Griechenland und das Virus: Für einmal Vorbild in der Krise

Elena Panagiotidis

Griechenland ist bisher gut durch die Corona-Krise gesteuert, so dass Anfang Mai bereits erste Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufgehoben werden sollen. Die Gefahr einer Verbreitung des Coronavirus in den heillos überfüllten Flüchtlingslagern ist jedoch keineswegs gebannt. Wirtschaftlich trifft die Krise ein Land, das gerade erst die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise langsam hinter sich ließ.

Menoume spiti! – Dieses Schlagwort ist in Griechenland seit dem Ausbruch der Corona-Krise überall zu hören und zu lesen: „Wir bleiben zu Hause“. Und tatsächlich haben sich viele Bürgerinnen und Bürger daran gehalten. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern scheint das Land die Coronavirus-Pandemie gut im Griff zu haben. Die Infektionszahlen betragen nur ein Bruchteil dessen, was beispielsweise Italien und Spanien verzeichnen und lagen am 28. April laut Berechnungen der John Hopkins University bei 2 534 Fällen. 136 Personen sind an Covid-19 verstorben.
Diese im internationalen Vergleich recht niedrigen Zahlen veranlassten eine Reihe von Medien zu bewundernden Berichten über das Land. So titelt die Agentur Bloomberg „Humbled Greeks show the world how to handle the virus outreach“ („Die gedemütigten Griechen zeigen der Welt, wie man die Verbreitung des Virus in den Griff bekommt“). Dies wiederum vernahmen griechische Medien mit Genugtuung – schließlich hatte Griechenland jahrelang während der Finanz- und Wirtschaftskrise als schwarzes Schaf der EU gegolten, das weder seine Finanzen noch andere Dinge im Griff hat.

Staatliche und kirchliche Reaktionen
Griechenlands konservativer Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis ließ bereits im Januar einen Pandemie-Plan für den Fall eines Coronavirus-Ausbruchs ausarbeiten. Nach dem ersten bestätigten Todesfall am 12. März ließ die Regierung innerhalb von vier Tagen Bars und Restaurants sowie alle Schulen schließen. Eine Woche später folgten strenge Ausgangsbeschränkungen, so dass die Griechen fortan nur noch zu Arztbesuchen, zum Einkaufen und zur Arbeit nach draußen gehen durften.
Täglich um 17 Uhr (16 Uhr MESZ) informieren Sotiris Tsiodras, Virologe und Berater des Ministerpräsidenten in Virusfragen, und Vize-Bürgerschutzminister Nikos Hardalias im Fernsehen und per Livestream über die neusten Entwicklungen. Sie tun das in einer sehr nüchternen Weise und klar verständlichen Sprache und betonen immer, wie wichtig die Einhaltung der geltenden Regeln seien. Laut Umfragen verfolgen täglich zwei Drittel der Bevölkerung diese Briefings, und Tsiodras war laut einer Erhebung von Alpha TV Mitte April gar die beliebteste Person des Landes.
Mit besonderer Besorgnis blickte man auf das orthodoxe Osterfest, das in diesem Jahr am 19. April gefeiert wurde. Während normalerweise zu den Osterfeiertagen Hunderttausende von Griechinnen und Griechen in ihre Herkunftsdörfer fahren oder einen Kurzurlaub auf den Inseln einlegen, mussten diesmal alle zu Hause bleiben. Die Mautstationen an den Autobahnen wurden streng bewacht, und der Fährverkehr ist bereits seit längerem stark eingeschränkt. Die österlichen Liturgien fanden hinter verschlossenen Türen statt, Prozessionen hinter dem Epitaphios fielen ebenfalls aus. Das Osterlicht aus Jerusalem wurde in einer aufwändigen Prozedur aus Israel ausgeflogen, wobei die im Flugzeug sitzenden Kleriker das Flugzeug nicht verließen, sondern sich das Licht vom griechischen Botschafter in Tel Aviv an die Flugzeugtreppe bringen ließen, wie griechische Fernsehsender dokumentierten.
Bis auf Einzelfälle, in denen sich Priester nicht an die Regeln hielten und beispielsweise bei offenen Kirchentüren feierten, oder wo Gläubige versuchten, sich Zugang auf Kirchengelände zu verschaffen, wurden die Regeln weitgehend eingehalten. Am Karfreitag wurden etwa ein Dutzend Personen in Patras verhaftet, nachdem sie in eine Kirche eindringen wollten, unter den Personen sollen sich auch einige Rechtsextremisten befunden haben.
Auch die Kirchenleitung, die Hl. Synode, geht mit den Maßnahmen der Regierung konform und unterstützt diese. „Die Kirche ist nicht nur ein Ort … nicht nur Mauern und ein Dach, sondern eine Lebensweise. Es gibt einen anderen Weg, Gott zu treffen“, erklärte der Sprecher der Hl Synode, Bischof Ierotheos (Vlachos) von Nafpaktos, gegenüber Reuters.
Für Empörung bei vielen Priestern sorgte jedoch ein Konzert der Musikerin Alkistis Protopsalti, die singend mit ihrer Band in der Woche nach Ostern auf einem Bus mit geöffnetem Verdeck durch die Straßen Athens tourte, um die Stimmung in der Bevölkerung zu heben und sich beim medizinischen Personal zu bedanken. Daraufhin öffneten einige Priester am Sonntag, 26. April, wieder ihre Kirchentüren. Bischof Theoklitos (Lamprinakos) von Stagai und Meteora nannte die Aktion der Sängerin „nicht zu rechtfertigen“, nachdem Kleriker die traditionelle Karfreitagsprozession nicht hätten abhalten dürfen. Der Athener Erzbischof Ieronymos (Liapis) hat sich Ende April im Namen aller 96 Bischöfe an Ministerpräsident Mitsotakis gewandt und um die Erlaubnis gebeten, die Kirchen unter Einhaltung der Abstandsregeln wieder zu öffnen.

Prekäre Situation in den Flüchtlingslagern
Eine besondere Sorge gilt der Situation in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Bis zum 25. April wurden drei Heime auf dem Festland unter Quarantäne gestellt, nachdem dort Infektionen mit Sars-CoV-2 festgestellt worden waren. In der Kleinstadt Kranidi auf der Peleponnes wurden in einem Hotel, in dem hauptsächlich Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern untergebracht sind, 150 der 497 Bewohner positiv getestet. Keiner von ihnen soll laut griechischen Behörden Symptome verspüren.
Weitaus prekärer ist die Situation auf den ostägäischen Inseln. Bisher sind dort noch keine Covid-19-Fälle registriert worden, doch Mediziner befürchten, dass dies nur eine Frage der Zeit ist. So wäre ein Ausbruch im Lager Moria, in dem fast 19 000 Personen unter elenden Bedingungen ausharren, ein Schreckensszenario sondergleichen: Abstand halten ist hier nicht möglich und regelmäßiges Händewaschen aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen nicht umsetzbar. Aktuell halten sich laut offiziellen Angaben etwa 38 500 Migranten und Flüchtlinge auf den ägäischen Inseln auf. Die Regierung hat in den vergangenen drei Monaten rund 11 000 Personen aufs Festland evakuiert und zusätzliches Personal für die Lager auf Lesbos, Samos, Chios, Leros und Kos entsandt sowie Container-Isolierstationen errichtet. Doch die Angst unter den Flüchtlingen wächst, in Moria protestierten Hunderte von Migranten in der Hoffnung, ebenfalls aufs Festland evakuiert zu werden (die Regierung konzentriert sich bei den Aktionen auf Familien, unbegleitete Kinder und alte Menschen). Auch die Bürgermeister der betroffenen Kommunen auf den Inseln fordern seit langem eine Evakuierung der hoffnungslos überfüllten Lager. Die Situation in den Lagern ist auch ohne Bedrohung durch die Coronavirus-Pandemie schon bedrückend genug. So kommt es nicht nur immer wieder zu Handgemengen zwischen den Flüchtlingen. Auch versuchen Einheimische das Recht in die eigene Hand zu nehmen. Ende April wurde ein 55-jähriger Viehzüchter dem Haftrichter vorgeführt, nachdem er mit einem Jagdgewehr auf vier Migranten geschossen hatte, weil er sie des Viehdiebstahls verdächtigte.
Eine von der EU versprochene Umverteilungsaktion kommt nur schleppend voran. Acht EU-Staaten wollen rund 1 600 unbegleitete Kinder und Jugendliche aufnehmen. Doch bisher hat erst Luxemburg Mitte April 12 Kinder aufgenommen, gefolgt von Deutschland, das rund 47 Jugendliche von den Inseln über Athen ausflog. Die Schweizer Regierung möchte lieber vor Ort helfen und hat 1,1 Mio. Franken gesprochen, die Kindern in den Lagern auf den Inseln zugutekommen sollen. Das Geld geht an die Orthodoxe Kirche von Griechenland, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das Rote Kreuz (bzw. Roter Halbmond). Zudem sollen 22 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die bereits Verwandte in der Schweiz haben.

Wirtschaftlicher Einbruch
Der wirtschaftliche Preis der Beschränkungen wird, hier stellt Griechenland keine Ausnahme dar, hoch sein: Finanzminister Christos Staikouras ging Ende April davon aus, dass das Bruttoinlandprodukt um 5 bis 10 Prozent infolge der Pandemie schrumpfen wird, nachdem Griechenland nach zehnjähriger Schuldenkrise im vergangenen Jahr ein Plus von 1,9 Prozent erreicht hatte. Der zuletzt boomende Tourismussektor (33 Millionen Touristen besuchten im vergangenen Jahr Griechenland) wird einbrechen, auch wenn jetzt noch nicht absehbar ist, wie sich die Fallzahlen weltweit entwickeln, und wie lange die derzeit verhängten Reisebeschränkungen bestehen bleiben. So geht der Verband der griechischen Reiseagenturen davon aus, dass dieses Jahr „eine Katastrophe“ wird. Und auch der Präsident der griechischen Hotelkammer ist pessimistisch. So befürchteten 65 Prozent der griechischen Hoteliers einen Bankrott. Tourismusminister Haris Theoharis dagegen hofft, die Sommersaison noch retten zu können und schon im Juli wieder für Touristen bereit zu sein, wie er der BBC am 23. April sagte. Zwar könne sich Griechenland wohl nicht für alle Ländern öffnen, doch müsse man an bilateralen Möglichkeiten arbeiten.
45 000 Personen haben bereits ihren Job im Tourismussektor verloren. Generell wird befürchtet, dass die Arbeitslosigkeit auf mindestens 22 Prozent ansteigt, nachdem sie vor der Corona-Krise rund 16 Prozent betragen hatte. Wichtige Privatisierungsvorhaben und Investitionsprojekte sind derzeit auf Eis gelegt. Die Regierung hat bereits ein erstes Rettungspaket in Höhe von 10 Mia. Euro aufgelegt. Unter anderem sollen einmalige Sonderzahlungen in Höhe von 800 Euro an rund 1,7 Mio. Beschäftigte im Privatsektor gezahlt werden.
Wie westeuropäische Landwirte auf meist osteuropäische Erntehelfer angewiesen sind, ist auch Griechenland auf Zehntausende von Obst- und Gemüsepflückern aus dem Ausland angewiesen. Nach Gesprächen zwischen Mitsotakis und seinem albanischen Amtskollegen Edi Rama sollen Mitte Mai rund 50 000 Erntehelfer aus Albanien einreisen dürfen (die Grenze zwischen den beiden Ländern ist derzeit geschlossen) und sich nach ein paar Tagen in Quarantäne an die Arbeit machen.

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Während die Griechen also Menoume spiti recht diszipliniert beherzigt haben, sollen ab Anfang Mai unter dem Stichwort Vgainoume apo to spiti („Wir verlassen das Haus“) die ersten Maßnahmen gelockert werden. So sollen ab 4. Mai die Geschäfte wieder öffnen, ab Mitte Mai sollen die älteren Sekundarschüler wieder in die Schulen zurückkehren (während Grundschulen und Kindergärten weiterhin geschlossen bleiben) und Reisen innerhalb des Landes wieder ohne Einschränkungen möglich sein. Auch sollen Gläubige ab dem 4. Mai wieder für ein persönliches Gebet in die Kirchen gehen dürfen, ab dem 17. Mai soll auch die Teilnahme an Gottesdiensten wieder erlaubt sein. Auf Rituale wie das Küssen von Ikonen oder der Hand des Priesters wird man jedoch weiterhin verzichten müssen, wie Infektionsspezialisten bereits erklärten.

Elena Panagiotidis ist Redakteurin bei der Neuen Zürcher Zeitung.

pdfRGOW 5/2020, S. 24-25

Bild: Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis (zweiter von rechts) besucht mit Gesundheitsminister Vassilis Kikilias (ganz links) das Krankenhaus „Sotiria“ in Athen. (EPA/Alejandros Beltes)