Ambivalente kirchliche Reaktionen auf die Proteste in Belarus

Alena Alshanskaya

Die Corona-Krise bzw. deren Leugnung durch Alexander Lukaschenko und die Ohnmacht des belarussischen Staates angesichts der Pandemie hat zu einem Erwachen der Zivilgesellschaft in Belarus geführt, da die Menschen selbst Hilfe für Krankenhäuser und Ärzte organisieren mussten (s. RGOW 5/2020, S. 22–23). Diese Selbsthilfe und die Empörung der Bevölkerung über die von Lukaschenko ständig proklamierten Unwahrheiten hat das Selbstbewusstsein vieler Menschen gestärkt und wesentlich zum Erfolg der Wahlkampagne der Gegenkandidatin Svetlana Tichanovskaja bei der Präsidentenwahl 2020 beigetragen. Die unverhüllte Fälschung der Wahlergebnisse hat beispiellose Massenproteste im Land hervorgerufen. Diese haben auch die Kirchen in Belarus berührt und das zivilgesellschaftliche Engagement in den Kirchen aktiviert, obwohl die Kirchen sich in den letzten Jahrzehnten eher von politischen Ereignissen ferngehalten haben.

Aufrufe zur Beendigung der Gewalt
Daher waren die Stimmen von orthodoxen Klerikern, die im Vorfeld der Abstimmung zu gerechten und transparenten Wahlen aufriefen, eher unerwartet. So postete der orthodoxe Diakon Dmitrij Pavljukevitsch aus Hrodna auf Facebook ein Plakat mit Aufrufen gestützt mit den Zitaten aus dem Alten und Neuen Testament: Orthodoxe seien gegen Wahlfälschungen sowie gegen die Erniedrigung und Erpressung von Menschen. Dieser Post wurde aber nur von wenigen belarussischen Priestern in sozialen Netzen geteilt. Dieser Aufruf zu gerechten Wahlen ähnelte dem Slogan unter den Katholiken in Belarus: „Ein Katholik fälscht nicht“.
Nach der Verkündung der offiziellen Wahlergebnisse und der brutalen Niederschlagung der darauffolgenden Proteste riefen verschiedene kirchliche Vertreter sofort – soweit dies unter den Umständen der abgeschalteten Internetverbindung im Land in den ersten drei Tagen nach den Wahlen überhaupt möglich war – auf, die „Gewalt von allen Konfliktseiten“ zu beenden. Die katholische Kirche – sowohl mehrere Priester als auch Bischöfe – hat die Demonstranten mit mehreren Initiativen unterstützt: durch regelmäßige ökumenische Gottesdienste in der katholischen Kathedrale in Minsk, mit ereignisbezogenen Ansprachen von Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, seinem Treffen mit Innenminister Juri Karajew und seiner offenen Kritik an den brutalen Übergriffen der Sicherheitskräfte und mit Glockenläuten bei dem großen Freiheitsmarsch am 23. August.
Die Belarussische Orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchat untersteht, reagierte uneinig auf die neue Situation nach der Präsidentschaftswahl. Die bereits am 10. August ausgerichteten Gratulationen von Patriarch Kirill und Metropolit Pavel (Ponomarjov) von Minsk an Lukaschenko, als noch keine endgültigen Wahlergebnisse von der Wahlkommission vorlagen und die Staatsmacht bereits mit Gewalt gegen die Protestierenden vorging, haben unter einigen orthodoxen Klerikern Kritik hervorgerufen. Die beiden Gratulationen enthielten Lob- und Hoffnungsworte gegenüber Lukaschenko, was definitiv nicht mit der Wahrnehmung seiner Person und seiner Politik unter dem Großteil der Bevölkerung übereinstimmte. Erzpriester Georgij Roj aus Hrodna war besonders aktiv in der öffentlichen Unterstützung der Protestierenden und verurteilte eindeutig die staatliche Gewalt gegenüber den Menschen. Als einziger hochrangiger Geistlicher verurteilte Erzbischof Artemij (Kischtschenko) von Hrodna nicht nur in allgemeinen Worten die Gewalt, sondern erkannte auch die Gründe für die Massenproteste als gerechtfertigt an; zudem benannte er klar den Betrug bei der Präsidentschaftswahl: „Das Blut der Opfer und das schwere Leiden der Menschen in diesen Tagen haben diejenigen auf dem Gewissen, die selbst oder andere dazu gezwungen haben, die Wahrheit zu töten.“1 Archimandrit Aleksij (Schinkevitsch) prangerte in einer Predigt in der Kathedrale in Minsk ebenfalls die Staatsmacht offen an.2 Auch einige orthodoxe Laien zeigten sich aktiv und organisierten am 13. August eine ökumenische Prozession als Unterstützung der friedlichen Proteste im Zentrum von Minsk, die seitdem mehrmals wiederholt wurde. Einige Priester kümmerten sich aus eigener Initiative um die Opfer und halfen den Verhafteten im Gefängnis in der Okrestina-Straße, in dem zahlreiche Demonstranten misshandelt wurden.

Konformismus der orthodoxen Kirche
Auch die Kirchenführung – Metropolit Pavel und der Hl. Synod – haben mehrfach auf die jüngsten Entwicklungen im Land reagiert, aber in einem ambivalenten Tonfall: So sei die Kirche eindeutig gegen Gewalt, man wolle aber keine Seite des Konflikts verurteilen, man rufe beide Seiten auf, die Gewalt zu beenden. Allerdings wurde auch das beliebte Narrativ der Staatsmacht von einer äußeren Einmischung aufgegriffen: Es gebe eine dritte Seite, die Proteste aufflammen lasse, um die Situation zu eigenen Gunsten auszunutzen. Mit Blick auf die angeführten kirchlichen Äußerungen, die die Protestierenden klar unterstützen, erklärte die Synodalabteilung für die Beziehungen zwischen der Kirche und Gesellschaft, dass diese Positionen lediglich persönliche Meinungen darstellten, und keinesfalls die offizielle Position der Kirche vertreten könnten. Es sei „der Mission der Kirche nicht angepasst, zur Teilnahme oder Nichtteilnahme an den politischen Aktionen aufzurufen“, so die Erklärung3, obwohl die Kirchenleitung selbst mehrfach zur Nichtteilnahme an Demonstrationen und stattdessen zum Beten in den Kirchengebäuden aufgerufen hat.
Wie die belarussische Gesellschaft ist die orthodoxe Kirche nicht homogen in ihren Ansichten. Insbesondere Verschwörungstheorien über die Einmischung und gezielte Zerstörung des Landes von außen sind im orthodoxen Milieu mehr als in der übrigen Gesellschaft verbreitet. Das Narrativ von der orthodoxen Rus’, die man durch nationalistische Bewegungen zu teilen versuche, welche in einem Atemzug mit dem Faschismus gleichgestellt werden, ist dabei keineswegs neu. Besonders laut werden solche Ansichten im Kloster der Hl. Elisabeth in Minsk vorgetragen. Auf dessen Seite im sozialen Netzwerk Vkontakte wurden z. B. Gläubige vor der von Laien veranstalteten ökumenischen Prozession in Minsk als einer von der Kirche nicht sanktionierten Veranstaltung gewarnt.4 Dabei hatte sich die Kirchenführung bloß davon distanziert,5 und am 14. August schloss sich Metropolit Pavel dieser Gruppe von Gläubigen doch an. Der Vorsteher des Klosters, Priester Andrej Lemeschonok, unterstützte mehrmals in seinen Ansprachen Lukaschenko – insbesondere seine Coronavirus-Politik und bei der Präsidentschaftswahl. Er verurteilte die Proteste als von denjenigen „gut geplant“, die Belarus gerne als „NATO-Kolonie“ hätten.6
Öffentliche Unterstützung erhielt Lukaschenko auch von Priester Fedor Povnyj, als er im Staatsfernsehen vor den Wahlen die Gegenkandidatin und die Opposition kritisierte und für Stabilität im Land warb.7 Auch mehrere andere medial präsente Priester verurteilten pauschal die Demonstranten, stattdessen verharmlosten und rechtfertigten sie das Handeln der Sicherheitskräfte und versuchten die Proteste als marginal darzustellen. Den Priestern, die Verständnis für die Proteste aufbringen, wurde von Kollegen vorgeworfen, dass sie sich in die Politik einmischten, was sie als Geistliche gar nicht dürften. Ihre Unterstützung der Protestierenden sehen diese jedoch als christliche Reaktion auf Betrug, Ungerechtigkeit, Rechtslosigkeit und Erniedrigung von Menschen an.

Solidarität in der Kirche gefragt
In diesem Moment, da die Gesellschaft solidarisch und einig handeln sollte, bräuchte es die Stimme der Kirche als Institution. Der Staat verfolgt gezielt Protest- oder Streikaktivisten, die als vom Ausland bezahlte und gesteuerte Koordinatoren gebrandmarkt werden. Genauso wie in vielen staatlichen Unternehmen und Einrichtungen, wo die Leitung noch nicht genug Kraft oder Willen hat, sich auf die Seiten der Arbeitnehmer oder der von ihnen vertretenen Gruppe zu schlagen, ist die Kirche noch nicht bereit, institutionell und solidarisch gegen Betrug und Gewalt aufzutreten. Den einzelnen Priestern, die sich mutig gegen die staatliche Gewalt und die im Land herrschende Rechtslosigkeit ausgesprochen und den Verhafteten geholfen haben, droht, den bald folgenden Repressionen seitens des Staates überlassen zu werden. Bei einer Rede in Hrodna drohte Lukaschenko diesen Priestern mit Sanktionen und erklärte, „Kirchen seien nicht für die Politik“, sondern allein fürs Beten zuständig.8 Die katholische Kirche wurde bereits sanktioniert: Am 23. August wurde zum ersten Mal seit mehreren Jahren die katholische Messe nicht im Staatsradio übertragen, und am 31. August wurde Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, der belarussischer Staatsbürger ist, die Einreise nach Belarus nach einem kurzem Aufenthalt in Polen verweigert, was an sich ein juristischer Skandal ist.
Die einzelnen Stimmen innerhalb der orthodoxen Kirche, die die Protestbewegung offen unterstützen, sind Anlass zur Hoffnung, reichen aber vorerst noch nicht aus, um die offizielle Position der Kirche zu verändern. Es ist sogar wahrscheinlich, dass die Priester und Bischöfe, die sich zivilgesellschaftlich engagieren, in nächster Zukunft von der Kirche selbst sanktioniert bzw. vom Staat eingeschüchtert werden. Die Versetzung von Metropolit Pavel aus Belarus zurück nach Russland durch den Hl. Synod am 25. August könnte man ebenfalls als Abrechnung für seine unentschlossene Position gegenüber dem Wahlsieg von Lukaschenko und sein „übermäßiges“ Mitleid mit den Gewaltopfern interpretieren. Sein Amt wird seitdem von Bischof Veniamin (Tupeko) bekleidet – einem gebürtigen Belarussen, der – wie Lukaschenko es sich wünscht – als Beter bekannt ist, der sich vermutlich öffentlich zurückhalten und vor allem zum Gebet aufrufen wird.

Anmerkungen

1)        https://newgrodno.by/society/obrashhenie-arhiepiskopa-grodnenskogo-i-volkovysskogo-artemiya-k-kliru-i-pastve-grodnenskoj-eparhii/.

2)        https://www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=mZOIGZwX8f0&feature=emb_logo.

3)        http://church.by/news/ob-uchastii-verujushih-v-obshestvenno-politicheskoj-zhizni.

4)        https://m.vk.com/wall-147617838_409.

5)        http://church.by/news/obrasheniel.

6)        https://www.sb.by/articles/protoierey-andrey-lemeshonok-khochu-chtoby-ne-bylo-nasiliya-i-krovoprolitiya.html.

7)        https://ont.by/news/esli-kandidat-v-prezidenty-prizyvaet-narod-na-ploshadi-emu-nelzya-doverit-stranu-fyodor-povnyj.

8)        https://www.belta.by/video_official/getRecord/6272/.

Alena Alshanskaya, Dr., Postdoc-Forscherin am Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

pdfRGOW 9/2020, S. 3–4.

Bilder (oben und Galerie Startseite): Homoatrox (Wikimedia Commons)