Einmal mehr zu einer Vergangenheit, die nicht vergeht

Michael Shafir

Eine offene Leugnung des Holocaust gilt in allen osteuropäischen Staaten als inakzeptabel. Angesichts von Kollaborationsvorwürfen wurden jedoch verschiedene alternative Gedenknarrative entwickelt, bei denen die eigene Schuld ignoriert, kommunistische und Nazi-Verbrechen gleichgesetzt und der eigene Status als Opfer betont werden. Auf gesamteuropäischer Ebene wird eine größere Anerkennung des Leidens unter den kommunistischen Regimen gefordert.

Der Holocaust ist laut einem seiner profiliertesten Erforscher, Randolph Braham, der bestdokumentierte Genozid in der Geschichte der Menschheit, und daher seien Bemühungen der sog. „Revisionisten“ zum Scheitern verurteilt.1 Für einen solchen Optimismus muss man vermutlich über 90 Jahre alt werden – dagegen konzentriere ich mich auf eine Taxonomie der Holocaustleugnung. 2002 habe ich dazu bereits einen Beitrag geschrieben,2 allerdings ohne Leerstellen für künftige Entdeckungen zu lassen. Ich hätte es besser wissen müssen, denn die Realität übertrumpft die Theorie immer.

Taxonomie der Holocaustleugnung
Meine ursprüngliche Taxonomie umfasste folgende Kategorien: a) Offene Holocaustleugnung, darunter die unverhohlensten und vulgärsten Formen, die behaupten, der Holocaust sei ein Schwindel; b) Ablenkende Leugnung, welche die Verantwortung für die Verbrechen Vertretern anderer Nationen zuschiebt und die Beteiligung der eigenen Nation darin auf unbedeutende, nicht repräsentative lokale „Fehltritte“ reduziert, sowie die Opfer (Juden) in Täter verwandelt. Anders als die offene Leugnung, die heute auch im postkommunistischen Ostmitteleuropa als inakzeptabel gilt, floriert die ablenkende Leugnung. Jüngstes Beispiel dafür ist das sog. polnische Holocaust-Gesetz: Das angepasste Gesetz über das Institut für Nationales Gedenken schreibt die Gräueltaten des Holocaust allein den Deutschen zu und zielt so darauf ab, die Kollaboration der Lokalbevölkerung vergessen zu machen. In der folgenden Debatte ließ sich Ministerpräsident Mateusz Morawiecki sogar zur Gegenbehauptung hinreißen, dass auch die Juden zu den Tätern des Holocaust gezählt werden können.3
Eine dritte Kategorie bezeichnete ich als c) Selektive Leugnung. Als Kreuzung zwischen offener und ablenkender Leugnung schließt sie jegliche Teilnahme der eigenen Nation aus und stellt diese als eine Art Zufluchtsort inmitten der Hölle dar. Rumänien oder die Slowakei sind typische Fälle dafür (insbesondere unter Historikern), aber die selektive Leugnung findet sich überall in Ostmitteleuropa (inkl. Bulgarien) und ist ein Symptom für eine „Externalisierung der Schuld“, die jedoch in den Bereich der Phantomwelten gehört. Die vierte Kategorie nannte ich d) Vergleichende Trivialisierung, ein Begriff des verstorbenen Historikers Peter Gay4, nur etwas anders angewendet. Diese Kategorie war jedoch überladen und muss weiter unterteilt werden. Die neuen Kategorien sind die Universalisierung des Holocaust, die Theorie des doppelten Genozids, Holocaustverschleierung und kompetitives Märtyrertum.
Zwar beschäftige ich mich hauptsächlich mit der Holocaustleugnung in Ostmitteleuropa, aber die jüngsten Ereignisse weisen darauf hin, dass die Leugnung mit Macht dorthin zurückkehrt, wo sie ihren Ursprung hat: in den „demokratischen Westen“.5 Unter der Universalisierung des Holocaust verstehe ich die Bemühungen zu zeigen, dass die Shoah keineswegs grausamer oder weniger ideologisch verwurzelt war als frühere Massenvernichtungen von indigenen Bevölkerungen, wie vom Kolonialismus begangen. Ausgehend von Hannah Arendts berechtiger Diskussion von richtungsweisenden Massenvernichtungen wird behauptet, dass der eigentliche Zweck des Kolonialismus die physische Vernichtung war, was offensichtlich absurd ist und gleichbedeutend mit der Behauptung, der Zweck der Versklavung sei die Zerstörung der Sklaven gewesen. Anders als der Holocaust war der Kolonialismus in seinen Absichten nie genozidal. Natürlich disqualifiziert ihn das nicht dafür, als Verbrechen gegen die Menschlichkeit betrachtet zu werden, genau so, wie auch der Stalinismus ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war, aber kein genozidartiges Unternehmen. Andere Massenvernichtungen, wie die Auslöschung der indigenen Amerikaner (möglicherweise der bisher größte Genozid in der bisherigen Menschheitsgeschichte) genießen nicht denselben Ausschluss aufgrund Unabsichtlichkeit. Doch gemäß Yehuda Bauer ist der Holocaust bis jetzt der einzige Genozid, der nicht primär von nicht pragmatischen Motiven angetrieben wurde.6 Es ist wichtig, diesen Aspekt zu verstehen, wenn wir die anderen Punkte besprechen, bei denen meine ursprüngliche Taxonomie eine Verfeinerung benötigt.
Die Theorie vom doppelten Genozid7 stellt den Gulag und seine lokalen Varianten auf die gleiche Ebene wie den Holocaust. In ihrer wohlwollenderen Form fordert sie eine „Symmetrie“ in der Verurteilung der beiden, gleichermaßen abstoßenden Gräueltaten des letzten Jahrhunderts und ihrer Täter. In ihrer (ziemlich verbreiteten) aggressiven Form besteht sie auf der Rolle der Juden bei der Etablierung des Kommunismus, was in den Augen ihrer Anhänger die lokale Kollaboration mit den Nazis entschuldigt. Diese zweite Form teilt viele Elemente mit der Umlenkung der Schuld am Holocaust auf die Juden selbst.
Die Kategorie der Holocaustverschleierung kanalisiert die Debatte in Richtung einer angeblichen Schuld der Juden an der Etablierung des Kommunismus, um die lokale Beteiligung am Vergehen der Shoah zu rechtfertigen, das im Großen und Ganzen ignoriert wird, während der einheimische Widerstand gegen den Kommunismus massiv übertrieben wird. Zu diesem Zweck wird kein Unterschied zwischen dem Genozid der Nazis und den stalinistischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemacht, obwohl beide laut internationalem Recht von der Verjährung ausgenommen sind.
Das befördert die letzte Charakteristik, nämlich das kompetitive Märtyrertum. Auf der Suche nach positiven Helden, die den abgelösten und künstlichen kommunistischen Symbolismus ersetzen, und angesichts der kommunistischen Vernachlässigung und/oder Verfälschung des Holocaust wird der Zugang des doppelten Genozids in diesen Ländern schnell zum zentralen Gedenknarrativ, in dem der Mythos des antikommunistischen Widerstands sowohl Heldenvorbilder als auch eine Reinwaschung der Vergangenheit findet. Im Rahmen eines Jahrhunderts, das vom Holocaust als paradigmatischem Genozid dominiert wurde, ist das kompetitive Märtyrertum die Synthese all dieser Elemente. Es strebt danach, ein alternatives dominantes Narrativ zu bieten, nicht ein alternatives Paradigma, denn das Paradigma bleibt genozidal. Im Ersatznarrativ setzt sich das kollektive Trauma der Denationalisierung und Sowjetisierung bei jedem Versuch durch, die Aufmerksamkeit auf das Leiden von Juden und Roma während des Holocaust zu lenken, umso mehr als die Juden weiterhin als Instrumente der Etablierung des Kommunismus wahrgenommen werden.

Die Prager Erklärung
Mit der Integration Ostmitteleuropas in internationale Strukturen (NATO, EU) wurde offenkundig, dass die Leugnung und Verharmlosung des Holocaust negative Reaktionen hervorrufen würde. Wie Zoltán Dujisin hervorhebt, sind internationale Regelwerke gleichzeitig Strukturen der Erinnerung, die „institutionalisierte Rituale“ einsetzen, die ein (gemeinsames) Regelwerk für die Beziehung ihrer Mitglieder zu ihrer historischen Vergangenheit bereitstellen.8 Während die Erinnerungsstruktur im Westen in den frühen 1990er Jahren fast gänzlich auf „dem negativen Mythos des Gedenkens“ aufbaute, den Jeffrey Olick als „Politik des Bedauerns“ bezeichnete,9 versuchte das ostmitteleuropäische kollektive Gedächtnis die Schuld eher anderen zuzuweisen, und ersetzte daher den negativen Mythos des Holocaust, der das Zuschauen und die Kollaboration betont, durch einen positiven Mythos des antikommunistischen Widerstands. Zu diesem Zweck wurde die Legende der Źydokomuna (oder des Judäo-Bolschewismus) wiederbelebt, obwohl bezweifelt werden kann, dass sie je gestorben war. „Das Thema des Judäo-Kommunismus“, beobachten Himka und Michlic, „dient dazu, jegliches Verbrechen gegen Juden während des Holocaust zu rechtfertigen und herunterzuspielen sowie das Narrativ des eigenen Status als Opfer im Zweiten Weltkrieg und während der kommunistischen Periode nach 1945 zu bekräftigen.“10
Man suchte also eine neue ideologische Formel, die in die gemeinsame europäische Erinnerungsstruktur eingepasst werden konnte; eine Formel, der es gelänge, die Unterstützung von Figuren zu gewinnen, die kaum des Antisemitismus oder eines bösen Willens oder Ignoranz verdächtigt würden. Die „Prager Erklärung“ von 200811, unter anderem initiiert von so prominenten antikommunistischen Dissidenten wie den früheren tschechischen und litauischen Präsidenten, Václav Havel und Vytautas Landsbergis, erfüllte aus dieser Perspektive den Zweck. Unter anderem rief die Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus dazu auf, den 23. August (den Tag der Unterzeichnung des Molotov-Ribbentrop-Pakts 1939) als europäischen Tag der Erinnerung an die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus einzuführen. Dieser wurde inzwischen in mehreren europäischen Ländern eingeführt und wird von mehreren europäischen internationalen Organisationen beachtet. Die Erklärung spiegelte sowohl Anklänge an das Totalitarismus-Modell, das Nationalsozialisten und Kommunisten gleichsetzte, als auch scheinbar legitime Forderungen aus Ostmitteleuropa nach einer „demokratischen Erinnerung“, die die Leiden von Nationen, die der stalinistischen Herrschaft unterworfen waren, berücksichtigt.
Im Oktober 2011 wurde die Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas eingerichtet, sie koordiniert die Arbeit von Instituten und NGOs, die sich mit kommunistischen oder gleichzeitig mit nazistischen- und kommunistischen Verbrechen beschäftigen. Die Argumentation der Plattform wird wahrscheinlich in einem Artikel von Maria Mälskoo, damals an der Universität Tartu, am besten zusammengefasst. Sie spricht sich gegen eine „west-zentristische Festschreibung der europäischen Geschichte“ aus und fordert sogar eine „ideologische Dekolonisierung“ der ostmitteleuropäischen Erinnerung, die, wie sie behauptet, den neuen Mitgliedern der EU vor ihrem Beitritt aufgezwungen wurde.12 „Während die Erinnerung an den Holocaust zunehmend institutionalisiert und internationalisiert wurde“, schreibt Mälksoo, „haben die Verbrechen der kommunistischen Regime und ihre traumatischen Auswirkungen auf die aktuelle europäische Politik kaum vergleichbare akademische und politische Aufmerksamkeit erhalten.“ Laut der estnischen Forscherin seien „die baltischen Staaten und Polen als Vorhut der sog. ‚neuen europäischen‘ Gedenkpolitik aufgetreten und verlangten die Aufnahme ihrer Kriegserfahrungen in die paneuropäische Erinnerung an diesen Krieg.“ Während der Verhandlungen zum NATO- und EU-Beitritt – die sie als „rituell liminale Phase des Europäischwerdens“ bezeichnet – „mussten einige Elemente ihrer Vergangenheit bewusst zurückgestellt werden, ohne sie in einer tiefergehenden Weise reflektieren zu können, bis die Umstände für eine solche Reflexion, und letztlich für eine autonomere Konstruktion ihres Selbst ‚förderlicher‘ geworden waren.“13 Diese „liminale Phase“ ist jetzt allerdings vorbei und wenn Europa das Recht des Ostens auf seine eigene Erinnerung nicht anerkennt und sie nicht in die paneuropäische integriert, kann es keine gemeinsame europäische Erinnerung geben. Die Prager Erklärung sowie die Einrichtung der Plattform scheinen mir Bemühungen zu sein, das zu beenden, was Mälksoo als den „untergeordneten“ Status der Osteuropäer in der Rekonstruktion von Erinnerung bezeichnet.

Kompetitives Märtyrertum
Paradoxerweise liegt eine Ursache für das Aufkommen der östlichen kompetitiven Gegenerinnerung im Erfolg der internationalen Gemeinschaft von Holocaustüberlebenden und Überlebenden der „zweiten und dritten“ Generation begründet, die Shoah als das „Symbol des absoluten Opferrolle“ etabliert zu haben, wie Omer Bartov schreibt.14 Das hat den Eindruck erzeugt, dass ohne Verortung in der Kategorie des Genozids das Leiden keiner Gemeinschaft die Chance hat, auf internationaler Ebene in ähnlicher Weise anerkannt zu werden.
Viele der polnischen Reaktionen auf das Werk von Jan T. Gross, angefangen mit Neighbors (2001), über Fear. Anti-Semitisms in Poland After Auschwitz (2006) und Golden Harvest. Events at the Periphery of the Holocaust (2012), spiegeln Versuche, die Verantwortung für die Kollaboration mit den Nazis und antisemitische Akte der Nachkriegszeit auszublenden.15 Tatsächlich sind die Polen dafür bekannt, sich als ewiges Opfer, als „Christus der Nationen“ zu betrachten, und scheinbar führt kompetitives Märtyrertum letztlich dazu, die Imitatio Christi durch eine Imitatio Judae zu ersetzen. So bemerkte der polnische Historiker Witold Kula: „In der Vergangenheit wurden die Juden wegen ihres Geldes, ihrer Qualifikationen, Positionen und internationalen Kontakte beneidet – heute werden sie um eben die Krematorien beneidet, in denen sie eingeäschert wurden.“16 Polen ist nur ein Beispiel unter vielen osteuropäischen Wettbewerbern um den Opferstatus oder in der „Olympiade des Leidens“, wie Antony Polonski es treffend bezeichnet hat.17
Kompetitives Märtyrertum wird manchmal mit einem kirchlichen Verständnis der Selbstaufopferung auf dem Altar des Glaubens kombiniert. Eine Kampagne der Rumänischen Orthodoxen Kirche für die Kanonisierung der sog. „Heiligen des Gefängnisses“ dauert schon eine ganze Weile. Diese „Heiligen“ waren fast alle frühere Mitglieder der faschistischen Eisernen Garde, von denen einige von Marschall Antonescu verhaftet wurden, weil sie im Januar 1941 an der Rebellion der Legionärsbewegung gegen ihn teilgenommen hatten. Die „Heiligen des Gefängnisses“ werden als Märtyrer des rumänischen Widerstands gegen das kommunistische Regime betrachtet. Ihre Vergangenheit in der Eisernen Garde wird dagegen selten erwähnt, und wenn doch ohne Hinweis auf den Antisemitismus der Garde.18

Doppelter Genozid
Stéphane Courtois, der Herausgeber des Schwarzbuchs des Kommunismus, erstmals 1997 in Frankreich veröffentlicht, fragte in der Einleitung, warum es einen Unterschied geben sollte zwischen einem ukrainischen Kind eines „Kulaken“, das während der großen Hungersnot starb, und einem jüdischen Kind, das im Holocaust verhungerte. Welchen Interessen könnte ein Verdecken der Ähnlichkeit dienen? Offenkundig war dies eine rhetorische Frage. In seiner Arbeit versuchte Courtois zu beweisen, dass die kommunistische Herrschaft genau so, wenn nicht sogar noch genozidaler war als die Naziherrschaft.19
Am 7. März 1998 schrieb Floricel Marinescu, ein rumänischer Historiker mit Verbindungen zum früheren Regime, in Aldine (eine Beilage der Tageszeitung România liberă): „Aus einer strikt quantitativen Perspektive ist die Anzahl Verbrechen, die im Namen der kommunistischen Ideologie begangen wurden, viel größer als diejenige der im Namen der Nazis oder ähnlicher ideologisch gesinnter Regime begangenen.“ Anders als der frühere rumänische Präsident Emil Constantinescu, der sich bei einem Besuch in Washington für die Rolle seines Landes während des Holocaust entschuldigt hatte, schrieb Marinescu, dass „sich keine prominente jüdische Persönlichkeit [aus Rumänien] für die Rolle, die einige Juden in der Untergrabung der rumänischen Staatlichkeit, bei der Bolschewisierung des Landes, bei den [von ihnen] begangenen Verbrechen und Gräueltaten entschuldigt hat. Proportional haben die Rumänen und Rumänien mehr unter dem kommunistischen Regime gelitten, zu dessen Aufstieg die Juden einen wichtigen Beitrag geleistet hatten, als die Juden unter dem rumänischen Staat während des Antonescu-Regimes gelitten haben. […] Der Rote Holocaust war unvergleichlich schwerwiegender als der Nazismus.“
Omer Bartov bemerkt zusammenfassend, dass der doppelte Genozid der gemeinsame Nenner fast aller postkommunistischen Länder zu sein scheint: „Die Selbstwahrnehmung als Opfer immunisiert Individuen und Nationen oftmals, sich selbst als Täter zu sehen. Dies ist ein besonders wirkungsvoller Mechanismus, wenn Täter tatsächlich auch Opfer von massenhafter Gewalt waren.“20 Er illustriert dies mit dem Fall Ungarn, wo radikale Rechte argumentieren, dass die Rolle von Juden im repressiven kommunistischen Sicherheitsapparat „die Ermordung von Hunderttausenden von Juden mit der Kollaboration und aktiven Beteiligung von Miklós Horthys Regime und der faschistischen Partei der Pfeilkreuzler ausgleicht.“ Das „Haus des Terrors“ in Budapest listet fein säuberlich die Juden unter den kommunistischen Tätern auf, nicht aber unter den Opfern des stalinistischen Systems.21

Holocaustverschleierung
Holocaustverschleierung ist ein synthetisches Konstrukt von kompetitivem Märtyrertum und Theorien des doppelten Genozids. Deren wichtigste Neuerung liegt darin, die „dunkle Vergangenheit“ eines Landes in eine lichte Episode zu verwandeln und die Täter des Holocaust und/oder ihre Unterstützer als Nationalhelden zu propagieren. Damit steht die Tür weit offen für die Rehabilitierung nicht nur solcher „Helden“, sondern auch ihrer Ideologie.
Holocaustverschleierung umfasst mehrere aufeinanderfolgende, miteinander verbundene Ziele:22 „Naziverbrechen herunterspielen; sowjetische Verbrechen aufblasen; ihre ‚Gleichheit‘ zu einem neuen sakrosankten Prinzip für naive Westler machen, die den Klang von ‚Gleichheit‘ mögen; im Gesetz ‚Genozid‘ neu definieren, um so ziemlich jedes sowjetische Verbrechen einzuschließen; Wege finden, Mörder zu Helden zu machen (meist als angebliche ‚antisowjetische‘ Patrioten); Opfer und Überlebende beschuldigen, insbesondere die, die überlebten und sich dem Widerstand gegen die Nazis anschlossen.“23 Der bekannte Nazijäger Efraim Zuroff fasste den Zweck der Holocaustverschleierung treffend zusammen als „einen Versuch, alles auf den Kopf zu stellen“: „Wenn Kommunismus dasselbe ist wie Nazismus, dann ist Kommunismus Genozid, was er nicht ist. Wenn Kommunismus Genozid ist, dann haben Juden einen Genozid begangen, weil es unter den Kommunisten ein paar Juden gab. Wenn Juden Genozid begangen haben, untergräbt das offensichtlich deren Argumente gegen die Völker Osteuropas, die den Nazis beim Massenmord an den Juden halfen. […] Das soll die Kritik der Nazikollaboration in Osteuropa abwehren, die viel tödlicher als die Nazikollaboration irgendwo sonst war.“24
Wie Omer Bartov bemerkt, „haben die baltischen Staaten einen besonderen Hang, das totalitäre Modell als Mittel anzuwenden, den Nazigenozid an den Juden im größeren Rahmen sowjetischer Verbrechen gegen indigene baltische Bevölkerungen zu kontextualisieren.“ So stellen einige lettische Geschichtslehrbücher den „lettischen Genozid“ durch die Sowjets dem Holocaust gegenüber, und „scheinen Teile der estnischen öffentlichen Meinung mit der Unterstellung einverstanden, dass Juden versuchen, das Ausmaß ihrer Opferwerdung durch Deutsche und Esten zu übertreiben, um die Aufmerksamkeit von sowjetisch-jüdischen Verbrechen gegen Esten abzulenken.“25 Die drei baltischen Staaten sind auch Pioniere bei der Transformation von Tätern des Holocaust zu nationalen Symbolen. Deren Regierungen verschließen die Augen vor der Metamorphose, billigen sie so schweigend und beteiligen sich gelegentlich an der Praxis.26
Litauen versuchte Polens Beispiel zu folgen und wollte ein Verbot, die lokale Kollaboration während der Nazizeit zu erwähnen, einführen. Ein Gesetzesentwurf von Anfang April 2018 hätte den Verkauf jedes Buchs verboten, das „historische Tatsachen über die Nation verzerrt.“27 Wirtschaftsminister Virginijus Sinkevičius brachte das Gesetz ins Parlament ein, zog den Entwurf aber zurück, nachdem Rabbi Andrew Baker, Direktor für internationale jüdische Angelegenheiten beim American Jewish Committee, Vilnius besucht hatte.28 Dieser gescheiterte Versuch war offenbar eine Reaktion auf das Buch Unser Volk29 der Schriftstellerin Rūta Vanagaitė und Efraim Zuroff von 2016, aber vor allem auf ein Interview, das Vanagaitė nach der Publikation des Buchs gegeben hatte. Dabei verwies sie darauf, dass Adolfas Ramanauskas bei weitem nicht der „Nationalheld“ des litauischen Widerstands gewesen sei und seine Kameraden bei einem NKVD-Verhör verraten habe. Daraufhin zog der Verlag alle Bücher von Vanagaitė zurück, und sie wurde vom ersten postkommunistischen Präsidenten, Vytautas Landsbergis, beschuldigt, eine Kollaborateurin des russischen Geheimdienstes zu sein, und war schließlich gezwungen, Litauen zu verlassen.30 Rūta Vanagaitė lebt derzeit in Israel. Ungeachtet der negativen offiziellen Reaktion auf das Buch inszenierte das Staatstheater in Panevėžys (ca. 110 km nördlich von Vilnius) ein avantgardistisches Stück des polnischen Dramatikers Michał Walczak über die lokale Beteiligung am Holocaust auf dessen Grundlage. Daraufhin erhielt das Theater Drohungen der Behörden, die zum Rücktritt des Geschäftsführers „aus persönlichen Gründen“ führten.31

Bleiburg oder Jasenovac
Um Rehabilitation und den ideologischen Stellenwert umgedeuteter Erinnerung geht es auch bei Spannungen zwischen Serbien und Kroatien. Beide Länder beschuldigen sich gegenseitig des Versuchs, die Vergangenheit reinzuwaschen, und für einmal haben beide recht. Im Mai 2015 rehabilitierte Serbien den Tschetnik-Anführer Dragoljub „Draža“ Mihailović, der im Mai 1946 wegen Hochverrats und Kollaboration mit den Nazis hingerichtet worden war. Ein Gericht in Belgrad entschied, dass sein Prozess unter Titos kommunistischem Regime „politisch und ideologisch“ gewesen sei, und es im Verfahren schwerwiegende juristische Fehler gegeben habe.32 Mihailovićs Rehabilitation ließ bei den Juden keine Alarmglocken läuten, wohl aber bei den Kroaten.
Die damalige kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović erklärte, dass das Urteil „die Gräueltaten der Tschetnik-Bewegung, begangen in Kollaboration mit den Nazis und Faschisten im Zweiten Weltkrieg, die allen Nationen in dieser Region großen Schmerz und Leiden gebracht haben“, nicht auslöschen könne. „Als Präsidentin Kroatiens“, fügte sie hinzu, „verurteile ich jeden Versuch des Geschichtsrevisionismus aufs Schärfste.“33 Tut sie das wirklich? Am Tag von Mihailovićs Rehabilitation stattete Grabar-Kitarović Bleiburg im Süden Österreichs sowie Macelj und Tezno in Slowenien einen „privaten“ Besuch ab, wo sie Kerzen anzündete und Kränze niederlegte. In den Worten des Präsidentenbüros zollte Grabar-Kitarović so „den Opfern, die bei den tragischen Ereignissen im Mai 1945 ermordet wurden, Respekt.“ Bei diesen Ereignissen wurden Diener und Mitglieder der faschistischen Ustaša-Bewegung von Ante Pavelićs Regime auf der Flucht aus Zagreb gefangengenommen und ohne Prozess von Titos Partisanen hingerichtet. Grabar-Kitarović erklärte ihren Besuch mit den Worten: „Ein Verbrechen ist ein Verbrechen und kann mit keiner Ideologie gerechtfertigt werden.“34 Andererseits blieb sie im April den offiziellen Feiern im Konzentrationslager Jasenovac fern, wo mindestens 83 000 Serben, Roma, Juden und politische Gefangene von den Ustaša ermordet worden waren. Stattdessen schickte sie den Hollywood-Produzenten und Auschwitzüberlebenden Branko Lustig als Vertreter.35
„Bleiburg oder Jasenovac?“ ist eine Frage geworden, die im Nachgang der Prager Erklärung drohend über ganz Ostmitteleuropa liegt.

Gekürzte Version von: Shafir, Michael: Four Pitfalls West and East: Universalization, Double Genocide, Obfuscation and Competitive Martyrdom as New Forms of Holocaust Negation. In: Revista de istorie a evreilor din Romania (Journal of History of Romanian Jewry) (noch nicht erschienen).

Anmerkungen

1)        Öffentliche Vorlesung an der Universität Cluj-Napoca, Rumänien, 6. Oktober 2017.

2)        Shafir, Michael: Between Denial and ‘Comparative Trivialization’: Holocaust Negationism in Post-Communist East Central Europe (=ACTA 19). Jerusalem 2002.

3)        https://www.timesofisrael.com/polish-prime-minister-says-jews-perpetrated-holocaust-too/.

4)        Gay, Peter: Freud, Jews and Other Germans. Masters and Victims in Modernist Culture. Oxford 1978, S. XI-XII.

5)        Shafir, Michael: Ex Occidente Obscuritas: The Diffusion of Holocaust Denial from West to East. In: Studia Hebraica 3 (2003), S. 23–82.

6)        Bauer, Yehuda: Rethinking the Holocaust. New Haven/London 2001. S. 45, 47.

7)        Vgl. Shafir, Michael: Romania. Neither ‘Fleishig’ nor ‘Milchig’. In: Florian, Alexandru (ed.): Holocaust. Public Memory in Postcommunist Romania. Bloomington 2018, S. 96–150, hier S. 104–110.

8)        Dujisin, Zoltán: Post-Communist Europe: On the Path to a Regional Regime of Remembrance?. Vortrag bei der Association of the Study of Nationalities, Columbia University, New York, April 24–26, 2014.

9)        Olick, Jeffrey K.: The Politics of Regret: On Collective Memory and Political Responsibility. New York 2007.

10)      Himka, John-Paul; Michlic, Joanna Beata: Introduction. In: Dies. (eds.): Bringing the Dark Past to Light. The Reception of the Holocaust in Postcommunist Europe. Lincoln/London 2013, S. 1–24.

11)      https://www.webcitation.org/5yf4HFF6d.

12)      Mälksoo, Maria: The Memory Politics of Becoming European: The East European Subalterns and the Collective Memory of Europe. In: European Journal of International Relations 15, 4 (2009), S. 653–680, hier S. 653–656.

13)      Ebd., S. 656.

14)      Bartov, Omer: Mirrors of Destruction: War, Genocide and Modern Identity. Oxford 2000, S. 79.

15)      Die Kampagne gegen Gross verschärfte sich nach einem Artikel in der deutschen Zeitung Die Welt, in dem er 2015 schrieb, dass im Zweiten Weltkrieg Polen mehr Juden als Nazis umgebracht hätten: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article146355392/Die-Osteuropaeer-haben-kein-Schamgefuehl.html. Eine Klage gegen ihn wurde erst im November 2019 aufgrund mangelnder Belege fallen gelassen: https://apnews.com/8a10e2d41c3842f8b48531e1fdd9ca07.

16)      Zitiert nach Michlic, Joanna Beata; Melchior, Małgorzata: The Memory of the Holocaust in Post-1989 Poland. In: Himka, Michlic, Bringing the Dark (Anm. 10), S. 403–450, hier S. 416.

17)      https://www.nytimes.com/2012/01/31/opinion/the-suffering-olympics.html.

18)      Vgl. Alexandru, Laszlo: Noica la a doua tinereţe [Noica’s second youth]. In: Conferinţe literare. Cluj-Napoca 2019, S. 65–88.

19)      Courtois, Stéphane: Introduction: The Crimes of Communism. In: Ders. (ed.): The Black Book of Communism. Crimes, Terror, Repression. Cambridge 1999, S. 1–32, hier S. 9, 17, 19, 23.

20)      Bartov, Omer: Conclusion. In: Himka, Michlic, Bringing the Dark (Anm. 10), S. 663–694, hier S. 668.

21)      Shafir, Michael: Hungarian Politics and the Post-1989 Legacy of the Holocaust. In: Braham, Randolph L.; Chamberlin, Brewster S. (eds.): The Holocaust in Hungary. New York 2006, S. 257–290, hier S. 276.

22)      Katz, Dovid: On three Definitions: Genocide, Holocaust Denial, Holocaust Obfuscation. In: Donskis, Leonidas (ed.): A Litmus Test Case of Modernity. Examining Modern Sensibilities and the Public Domain in the Baltic States at the Turn of the Century. Bern 2009, S. 259–277.

23)      Katz, Dovid: The Seventy Years Declaration and the Simple Truth. In: The Algemeinr, February 3, 2012.

24)      Zit. nach Zlotowski, Michel: EU Halts Move to Downgrade Shoah. In: The Jewisch Chronicle, December 29, 2010.

25)      Bartov, Conclusion (Anm. 20), S. 667.

26)      Shafir, Michael: Ideology, Memory and Religion. In: JSRI 15, 44 (2016), S. 52–110, hier S. 67 ff.

27)      http://defendinghistory.com/an-intensive-spring-season-for-the-new-brand-of-holocaust-denial/94351.

28)      https://en.delfi.lt/politics/minister-withdraws-proposal-to-ban-goods-distorting-history-after-criticism.d?id=78072727.

29)      Zuroff, Efraim; Vanagaitė, Rūta: Mūsiškiai: Kelionė su priešu. Vilnius 2016. Englische Übersetzung: Our People: Discovering Lithuania’s Hidden Holocaust. Lanham 2020.

30)      https://www.spiegel.de/politik/ausland/litauen-bestseller-autorin-ruta-vanagaite-kratzt-am-nationalmythos-a-1175646.html.

31)      https://www.jta.org/quick-reads/lithuanian-state-theater-stages-controversial-play-on-holocaust-complicity.

32)      https://balkaninsight.com/2015/05/14/serbia-rehabilitates-wwii-chetnik-leader-mihailovic/.

33)      https://balkaninsight.com/2015/05/14/croatian-president-slams-chetnik-general-s-rehabilitation/.

34)      http://www.digitaljournal.com/news/world/croatian-leader-pays-tribute-to-killed-pro-nazi-collaborators/article/433277.

35)      https://balkaninsight.com/2015/04/27/ww2-concentration-camp-jasenovac-memory-lives-after-70-years/.

Übersetzung aus dem Englischen: Natalija Zenger.

Michael Shafir, Professor em. an der Doctoral School of International Relations and Strategic Studies, Fakultät für Geschichte, Babeş-Bolyai Universität in Cluj-Napoca, Rumänien.

pdfRGOW 9/2020, S. 10–14.

Bild: Avi1111 (Wikimedia Commons)
Legende: Gedenkstätte für die 25000 Juden, die 1941 im Rumbula-Wald von deutschen Soldaten und lokalen lettischen Kollaborateuren ermordet wurden.