügelten Worten Heydar Aliyevs dominiert, denen oft eine Nationalflagge des unabhängigen Aserbaidschans als Hintergrund diente. Bereits damals war es Heydar Aliyev also gelungen, sich selbst „mit Hilfe eines öl-gesättigten Personenkults als Personifizierung Aserbaidschans zu etablieren – l’état, c’est moi!“7 Zu Lebzeiten des „Volksvaters“ wurden jedoch noch keine Denkmäler zu seinen Ehren aufgestellt – abgesehen von einem von Omar El’darov gestalteten Denkmal für Aliyev als zweifacher Held der sozialistischen Arbeit im Jahr 1987, also noch bevor er zum „großen Führer“ und „Vater des aserbaidschanischen Volks“ avanciert war. Mit Aliyevs Tod 2003 änderte sich dies rasch und im Land breitete sich ein Denkmal-Boom zu Ehren des verstorbenen Präsidenten aus. Der postsowjetische Personenkult um Aliyev ähnelt in Maßstab und Realisierungspraxis offensichtlich dem Stalin- und späteren Lenin-Kult.
Man kann also geradezu von einer „Aliyev Gedächtnis-Industrie“ sprechen.8 Angesichts der gegenwärtigen Präsidentschaft Ilham Aliyevs, des Sohnes von Heydar Aliyev, lässt sich diese Praxis auch als eine Version von „Dynastiedenkmälern“ bezeichnen, um das Erben von politischen Ämtern zu legitimieren.9 Die „Statuenmanie“ hat mittlerweile das ganze Land erfasst. Nach der Errichtung des zentralen Aliyev-Denkmals in der Hauptstadt Baku wünschten sich alle (nicht nur) staatlichen Institutionen (Ministerien, Universitäten, Institute usw.) ein eigenes Aliyev-Denkmal oder wenigstens eine Büste des „gesamtnationalen Führers“. Jede Stadt im Land erhielt ihren zentralen Platz mit einem Denkmal für den „großen Führer“.
Die Hauptstadt Baku wurde aktiv zur Kommemoration Heydar Aliyevs umgestaltet, und die einzige politische Gestalt, deren Präsenz im städtischen Raum noch erlaubt war, war Nariman Narimanov (1870–1925). Das Denkmal und der kleine Park, die dem ersten Ministerpräsident der Aserbaidschanischen Sozialis­tischen Sowjetrepublik gewidmet sind, wurden restauriert. Das Narimanov-Denkmal ist heute das einzige bedeutende Denkmal für einen Politiker der Sowjetzeit. Narimanov stellt zweifellos keine ernsthafte Konkurrenz für Heydar Aliyev dar. Zudem wurde das Narimanov -Denkmal in der Zeit errichtet, als Aliyev Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik war, und gehört demnach zu seinem Erbe.
Als Erbe des sowjetischen Nationalitätenprojekts gibt es in Baku zudem zahlreiche Denkmäler für verschiedene aserbaidschanische Dichter, Komponisten und andere Kulturschaffende, die zu Sowjetzeiten errichtet wurden. Als Hauptstadt eines Nationalstaats ist Baku ein Gedächtnisraum, in dem die Gestalten „großer“ Nationaldichter und -komponisten der Figur des noch größeren „politischen Führers“ und „Volksvaters“ zur Seite stehen. Im Kontext des gegenwärtigen nationalen Mythos, der sich visuell in sich ständig vermehrenden Denkmälern verkörpert, erhält der ehemalige KGB-General und „Partokrat“ Heydar Aliyev das Exklusivrecht auf Repräsentation des wahrgewordenen Traums des ganzen „aserbaidschanischen Volks“. Dieser Traum war natürlich seit unvordenklichen Zeiten die Unabhängigkeit.

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In Aserbaidschan ist der Übergang vom sowjetischen zum postsowjetischen Kulturschaffen schmerzlos verlaufen, da die postsowjetische Kulturpolitik in bedeutendem Maße eine Fortführung der sowjetischen darstellt. Sie wird von denselben Eliten, im Rahmen derselben Organisationsstrukturen und Förderungssysteme gestaltet wie zuvor. Dieser sowjetische Charakter wird besonders daraus ersichtlich, dass es Jahrzehnte brauchte, bis gewisse kommunistische Denkmäler abgerissen wurden. Beispielsweise brauchte es zwei Jahrzehnte, bis die „verhasstesten“ Denkmäler für die lokalen Kommunisten Meschadi Asisbekov und Aljoscha Dschaparidse entfernt wurden. In einigen Fällen aber haben Denkmäler für lokale Bolschewiken die postsowjetische „Restauration“ und „Rekonstruktion“ überlebt und schmücken Baku noch heute. Und natürlich wäre es undenkbar, die Denkmäler für Nationalpoeten und -komponisten zu entfernen, die zu Sowjetzeiten errichtet wurden. Sie sind und bleiben ein wichtiges und gefragtes Erbe der sowjetischen Periode in der aserbaidschanischen Nationenbildung.

Anmerkungen

1)  Willerton, John P.: Patronage and Politics in the USSR. Cambridge 1992.
2)  Assmann, Aleida: „Plunging into Nothingness“: The Politics of Cultural Memory. In: Lambert, Ladina Bezzola; Ochsner, Andrea (eds.): Moment to Monument: The Making and Unmaking of Cultural Significance. Bielefeld 2009, S. 35.
3)  Lambert, Ladina; Ochsner, Andrea: Introduction. In: Lambert; Ochsner (eds.): Moment to Monument (Anm. 2), S. 11.
4)  Kotkin, Stephen: Uncivil Society: 1989 and the Implosion of the Communist Establishment. New York 2009, S. 12.
5)  Suny, Ronald G.: Looking Towards Ararat: Armenia in Modern History. Bloomington 1993, S. 181.
6)  Gillis, John R.: Memory and Identity: the History of a Relationship. Introduction. In: Ders. (ed.): Commemorations: The Politics of National Identity. Princeton 1994, S. 11.
7)  Goltz, Thomas: Azerbaijan Diary: A Rogue Reporter’s Adventures in an Oil-Rich, War-Torn, Post-Soviet Republik. New York 1999, S. XXV.
8)  Michalski, Sergiusz: Public Monuments: Art in Political Bondage 1870–1997. London 1998, S. 115. Michalski spricht von einer „Lenin memorial industry“.
9)  Carrier, Peter: Holocaust Monuments and National Memory Cultures in France and Germany since 1989: The Origins and Political Function of the Vel’ d’Hiv’ in Paris and the Holocaust Monument in Berlin. New York 2005, S. 18.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Sergey Rumyantsev, Dr., Research Fellow bei Imagine, Zentrum für Konflikttransformation in Tbilissi, und Visiting Research Professor am Georg-Eckert-Institut, Leibnitz-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig.

pdfRGOW 5/2016, S. 25-27