Corona in der Ukraine: Nicht bereit, aber bisher keine Katastrophe

Olga Tokariuk

Angesichts des desolaten Gesundheitssystems sind in der Ukraine die Ängste vor dem Coronavirus besonders groß. Die Regierung reagierte daher bereits früh mit restriktiven Maßnahmen. Bei der Beseitigung grundlegender Probleme im Gesundheitsbereich erweist sich jedoch der Staat weiterhin als schwach, so dass er auf die Hilfe der Zivilgesellschaft angewiesen ist.

Die Ukraine mit ihren rund 40 Mio. Einwohnern ist eines der ärmsten Länder in Europa. Ihr Gesundheitswesen ist seit der Unabhängigkeit 1991 unterfinanziert. Das löste Ängste vor einem Coronavirus-Ausbruch und seinen möglichen Auswirkungen auf ein sowieso schon schwaches und verarmtes System aus. Doch seit den ersten Covid-19-Fällen in der Ukraine kam es nicht zur Katastrophe, auch dank eines strikten Lockdowns, der allerdings einen negativen Einfluss auf die Wirtschaft hat.

Erste entdeckte Fälle
Der erste Covid-19-Fall der Ukraine wurde am 3. März bei einem Mann bestätigt, der aus Italien in die südwestliche Region Czernowitz zurückgekehrt war. Er begab sich in Selbstisolation und als sich sein Zustand verschlechterte, wurde er positiv auf das Coronavirus getestet. Bald wurden in Czernowitz weitere Fälle entdeckt. Diese und benachbarte Regionen in der Westukraine wurden zu den ersten Hotspots der Epidemie, als die Infektion bei vielen Arbeitsmigranten festgestellt wurde, die aus EU-Staaten zurückgekehrt waren.
In der westlichen Region Ternopil ließen sich die ersten Corona-Fälle auf einen infizierten Priester zurückverfolgen. Am 20. März hatte der Präsident der benachbarten Republik Moldau Alarm geschlagen, weil sich mehrere zurückgekehrte Pilger von der Lavra von Potschaev, einem beliebten orthodoxen Kloster in Ternopil, dort mit Covid-19 angesteckt hatten. Die Kirchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) des Moskauer Patriarchats, deren Priester die Gefahren des Virus herunterspielten und Gemeindemitglieder einluden, in die Gotteshäuser zu kommen und Ikonen zu küssen, sind in der ganzen Ukraine zu Hotspots der Epidemie geworden. Im Kiewer Höhlenkloster allein gibt es mehr als 100 Fälle. Während andere große Glaubensgemeinschaften wie die Orthodoxe Kirche der Ukraine und die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche ihre Kirchen schlossen und die Gläubigen aufriefen, an Ostern zuhause zu bleiben, führte die UOK am 19. April öffentliche Ostergottesdienste durch, was in der ganzen Ukraine ca. 130 000 Gläubige anzog. Besonders frappierend waren Bilder von der Lavra von Svjatohirsk in der Region Donezk, wo Hunderte Menschen ohne Masken nahe beieinanderstanden. Die Polizei eröffnete mehrere Untersuchungen gegen Geistliche der UOK.
In der zweiten Märzhälfte wurden auch Covid-19-Fälle in der Hauptstadt Kiew bestätigt. Mehrere Parlamentsabgeordnete, Richter und Anwälte wurden positiv getestet, nachdem sie aus dem französischen Skiort Courchevel zurückgekehrt waren. Viele von ihnen suchten zunächst keine medizinische Hilfe und isolierten sich vor der Diagnose nicht. Insbesondere der Parlamentarier Serhyj Schachov hatte laut ukrainischen Medien mit Dutzenden Personen Kontakt, mindestens drei wurden später positiv getestet. Ende April sind noch immer die Regionen Kiew und Czernowitz die Epizentren der Coronavirus-Verbreitung.

Desolate Lage im Gesundheitswesen
Das ukrainische Gesundheitssystem befindet sich in einer desaströsen Lage: Die Arztgehälter sind lächerlich tief, 150 bis 300 Euro monatlich; Krankenhäuser, gerade in der Provinz, sind oft baufällig; Personal und grundlegende Vorräte fehlen (oft müssen Patienten Medikamente, Spritzen und Katheter kaufen), und das Personal hat nicht genug Schutzausrüstung. Zudem ist es bekanntermaßen auf allen Ebenen von Korruption durchdrungen: von Patienten wird oft erwartet, dass sie sich mit geldgefüllten Umschlägen bei den Ärzten „bedanken“.
Die Geschichte des ersten ukrainischen Infizierten illustriert die düsteren Bedingungen in den Spitälern des Landes. In einem Interview mit BBC Ukrainiansagte Oleksandr, dass das Krankenhaus, in das er mit Lungenentzündung eingeliefert worden war, ungeheizt gewesen sei und er in seiner Jacke schlafen musste, bis seine Familie einen Elektroofen brachte. Er beschwerte sich, dass er 70 Prozent der ihm verschriebenen Medikamente kaufen musste, und es keine Dusche in seiner Station gab: während seines 20-tägigen Aufenthalts musste er sich mit einem Wassereimer waschen.
Mit den ersten Fällen tauchten Berichte auf, dass medizinische Angestellte im ganzen Land massenhaft kündigten oder Urlaub nahmen, trotz der Regierungsentscheidung, ihre Löhne während der Krise zu verdoppeln oder zu verdreifachen. „Alle sprechen über den Mangel von Beatmungsgeräten, aber das wahre Problem ist der Mangel an Personal, das sie bedient und sich um Patienten kümmert“, sagte Serhyj Dubrov, Berater des ukrainischen Gesundheitsministeriums. Das größte Problem seien Krankenschwestern und das tiefer gestellte medizinische Personal, bereits vor der Krise hätten die ukrainischen Spitäler nur über 70 Prozent der nötigen Belegschaft verfügt.
In Odessa nahmen drei Ärzte eine Videonachricht auf, die in den sozialen Medien viral ging. Sie sagten, ihr Krankenhaus, das zur Behandlung von Covid-19-Patienten vorgesehen sei, sei ungeachtet der Ankündigung der Behörden und des Chefarztes völlig unvorbereitet. Sie beklagten sich, dass es nicht genug Personal gebe, weil viele ältere Ärzte und Krankenschwestern unbezahlten Urlaub genommen hätten und grundlegende medizinische Vorräte und Schutzausrüstung fehlten. Es gab Berichte aus anderen Regionen, dass Spitaldirektoren und lokale Behörden die tatsächliche Situation verschleierten und Angestellte, die es wagten über Probleme zu sprechen, unter Druck setzten.
Wie andernorts auch trägt das Gesundheitspersonal in der Ukraine das größte Risiko, sich mit Covid-19 anzustecken. Laut offiziellen Angaben ist rund ein Fünftel der Infizierten medizinisches Personal. Die Regierung hat zugesichert, dass Schutzmaterial für Ärzte und Krankenschwestern eine Priorität seien, aber sogar offizielle Statistiken zeigen, dass diese Bedürfnisse nur zu ca. 60 Prozent gedeckt sind.

Frühe restriktive Maßnahmen
Es war von Anfang an klar, dass das Gesundheitssystem in der Ukraine mit einer exponentiell steigenden Anzahl an Patienten nicht zurechtkommen würde: das italienische Szenario wurde daher mit Grauen betrachtet. Zudem schien die anfängliche Reaktion der ukrainischen Gesundheitsbehörden völlig unangemessen. Gesundheitsminister Illja Jemez, der am 4. März nach einer Kabinettsumbildung eingesetzt wurde, zögerte die Unterzeichnung wichtiger Dokumente zur Beschaffung medizinischer Ausrüstung drei Wochen lang hinaus, angeblich um damit die Einsetzung eines Freundes im Ministerium zu bewirken. Zudem löste er mit der Interviewaussage Empörung aus, dass Menschen über 65 Jahren mit Covid-19 es nicht wert seien gerettet zu werden, weil sie sowieso „Leichen“ seien. Nach diesem offenkundigen Versagen wurde er am 30. März durch Maksym Stepanov, den früheren Gouverneur von Odessa, ersetzt.
In dieser Situation war es für die Regierung die beste Wahl, so früh wie möglich strikte Lockdown-Maßnahmen einzuführen. Zunächst mussten am 11. März Krippen, Schulen und Universitäten schließen. Am 17. März, als es erst 14 bestätigte Covid-19-Fälle und zwei Tote gab, trat ein Verbot von öffentlichen Versammlungen und die Schließung von Restaurants, Kinos, Shoppingcenters und Fitnessstudios in Kraft. In einem umstrittenen Schritt beschlossen die lokalen Behörden in Kiew und anderen großen Städten, die Metro zu schließen und den öffentlichen Verkehr drastisch einzuschränken. Das war problematisch für Angestellte essenzieller Bereiche, darunter medizinisches Personal, die nur mit Mühe zu ihrem Arbeitsplatz kamen. Daher boten Freiwillige Mitfahrgelegenheiten an. Bus- und Zugverbindungen in der Ukraine wurden ebenfalls ausgesetzt.
Am 28. März stoppte die Ukraine den Flugverkehr und ließ nur mehrere Landesgrenzübergänge offen. 48 Stunden vor der Grenzschließung eilten Tausende Ukrainer ins Land, so dass sich riesige Menschenmengen an der polnisch-ukrainischen Grenze bildeten, was Ängste vor einer möglichen Verbreitung der Krankheit auslöste. Da Millionen von Ukrainern in EU-Staaten arbeiten (allein in Polen rund 1 Mio.), schafften es viele Bürger nicht rechtzeitig nachhause und müssen auf unabsehbare Zeit im Ausland bleiben. Laut dem Außenministerium steckten Ende April rund 16 000 Ukrainer im Ausland fest, die die Regierung um Hilfe bei der Evakuierung gebeten haben.
Am 6. April, als es 1 300 Infizierte gab, wurden die Restriktionen verschärft: Gruppen von mehr als zwei Personen wurden verboten, der Zugang zu Parks und Erholungsgebieten geschlossen und eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit eingeführt. Über- 60-Jährige wurden zur Selbstisolation aufgefordert. Bußen von bis zu 17 000 Grivna (ca. 550 Euro) wurden für den Verstoß gegen diese Regeln eingeführt. Die Polizei kontrolliert seither gelegentlich, verteilt aber wenig Bußen.
Es scheint, als seien diese restriktiven Maßnahmen, zumindest im Anfangsstadium, effektiv gewesen. Die Infektionszahl stieg Ende April um 300 bis 400 Fällen pro Tag, bei einem Total von 200 Toten. Allerdings ist bei diesen Zahlen Vorsicht geboten, da die Ukraine nicht breit testet: täglich nur rund 100 Tests pro 1 Mio. Einwohner. Während den offiziellen Statistiken nicht ganz vertraut werden kann, gab es bis Ende April immerhin keine Berichte von Spitälern, die von Coronavirus-Patienten überwältigt worden wären.

Reaktion der Zivilgesellschaft
In der jüngeren Geschichte der Ukraine wurde die Unfähigkeit der Regierung, grundlegende Leistungen zu erbringen, wiederholt von einer starken Mobilisierung und Unterstützung der Zivilgesellschaft kompensiert. Als sich die Berichte über einen kritischen Mangel an Schutz- und medizinischer Ausrüstung in vielen Spitälern häuften, begannen Freiwillige trotz Versicherungen der Behörden, die Situation sei unter Kontrolle, Mittel zu sammeln und benötigte Ausrüstung zu kaufen.
Die ukrainische Freiwilligengemeinschaft ist seit dem Beginn der russischen Aggression im Donbas 2014 stark und genießt Vertrauen. Damals sammelten Freiwillige Geld für die Armee und versorgten sie mit praktisch allem, von Verbandskästen über Optik bis zu Schutzausrüstung. Nun tun sie dasselbe für das medizinische Personal in der Corona-Notsituation. Dies zeigt einerseits, wie stark und einflussreich die Zivilgesellschaft in der Ukraine ist, betont andererseits aber auch die Schwäche der staatlichen Institutionen und ihre Abhängigkeit von äußerer Hilfe. Das belegt auch ein inoffizieller Aufruf von Präsident Volodymyr Selenskyj an Oligarchen und große Unternehmen, die Kontrolle in den Regionen zu übernehmen und die Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen.
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung die restriktiven Maßnahmen der Regierung unterstützt, doch zivilgesellschaftliche Vertreter weisen auch auf Risiken für die Demokratie hin. Sie zeigten sich alarmiert von Selenskyjs Bemerkungen, dass „Weichheit und Liberalismus“ die besten Verbündeten des Coronavirus seien, und seiner Bewunderung für das Vorgehen Chinas. Außerdem kritisieren sie und die Opposition Innenminister Arsen Avakov, dem autoritäre Tendenzen und die Befürwortung eines strikten, Italien nachempfundenen Lockdowns vorgeworfen werden.
Während die menschlichen Verluste durch das Coronavirus in der Ukraine bisher relativ gering sind, leidet die Wirtschaft bereits. Ende April erreichte die Arbeitslosenquote mit 15 Prozent den höchsten Wert seit 15 Jahren. Laut einer Umfrage der ukrainischen Handelskammer plant ein Viertel der Unternehmen Entlassungen. Da die Mehrheit der Ukrainer über wenig oder keine Ersparnisse verfügt, ist es wahrscheinlich, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus ziemlich schlimm werden. Die Ukraine, die in den letzten sechs Jahren die Annexion der Krim, den Krieg mit Russland und einen wirtschaftlichen Abschwung, von dem sie sich gerade erst zu erholen begonnen hatte, erlebt hat, wird jetzt von einer weiteren Krise getroffen.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger. 

Olga Tokariuk, Journalistin, Leiterin der Auslandsabteilung des unabhängigen Fernsehsenders Hromadske in Kiew.

pdfRGOW 5/2020, S. 20-21

 Bild: Der ukrainische Präsident Volodymyr Selenskyj bei einer Online-Sitzung mit dem Ministerrat am 27. April 2020. (president.gov.ua)