Slowenische Gebirgswelt als Nationalsymbol

Peter Mikša, Matija Zorn

Die Gebirgswelt der slowenischen Alpen spielt eine prägende Rolle bei der Formierung und Festigung der nationalen Identität der Slowenen. So ziert der Triglav als höchster Berg Sloweniens heute symbolisch das Staatswappen des Landes. Im 19. Jahrhundert entbrannte zwischen dem Slowenischen und dem Deutsch-Österreichischen Alpenverein ein nationaler Kampf um die Erschließung der Berge, den die slowenische Seite schließlich für sich entscheiden konnte. – S. K.

Die Slowenen sind stark mit ihren Bergen verbunden. Wandern in den Bergen oder Bergsteigen ist Teil der slowenischen Identität und ein wahrer Nationalsport. Die Berge und ihre Steilhänge laden die Slowenen jeden Tag ein, das ganze Leben, zu allen Jahreszeiten und zu allen Lebenszeiten. Jedes Mal bieten sie etwas Neues, Unbekanntes, Anderes – abhängig von der Stimmung, dem Wetter, der Jahreszeit oder einfach nur vom Tag.

So wie bei anderen Alpenvölkern wurde auch die slowenische Volksmythologie zu einem großen Teil von den Bergen geprägt. Erwähnt seien nur die „ewigen“ Streiche des zehnjährigen Hirtenjungen Kekec, eine Trilogie des Schriftstellers Josip Vandot, das Märchen von Goldhorn (Zlatorog), König Matjaž, dem guten Herrscher, der im Berg Peca (Petzen) ruht, und der Berg Bogatin (der Reiche), der seinen Namen nach den Schätzen in diesem Berg bekam. In den Bergen wurde 1928/29 auch der erste abendfüllende slowenische Spielfilm „Im Königreich von Goldhorn“ aufgenommen. Von allen Fachzeitschriften, die aus Slowenien stammen, hat Planinski vestnik (Berganzeiger) den Ruf, die älteste immer noch erscheinende Zeitschrift zu sein, da sie schon seit 1895 herausgegeben wird.

Nationalsymbol Triglav
Das slowenische Hochgebirge und auch das Hügelland werden jedes Jahr von fast 1,5 Mio. Menschen besucht, die dort mindestens 2000 markierte Bergwege mit einer Gesamtlänge von mehr als 10 000 Kilometern vorfinden; für Übernachtung, Erholung und Stärkung sorgt ein Netz von Berghütten mit 181 Hütten, Heimen und Biwaken. Dies ist kein Zufall, denn Slowenien ist ein sehr abwechslungsreiches Land – es hat das Meer, die pannonische Tiefebene und vor allem viele niedrige Hügel, Mittelgebirge und reichlich hohe Felsspitzen. Den nördlichen Teil des Landes umgeben im Halbkreis die Alpen: die Julischen Alpen, die Karawanken und die Kamnik-Savinja-Alpen (Steiner Alpen).

Der höchste Berg Sloweniens ist der Triglav (2 864 m), und für die Slowenen ist er ein vorzügliches Nationalsymbol. Nach der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 von Jugoslawien (dessen höchster Gipfel ebenfalls der Triglav war) wurde der stilisierte Gipfel auch zum zentralen Symbol im Wappen der Republik Slowenien und über das Wappen gelangte der Triglav auch auf die Flagge der Republik Slowenien. Der Triglav als Symbol der Slowenen wurde 1934 zum ersten Mal vom Architekten Jože Plečnik in einem Plan für das sog. „Zeichen der Maria Šverljug“ vor der Pfarrkirche des hl. Martin in Bled abgebildet. Während des Zweiten Weltkriegs Ende 1941 erschien der Triglav schon als Symbol der Befreiungsfront und wurde von den Architekten Marjan Tepin und Edo Ravnikar gezeichnet. Im Jahr 1947 trat der Triglav offiziell als Wappen, als nationales Symbol in der neuen slowenischen Verfassung auf. Dort verblieb er durch alle jugoslawischen und slowenischen Verfassungen hindurch bis zur Unabhängigkeit Sloweniens 1991, als er als Hauptbestandteil in das neue Wappen der Republik Slowenien eingefügt wurde. Das Bild des Triglav als Berg, der in solch wichtigen nationalen Symbolen seinen Platz gefunden hat, ist einzigartig in Europa.

Vom ersten Aufstieg auf den Triglav sind voriges Jahr am 26. August 240 Jahre vergangen. Zu dieser Zeit noch ein geheimnisvoller, aber schon sehr einladender Berg wurde er 1778 erstmals von den drei Wocheinern (sl. Bohinj), den Bergarbeitern Luka Korošec und Matevž Kos und dem Jäger Štefan Rožič, und dem Organisator des Aufstiegs, Lovrenc Willomitzer, erklommen. Letzterer war als Wundenheiler bei Sigmund Zois (sl. Žiga Zois) in Stara Fužina angestellt. Zois, der die Expedition finanzierte, soll für einen erfolgreichen ersten Aufstieg einen Preis von sechs Dukaten versprochen haben. Korošec, Kos, Rožič und Willomitzer – den Erstbesteigern wurde später die Bezeichnung „Vier beherzte Männer“ verliehen.

Nationale Konkurrenz der Alpenvereine
Wenn Slowenien heute für die Vielfalt an Besuchsmöglichkeiten in den Bergen bekannt ist, so war dies vor einem guten Jahrhundert noch nicht der Fall. Ausgebaute Wege, die auf die Gipfel führten, waren selten, die Pfade waren schlecht markiert und nur wenige Wanderer konnten auf seltene Berghütten zurückgreifen, in denen meistens Ausländer bewirtet wurden – Deutsche.

Dies war eine Zeit, als das Wandern die Domäne von wenigen, meist wohlhabenden Einzelnen war: Industrielle, Händler, Beamte, Professoren, Priester usw., die sich finanziell längere Wege von den Städten zu den Bergen leisten konnten. Da es unter diesen in den slowenischen Gebieten viele Deutschsprachige gab, waren deutsche Alpenvereine diejenigen, die als erste in der slowenischen Bergwelt auftraten und diese auch entsprechend ihrem damaligen Denken in Beschlag nahmen, so wurden die Pfade mit deutschen Aufschriften versehen und Berghütten erbaut.

Der erste unter den offiziellen Alpenvereinen in den slowenischen Regionen war die Sektion Krain des Deutsch-­Österreichischen Alpenvereins, die 1874 in Ljubljana gegründet wurde. In den damaligen Kronländern (Küstenland (sl. Primorje), Krain (sl. Kranjska), Kärnten (sl. Koroška), Steiermark (sl. Štajerska), Übermurgebiet (sl. Prekmurje)) gründete die Gesellschaft fünf Sektionen. Neben dem Deutsch-Österreichischen Alpenverein waren weitere deutsche Vereine tätig, beispielsweise der Österreichische Touristenclub. Auch dieser gründete Niederlassungen in den von Slowenen bewohnten Kronländern, jedoch im Gegensatz zum Deutsch-Österreichischen Alpenverein vor allem in kleineren Städten. Bis zum Jahr 1886 wurden auf dem Gebiet der damaligen Krain und der Steiermark sieben Abteilungen errichtet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts rebellierte eine kleine Gruppe slowenischer Patrioten und Liebhaber der slowenischen Berge dagegen, die 1893 in Ljubljana den Slowenischen Alpenverein gründete. Dieser war auf Heimatschutz ausgerichtet, er diente vor allem als Bollwerk des Slowenentums und der slowenischen Sprache, da er danach trachtete, die Pfade auf Slowenisch zu markieren und die slowenischen Namen der Berge zu verwenden. Der Verein wurde „nicht so sehr aus Begeisterung für die Berge, sondern vor allem als Verteidigung vor dem deutschen Ansturm“ gegründet, weil „sich die Fremden in den slowenischen Bergen wie zu Hause fühlten und wir Slowenen uns als Ausländer auf eigenem Boden fühlten.“1

Der neu gegründete Verein begann sofort mit der Arbeit. Zunächst mussten eigene – slowenische – Bergpfade angelegt und markiert werden. Außerdem wurden Sektionen gegründet und eigene – slowenische – Berghütten in den Bergen erbaut, was ein Gegengewicht zu den deutschen Hütten bedeutete. Durch den Bau von Hütten, die Verwendung slowenischer Gipfelnamen, die Art des Ausbaus der Wege und die Markierung in slowenischer Sprache, insbesondere in der Nähe des Triglav, wo die nationalen Gegensätze am stärksten waren, wollten die slowenischen Bergwanderer die Ausländer von der slowenischen Bergwelt fernhalten. Für die slowenischen Hütten benutzten die Deutschen die Bezeichnung Trutzhütte, während sie ihre eigenen Schutzhütten nannten. Die Spannungen in den Beziehungen zwischen dem Slowenischen Alpenverein und dem Deutsch-Österreichischen Alpenverein spiegelten sich auch darin wider, dass es auf vielen Gipfeln zwei Eintragungsbücher gab, ein slowenisches und ein deutsches.

Dieser nationale Kampf zwischen Slowenen und Deutschen ließe sich auch als „Kampf um die Berge“ bezeichnen. Die meisten Gefechte entfachten sich am Triglav. Die Frage ist, welche Rolle dieser heute spielen würde, wenn Jakob Aljaž, ein slowenischer Priester im Dorf Dovje am Fuße des Triglav, 1895 nicht die Spitze des Triglav gekauft und dort einen Stahlturm errichtet hätte, der sofort den Namen Aljaž-Turm (sl. Aljažev stolp) bekam. Damit setzte Aljaž, der ebenfalls Mitglied des Slowenischen Alpenvereins und ein Gegner der deutschen Aneignung der slowenischen Berge war, die höchste und sichtbarste Markierung in den slowenischen Bergen und ließ die Deutschen wissen, dass der Triglav slowenisch ist. Auch bzw. gerade deswegen wurde der Triglav ein Nationalsymbol für die meisten Slowenen. Interessant ist auch, dass Jakob Aljaž, ein Priester, einen Turm auf dem höchsten Gipfel Sloweniens errichtete und kein Kreuz. Dies lässt sich so verstehen, dass er eher die nationale Identität als die religiöse Identität markieren wollte.

In dem „Kampf um die Berge“ war der Aljaž-Turm nicht die einzige große Tat von Aljaž im Triglav-Gebirge. Aljaž stellte 1896 noch zwei Berghütten auf: die Triglav-Hütte unterhalb des Kredarica-Gipfels, die immer noch das höchstgelegene Gebäude Sloweniens ist, und das Aljaž-Heim im Vrata-Tal. Damit brachte er den auf slowenischem Boden tätigen Deutschen Alpenverein stark ins Wanken, und die Deutschen waren sehr überrascht, insbesondere empörten sie sich über die Hütte unterhalb des Kredarica-Gipfels. Sie verklagten Aljaž für den Bau des Turms auf dem Triglav und den Bau der Hütte, denn er habe am Triglav angeblich den unterirdischen Triangulationspunkt erster Ordnung zerstört, bzw. habe er Hütten auf fremdem Land errichtet. Aljaž konnte jedoch alle Klagen abweisen, und der Turm und die Hütten blieben erhalten.

Die Periode des deutsch-slowenischen nationalen Kampfes um die Berge als eine Art Markierung der geographischen Codes der einzelnen Nationen in den slowenischen Alpen ging mit dem Ersten Weltkriegs und dem Zerfall der Habsburgermonarchie zu Ende. Die slowenischen Gebiete wurden danach größtenteils Teil des neu gegründeten „Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen“, das die Tätigkeit ausländischer Vereine in den Bergen auch per Gesetz untersagte. Nach dem Ersten Weltkrieg bekamen die deutschen Hütten zum großen Teil neue Namen. So wurde zum Beispiel Deschmanns Hütte zu Stanič-Hütte, Maria Theresia-Schutzhaus zu Aleksandar-Hütte, Voss-Hütte zu Erjavec-Hütte usw. Ein Teil der von Slowenen bewohnten Gebiete (heute West-Slowenien) wurde aber nach dem Ersten Weltkriegs ein Teil des Königreichs Italien und dort begann ein neuer italienisch-slowenischer Kampf um die Berge.

Identität als Bergnation
Der Alpinismus spielte eine wichtige Rolle bei der Festigung der slowenischen Identität, nicht nur in der Bergsteiger- oder Bergwelt, sondern wurde zu einem patriotischen Heiligtum, zu einer mächtigen Säule des Slowenentums und generell zum Erschaffer der nationalen Identität. Durch den nationalen Kampf wurden die Slowenen fest in ihrer nationalen Identität verankert und er trug zu deren Anerkennung und Repräsentativität bei, was sich auch in der Menge der versandten Postkarten mit dem Motiv „Grüße vom Triglav“ und dem Bild des Aljaž-Turms widerspiegelt. Diese Siege an den nationalen Fronten haben das Selbstvertrauen der Slowenen erhöht.

Trotz der anfänglichen Vorherrschaft der Deutschen hat sich der nationale Kampf im Verlauf der Geschichte zugunsten der Slowenen gewendet. Die Identität der Slowenen als Gebirgsnation, die sich schon früher zu formieren begonnen hatte, wurde dadurch noch verstärkt. So traten die Slowenen aus einem österreichisch-ungarischen Staat in einen slawischen Staat mit einer bereits gebildeten Identität hinüber, in der die Berge und der Triglav als Symbol des Slowenentums eine wichtige Rolle spielten, was sich auch im Kultur- und Sportbereich widerspiegelte. Die Kennzeichnung als einer mit den Bergen verbundenen Nation wurde von den Slowenen auch nach dem Zweiten Weltkrieg im sozialistischen Jugoslawien nicht aufgegeben. Obwohl auch andere jugoslawische Republiken größere Berggebiete umfassten (z. B. Montenegro und Bosnien-Herzegowina) hat sich die Bergidentität nur unter den Slowenen durchgesetzt. Mit Bergen zusammenhängende Aktivitäten haben die nationale Identität und Sichtbarkeit weiter verstärkt. Erwähnenswert sind dabei das massive Phänomen des Bergsteigens nach dem Zweiten Weltkrieg, verschiedene Bergsteiger- und Bergliteratur, das Aufkommen des alpinen Skisports und des Alpinismus sowie die Kontinuität des Triglav als erkennbares Symbol der Slowenen. In dieser Rolle haben wir Slowenen uns recht gut zurecht gefunden und mit ihr leben wir auch in einem unabhängigen Land.

Literatur
Deržaj, Matjaž: Planinski pozdrav: ob 100-letnici ustanovitve Slovenskega planinskega društva. Ljubljana 1993; Dobnik, Jože: Vodnik po planinskih kočah v Sloveniji. Ljubljana 2007; Lavrič, Božidar (Hg.): Planinski zbornik: ob 110-letnici Slovenskega planinskega društva in Planinske zveze Slovenije. Ljubljana 2003; Mikša, Peter: Narodnostni boji v planinstvu na Slovenskem do 1. svetovne vojne. In: Zgodovina za vse, vse za zgodovino 2 (2011), S. 59–69; Mikša, Peter: Prvi raziskovalci slovenskih gora in prvi dokumentirani pristopi nanje. In: Zgodovinski časopis 67, 3–4 (2013), S. 390–405; Mikša, Peter; Ajlec, Kornelija: Slovensko planinstvo. Ljubljana 2011; Mikša, Peter. „Da je Triglav ostal v slovenskih rokah, je največ moja zasluga“: Jakob Aljaž in njegovo planinsko delovanje v Triglavskem pogorju. In: Zgodovinski časopis 69, 1–2 (2015), S. 112–123; Mikša, Peter; Zorn, Matija: The Julian Alps (Slovenia): between protection and “modernization” = Julijske Alpe (Slovenija): između zaštite i “modernizacije”. In: Ekonomska i ekohistorija. Časopis za gospodarsku povijest i povijest okoliša 13 (2017), S. 147–158; Mikša, Peter; Zorn, Matija: The “battle” for the mountains: Germans versus Slovenes in the South-Eastern Alps in the late 19th and early 20th century. In: Daniels, Justin A. (ed.): Advances in environmental research. Vol. 65. New York 2018, S. 199–227; Strojin, Tone: Zgodovina slovenskega planinstva: Slovenska planinska organizacija 1893–1948–2003. Radovljica 2009; Šaver, Boštjan: Nazaj v planinski raj: Alpska kultura slovenstva in mitologija Triglava. Ljubljana 2005; Valvasor, Janez Vajkard: Čast in slava vojvodine Kranjske. Ljubljana 2009; Lovšin, Evgen; Hribar, Stanko; Potočnik, Miha: Triglav, gora in simbol. Ljubljana 1979; Mlakar, Janko: Iz mojega nahrbtnika. Ljubljana 1968; Ravnihar, Manica et al. (Hg.): Pozdrav z vrhov: slovensko planinstvo na starih razglednicah. Žirovnica 2009; Tuma, Henrik: Planinski spisi. Ljubljana 2000; Zorn, Matija; Mikša, Peter; Lačen Benedičič, Irena; Ogrin, Matej; Kunstelj, Ana Marija (Hg.): Triglav 240. Ljubljana 2018; Zorn, Matija: Fremde und einheimische Naturforscher und Geistliche – die ersten Besucher der slowenischen Berge (Ende des 18. Jahrhunderts bis Anfang des 19. Jahrhunderts). In: Mathieu, Jon; Boscani Leoni, Simona (Hg.): Die Alpen! Zur europäischen Wahrnehmungsgeschichte seit der Renaissance = Les Alpes! Pour une histoire de la perception européenne depuis la Ranaissance. Bern 2005, S. 223–235.

Anmerkung
1)  Mlakar, Janko: Iz mojega nahrbtnika. Ljubljana 1968, S. 9 f.

Peter Mikša, Dr., Dozent am Historischen Seminar der Philosophischen Fakultät der Universität Ljubljana.
Matija Zorn, Dr., Direktor des Anton-Melik Geographischen Institut des Forschungszentrum der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

pdfRGOW 1/2019, S. 17-19