Das Virus verstärkt bosnische Stärken und Schwächen

Adelheid Wölfl

Aufgrund des maroden Gesundheitssystems hat Bosnien-Herzegowina rigorose Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie beschlossen. Die strikten Ausgangsbeschränkungen rufen bei vielen Bosniern Erinnerungen an die Kriegszeit und damit auch psychische Probleme wach. Trotz der Krise halten nationalistische Politiker an ihren Machtspielen fest.

 Vor dem Grenzgebäude in Izačić, in der Nähe der bosnischen Stadt Bihać, stehen sechs große militärgrüne lange Zelte auf einer Wiese, darin befinden sich Feldbetten, die WC-Anlagen sind weiter weg am Feldrand aufgestellt. Zwei Soldaten in Camouflage warten vor dem weißen Container, der eine Art Einlass zu dem Quarantäne-Bereich darstellt. In der April-Sonne blühen die Obstbäume, ein Hauch von Sommer ist hier schon zu spüren.
Wer in diesen Tagen aus Kroatien kommend nach Bosnien-Herzegowina einreisen will, muss sich zwei Wochen lang in eines dieser glänzenden Plastikzelte begeben, erst dann darf er weiter in seine Heimatstadt oder -dorf fahren. Mit dieser Maßnahme versuchte der bosnische Innenminister Anfang April vor allem potenzielle Rückkehrer aus Mitteleuropa davon abzuhalten nach Bosnien-Herzegowina zu reisen, also vor allem Arbeitsmigranten aus Deutschland oder Österreich, die zu Ostern in ihre Heimat fahren wollten. Die Abschreckungsmaßnahme scheint einigermaßen gelungen zu sein. Bosnien-Herzegowina konnte so vermeiden, dass Hunderttausende Bürger – wie etwa in Rumänien oder Serbien – die Grenze passierten, mit dem Risiko das Virus in der Heimat zu verbreiten. 
Insgesamt gibt es allein in der Föderation Bosnien-Herzegowina, einer der beiden Landesteile, aus denen der Gesamtstaat besteht, an 14 Grenzübergängen Quarantäne-Zelte. In der Republika Srpska (RS), dem anderen Landesteil, gibt es ein großes Quarantäne-Lager in Bosanski Brod. Anfänglich gab es auch Engpässe bei Lebensmittellieferungen aus dem Ausland – manche Regale in Supermärkten waren völlig leer. Aber nun wurden die Quarantäne-Regeln an den Grenzen gelockert, insbesondere für LKWs, die aus Kroatien kommen.

Rigorose Maßnahmen
Der Covid-19-Ausbruch hält sich in Bosnien-Herzegowina bisher in Grenzen. Bis Mitte April verstarben landesweit etwa 50 Personen mit oder an dem Virus. Die Maßnahmen der Regierungen sind – auch angesichts des maroden Gesundheitssystems – extrem hart. Im ganzen Land sind Gruppenansammlungen verboten; Universitäten, Restaurants und Cafés sind geschlossen. Auf Plakaten werden die Menschen dazu aufgefordert, in ihren Wohnungen zu bleiben. In der RS wurde zu Beginn der Krise sogar ein Dekret erlassen, das „das Verbreiten von Panik und falschen Informationen“ unter Strafe stellte. Mittlerweile wurde das Dekret wieder zurückgenommen. Tatsächlich hatten viele Leute vor allem auf sozialen Medien Fake News und Verschwörungstheorien zu Covid-19 verbreitet.
Für alle Personen in der Föderation gilt ab 20 Uhr eine Ausgangssperre, Unter-18-Jährige dürfen ihre Wohnungen und Häuser gar nicht verlassen und Pensionäre über 65 Jahren nur an Wochentagen bis 12 Uhr, um einzukaufen oder zur Bank zu gehen. In der RS gibt es – analog zu Serbien – am Wochenende Ausgangssperren und ebenfalls umfassende Ausgangssperren für Über-65-Jährige. Anlässlich des orthodoxen Osterfests durften die Bürger von Samstag bis Montag ihre Wohnungen oder Häuser gar nicht mehr verlassen. In der RS hielten sich tatsächlich viele an die Vorgaben.
Der serbische Vertreter im bosnischen Staatspräsidium, der rechtsradikale Politiker Milorad Dodik, fuhr hingegen nach Belgrad, um gemeinsam mit dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić die Maßnahmen zu verkünden. Erstaunlich war das nicht nur, weil er ins Nachbarland fuhr, sondern auch, weil es eigentlich niemanden gestattet ist, vom Ausland aus nach Serbien einzureisen, außer man begibt sich zuvor zwei Wochen an der serbischen Grenze in Quarantäne. Doch für Dodik gelten offensichtlich die Gesetze nicht und offensichtlich anerkennt er auch die Staatsgrenzen nicht.

Erinnerung an Kriegszeit
Die Covid-19-Pandemie verstärkt in Bosnien-Herzegowina, so wie überall auf der Welt, die jeweiligen lokalen Eigentümlichkeiten, Dynamiken, positiven und negativen Phänomene. Für ein bisschen Bakschisch ließ am Anfang der Krise ein Polizist in Brčko drei Leute ohne Gesundheitscheck einreisen. In Mostar nutzte ein Mann, der aus Italien einreiste, seine Beziehungen und ließ sich ins Krankenhaus einliefern, wo er eine ganze Station mit Covid-19 ansteckte.
Und noch am 11. März versammelten sich in Konjic 400 Leute zu einer Firmenfeier. Da auch ein Mann, der sich infiziert hatte, zur Feier kam, fuhren danach viele mit dem Virus nach Hause und verbreiteten es im ganzen Land weiter. Aber auch die Solidarität mit den Armen verstärkt sich in der Krise. Insbesondere die Diaspora-Bosnier sammeln allerorts für die Verwandten zu Hause, selbst ein altes Beatmungsgerät wurde aus Österreich ins Land transportiert.
Mittlerweile sind viele aus der anfänglichen Schockstarre erwacht. Das Verfassungsgericht nimmt die rigorosen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie unter die Lupe: Insbesondere die Vorkehrungen in der Föderation, dass Unter-18-Jährige und Über-65-Jährige ihre Wohnungen und Häuser nicht verlassen dürfen, sorgt für viel Kritik. Denn die Kinder sind schon seit über einem Monat zu Hause eingesperrt, und die Wohnungen sind in Bosnien-Herzegowina oft sehr klein. Doch selbst wenn das Verfassungsgericht die Maßnahmen wegen Rechtswidrigkeit aufhebt, ist noch nicht gesagt, dass dies auch umgesetzt wird. In Bosnien-Herzegowina wurden bisher 80 Entscheidungen des Verfassungsgerichts nicht implementiert.
Aufgrund der unterschiedlichen Regelungen in der Föderation und der RS versuchen manche Bürger von beiden Systemen zu profitieren. So fahren Bürger aus Sarajevo in die RS, damit ihre Kinder dort im Freien herumlaufen können. Denn mitunter haben die Regelungen schildbürgerhafte Seiten: So ist es in der Föderation zwar erlaubt, dass Kinder im Auto mit den Eltern mitfahren, aber nicht, dass sie aussteigen, während die Eltern spazieren gehen dürfen.
Viele Menschen stehen unter Stress. Personen, die aus Covid-19-Krisengebieten wie etwa aus Italien nach Bosnien-Herzegowina zurückkehrten, mussten sich gleich 28 Tage lang in Quarantäne begeben. Sowohl in Sarajevo als auch in Zenica kam es deshalb zu Hungerstreiks in den Unterkünften – die Leute wollten erreichen, dass sie nur 14 Tage einkaserniert bleiben müssen. Ansonsten sind die meisten Bosnier sehr diszipliniert. Die Abstandsregeln werden insbesondere beim Einkaufen peinlich genau eingehalten – oft stehen die Leute sogar drei Meter voneinander entfernt.
Das hat auch damit zu tun, dass keiner riskieren will, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Es gibt zwar keine Triage, d. h. die Versorgung mit Beatmungsgeräten reicht aus, aber dennoch will keiner auf der Pneumologie landen. Viele ältere Bosnier – insbesondere in Sarajevo – sind zudem die Ausgangssperren noch aus den Kriegsjahren gewöhnt. Sie betonen, dass die Bedrohung durch das Virus ein viel kleineres Übel sei als die Bedrohung durch die Armee der Republika Srpska, die die Hauptstadt dreieinhalb Jahre lang ab 1992 beschoss. Eine gewisse Gelassenheit und Krisen-Erfahrenheit ist vielerorts zu spüren.
Doch auch in der Covid-19-Krise treten die Nationalismen nicht in den Hintergrund. So beschuldigte etwa Dodik die Föderation, den Ausbruch der Infektionen „verschlafen“ zu haben. „Die Föderation wird ein potenzieller Ort der Ausbreitung der Epidemie für uns sein“, meinte er zu Beginn der Krise. „Als wir mit der Einführung von Maßnahmen begannen, haben sie diese verschlafen. Als wir Schulen schlossen, waren sie noch in Schulen, als wir Cafés schlossen, waren sie noch in Cafés“, sagte er und meinte mit „wir“ die RS, obwohl er als Mitglied des Staatspräsidiums gar nicht für die RS, sondern für den Gesamtstaat zuständig ist. Dodik erwähnte zudem nicht, dass anfänglich in der RS mehr Menschen infiziert waren als in der Föderation.
Überall in Bosnien-Herzegowina sind die Menschen besorgt, dass die Krise die Zweiklassenmedizin verstärkt, in der nur Menschen, die Beziehungen haben oder Mitglied irgendeiner Partei sind, getestet und behandelt werden. Korruption im Gesundheitsbereich ist in Bosnien-Herzegowina weit verbreitet. Insgesamt ist es sehr schwierig, ausreichend Tests und Schutzbekleidung ins Land zu bringen. Mittlerweile kommt es in den Kliniken – insbesondere in Sarajevo – zu Personalknappheit, weil sich 700 Personen, die in Spitälern arbeiten, krankgemeldet haben – allein im Universitätsklinikum Sarajevo 300 medizinische Fachkräfte. Es ist anzunehmen, dass viele einfach Angst vor einer Ansteckung haben. Nun werden Strafen für solche Personen erwogen, die sich fälschlicherweise krankmelden.
Auffallend ist, dass viele Menschen in Bosnien-Herzegowina, die medizinische Hilfe suchen, nicht an Covid-19 erkrankt sind, sondern psychische Probleme zeigen. Mitarbeiter von Krankenhäusern berichten, dass viele mit Panikstörungen oder hohem Blutdruck kommen. Denn bei manchen triggern die Ausgangssperren Erinnerungen an den Krieg, dadurch treten vermehrt Krankheitssymptome bei jenen auf, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. 

Prekäre Situation von Flüchtlingen
Die ökonomischen Folgen sind noch nicht abzusehen. Der Internationale Währungsfonds rechnet beim Bruttoinlandsprodukt mit einem Minus von drei bis zehn Prozent auf dem Balkan. Offensichtlich ist, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, ihre Kredite zu bezahlen. Allein in der Föderation haben 24 000 Menschen ihre Banken gebeten, die Zahlungen zu stunden. Auf den Straßen Sarajevos sind immer wieder Leute zu sehen, die um Geld bitten.
Darunter auch Migranten und Flüchtlinge. Etwa 9 500 befinden sich laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNCHR derzeit in Bosnien-Herzegowina. Die Behörden haben ihnen nun untersagt, die Lager zu verlassen, um das Virus nicht zu verbreiten. Aber viele – insbesondere im Kanton Una-Sana – sind gar nicht in den offiziellen Camps untergebracht, sondern schlafen oft in Abbruchhäusern oder in privaten Unterkünften. Für sie wurde nun etwa 30 Kilometer vor Bihać entfernt ein neues Zeltlager errichtet. Die EU hat 280 000 Euro dazu beigesteuert, die US-Agentur für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) 500 000 Dollar. Bislang sind keine Covid-19-Fälle unter Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten bekannt. Aber natürlich wurden – so wie überall – Präventionsmaßnahmen getroffen.
In allen Aufnahmezentren werden Neuankommende – etwa jene Migranten, die von den kroatischen Grenzbeamten zurückgeschickt werden – isoliert. Mit den Gesundheitsbehörden wurde vereinbart, dass alle Migranten genauso wie bosnische Bürger von den Krankenhäusern aufgenommen werden sollen, falls sie eine schwere Covid-19-Erkrankung entwickeln. Auch in der Kaserne in Blažuj bei Sarajevo werden zu den vorhandenen 1 000 Plätzen weitere 1 000 zur Verfügung gestellt. Insbesondere in den großen Flüchtlingscamps Bira und Miral im Kanton Una-Sana ist es nämlich schwierig, Covid-19-Maßnahmen, wie das Distanzhalten durchzusetzen. Die Ausgangssperren werden von den Migranten bisher nicht eingehalten – sie spazieren weiterhin durch Bihać. Viele sagen, dass sie nun nicht mehr weiter nach Italien reisen wollen, weil sie Angst vor Covid-19 haben und wissen, dass es dort keine Jobs mehr gibt – selbst auf dem Schwarzmarkt nicht.
An Reisen ist ohnehin nicht zu denken. Der gesamte öffentliche Verkehr – alle Busverbindungen, Flugverbindungen, aber auch die Straßenbahn in Sarajevo wurden eingestellt. Noch weiß keiner, wann sich das Land wieder öffnen wird. In Sarajevo genießen die Bürger indes die frische Luft – ansonsten ist die Stadt oft ein Smogloch. Und auch die Pferde, die sich normalerweise auf Weiden in den Bergen oberhalb der Stadt befinden, spazieren nun mitunter hinunter ins Stadtzentrum. 

Adelheid Wölfl, Journalistin, berichtet für die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ aus Sarajevo über den Balkan.

RGOW 5/2020, S. 26-27

Bild: Aufruf in der Innenstadt von Sarajevo "Bleib zuhause!". (Adelheid Wölfl)