Jekaterinburg – Stadt ohne Turm

Andrej Varkentin

In Jekaterinburg waren für die WM zahlreiche Infrastrukturprojekte geplant, und es gab architektonisch kühne Pläne für eine Fan-Zone mitten im Stadtzentrum. Doch das meiste wurde nicht umgesetzt, dafür kam es zu eher kosmetischen Aktionen, wie dem Abriss des unfertigen, aber beliebten Fernsehturms. Auf Unverständnis stieß zudem der Neubau des kurz zuvor sanierten Stadions. – N. Z.

Am 23. Februar 2018, um 11 Uhr morgens. Der riesige, unfertige 200-Meter-Fernsehturm fällt mit ohrenbetäubendem Gepolter in den Fluss Isset. Genau das hätte in Jekaterinburg passieren sollen, doch die zuständige Firma überlegte es sich anders. Und verschob den Abbruch um einen Monat – am 24. März war es schließlich soweit. Was hat das mit der Fußball-Weltmeisterschaft zu tun? Der springende Punkt ist, dass man in Jekaterinburg wie generell in Russland das Leben sehr gerne in „vor und nach der Olympiade“ oder „vor und nach der Präsidentschaftswahl“ oder „vor und nach der WM 2018“ unterteilt. So wurde auch das „Urteil“ über den Jekaterinburger Fernsehturm, mit dessen Bau 1983 begonnen worden war und der 1991 wegen fehlender Finanzierung abgebrochen wurde (worauf er sofort zum „Symbol der Misswirtschaft“ wurde), streng gefällt: „bis zur WM abreißen“, damit er den Touristen kein Dorn im Auge sei. Aber wozu? Vor einigen Jahren, als ich als Touristenführer arbeitete, erzählte ich immer die Geschichte dieses Turms und der durchgeknallten Base-Jumper, die von ihm heruntersprangen. Und jetzt sprengen sie ihn, und die Uruguayer, Peruaner und Franzosen werden einfach an einem öden Platz im Herzen der Stadt vorbeigehen.

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Im Juni wird Jekaterinburg vier Spiele der Fußball-WM beherbergen (Ägypten-Uruguay, Frankreich-Peru, Japan-Senegal und Mexiko-Schweden). Als im fernen Jahr 2010 die Entscheidung über den Austragungsort der WM getroffen wurde, glaubte kaum jemand, dass diese Russland zufallen würde. Nach der Entscheidung zweifelten die Bewohner Jekaterinburgs daran, dass ihre Stadt auf der definitiven Liste der WM-Austragungsorte stehen würde. Jetzt sind die Zweifler an der WM-Durchführung eine Minderheit, aber endgültige Gewissheit werden wir erst am 13. Juni haben, wenn die Fußballspieler der Mannschaften von Ägypten und Frankreich in der Stadt landen.

Was versprochen und was getan wurde

Zur WM 2018 haben die Behörden verschiedener Ebenen Jekaterinburg Dutzende Projekte versprochen, sog. „Wünsche“ im Wert von Hunderten Milliarden Rubel. Doch letztlich wurde die große Mehrheit nicht umgesetzt. Die prominentesten der versprochenen, aber nicht realisierten Projekte sind der Bau einer zweiten Metrolinie und der Umzug der Untersuchungshaftanstalt gegenüber der „Jekaterinburg-Arena“. Die U-Bahn versprechen sie nun zu einem anderen möglichen Großprojekt, der EXPO 2025, und das Gefängnis wird einfach mit Bannern behängt, damit es die Gäste nicht irritiert. Außerdem schaffen sie es nicht, eine neue Brücke zu bauen, die alte zu sanieren, einige neue Autobahnkreuze und Straßen zu errichten sowie moderne Trams anzukaufen. Auch die Schnellstraße Jekaterinburg-Moskau wird in diesem Jahr nicht fertiggestellt. Vielleicht wird es sie nie geben.

Schlussendlich hat Jekaterinburg zur WM 2018 das notwendige Minimum erhalten: ein Stadion, eine neue Lande- und Startbahn am Flughafen Kolzovo, neue Busse und eine neue Straße – der zentrale Lenin-Prospekt wurde verlängert. Zudem wurden tatsächlich Trainingsplätze saniert und gebaut, in der Stadt sind vier neue Sportkomplexe mit Spielfeldern entstanden, die nach der WM auf unterschiedliche Weise genutzt werden sollen. Es ist auch etwas für die Gesundheitsinfrastruktur abgefallen, so wurden einige Krankenhäuser saniert. Außerdem wurde die Wasserleitung der Repin-Straße zur WM modernisiert. Als letztes werden gerade die Arbeiten an der Fan-Zone im zentralen Freizeitpark abgeschlossen.

Zweifacher Umbau des Stadions

Die Geschichte des Zentralstadions, das während der WM „Jekaterinburg-Arena“ heißt, ist sehr verworren. Aber gerade sie zeigt die ganze Misswirtschaft und das fehlende strategische Denken der Behörden in Russland. Kurz gesagt wurde unser Stadion sehr lange saniert, dann mit Pomp eröffnet, aber nach einigen Jahren wurde das absolut neue Stadion geschlossen, vollständig abgerissen und mit dem Bau eines neuen Stadions für die WM 2018 begonnen.

Und jetzt ausführlicher: Die erste Sanierung des Zentralstadions war Anfang August 2011 komplett abgeschlossen. Zwei Jahre zuvor – am 23. Januar 2009 – hatte der Russische Fußballverband (RFS) sich bei der FIFA für die Durchführung der WM 2018 beworben, und auf der vorläufigen Liste der Austragungsorte stand Jekaterinburg. Am 5. Mai 2010 wurden der FIFA Bewerbungsunterlagen mit dem Projekt des Zentralstadions geschickt. Im Entwurf wurde vorgeschlagen, die Arena zu verbreitern „mithilfe temporärer, zerlegbarer Konstruktionen hinter den Toren und mit einem Dach in Form eines Diskus auf Säulen“. „Uns war das damals nicht klar, und wir fragten: warum wollen wir das gerade erst umgebaute Stadion wieder renovieren? Worin besteht die Logik? Ich verstehe diese Logik auch jetzt noch nicht. Es wäre möglich gewesen, das Zentralstadion in Ruhe zu lassen und eine neue Arena zu bauen“, erzählt der Architekt Aleksej Kukovjakin, Urheber des Entwurfs. Die Behörden lehnten es jedoch ab, eine neue Arena zu bauen. Das Argument war einfach – Jekaterinburg könne nicht zwei Stadien unterhalten. Das neue Stadion sollte ein Symbol der Stadt werden. Davon sprach der ehemalige Regierungsvorsitzende der Oblast Sverdlovsk, Denis Pasler, der die Absicht hatte, eine „Stadion-Marke“ zu bauen, es zur „besten aller WM 2018-Arenen“ zu machen, und dabei die uralische Identität nicht zu vergessen. Trotzdem hat das Stadion keine Identität, schon gar nicht eine „uralische“.

Jetzt ruft das Äußere des Stadions, vor allem die temporären Tribünen hinter den Toren, bei den Einwohnern und Gästen der Stadt Verwunderung hervor. Die „Jekaterinburg-Arena“ ist bei einigen ausländischen Medien sogar auf der Liste der „seltsamsten“ Stadien gelandet. „Ich habe das Stadion in Jekaterinburg gesehen, es ist eine ungewöhnliche architektonische Lösung. Es erweckt den Eindruck, dass die Tribüne außerhalb des Stadions liege, so etwas habe ich noch nie gesehen. Wir werden sehen, wie angenehm es für die Fans sein wird, Fußball aus dieser Perspektive zu schauen“, sagte der ehemalige französische Mittelfeldspieler Sidney Govou gegenüber der russischen Nachrichtenagentur TASS.

Darauf erwiderten die Behörden von Sverdlovsk, dass es nur so möglich gewesen sei, die Anforderungen der FIFA zum „35 000er“ zu erfüllen. Am 1. April wurde endlich – kein Scherz – das Zentralstadion eröffnet. Als erste betraten die Fußballer von Ural Jekaterinburg und Rubin Kasan den Rasen, das Spiel endete 1:1. Die neue Arena hinterließ bei den Zuschauern einen ambivalenten Eindruck. Einerseits hat die Stadt eine schöne Arena mit ausgezeichneter Sicht aufs Spielfeld erhalten, andererseits ist es sehr kalt. Zum Glück findet die WM im Sommer statt, so erfahren die Peruaner und Mexikaner nichts von diesem Problem.

Wenig Mut bei der Fan-Zone

Noch ein kühnes, aber von den Jekaterinburger Behörden nicht umgesetztes Projekt ist die Fan-Zone der WM. Zunächst war geplant, sie im Herzen der Stadt – auf der Plotinka – unterzubringen. Mehr noch, es wurde eine originelle Lösung vorgeschlagen – über den Fluss Isset eine Brücke mit einer speziellen Hülle zu bauen und einen großen Bildschirm neben die Brücke zu stellen. Später wurde diese Variante jedoch aus Sicherheitsgründen ausgeschlossen. Außerdem hätten sich in unmittelbarer Nähe der Fan-Zone Wohnhäuser befunden, und den Anwohnern hätten solche Nachbarn kaum gefallen. Daher wurde die Fan-Zone in den Zentralen Park der Kultur und Erholung „Vladimir Majakovskij“ verlegt. Die Lösung ist nicht die kühnste, aber wahrscheinlich richtig. Der Park hat schließlich nur einen Nachteil: er liegt nicht im eigentlichen Zentrum Jekaterinburgs.

Jetzt spielen die Einwohner Jekaterinburgs, wie alle Russen, in der Lotterie um Tickets für die WM-Spiele mit. Wegen des Ansturms können längst nicht alle den ersehnten Schein erhalten. Aus derselben Ausgangslage versuchen sogar Beamte der Stadtverwaltung Tickets zu ergattern.

Im Gespräch mit ausländischen Journalisten, die für eine Reportage in die Stadt reisen, höre ich ständig dieselben Einwände: die Entfernung (nach Moskau fliegt man zwei Stunden), die hohen Hotelpreise und das Fehlen von Menschen, die zumindest Englisch sprechen. Aber der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass bei den vorhergehenden WMs in Brasilien und Südafrika dieselben Probleme bestanden: große Entfernungen zwischen den Städten und überhöhte Preise für Hotelzimmer. Aber für die ausländischen Besucher ist ein Teil der Probleme gelöst. Die Fahrt mit den Zügen zwischen den Austragungsorten wird gratis sein, zudem werden die Fans kein Visum brauchen. Mangelnde Englischkenntnisse und überhöhte Preise wird man ertragen müssen.

„Leider gibt es im Moment auf den Straßen unserer Stadt fast keine ausländischen Touristen, und – teils aus diesem Grund – verstehen viele Einwohner nicht, wie man richtig reagiert und sich mit Menschen aus anderen Ländern unterhält. Daher kann Jekaterinburg von außen verschlossen und sogar provinziell erscheinen, obwohl das eigentlich schon lange nicht mehr so ist. Ich hoffe, dass die Weltmeisterschaft dieses Problem wenigstens teilweise lösen wird, dass, wenn einige Tausend Fans aus Japan, Frankreich, Schweden und Senegal in die Stadt reisen, die Jekaterinburger sich endlich von ihrer irrationalen Angst vor Ausländern befreien. Außerdem ist die WM, in welchem Land auch immer sie stattfindet, immer ein Fest, und ich hoffe, dass in der Stadt während der Meisterschaft wirkliche Feierstimmung herrschen wird“, erklärt die einheimische Linguistin Irina.

Was es in Jekaterinburg zu sehen gibt

Jekaterinburg ist eine der am besten auf die WM vorbereiteten Städte. Die städtischen Behörden haben mehrfach – 2015, 2016 und 2017 – betont, dass die Hauptstadt des Mittelurals die WM „gleich heute“ durchführen könnte. Der Flughafen Kolzovo wurde von zahlreichen professionellen Ratings zum besten Russlands gekürt. Es gibt viele ausgezeichnete Hotels, unzählige Bars, Restaurants und Cafés für jeden Geschmack. Es gibt sogar eine eigene Barmeile – die Malyscheva-Straße – im Zentrum der Stadt.

Alle Besucher sind vom vor drei Jahren eröffneten Präsidentenzentrum beeindruckt, das nach Boris Jelzin benannt ist, der nicht nur der erste Präsident des neuen Russlands war, sondern auch aus dem Ural stammte. Es ist eines der besten (wenn nicht das beste) Museen des Landes. Außerdem gibt es dort ein Bildungs- und ein Kinderzentrum, eine Kunstgalerie sowie zwei Restaurants und einen Nachtklub. Wenn Fußballfans beim Training ihrer Mannschaft im Stadtteil Uralmasch dabei sein wollen, dann können sie auf den nur 200 Meter entfernten Weißen Turm steigen, ein international anerkanntes Denkmal der Avantgarde, und von oben auf die Stadt schauen. Im Sommer ist sie wunderschön. Und nicht nur in Uralmasch. Im Sommer ist Jekaterinburg überall wunderbar. Und alle anreisenden Fans werden das zu würdigen wissen, daran besteht kein Zweifel.

Übersetzung aus dem Russischen: Natalija Zenger.

Andrej Varkentin, Journalist aus Jekaterinburg.

pdfRGOW 4-5/2018, S. 38-39