Eine Dekade mit Patriarch Kirill (2009–2019)

Regula Zwahlen

An Superlativen herrschte kein Mangel, als in Moskau vom 31. Januar bis 1. Februar der 10. Jahrestag der Amtseinführung von Patriarch Kirill gefeiert wurde. Am Festakt im Kreml, an dem hochrangige Delegationen mehrerer orthodoxer Lokalkirchen und zahlreiche Staatsbeamte teilnahmen, bezeichnete der russische Präsident Vladimir Putin die Werte der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und anderer traditioneller Religionen in Russland als Grundlage für „Identität, Einheit und Solidarität“. Die soziale und Bildungsarbeit der ROK, die in den letzten Jahren ausgeweitet worden sei, sei „unschätzbar“. Patriarch Kirill selbst, der am 1. Februar 2009 als neuer Patriarch in der Christus-Erlöser-Kathedrale inthronisiert worden war, bewertete die Beziehungen zwischen Kirche und Staat als besser denn je zuvor in der Geschichte Russlands.

Beeindruckendes Wachstum
Den Moskauer Kreml und die Christus-Erlöser-Kathedrale zeigen auch die ersten Einstellungen des offiziellen Films des Moskauer Patriarchats mit dem Titel „Weg. Die Russische Orthodoxe Kirche 2009–2019“, mit dem die Leistungen Kirills im letzten Jahrzehnt gewürdigt werden.[1] Weltweit habe die Kirche mittlerweile 150 Mio. Mitglieder. Seit 2009 ist die Zahl der Eparchien von 150 auf 309 und die der Bischöfe von 182 auf 382 gestiegen, wobei die Mehrzahl erst während der Amtszeit Kirills geweiht wurde. Heute gibt es 40514 Kleriker, 38649 Gemeinden und 972 Klöster.

Besonders hervorgehoben werden im Film die Präsenz der Kirche in den entlegensten Gegenden Russlands sowie die Verbreitung der ROK im Ausland und die Reisetätigkeit des Patriarchen: Heute existieren in 61 Ländern 19 Eparchien, 977 Gemeinden und 40 Klöster. Die neueste Entwicklung ist die Einrichtung zweier neuer Exarchate in Westeuropa und Südasien. Während die neue Kathedrale der ROK in Paris bereits 2016 eingeweiht wurde, ist erst im Dezember 2018 der Grundstein einer Kathedrale in Singapur gelegt worden.

Veranschaulicht wird vor allem der Ausbau der Sozialdienste – über 6500 soziale Projekte – für Obdachlose, Gefängnisinsassen und Drogenabhängige sowie das Engagement für Familienwerte, gegen Abtreibung und die Einrichtung von 57 Frauenhäusern. Weitere Herzensanliegen Kirills sind Katechese und die Jugendarbeit. Unter ihm wurden 2000 orthodoxe Jugendorganisationen und 11000 Sonntagsschulen gegründet. Zudem habe Kirill drei Hauptprobleme gelöst: die Militärseelsorge, die Restitution religiöser Gebäude und die Einführung des Fachs „orthodoxe Kultur“ an den Schulen. Großen Wert legte der Patriarch auf die Verbesserung der theologischen Ausbildung auf allen geistlichen Bildungsstufen.

Zweischneidige Konsolidierung nach innen
Unbestreitbar hat Patriarch Kirill den öffentlichen Auftritt der ROK modernisiert – sie spricht heute ein jüngeres und städtischeres Publikum an. Gleichzeitig hat er die Kirche nach innen konsolidiert, was jedoch auch mit einer Zentralisierung ihrer Entscheidungsprozesse verbunden ist. Mit dem Gemeindestatut von 2009 wurde vor allem die Rolle des Bischofs gestärkt. Interne Kritiker wie der 2013 ermordete Erzpriester Pavel Adelheim wie auch Sergej Tschapnin kritisierten die Schaffung einer „vertikalen Machtstruktur“ (s. RGOW 2/2012, S. 25-27; 12/2015, S. 18-21). Der Historiker Nikolaj Mitrochin bezeichnet die von Kirill initiierte umfassende Verwaltungsreform als „Einführung eines aufgeklärten Absolutismus“.[2] So hat sich die Kirche 2017 auch mehr auf die 100-Jahrfeier der Wiedererrichtung des Patriarchenamtes von 1917 und weniger auf die Reformansätze des Landeskonzils von 1917–1918 konzentriert (s. RGOW S. 13–15). Während der „liberale Flügel“ der ROK, der große Hoffnungen in Kirill gesetzt hatte, heute enttäuscht ist, steht die Kirchenleitung innerkirchlich nach wie vor unter dem Druck anti-ökumenischer und fundamentalistischer Kräfte innerhalb der Kirche. Ihr massiver Protest gegen das Treffen von Patriarch Kirill mit Papst Franziskus im Februar 2016 hat vermutlich auch die kurzfristige Absage der Teilnahme der ROK am panorthodoxen Konzil auf Kreta im Juni 2016 bewirkt, obwohl Patriarch Kirill zu den treibenden Kräften des Konzils gehört hatte (s. RGOW 11/2016, S. 11-13).

So beeindruckend die im Film genannten Statistiken sind, mit denen die Auferstehung der ROK nach dem sowjetischen Atheismus und den chaotischen 1990er Jahren dokumentiert werden soll, sind sie doch in Beziehung zu anderen Zahlen zu setzen: Im Juli 2018 erschien Patriarch Kirill erstmals nicht mehr auf der vom Levada-Zentrum regelmäßig erstellten Liste von zehn Politikern und gesellschaftlichen Akteuren, denen die Befragten am meisten vertrauen. Schon zuvor hatten jahrelang nur ca. 5 Prozent der Befragten den Patriarchen genannt. Bekanntlich ist auch die Zahl von regelmäßigen Gottesdienstbesuchern in Russland gering, obwohl sich zwei Drittel der Russen als orthodox bezeichnen.

Nähe und Distanz
Wie die Reden von Putin und Kirill am Amtsjubiläum zeigen, besteht die Beziehung der Kirche zum Staat heute in einer grundsätzlichen Loyalität, so hob Putin eigens die „gemeinsamen Pflichten von Kirche und Staat“ hervor. In vielen Politikfeldern verfolgen Kirchenleitung und Staatsführung heute ähnliche Interessen und stimmen sich ab. Augenscheinlich wurde die Nähe von Staat und ROK etwa beim Gesetz „Zur Verteidigung religiöser Gefühle von Bürgern der Russischen Föderation“ nach dem Fall „Pussy Riot“ 2013 (s. RGOW 1/2013, S. 24–25). Der Preis dieser politischen Rolle der Kirche ist jedoch hoch. So weist Mitrochin darauf hin, dass Kirill seit 2012 in nicht-kirchlichen Kreisen einen erheblichen Imageverlust erlitten habe; die antikirchliche Stimmung habe besonders unter Jugendlichen zugenommen.

Auf ganzer Linie gescheitert ist Patriarch Kirill zudem bei der Klärung der Beziehungen zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel und bei der Lösung der komplexen kirchlichen Situation in der Ukraine. Ausgedehnte Ukrainereisen zu Beginn seiner Amtszeit haben die Wogen nicht geglättet – im Gegenteil: Der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft mit Konstantinopel aufgrund der Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine Ende 2018 hat die gesamte Orthodoxie zum Abschluss von Patriarch Kirills erster Amtsdekade in eine tiefgreifende Krise gestürzt.

[1] http://www.patriarchia.ru/db/text/5365722.html.
[2] https://meduza.io/feature/2019/02/01/vzglyadam-patriarha-kirilla-otvechaet-katolicheskaya-model-ustroystva-tserkvi.

Bild: patriarchia.ru (©Oleg Varov)

pdfRGOW 2/2019, S. 3