Innere Konflikte in den orthodoxen Kirchen der Ukraine

Bohdan Ohultschanskyj

In beiden orthodoxen Kirchen in der Ukraine lässt sich ein Wettstreit von konservativen und modernisierenden Kräften beobachten. Dabei sind die Rollen keineswegs klar verteilt. Auch in der neuen Orthodoxen Kirche der Ukraine bleibt abzuwarten, ob den ehemaligen Kircheneliten und den auf Erneuerung drängenden Laien der gemeinsame Aufbau neuer Strukturen gelingt. – R. Z.

Die Verleihung der Autokephalie an die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) war für viele ein unerwarteter Blitz am kirchlichen Firmament. In ihm komprimieren sich sämtliche Probleme der Orthodoxie des 21. Jahrhunderts. Um die Perspektiven des orthodoxen Christentums sowohl in Osteuropa als auch weltweit besser zu verstehen, muss man die Hauptbewegkräfte betrachten, die auf dem Gebiet des tausendjährigen Kiewer Christentums einen spannungsgeladenen Kampf ausfechten. Diese sind unter zwei Aspekten zu betrachten: erstens hinsichtlich konservativer und modernisierender Tendenzen, und zweitens bezüglich globaler und autonomistisch-isolationistischer Trends. Diese Aspekte sind ähnlich, aber nicht identisch.

Aktuelle Situation der orthodoxen Kirchen
Die zahlenmäßig größte Konfession des Landes ist momentan die Ukrainische Orthodoxe Kirche (UOK, Moskauer Patriarchat), die über große materielle und personelle Ressourcen verfügt. Bis jetzt ist der östliche (linksufrige) Teil der Ukraine und des ukrainischen Südens praktisch kaum betroffen von Gemeindeübertritten zur OKU wie im Westen der Ukraine. Die relativ stabile Situation der UOK in diesen Regionen verweist jedoch weniger auf deren unbestrittene gesellschaftliche Stellung als vielmehr auf eine Schwäche ihrer Opponenten. Gemäß den letzten soziologischen Umfragen von 2018, also noch vor der Verleihung des Tomos durch das Ökumenische Patriarchat, war der Anteil von Gläubigen, die sich zur UOK zählten, auch im Osten (bis 20 Prozent) und im Süden (etwa 10 Prozent) nicht sehr hoch, doch verfügt die Kirche in diesen Regionen gegenüber der OUK über ein Vielfaches an Gemeinden. Deshalb bleibt die UOK insgesamt ziemlich ruhig. Überhaupt neigt man in der Kirchenleitung der UOK dazu, die in den letzten Jahren entstandenen Probleme mit subjektiven Faktoren zu erklären – mit der Feindseligkeit der derzeitigen Regierung ihr gegenüber. Sobald sich das ändere – und davon sind viele in der UOK mit Bezug auf die Präsidentschaftswahlen überzeugt –, würden für die UOK in der Ukraine wieder angenehmere Bedingungen herrschen.

Die OKU befindet sich in einem Zustand des administrativen Aufbaus und der Mobilisierung von Ressourcen. Gleichzeitig bemühen sich Vertreter der Kirchenleitung des ehemaligen „Kiewer Patriarchats“ um eine Bewahrung ihres Einflusses (damit ist nicht nur das ehemalige Kirchenoberhaupt, Filaret (Denisenko) gemeint, sondern auch Erzbischöfe – einflussreiche Leiter der großen Eparchien im Westen der Ukraine). Die OKU und der Teil der Gesellschaft, der sie unterstützt, verfügen zurzeit über nicht genügend Hebel, um eine Bewegung hin zur ukrainischen Kirche im Osten, Süden und teils im Zentrum der Ukraine, wo die praktische Religiosität nicht stark ist, zu fördern. Problematisch ist zudem der Anschluss von städtischen Gemeinden an die OKU, weil die Zugehörigkeit eines Stadtbewohners zu einer bestimmten Kirchgemeinde juristisch unbestimmt ist – im Gegensatz zur meist klaren Zugehörigkeit eines Landbewohners zur Kirchgemeinde seines Wohnorts. Was die Priester betrifft, so nehmen viele eine abwartende Position ein, besonders in den Städten. Ihre Position wird nicht von der Mehrheit der Stadtbewohner, sondern von den ständigen Gemeindegliedern bestimmt, unter denen das Zugehörigkeitsgefühl zur UOK stärker ist.

Konservative Strömungen in beiden Kirchen
Die Orthodoxie, insbesondere die russische, wird von den anderen Zweigen des Christentums traditionell als Bollwerk des Konservatismus betrachtet. So wird oftmals davon ausgegangen, dass sich der Konservatismus in der UOK nicht vom russischen unterscheide, und dass die Gläubigen der OKU modernisierungsfreudiger seien. In Wirklichkeit ist jedoch alles ein wenig komplizierter.

Der Konservatismus in der russischen Orthodoxie ist ein Phänomen des traditionellen, viele Jahrhunderte währenden russischen Isolationismus, der der äußeren Welt mit dem „falschen“ Christentum (vor allem dem „häretischen“ katholischen und protestantischen Westen) nicht traut. Diese Verschlossenheit ist eine Folge der Furcht, bei der Begegnung mit dem „verdorbenen“ Einfluss von außen das Heiligtum und die Ideale des Glaubens zu verlieren. Deshalb eignet der russischen Orthodoxie ein extremer Paternalismus, bei dem der mächtige Staat (früher das Imperium) die Vaterfigur darstellt, der die Kirche als Grundlage der nationalen und staatlichen Identität mit aller Kraft verteidigt.

Die konservativen Werte der ukrainischen Orthodoxie unterscheiden sich ein wenig von den russischen. Zwar lehnt auch sie die westliche säkulare Welt und das westliche Christentum als Einflüsse ab, die die religiöse und nationale Identität bedrohen. Doch der ukrainische orthodoxe Konservatismus sieht seinen Verteidiger nicht im permanent schwachen ukrainischen Staat. Daher sucht er seine Stütze in religiösen Heiligtümern, so sind zum Beispiel bei fundamentalistischen Gläubigen der UOK Klöster populär: die Potschajever Lavra oder Bantscheny, ein Kloster an der rumänischen Grenze, das vom ultrakonservativen Bischof Longin (Schar) gebaut wurde, der in der Liturgie Patriarch Kirill nicht mehr gedenkt, seit dieser sich mit Papst Franziskus getroffen hat. Maßgebend für Konservative sind auch Bischöfe und „Starzen“, Vorsteher der großen Klöster oder das Oberhaupt der UOK, Metropolit Onufrij (Beresovskij) von Kiew.

Konservative gibt es auch in der OKU, doch berufen sie sich auf das ideale Bild einer authentischen ukrainischen Orthodoxie, deren einstige Blüte von der russischen imperialen Orthodoxie verdorben worden sei. Sie hegen die Hoffnung, dass nach der Befreiung vom Einfluss Moskaus die besten Eigenschaften der ukrainischen Orthodoxie wiedererstehen werden: Volksnähe, eine demokratische Haltung, Kunstsinn, schöpferische Freiheit. Sie gehen vom besonderen Wert einer traditionellen Volksreligiosität aus. Möglicherweise kann von hier ein gewisser schöpferischer Impuls ausgehen, doch nur unter der Bedingung eines kritischen und nüchternen Verhältnisses zu sich selbst.

Modernisierungsbestrebungen
Metropolit Volodymyr (Sabodan, 1935–2014) hat in seinen letzten Jahren als Oberhaupt der UOK verstanden, dass eine Erneuerung der Kirchenleitung notwendig ist. Große Bedeutung kam damals Informationsprojekten zu: offenen Plattformen für den Dialog mit der Gesellschaft über aktuelle Fragen. Diese Projekte wurden von Vertretern der jüngeren Generation geleitet, von denen sich die besten nun der OKU angeschlossen haben. Leider wurden die Tätigkeiten dieser Gruppe in den letzten Jahren der Präsidentschaft von Viktor Janukovytsch vom Staat zurückgedrängt, der bedingungslose Unterstützung forderte. Die neue Kirchenleitung der UOK unter Metropolit Onufrij hat sich seit 2014 prinzipiell der Zusammenarbeit mit der neuen, ihres Erachtens nationalistischen und antirussischen Regierung verweigert.

Außerdem pflegen die Erzbischöfe der UOK enge Kontakte zu Oligarchen und Großunternehmern, mit deren Hilfe sie großzügige Spenden für den Bau von Kathedralen gesammelt und wirkmächtige Veranstaltungen durchgeführt haben, z. B. Kreuzprozessionen zur Anbetung von aus Griechenland oder Palästina hergebrachten Reliquien und Ikonen (s. RGOW 2/2019, S. 26–27). Deshalb kann man mit Blick auf die gesamte UOK von keinerlei modernen Veränderungen sprechen. Das schließt jedoch das Vorhandensein von interessanten Aktivitäten auf der Ebene der Gemeinden oder einzelner Klöster nicht aus – Jugend- und Sozialarbeit, die relative schöpferische Freiheit einzelner Theologen usw. Doch diese einzelnen Bemühungen beeinflussen den steten Fundamentalismus der gegenwärtigen Kirchenleitung überhaupt nicht, die alle modernisierenden Erscheinungen scheut. Ebenso versteht man in dieser Kirche die ukrainische Zivilgesellschaft nicht, weshalb man sie fürchtet und ignoriert.

Auch in der OKU gibt es viele Gläubige, die wesentliche Veränderungen fordern. Solche Veränderungen unterstützt auch ein Teil ihrer Bischöfe (was bei der UOK überhaupt nicht der Fall ist). In den letzten Wochen hat eine große Zahl von Laien, Priestern, Religionsspezialisten und Intellektuellen eine Deklaration mit dem Titel „Zehn Thesen zur OKU“ unterschrieben.1 In diesem Text werden konkrete Vorschläge bezüglich aller wichtigen „wunden Punkte“ der postsowjetischen Orthodoxie unterbreitet. Dazu gehören eine permanente, breit angelegte Ausbildung von Laien, deren Beteiligung an der Entscheidungsfindung, Transparenz beim Führungs- und Finanzsystem, aktive Sozialarbeit, ein offener und vielfältiger Dialog mit der Weltorthodoxie.

Demgegenüber steht die Tatsache, dass die Tradition der russischen, sog. „synodalen“ Kirchenleitung vom ehemaligen „Kiewer Patriarchat“ gänzlich übernommen wurde, und dass praktisch die gesamte ehemalige Führungselite dieser Kirche auch innerhalb der OKU an der Macht bleibt. Deshalb ist die Konfrontation von Alt und Neu in jedem Fall unausweichlich.

Zukünftige Herausforderungen
In der Geschichte der Orthodoxie wird das Dogma über die Heiligkeit der Kirche nicht selten als Dogma über ihre Unveränderlichkeit interpretiert. Die populäre Auslegung dieser These lautet: Die Kirche existiert gerade deshalb schon seit 2 000 Jahren, weil ihre Struktur unzerstörbar ist. Die Konservativen in der UOK müssen sich bei der Verteidigung ihrer Position natürlich nicht nur auf ihre eigenen Kräfte verlassen. Sie verfügen über nicht gerade spärliche Ressourcen und werden öffentlich von einem der mächtigsten Oligarchen der Ukraine unterstützt, der aus Russland stammt. Man kann davon ausgehen, dass in seiner gewaltigen materiellen Unterstützung nicht nur persönliche Mittel stecken. Die Konservativen nutzen jede Gelegenheit öffentlicher Unterstützung nicht nur aus Russland (was ihr Image in der Ukraine negativ beeinflusst), sondern auch von anderen orthodoxen Lokalkirchen, die im Konflikt zwischen Konstantinopel und Moskau auf Seiten Moskaus stehen. Die gegenwärtigen Positionen, die die UOK verteidigt, werden so vermutlich nur eine kurzfristige oder mittelfristige Perspektive haben. Zudem hängt die Kirche in ihren Prinzipien stark vom geopolitischen Gleichgewicht ab, also vom Grad der Unterstützung aus Moskau. Sollte sie diese aus irgendwelchen Gründen verlieren, kann das für die UOK im Bankrott enden.

In der OKU ist man sich der Notwendigkeit bewusst, aus der Isolation herauszufinden, in der sich das „Kiewer Patriarchat“ ohne theologische und liturgische Gemeinschaft mit der Weltorthodoxie jahrelang befunden hat. Doch die Folgen solcher Isolation haben das Bewusstsein von Priestern und Laien beeinflusst und verschwinden nicht so schnell. Nichtsdestotrotz weiß man in der OKU, dass zwischenkirchliche Kontakte notwendig sind. Zwar sind zurzeit offizielle Kontakte nur mit dem griechischen Teil der Weltorthodoxie möglich, doch die Palette an Möglichkeiten wird sich mit der Zeit vergrößern.

So muss man zurzeit die Präsenz von zwei einflussreichen Kräften in der ukrainischen Orthodoxie anerkennen. Das bringt ein Element der Konkurrenz in das religiöse Leben der Ukraine und fordert von den Gläubigen Selbstbestimmung und aktive Beteiligung sowie von den Kirchen ein überzeugendes Zeugnis vom geistlichen und nicht politischen Fundament ihres Wirkens. Zweifellos werden die orthodoxen Lokalkirchen die kirchliche Entwicklung in der Ukraine aufmerksam verfolgen, und diese die Gesamtorthodoxie beeinflussen.

Anmerkung
1)  https://risu.org.ua/en/index/monitoring/74683/.

Übersetzung aus dem Russischen: Regula Zwahlen.

Bohdan Ohultschanskyj, Priester der UOK, Sekretär der Allukrainischen Orthodoxen Pädagogischen Gesellschaft, Redaktor von http://christian-culture.in.ua.

pdfRGOW 4-5/2019, S. 23-24.