Die katholische Kirche Polens im sozialen Wandel

Janusz Mariański

Laut soziologischen Umfragen zeichnet sich in der polnischen Gesellschaft ein deutlicher Wandel von einer institutionellen zu einer individueller gestalteten Religiosität ab. Während die Kirche als Institution kaum in Frage gestellt wird, werden politische Äußerungen des Klerus immer weniger akzeptiert. Die katholische Kirche Polens steht vor der Herausforderung eine Kirchlichkeit zu entwickeln, die Modernität und Religiosität nicht als Gegensätze postuliert. – R. Z.

Trotz aller pessimistischen Erwartungen und Prognosen hat sich die Religiosität der Polen und ihre Verbundenheit mit der katholischen Kirche nicht radikal verändert. Manche Soziologen sprechen sogar von einer relativen Stabilität der Religiosität und Kirchlichkeit. Dennoch haben wir es vielen soziologischen Untersuchungen und Meinungsbefragungen zufolge nach 2008 mit deutlicheren Veränderungen in der Religiosität der Polen zu tun, besonders was das Verhältnis zur katholischen Kirche betrifft. Einige Jahre nach dem Tod von Johannes Paul II. begannen die Kennziffern der Religiosität leicht zurückzugehen und stärkere Säkularisierungstendenzen kamen zum Vorschein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob und in welchem Grade die religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen in der polnischen Gesellschaft und besonders in den Großstädten deutlichen Veränderungen unterliegen?

Die Kirche als religiöse und soziale Institution
Unter dem Einfluss massiver Propaganda in den 1990er Jahren fürchteten viele Polen die Macht kirchlicher Institutionen, der Bischöfe und des Klerus. Die Medien stellten die Kirche als etwas dar, das akzeptiert oder abgelehnt, verteidigt oder angegriffen werden kann, nicht aber als konkrete religiöse Wirklichkeit, in der viele Menschen den Sinn ihres Lebens finden, sich aktiv engagieren und ihre Zeit und Kraft einsetzen, d. h. als religiöses Lebensmilieu.
Einen wichtigen Indikator für die Einstellung der Polen zur katholischen Kirche bildet das deklarierte Maß des Vertrauens zu ihr. Aus soziologischen Untersuchungen und Meinungsbefragungen geht hervor, dass das soziale Vertrauen in Polen ein sehr niedriges Niveau aufweist, was sich auch auf das Vertrauen zur katholischen Kirche auswirkt. Das deklarierte Vertrauen zur Kirche besitzt in gewissem Sinne „Fluktuationscharakter”, einmal steigt es, dann wieder fällt es, in Abhängigkeit von konkreten Ereignissen, die sowohl die Kirche selbst als auch ihren Platz in der Gesellschaft betreffen. In den Jahren 2010–2015 wurde in den Befragungen des Meinungsforschungsinstituts CBOS ein leichter Rückgang positiver Umfragewerte der katholischen Kirche festgestellt. Im Juni 2010 gaben ihr 64 Prozent der befragten erwachsenen Polen eine positive Beurteilung, und 25 Prozent eine negative; im März 2015 waren es entsprechend 55 und 32 Prozent.
Das Meinungsforschungsinstitut TNS OBOP führte 2006 und 2011 Untersuchungen über das persönliche Vertrauen von Polen ab 15 Jahren zu mehr als 35 Institutionen mit unterschiedlichem Profil durch. Das stärkste Vertrauen im Jahr 2011 genossen die Feuerwehr, der Rettungsdienst und das Militär. Die katholische Kirche stand an siebter Stelle: 61 Prozent der Befragten vertrauten ihr, während 33 Prozent ihr nicht vertrauten; 2006 waren es 70 Prozent und 28 Prozent. In den Jahren 2006–2011 verringerte sich das deklarierte Vertrauen zur katholischen Kirche also um 9 Prozent. Während solche Vergleiche im Rahmen aller Institutionen des öffentlichen Lebens nur beschränkten Sinn haben, besitzt der festgestellte Rückgang des Vertrauens in die katholische Kirche einen sehr deutlichen Aussagewert, umso mehr, als sie eine von wenigen Institutionen war, die an gesellschaftlichem Vertrauen verloren hatte.
Gemäß einer von TNS OBOP im Juli 2016 durchgeführten Befragung erklärten 16 Prozent der Befragten im Alter ab 15 Jahren, dass sie persönlich der katholischen Kirche ganz entschieden vertrauten, 44 Prozent – eher ja, 20 Prozent – eher nein, 13 Prozent – entschieden nein und 8 Prozent – schwer zu sagen. Persönliches Vertrauen zur katholischen Kirche („entschieden ja” und „eher ja”) deklarierten Personen im Alter von 15–19 Jahren seltener als Personen im Alter von über 60 Jahren (56 gegenüber 73 Prozent); öfter Personen mit Grund- oder Mittelschulbildung als mit Hochschulbildung (71 Prozent gegenüber 54 Prozent); öfter die Bewohner von Dörfern als von Städten mit mehr als 500 000 Einwohnern (66 gegenüber 47 Prozent); öfter Landwirte (91 Prozent), Rentner (72 Prozent) und Arbeiter (59 Prozent) als Direktoren und Spezialisten (47 Prozent), Angestellte in der Verwaltung und im Dienstleistungssektor (51 Prozent), Schüler und Studenten (58 Prozent); öfter Gläubige und regelmäßig Praktizierende (84 Prozent) als unregelmäßig Praktizierende (17 Prozent). In den Jahren 2010–2016 verringerte sich der Indikator des Vertrauens zur katholischen Kirche von 66 auf 60 Prozent.
Der Rückgang des Vertrauens zur Kirche ist nicht so aussagekräftig wie der Indikator des deklarierten fehlenden Vertrauens. Die Distanz und Kritik eines Teils der Katholiken gegenüber der Kirche kann die Beurteilung vieler wichtiger Bestandteile ihrer Sozial- und Morallehre beeinflussen. Besonders politische Gesten von „Leuten der Kirche“ können in der demokratischen und pluralistischen Gesellschaft negative Konsequenzen für das Vertrauen zur Kirche in anderen Bereichen des religiösen Lebens haben.
Eine gesonderte Frage betrifft die Präsenz der Religion im öffentlichen Leben der polnischen Gesellschaft. Gemäß einer CBOS-Befragung im März 2015 erklärten 10,5 Prozent der befragten erwachsenen Polen, Kreuze in öffentlichen Gebäuden, z. B. in Ämtern und Schulen, würden sie stören, 88,1 Prozent – nicht stören, 1,2 Prozent – schwer zu sagen und 0,2 Prozent – Antwort verweigert. Mit Blick auf den Religionsunterricht in den Schulen waren es 16,3 Prozent „stören“, 81,3 Prozent „nicht stören“; bei Äußerungen der Kirche zu moralischen und sittlichen Themen 33,3 Prozent und 59,8 Prozent, bei Stellungnahmen der Kirche zu den vom Sejm verabschiedeten Gesetzen 55 Prozent und 34,8 Prozent, und bei Priestern, die den Menschen sagen, wem sie bei den Wahlen ihre Stimme geben sollen, 83,8 Prozent „stören“ und 12,4 Prozent „nicht stören“.
Kreuze in öffentlichen Gebäuden, der religiöse Charakter des militärischen Eides, Religionsunterricht in den Schulen, die Teilnahme von Priestern oder Bischöfen an staatlichen Feierlichkeiten und Zeremonien, die Weihe gemeinnütziger Orte und Gebäude durch Priester sowie die im öffentlichen Fernsehen auftretenden Priester – all dies ist für die Mehrheit der befragten Polen nicht kontrovers. In den Jahren 1995–2015 gab es in diesen Fragen keine deutlichen Veränderungen, sondern in den Befragungen wurde eher eine Stabilität der Meinungen festgestellt. Umgekehrt verhält es sich bei Stellungnahmen der Kirche zu den vom Sejm verabschiedeten Gesetzen oder bei Wahlempfehlungen von Priestern. Die meisten befragten Polen akzeptieren ein solches Verhalten nicht, und zwar mit leicht zunehmender Tendenz.
Die Ergebnisse der CBOS-Befragungen berechtigen die Schlussfolgerung, dass die polnische Gesellschaft das existierende Modell der Kirche-Staat-Beziehungen und die gegenwärtige Politik mehrheitlich akzeptiert. Die Präsenz religiöser Symbole und der Kirche im öffentlichen Leben (mit Ausnahme eines ausdrücklichen politischen Engagements) ist in der polnischen Kultur stark verwurzelt, während über Detailfragen durchaus kontrovers debattiert wird. Die CBOS-Direktorin Mirosława Grabowska schreibt zu Recht von der Tatsache, „dass im öffentlichen und politischen Leben (soziale und politische) Träger präsent und aktiv sind, von denen die einen die Präsenz der Religion und der Kirche im öffentlichen Leben nicht nur billigen, sondern sogar deren Erweiterung und Intensivierung fordern, während andere diese Präsenz ablehnen und eine Art Reinigung des öffentlichen Lebens von religiösen Institutionen und Personen, Symbolen und Inhalten fordern.“
Während die öffentliche Präsenz religiöser Symbole in der polnischen Gesellschaft weitgehend auf Billigung stößt, wird das politische Engagement der Kirche und besonders des Klerus von den meisten Polen negativ bewertet. Gemäß einer CBOS-Befragung vom März 2015 stimmt die überwiegende Mehrheit der erwachsenen Polen der Meinung zu, dass die Katholiken das Recht (60 Prozent) oder sogar die Pflicht (22 Prozent) haben, im öffentlichen Leben die aus ihrer religiösen Zugehörigkeit resultierenden Ansichten zu äußern.

Individualisierte Religiosität
Deutlichen Veränderungen unterliegen die Selbsteinschätzungen des persönlichen Glaubens der Polen gemäß ihrer Verbundenheit mit der Lehre der katholischen Kirche. Vom soziologischen Gesichtspunkt ist vor allem die Kategorie derjenigen interessant, die sich selbst als „auf ihre Weise gläubig” deklarieren. Sie glauben an das, was sie für wahr halten und was ihnen subjektiv entspricht. Ein Teil der Weisungen und Gebote der Kirche passt nicht in ihren religiösen Kodex. In der sozialen Wirklichkeit zeichnet sich ein deutlicher Wechsel (Übergang) von einer institutionellen zu einer neu gestalteten Religiosität ab, wobei der Akzent auf Wahlfreiheit liegt.
Laut einer CBOS-Untersuchung vom März 2015 deklarierten die befragten erwachsenen Polen wie folgt ihre Einstellung zur Lehre der katholischen Kirche: ich bin gläubig und folge den Anweisungen der Kirche – 42,7 Prozent (2005: 66 Prozent); ich bin auf meine eigene Weise gläubig – 49,7 Prozent (2005: 32 Prozent); ich kann nicht sagen, ob ich gläubig bin oder nicht – 1,5 Prozent; ich bin nicht gläubig und interessiere mich für solche Dinge nicht – 1,5 Prozent; ich bin nicht gläubig, weil die Lehren der Kirche falsch sind – 1,6 Prozent; ich definiere das anders – 1,6 Prozent; keine Antwort – 1,4 Prozent.
In den Jahren 2005–2015 hat sich die Zahl der Gläubigen verringert, die sich in ihrem Glauben an die Anweisungen der Kirche halten, woraus man indirekt schließen kann, dass die Akzeptanz der religiösen Autorität der katholischen Kirche in der polnischen Gesellschaft abnimmt. Vieles deutet darauf hin, dass sich in Polen neben der bisherigen kirchlich definierten und institutionalisierten Religiosität eine individualisierte, mehr auf die religiöse Erfahrung als auf die Doktrin konzentrierte Religiosität herausbilden wird. Die Soziologen sprechen von religiösen Nomaden, die auf ihre Weise einen Weg zu Gott suchen, oft auch außerhalb kirchlicher Strukturen. Langsam zeichnet sich eine Abschwächung der Identifikation mit der Institution Kirche ab.

Prognosen zum polnischen Katholizismus
Die Säkularisierungs- und Individualisierungstendenzen machen auch vor den Grenzen Polens nicht Halt. In der polnischen Gesellschaft dominiert noch die kirchliche Religiosität, die von zwei grundlegenden Sozialisierungs- und Erziehungsinstitutionen übermittelt wird: von der Familie und von der Kirche (Pfarreien, religiöse Bewegungen und Gemeinschaften, katholische Vereine), selbst wenn sie in beträchtlichem Maße inkonsequenter oder selektiver Natur ist. Die starken Säkularisationsprozesse und die etwas schwächeren Prozesse der Individualisierung der Gesellschaft, der Religion und der Familie stoßen auf eine gut organisierte und vielschichtige Evangelisierungstätigkeit der katholischen Kirche und ihrer Institutionen, aber auch anderer christlicher Kirchen und Religionen. Die Konkurrenz zwischen säkularisierten und christlichen Modellen des religiösen und moralischen Lebens wird im 21. Jahrhundert in der polnischen Gesellschaft immer deutlicher erkennbar.
Die Wandlungsprozesse der Präsenz der katholischen Kirche im öffentlichen Leben lassen sich nicht eindeutig bestimmen. Der Katholizismus ist weder so stark, wie seine Verteidiger annehmen, noch so schwach, wie seine Kritiker ihn schildern. Zweifellos ist er in sich differenziert und vielschichtig. Der polnische Katholizismus ist gewissermaßen „vielstimmig“, er kann sogar als eine Art Bastion oder Festung erscheinen: Von außen ist das institutionelle Gebäude der Kirche gleichsam unversehrt, aber wenn man genauer hinsieht, kann man ernsthafte Risse wahrnehmen, die bis zu den Fundamenten ihrer Struktur reichen, besonders was das Feld der Moral betrifft.
Generell kann gesagt werden, dass knapp über 50 Prozent der befragten Polen geneigt sind, die Kirche in allgemeinen Kategorien positiv zu beurteilen. Aber das ist ein Vertrauen besonderer Art – auf dem Niveau allgemein anerkannter Werte. Betrachten wir jedoch andere Indikatoren wie die Überzeugung von der Dominanz der Kirche in der Gesellschaft, die Zufriedenheit mit den Äußerungen der Kirche zu verschiedenen sozialen Themen oder die Ansichten zum Konkordat, die Einflussnahme der Kirche auf die Gesetzgebung usw., dann erscheint dieses Vertrauen schon in einem etwas anderen Licht, und die Einstellung zur Kirche wird skeptischer und problematischer. Das Interesse der Öffentlichkeit daran, was die katholische Kirche zu sozialen Fragen zu sagen hat, ist eher mäßig, selbst wenn dies als Ausdruck einer begründeten Sorge der Kirche um die moralische Kondition der polnischen Gesellschaft gewertet wird. Kritisch beurteilt wird der Klerus, besonders wegen seiner übermäßigen Sorge um materielle Dinge und seine Einmischung in die Politik.
Hypothetisch lässt sich annehmen, dass die Veränderungen in der Religiosität der Polen nicht so sehr in Richtung einer Säkularisierung (Atheismus, Indifferentismus) als vielmehr einer Infragestellung der Kirche als einer zugleich religiösen und gesellschaftlichen Institution verlaufen werden (in Richtung einer nicht von der Kirche vermittelten Religiosität). Als Haupttendenz dieser Wandlungen wird die Selektivität (eine „weiche“ oder eine „harte“) eher in Erscheinung treten als der Atheismus, öfter ein Verlassen der Kirche im institutionellen Sinn (Abschwächen der religiösen Praktiken) als von Religion und Spiritualität überhaupt („ich glaube an Gott, aber nicht in der Kirche“; „ich bin nicht besonders religiös, aber “; „ich bin nicht religiös, aber ich bin auf der Suche nach Spiritualität“). Die Kirche selbst muss unablässig oszillieren zwischen ihrer Rolle als moralische (verpflichtende, normative) Institution und als mystische Gemeinschaft des Glaubens, der Spiritualität, des Vertrauens und der Hoffnung. Die Gläubigen wiederum sollten nicht deshalb gläubig sein, weil sie von Tradition und Umgebung dazu konditioniert wurden, sondern weil sie selbst danach verlangen und sich dafür entscheiden (freiwillige Religiosität).
Wenn wir drei Szenarien für die Zukunft der Religion und der Kirche unterscheiden würden – ein Szenarium des Bedeutungsverlusts (Regression, fortschreitende Säkularisierung), ein Szenarium des Wachstums (religiöse Belebung, ein „neuer Frühling” des Christentums) und ein Szenarium der Stabilität (Aufrechterhaltung des Status quo) – dann ist aufgrund der öffentlichen Umfragen und soziologischen Untersuchungen das erste Szenarium wohl am wahrscheinlichsten, danach käme das dritte und am unwahrscheinlichsten wäre die zweite Variante. Trotz dieser vom kirchlichen Gesichtspunkt aus pessimistischen Aussage ist aber auch eine umgekehrte Richtung nicht auszuschließen. Soziale Prozesse, besonders wenn sie religiöser Natur sind, sind schwer voraussehbar, und das, was zum gegenwärtigen Zeitpunkt als wenig real erscheint, kann unter anderen, sich verändernden Umständen wahrscheinlich werden. Neben dem stabilen Säkularisierungstrend können sich Modelle einer alternativen Religiosität herausbilden.
Wenn die soziokulturellen Wandlungen in Polen zu einem gewissen Grade Imitationscharakter in Bezug auf die westlichen Gesellschaften haben, dann ist zu erwarten, dass die Prozesse der „Entkirchlichung“, Säkularisierung, Pluralisierung und Individualisierung der Religiosität in der polnischen Gesellschaft immer öfter hervortreten werden. Allerdings lässt sich nicht ausschließen, dass die Einwirkung der Modernisierungsprozesse auf die Religiosität und auf die Verbundenheit mit der Kirche in der polnischen Gesellschaft eine andere Entwicklungsrichtung einschlagen wird, und dass sich Modernität (soziale Modernisierung) mit Religiosität verbindet. Soziale Trends verlaufen nicht nach einer deterministischen Logik. Die Moderne ist das Resultat der Lebenspraxis von Menschen, die auf eine bestimmte Weise denken und handeln. Moderne Gesellschaften müssen von ihrem Wesen her nicht unbedingt weltlich (säkular) sein.

Postulate zum polnischen Katholizismus
In der sozialen Wirklichkeit sind drei Szenarien des Wirkens der katholischen Kirche in einer pluralistischen und individualistischen Gesellschaft möglich. Dem ersten Szenarium zufolge passt sich die Kirche den Meinungen, Ansichten, Wünschen und Vorlieben ihrer Gläubigen an und modifiziert ihre religiöse und moralische Doktrin. Die Meinungen der Mehrheit ihrer Mitglieder wären hierbei entscheidend, und die Kirche würde dann zu einer Art „Dienstleistungsbetrieb”, die Problemlösungen anbietet, wie sie von den Gläubigen (ihren „Kunden“) gewünscht werden (eine Art „liberale“ Kirche). Um mit dem „Zeitgeist“ übereinzustimmen, würde die Kirche im Geiste einer pragmatischen Toleranz das Prinzip des „Augenverschließens“ oder die Strategie der Suche nach Kompromissen um jeden Preis anwenden, auch in wesentlichen Fragen – sie wäre eine Institution mit Zügen der Inklusivität, eine für alle offene und wohlwollende Institution, selbst um den Preis einer Anpassung an die Erfordernisse der sog. modernen Welt entgegen den Weisungen des Evangeliums und der großen Tradition der Kirche. Diese Variante der Entwicklung der Kirche würde ihre wesentliche Sendung in Frage stellen.
Die zweite Variante hält einen Bruch mit dem Selbstverständnis als Massenkirche (Volkskirche) und eine Konzentration auf eine Kirche der „Wahl“, eine Kirche von „Gemeinschaften“, eine Minderheitskirche, eine „Inselkirche“ für notwendig. Dieser Konzeption zufolge sollte die Kirche nicht länger als Service-Station fungieren, die religiöse Dienstleistungen für die Bevölkerung anbietet und die Funktion eines effektiven Zeremonienmeisters an Wendepunkten des menschlichen Lebens erfüllt. Es müssen harte Anforderungen gestellt werden, und denen, die den Glauben der Kirche nicht vollständig teilen, müssen die Sakramente oder sogar die Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft verweigert werden (exklusives Szenarium). Das wäre dann eine Kirche für „Auserwählte“, „sich völlig Identifizierende“, was den Seelsorgern unnötige Arbeit und die Aufrechterhaltung früherer kirchlicher Strukturen ersparen würde. Der Vorschlag eines Verzichts auf die Volkskirche zugunsten einer „elitären“ Kirche, die ausschließlich aus Gläubigen bestünde, die sich voll mit ihr identifizieren, bringt die Gefahr mit sich, dass diese Kirche zu einer Sekte oder einer Minderheitsgemeinschaft wird.
Nach dem dritten Szenarium findet sich die katholische Kirche zu einem gewissen Grade mit der Differenzierung der religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Gläubigen ab. Neben Katholiken, die eine kirchlich orientierte sowie eine ganz bestimmte und kondensierte Religiosität vertreten und sich voll für die Angelegenheiten der Kirche und der Pfarrgemeinde engagieren, bleibt auch Platz für Menschen, die sich nur teilweise mit der Kirche identifizieren, die ihr mehr oder weniger distanziert gegenüberstehen, und für die die allgemeine Akzeptanz der Kirche nicht bedeutet, regelmäßig an den religiösen Praktiken teilzunehmen und sich direkt für das Leben der Pfarrgemeinde zu engagieren, bis hin zu Personen, die die Religion als ein gewisses Requisit behandeln, das sozio-kulturellen Wert besitzt („Taufscheinkatholiken“, Katholiken mit säkularer Gleichgültigkeit gegenüber der Religion).
Der polnische Katholizismus hat immer noch Massencharakter, ist aber in sich differenziert, vielgestaltig und vielfarbig. Diese Differenzierungen können sich in Zukunft noch vertiefen. Die hierarchische Kirche muss deshalb auch für diejenigen offen sein, die ihre dogmatische und moralische Unterweisung nicht voll und ganz teilen oder sogar ganz außerhalb der aktiven kirchlichen Gemeinschaft stehen. Notwendig ist hier weder eine Strategie der „Liberalisierung“ noch der „Ausgrenzung“, sondern eine Strategie der Evangelisierung oder Neuevangelisierung, die eine Wiederbelebung der Religiosität im kirchlichen Geist anstrebt. Die katholische Kirche in Polen muss sich an den Gedanken gewöhnen, dass sich die Pluralisierung der Glaubensinhalte und religiösen Verhaltensweisen vertiefen wird, und dass man lernen muss, diese Vielfalt zu „managen”, um bei der Schaffung einer kommunikativen Identität von Glauben und Kirche in einer pluralistischen Welt mitzuhelfen.
Die Position der katholischen Kirche in der Welt und in Polen wird immer anspruchsvoller und schwieriger, aber es ist zu früh, vom Anfang des Unterganges der Volkskirche zu sprechen. Die Kirche muss unablässig lernen, in neuen soziopolitischen und soziokulturellen Situationen, in einer polymorphen und fragmentarisierten Wirklichkeit zu funktionieren. Was in Zukunft aus uns wird, hängt in hohem Maße auch von uns selbst ab. In religiösen und moralischen Angelegenheiten, wie überhaupt in Dingen, die die Menschen betreffen, gibt es keine Einbahnstraße der Evolution und kein einziges Prinzip, nach welchem religiös-moralische Prozesse verlaufen. Auch wenn sich der Soziologe vor der Versuchung hüten sollte, Prophezeiungen über die künftigen Geschicke der Religion und der Moral anzubieten, ist er dennoch berechtigt, Reflexionen darüber anzustellen, welches die Konsequenzen aus der aktuellen religiösen und moralischen Kondition heutiger Gesellschaften sein werden oder sein können. Wir können ja die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und auf sich dynamisch entwickelnde kirchliche Gemeinschaften nicht aufgeben.
Zwar sind „Kreuzzüge“ der Polen gegen das postchristliche Westeuropa wenig wahrscheinlich, aber auch das „Untergangsszenarium“ muss nicht Wirklichkeit werden, demzufolge das katholische Polen vom säkularisierten Europa aufgesaugt (assimiliert) wird und zusammen mit der Modernisierung auch das soziale „Paket“ des Säkularismus übernimmt. In diesen Dingen darf man sich nicht mit allzu leichten Vereinfachungen zufriedengeben. Jede dieser Fragen erfordert eine besondere Analyse und langfristige Untersuchungen, damit die Symptome der Säkularisierung oder Dechristianisierung nicht mit den Erscheinungsformen einer Zunahme oder Veränderung der Religiosität verwechselt werden. Angemerkt werden muss auch, dass es immer mehr Menschen gibt, die keinen Widerspruch darin sehen, ein guter Bürger Polens, ein guter Europäer und ein moderner Katholik zu sein. Diese sozialen Rollen können gleichzeitig realisiert werden. Vielleicht ist das Szenarium einer „Mission“ der Polen im säkularisierten Europa wenig wahrscheinlich, aber das Szenarium eines „Zeugnisses“ der Treue zu religiösen Werten ist durchaus möglich (dass ein völlig moderner Staat religiös bleiben kann). Für gläubige Menschen ist das eine bleibende Herausforderung zur unablässigen Entdeckung der Wurzeln ihres Glaubens, zu einer geistigen Erneuerung, zum Bezeugen des Glaubens in allen sozialen Milieus und Lebensbereichen, in denen Christen präsent sind, zur Vertiefung des missionarischen Bewusstseins und vor allem zur Gestaltung einer authentischen christlichen Identität.

Übersetzung aus dem Polnischen: Herbert Ulrich.

Janusz Mariański, röm.-kath. Priester, Professor für Moral- und Religionssoziologie an der Katholischen Universität Lublin „Johannes Paul II.“, Polen.

pdfRGOW 1/2018, S. 12-15

Foto: Piotr Rydzewski (Wikimedia Commons)