Der Tag der baltischen Einheit, der die Welt bewegte

Priit Rohtmets

Mit Glasnost und Perestrojka entstanden im Baltikum erste zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich mit der von der offiziellen sowjetischen Geschichtsschreibung ignorierten eigenen nationalen Geschichte befassten. Sie forderten von der sowjetischen Führung eine Anerkennung der Geheimprotokolle des Molotov-Ribbentrop-Pakts und somit ein Eingeständnis der Annexion der in der Zwischenkriegszeit unabhängigen baltischen Staaten. Die friedlichen Massenproteste erreichten am 23. August mit dem Baltischen Weg ihren Höhepunkt. – N. Z.

Nach dem Machtantritt von Michail Gorbatschow 1985 und dem Beginn der Glasnost- und Perestrojka-Politik 1986/87 begriffen die Menschen in den baltischen Republiken die Chancen von Glasnost und begannen, die weißen Flecken ihrer Geschichte aufzuarbeiten. Die sowjetische Regierung hatte seit den 1940er Jahren durch Angst und Gewalt eine neue sowjetische Geschichte geschrieben, die die Vergangenheit der unabhängigen baltischen Republiken – Estland, Lettland und Litauen, die 1940 von der Sowjetunion besetzt worden waren – weitgehend ignorierte.

Gesellschaftliche Liberalisierung
Die ersten Anzeichen einer Liberalisierung eröffneten Möglichkeiten für alternative öffentliche Organisationen. Jahrzehntelang war diese Art zivilgesellschaftlicher Aktivitäten verboten gewesen und mit der Angst vor Repressionen in den Untergrund gedrängt worden, aber nun wurden langsam, aber stetig neue Organisationen gegründet, die von den Behörden zugelassen wurden. In Estland war eine erste solche Organisation die Gesellschaft für das estnische Erbe (Eesti Muinsuskaitse Selts, EHS). Die EHS, die ihre Tätigkeit 1986 aufnahm, aber offiziell erst 1987 gegründet wurde, bestand aus lokalen Vereinen, die in den meisten Fällen regional organisiert waren. Allerdings gab es auch Vereine, deren Mitglieder denselben Beruf hatten. So beschloss eine Gruppe 1987 einen besonderen Verein für Geistliche und Theologiestudenten eines privaten Instituts der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche einzurichten. Dessen Name war „Portal“.

Die EHS lancierte eine Memoirensammlung, um die blinden Flecken der estnischen Geschichte während der sowjetischen Okkupation zu tilgen, und organisierte Vorträge dazu. Zudem wurden Treffen organisiert, um den Unabhängigkeitstag der Republik Estland (24. Februar 1918) und das Friedensabkommen von Tartu (2. Februar 1920), in dem Russland die estnische Unabhängigkeit anerkannt hatte, zu feiern sowie der Deportationen nach Sibirien 1941 und 1949 zu gedenken. Allein 1949 wurden 95 000 Personen aus Estland, Lettland und Litauen nach Sibirien deportiert. Das Gedenken an die Massendeportationen Stalins, Umweltfragen und Demonstrationen an den Daten von offiziell nicht anerkannten historischen Ereignissen führten 1986 und 1987 zu ersten Massenprotesten gegen die sowjetische Herrschaft.

In der ganzen Sowjetunion kam es zu Protesten. Manche verliefen zunächst friedlich, wurden dann aber gewaltsam. In Tbilisi beispielsweise endeten die Proteste im April 1988, an denen die Georgier die Abschaffung der abchasischen Autonomie und die Trennung Georgiens von der Sowjetunion forderten, mit dem Einsatz sowjetischer Spezialeinheiten und mit 19 Toten, fast 500 Verletzten und über 3 000 Menschen, die medizinische Hilfe benötigten. Bereits im Dezember 1986 war ein friedlicher Protest von 3 000 bis 5 000 Menschen in Almaty in Kasachstan von KGB, Polizei und Spezialeinheiten angegriffen worden (s. RGOW 8/2014, S. 18–19). Offiziell kamen zwei Personen ums Leben. Im Frühling und Sommer 1987 erreichten die Proteste Moskau, als zunächst ein Treffen der russischen ultranationalistischen Gruppe Pamjat’ stattfand und im Juli die Krimtataren die Erlaubnis zur Rückkehr auf die Krim verlangten, von wo Stalin sie deportiert hatte. Im Herbst 1987 kam es zu Spannungen zwischen Aserbaidschan und Armenien wegen der Region Bergkarabach, die seit 1923 zu Aserbaidschan gehörte. Während die erste Demonstration im Oktober 1987, bei der Armenier die Wiedervereinigung der Region mit Armenien verlangten, friedlich verlief, wurden die Proteste 1988 gewalttätig mit Dutzenden Opfern auf beiden Seiten.

Die Geheimprotokolle des Molotov-Ribbentrop-Pakts
In der baltischen Region war der Wendepunkt eine friedliche Demonstration am 23. August 1987, die in allen drei baltischen Staaten stattfand, um die Anerkennung und Aufhebung der Geheimprotokolle des Molotov-Ribbentrop-Pakts (MRP) zu fordern. Für die sowjetischen Machthaber hätte das bedeutet, anzuerkennen, dass sie 1940 unabhängige Staaten in Osteuropa besetzt hatten. 1988 stritten jedoch die sowjetischen Behörden immer noch ab, dass diese Protokolle existierten, und behaupteten, dass es der Wunsch der baltischen Völker gewesen sei, der Sowjetunion beizutreten.

Um die sowjetischen Machthaber zur Anerkennung der Geheimprotokolle zu drängen, wurde eine besondere Basisorganisation, die Gruppe zur Offenlegung des Molotov-Ribbentrop-Pakts (Molotov-Ribbentropi Pakti Avalikustamise Eesti Grupp), gegründet. Deren Mitglieder setzten sich aus Dissidenten zusammen. Neben dem Kampf für die Anerkennung der Geheimprotokolle des MRP begann die Organisation (wie die EHS) auch andere „vergessene“ Jahrestage zu feiern. In Estland plante die Gruppe beispielsweise den Jahrestag des Friedensabkommens von Tartu 1920 zu feiern. Das Treffen hätte im Februar 1988 in Tartu stattfinden sollen, vor dem Gebäude, in dem das Abkommen unterzeichnet worden war. Aber als die Teilnehmer, mehrheitlich Studierende der Universität Tartu, sich versammelten, zwang sie die Polizei mit Schildern, Schlagstöcken und Hunden, sich in den Vorlesungsaal der Universität und eine nahegelegene Konzerthalle zu bewegen. Dort diskutierten mehrere Universitätsprofessoren, Vertreter des Stadtrats von Tartu und sogar des Ministerrats und der Estnischen Kommunistischen Partei die „echte Bedeutung“ der Perestrojka und versuchten, die unaufrichtigen Motive der Organisatoren des Treffens zu aufzuzeigen. Nach dem Treffen erschienen in der estnischen Presse mehrere Artikel, welche die Motive der Mitglieder der Gruppe verurteilten. Allerdings gab es auch Proteste gegen die Anwendung physischer Gewalt durch die Polizei. Dies hatte Auswirkungen auf das Verhalten der staatlichen Vertreter, so dass am 24. Februar 1988 an einem Treffen in Tallinn der Jahrestag der unabhängigen Republik Estland gefeiert wurde und die Behörden keine Gewalt anwandten.

1988 war für die baltischen Völker ein zentrales Jahr im Kampf um die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit, weil 1988 alle großen sozialen Bewegungen gegründet wurden und die Forderung nach Veränderung zu einer Massenbewegung wurde, die mehr oder weniger fast jedes Mitglied der Gesellschaft berührte. In einer Live-Diskussion im estnischen nationalen Fernsehen am 13. April 1988 wurde die Idee verkündet, eine estnische Volksfront zur Unterstützung der Perestrojka (Rahvarinne Perestroika Toetuseks) zu gründen. Später wurde der Name in Estnische Volksfront (Eestimaa Rahvarinne, EPF) geändert. Sie bot eine legale Plattform für den Wandel und gewann deshalb schnell zehntausende Mitglieder und Unterstützer. Bis im Herbst 1988 wurden ähnliche Volksfronten auch in Lettland (Tautas Fronte) und Litauen (Sąjūdis) gegründet.

In der estnischen Gesellschaft, wo zuerst eine Dissidentengruppe den Kampf für staatliche Unabhängigkeit gefordert hatte, kam es nach der Gründung der EPF zu einer Polarisierung, da es zwei entgegengesetzte Ansichten zum zukünftigen Status Estlands und daher unterschiedliche Positionen zur Vorgehensweise im Demokratisierungsprozess gab: entweder eine Wiederherstellung der de facto Unabhängigkeit des besetzten Estland zu fordern, oder sich in Richtung demokratischer Reformen innerhalb der UdSSR zu bewegen, um größere Autonomie zu gewinnen. Auf der einen Seite stand die pragmatische Vereinigung EPF, deren Programm zur estnischen Unabhängigkeit 1988 etwas vage blieb. Auf der anderen Seite stand die Estnische Nationale Unabhängigkeitspartei (Eesti Rahvusliku Sõltumatuse Partei, ERSP), die im August 1988 gegründet wurde und deren Mitglieder mehrheitlich Dissidenten waren.

Die EHS tendierte dazu, die ERSP-Linie zu unterstützen, was einen Konflikt zwischen der EHS und der EPF auslöste. Im September 1988 organisierte die EPF eine Kundgebung an einem estnischen Liederfestival. Da die Beziehung zwischen den beiden Organisationen bisher gut gewesen war, wurde der EHS-Vorsitzende Trivimi Velliste eingeladen, vor einer Menge von 250 000 Menschen zu sprechen. In seiner Rede forderte er eine unabhängige Republik Estland, was die EPF-Mitglieder schockierte, da sie diese Forderung zu diesem Zeitpunkt als aussichtslos und unklug betrachteten. Dies verkündeten sie im Nachhinein auch in der Presse und distanzierten sich von Vellistes Aussage. Jahre später sagte Marju Lauristin, Mitbegründerin der EPF, dass im Gegensatz zu Lettland und Litauen, wo es den Volksfronten gelang, die beiden großen Gruppen zu vereinen, in Estland die Konfrontation zwischen ihnen andauere. Obwohl die Konfrontation damals ein Problem zu sein schien und es eine Rivalität zwischen den beiden Gruppen gab, beurteilte Lauristin diese Situation im Nachhinein positiv, weil sie zu breiteren Debatten und Diskussionen in der Gesellschaft geführt habe. Gemeinsam war der ERSP und der EPF das Ziel einer Anerkennung und Aufhebung der Geheimprotokolle der MRP.

Veröffentlichung der Geheimprotokolle des MRP
Im Mai 1988 wurden die Geheimprotokolle zum ersten Mal von der höchsten Autorität der Sowjetunion – dem Politbüro – diskutiert, ohne Einigung, ob man sie anerkennen oder ignorieren solle. Auf der einen Seite äußerte der KGB-Vorsitzende Viktor Tschebrikov die Befürchtung, dass eine Anerkennung nationale Spannungen auslösen könne, auf der anderen Seite herrschte die Überzeugung, vertreten durch Außenminister Andrej Gromyko, dass es unmöglich sei, die Existenz der Protokolle zu bestreiten. Zudem behaupteten sowjetische Offizielle, das Original des Abkommens befinde sich nicht in ihrem Besitz.

Im August 1988, 48 Jahre nach der Unterzeichnung des Pakts, veröffentlichte der estnische Historiker Heino Arumäe die Geheimprotokolle mit seinem Kommentar in der größten estnischen Tageszeitung Rahva Hääl. Bereits Ende 1987 waren die Protokolle in der polnischen Presse veröffentlicht worden. In anschließenden Konferenzen und Seminaren wurde aufgezeigt, dass der MRP eine Voraussetzung für den Beginn des Zweiten Weltkriegs sowie den Winterkrieg mit Finnland und die Annexion und Besetzung Polens und der baltischen Staaten gewesen war. Im August 1988 gab es in Tallinn, Pärnu, Tartu, Riga und Vilnius Massenproteste, insgesamt nahmen mehr als 300 000 Personen teil. Der größte Protest fand mit 200 000 Personen in Vilnius statt.

Der Kampf um die Anerkennung des Pakts war multidimensional und erreichte 1989 den Obersten Sowjet der UdSSR. Im Juni errangen die Delegationen der drei baltischen Staaten einen ersten Sieg: Es wurde ein Komitee gebildet, um den MRP zu analysieren, mit Alexander Jakovlev an der Spitze, einem Unterstützer Gorbatschows bei der Umsetzung von Reformen. Sogar als die Kopien der russischen Version des Pakts Gorbatschow ausgehändigt wurden, behauptete er immer noch, an der Existenz der Geheimprotokolle zu zweifeln. Nachdem ein Mitglied des Komitees, Endel Lippmaa, Kopien der Originale, die in den Archiven des US-Außenministeriums aufbewahrt worden waren, herbeigebracht hatte, waren sowjetische Historiker sowie Jakovlev gezwungen, die Existenz des Geheimpakts zuzugeben. Allerdings bedeutete das nicht, dass Jakovlev bereit war einzugestehen, dass der Pakt eine Voraussetzung für die Besetzung unabhängiger Staaten in Osteuropa gewesen war. Obwohl die Menschen im Baltikum hofften, das Komitee würde bis zum 50. Jahrestag des Pakts im August 1989 seine Resultate vorlegen, wurden bis dahin keine Ergebnisse erreicht.

Der Baltische Weg
Am 13. und 14. Mai 1989 organisierten die nationalen Fronten der baltischen Republiken ein gemeinsames Treffen in Tallinn, das mit der Bildung der Baltischen Versammlung endete. Deren Ziel war es, eine gemeinsame baltische Position gegenüber den sowjetischen Machthabern und der Welt zu vertreten. Am 14. Mai 1989 fasste die Versammlung einen Beschluss und schickte ihn an die OSZE, den Obersten Sowjet der Sowjetunion und den Generalsekretär der UNO: Sie forderte, den MRP und seine Geheimprotokolle für ungültig zu erklären und vom Moment der Unterzeichnung an zu annullieren. Am Abend des 13. Mai wurde ein öffentliches Treffen auf dem Stadtplatz von Tallinn organisiert, an dem Mati Hint, ein EPF-Mitglied, über den baltischen Weg zum Erreichen von Zielen sprach, der laut ihm friedlich, parlamentarisch und demokratisch war. Schon 1988 waren die nächtlichen Liederfestivals ein deutliches Zeichen für einen friedlichen Weg, Forderungen zu stellen, und gaben der ganzen Befreiungsbewegung der baltischen Staaten ihren Namen: die Singende Revolution. Im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Jahrestag des MRP entschied das Komitee der Baltischen Versammlung am 15. Juli 1989 in Pärnu, am 23. August eine Menschenkette von Tallinn nach Riga und Vilnius zu organisieren und sie „Baltischen Weg“ zu nennen.

Die Entscheidung, eine Veranstaltung zu organisieren, die hunderttausende Menschen versammeln würde, wurde wenig mehr als einen Monat zuvor getroffen. Ohne die lokalen Räte der nationalen Fronten und anderer sozialer Organisationen wäre es unmöglich gewesen, dies umzusetzen. Die Direktoren von kollektiven Landwirtschaftsbetrieben halfen beim Transport, da viele Menschen zur Veranstaltung gebracht werden mussten. Anfang August änderte die estnische Seite die Route, weil der kürzeste Weg zu weit von Dörfern und Seitenstraßen entfernt verlief, was das Zusammenbringen von Menschen erschwerte. Während die erste Route von Westestland aus nahe der Küste verlief, durchquerte die neue Route Zentralestland und war ein bisschen länger. Zugleich sammelten die nationalen Fronten in allen drei Ländern Unterschriften zur Abschaffung des MRP und bereiteten ein gemeinsames Statement vor, das von den baltischen Völkern abgesegnet werden sollte.

Die Menschen brachten Radios mit, weil die Kommunikation über Radio funktionierte, die Anführer der nationalen Fronten hielten Reden und die Menschen hörten nationale Lieder, beispielsweise ein hymnenartiges Lied des lettischen Sängers und Komponisten Boriss Rezņiks, „Wacht auf, baltische Länder“, dessen Text in allen drei baltischen Sprachen geschrieben war. Danach wiederholten die Menschen alle zusammen „Freiheit, Freiheit, Freiheit …“. Der Höhepunkt der Veranstaltung war um sieben Uhr abends: In Lettland wurden die Flaggen mit schwarzen Schleifen versehen und auf Halbmast gesetzt. Es war ein Tag der Trauer. In Litauen wurden Blumen aus kleinen Flugzeugen geworfen und die Menschen legten sie mitten auf den Baltischen Weg.

Insgesamt war die Menschenkette 675,5 km lang – in Estland 211,5 km, in Lettland 262 km und in Litauen 202 km lang. Außerdem gab es Seitenstraßen, auf denen ebenfalls Teilnehmer standen, weil insbesondere in Litauen die Menschen aufgrund riesiger Verkehrsstaus die Hauptkette nicht erreichten. Deshalb gab es zwei große Ketten auf Seitenstraßen, insgesamt mehr als 60 km lang.

Natürlich ist es schwierig, eine genaue Anzahl der Menschen zu beziffern, die auf dem Baltischen Weg standen und sich an den Händen hielten. Normalerweise wird sie mit 2 Mio. angegeben, die größte Zahl lautet 2,5 Mio. An den Stellen der Kette, an denen nicht genug Menschen standen, um sich an den Händen zu halten, wurden Bänder zur Bildung der Kette benutzt. Obwohl das Ereignis von einem Helikopter aus gefilmt wurde, ist es unmöglich zu sagen, ob es Lücken in der Kette gab. Andererseits standen in den Hauptstädten so viele Menschen, dass sie mehrere Reihen bildeten.

Internationale Reaktionen
Der Baltische Weg erregte bei westlichen Journalisten viel Aufmerksamkeit. Die Freiheit der baltischen Staaten sowie die Tatsache, dass diese besetzt waren, wurden nun offen und öffentlich diskutiert. Einen Tag nach dem Baltischen Weg publizierte die New York Times auf der Titelseite einen Artikel mit einem Bild des Wegs und der Schlagzeile, dass das Baltikum die Freiheit fordere. In einem Artikel der Washington Post eine Woche später beschrieb der Journalist ein Szenario, in dem die baltischen Staaten unabhängig würden, die Sowjetunion ohne sieben Millionen ihrer besten Arbeiter und ohne die Küste des baltischen Meers zurückbliebe, und in dem in der Ukraine dieselbe Sehnsucht nach Unabhängigkeit entzündet würde, was die Sowjetunion vom Balkan, Ungarn und der Tschechoslowakei abschneiden würde. Im Artikel wurde behauptet, dass die Anführer der Sowjetunion Schritte unternehmen würden, um dies zu verhindern. Am 24. August publizierte die Süddeutsche Zeitung eine Übersicht mit dem Titel „Das baltische Volk verlangt das Ende der Okkupation“; die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieb in ihrem Artikel die hunderttausenden Balten, die sich gegen die russische Herrschaft erhoben. In Frankreich publizierte Le Monde am 25. August einen Artikel und behauptete, dass Moskau über die separatistischen Entwicklungslinien in den baltischen Republiken besorgt sei.

Moskau war tatsächlich besorgt und verärgert. Der erste Schritt der sowjetischen Führung war die Deklaration „Über die Situation in den sowjetischen baltischen Republiken“, die das am schärfsten formulierte Schriftstück des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war, das dieses je über die baltischen Republiken veröffentlichte. Der Baltische Weg und die Ereignisse im Baltikum wurden als nationale Hysterie beschrieben, und die Handlungen der „extremistischen Anführer“ wurden als Bedrohung der Existenz der baltischen Völker betrachtet. Die Deklaration wurde vom Politbüro initiiert, von Gorbatschow persönlich abgesegnet und am 26. August 19 Minuten lang im Abendnachrichtenprogramm Vremja verlesen, das in der ganzen Sowjetunion live ausgestrahlt wurde. In der sowjetischen Presse erschien eine Serie von Artikeln, die das Ereignis zumeist verurteilten.

Die Zweige der Kommunistischen Partei in den baltischen Republiken protestierten maßvoll gegen die Deklaration. Die Letten schickten sogar ein Telegramm mit der Forderung nach Moskau, den Autor der Deklaration bekannt zu machen. US-Präsident George Bush drückte angesichts der sowjetischen Deklaration an einer Pressekonferenz während seiner Ferien die Hoffnung aus, dass Gorbatschow die baltischen Staaten mit demselben Maß an Verständnis wie Polen behandeln würde. In der sowjetischen Geschichte hatte diese Art Ereignisse bisher normalerweise mit der Ersetzung lokaler Anführer durch gehorsamere geendet. Im September traf Gorbatschow in Moskau die Anführer der baltischen kommunistischen Parteien und es wurde klar, dass es hinsichtlich der Ernennung neuer Leiter keine negativen Konsequenzen geben würde. Am 24. Dezember 1989 erklärte der Oberste Sowjet den Molotov-Ribbentrop-Pakt seit dem Moment seiner Unterzeichnung für ungültig und bestätigte, dass er Stalin eine mögliche Handhabe gegeben habe, um Ansprüche auf unabhängige Staaten zu stellen, welche die rechtlichen, von der Sowjetunion eingegangenen Verpflichtungen gegenüber diesen Staaten verletzten.

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Unterm Strich ermöglichte der Baltische Weg es den baltischen Völkern, ihre Forderungen für die ganze Welt sichtbar zu machen, und das war ein wichtiger Teil des Kampfes um Freiheit. Eine friedliche Demonstration machte es Moskau schwer, aggressive Schritte zu unternehmen, obwohl Gewalt leider nicht gänzlich vermieden wurde. Die Litauer, die am 11. März 1990 als erste eine einseitige Unabhängigkeitserklärung verabschiedet hatten, erlebten im Januar 1991 in Vilnius einen Angriff auf friedliche Demonstranten durch sowjetische Truppen. Die sowjetische Führung war für die Aggression verantwortlich, die 15 Tote forderte.

Estland und Lettland waren vorsichtiger. Estland verabschiedete am 29. März 1990 einen „Beschluss über die estnische Staatlichkeit“ und Lettland erließ am 4. Mai 1990 eine Deklaration „Über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Republik Lettland“, wobei beide erklärten, dass ihre Republiken 1940 von der Sowjetunion annektiert worden seien, sie aber bei der Wiederherstellung ihrer vollen Unabhängigkeit eine Übergangsphase benötigten. Im August 1991, während des Putschs in Moskau, bestätigte Litauen seine Unabhängigkeit; Estland – am 20. August – und Lettland – am 21. August – verabschiedeten neue Deklarationen, die nun ihre volle Unabhängigkeit bestätigten und den Staat von vor 1940 wiederherstellten. Nach 51 Jahren hatten die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen und waren vollwertige und anerkannte Mitglieder der internationalen Gemeinschaft geworden.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Priit Rohtmets, Dr., leitender Forscher für Kirchengeschichte an der Universität Tartu und Professor für Kirchengeschichte am Theologischen Institut der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche.

pdfRGOW 9/2019, S. 17-20