Kontextuelle und essentielle Unterschiede orthodoxer Sozialethik

Regina Elsner

20 Jahre nach der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche erscheinen die Vorschläge zu einem Sozialethos des Ökumenischen Patriarchats in einem veränderten globalen Kontext und sollen alle Orthodoxe ansprechen. Die Unterschiede sind jedoch nicht nur kontextueller Art: Ob die Kirche eher in der Nähe zum Staat oder zur Zivilgesellschaft verortet oder eher die Erlösungsbedürftigkeit oder Gottes Liebe zur Welt betont wird, beeinflusst die sozialethischen Haltungen grundlegend.

Vor genau 20 Jahren veröffentlichte die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) ein Dokument, das in Form und Inhalt für die orthodoxen Kirchen einmalig war: Die Grundlagen der Sozialkonzeption der ROK (GSK). Da es sich um einen Grundlagentext handelte, wurde eine Vielzahl von Themen eingeführt und eine ausführlichere Beschäftigung in Aussicht gestellt. 2008 wurde dies mit dem Grundlagentext zur Lehre der ROK über die Würde, die Freiheit und die Rechte des Menschen erstmals umgesetzt, weitere weniger bekannte Texte – etwa zur Ökologie (s. RGOW 11/2015), zum gesellschaftlichen Engagement von orthodoxen Gläubigen, zu Ehe und Familie, Alkoholismus und Drogensucht – folgten. Vor allem die beiden Grundlagentexte zur Sozialkonzeption und den Menschenrechten wurden seitdem ausführlich in Publikationen und Konferenzen diskutiert und analysiert, interessanterweise vor allem im Ausland und weniger in der ROK selbst. Diese Beobachtung macht deutlich, wie dringend gerade im ökumenischen Gespräch eine orthodoxe sozialethische Position erwartet wurde – und wie wenig die russische Kirche selbst die theologische Diskussion sozialethischer Inhalte sucht. Bis heute wird im russischen Kontext vor allem in offiziellen Stellungnahmen auf die Sozialkonzeption verwiesen, ihre tatsächliche Rezeption in lokalen und pastoralen Zusammenhängen ist jedoch schwer einzuschätzen.
20 Jahre später erscheint nun mit Für das Leben der Welt (FLW) ein zweites grundlegendes sozialethisches Positionspapier im Auftrag des Ökumenischen Patriarchats, das von seiner nordamerikanischen Eparchie veröffentlicht wurde. Die Veröffentlichung des Dokuments fiel mit dem Beginn der Covid-19-Pandemie zusammen, was einerseits die Aktualität und Notwendigkeit sozialethischer Positionierung besonders deutlich vor Augen führt. Andererseits erhielt der Text durch die Pandemie weniger Aufmerksamkeit in den ökumenischen und innerorthodoxen Kreisen. Eine ähnlich aktive Diskussion wie im Fall des russischen Dokuments steht damit noch am Anfang. Für diese Diskussion kann ein Vergleich mit dem russischen Dokument bereichernd sein, denn er lenkt die Aufmerksamkeit auf die unterschiedlichen Kontexte der Kirchen und deren Bedeutung für die jeweiligen theologischen Positionen.

Unterschiedlicher historischer Kontext
Die Grundlagen der ROK wurden im Jahr 2000, also nur zehn Jahre nach dem Ende der sowjetischen Repression und dem Neuanfang theologischer Arbeit, veröffentlicht. Ihre Ausarbeitung fand unter den gesellschaftlichen und politischen Wirren der 1990er Jahre – dem drohenden Zerfall des Landes, großen wirtschaftlichen Problemen und der aktiven Tätigkeit zahlreicher anderer Konfessionen – statt. Die Position der Kirche zu gesellschaftlichen Entwicklungen war zunehmend gefragt und geschätzt, und mit der Redaktion des Gesetzes über die Gewissensfreiheit von 1997 hatte die ROK schließlich eine privilegierte gesellschaftspolitische Position zugesprochen bekommen. Vor diesen Hintergründen lag die Notwendigkeit einer grundlegenden Stellungnahme zu gesellschaftlichen Fragen auf der Hand. Gleichzeitig erklären diese Hintergründe aber auch die Kürze und die stellenweise fehlende theologische Tiefenschärfe des Dokuments: Für den Aufbau entsprechender theologischer Kompetenz und eine tatsächliche tiefgreifende theologische Auseinandersetzung mit einer so großen Bandbreite von komplexen Themen waren zehn Jahre sehr wenig Zeit.
FLW hingegen ist Ergebnis eines langen und akademisch fundierten Diskussionsprozesses. Auch wenn der konkrete Anlass des Dokuments in den Diskussionsprozessen des Heiligen und Großen Konzils auf Kreta 2016 liegt, werden die entsprechenden sozialethischen Auseinandersetzungen innerhalb der Orthodoxie auf verschiedenen Ebenen und auch unter Beteiligung der ROK seit vielen Jahrzehnten geführt. Die internationale Arbeitsgruppe, die das Dokument ausgearbeitet hat, besteht aus bekannten Theolog*innen, die sich seit vielen Jahren intensiv mit den entsprechenden Teilfragen im akademischen Diskurs beschäftigen. Die meisten sind in Ländern tätig, in denen die Orthodoxe Kirche eine Minderheitenkirche ist und häufig Menschen verschiedener kultureller Herkunft verbindet. Ein zentraler Unterschied zu dem Dokument der ROK besteht außerdem darin, dass die meisten Mitglieder der Arbeitsgruppe seit vielen Jahren in multidisziplinären, staatlichen oder katholischen Universitäten in pluralen Gesellschaften tätig sind. Sie sind dadurch viel intensiver mit den jeweils aktuellen akademischen und gesellschaftspolitischen Themen konfrontiert und auch deutlich unabhängiger von den kirchlichen Strukturen. Schließlich unterscheidet sich der Kontext von FLW ganz grundsätzlich durch das massive Voranschreiten der Globalisierung, die nicht nur die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit der verschiedenen Kirchen und Metropolien des Ökumenischen Patriarchats in neuer und drängender Weise stellt, sondern auch viele sozialethische Themen in den vergangenen 20 Jahren stark beeinflusst hat. Im Unterschied zum russischen Dokument hat FLW zudem den Anspruch, für die gesamte Orthodoxie zu sprechen und allen Gläubigen des Ökumenischen Patriarchats in der ganzen Welt die Grundlagen einer Sozialethik anzubieten.
Diese kontextuellen Unterschiede haben großen Einfluss auf einige allgemeine Dimensionen der Texte. Sie verändern einerseits die Zielgruppen und den Fokus von den lokalen gesellschaftlichen Herausforderungen in Russland hin zu globalen Herausforderungen, denen orthodoxe Gläubige des Ökumenischen Patriarchats in allen Ländern der Welt gegenüberstehen. Sie verändern andererseits die Sprache von einer zwischen innenpolitischem Diskurs und patristischen Quellen balancierenden Sprache im russischen Kontext hin zu einer an interdisziplinären ethischen Diskursen orientierten Sprache. Schließlich ist das russische Dokument von der damals aktuellen Sorge um die Fragmentierung der Gesellschaft und des Landes geprägt, FLW basiert hingegen auf der wohlwollenden Annahme der gegebenen Vielfalt der Welt. Diese Differenzen im regionalen Fokus, bei Sprache und Verhältnis zur pluralen Lebenswelt zeigen zunächst weniger einen prinzipiellen Unterschied im theologischen Denken als vielmehr die existierende Vielfalt theologischer Wege in der Auseinandersetzung mit der modernen Gesellschaft an. Auch unter den anderen orthodoxen Orts- und Landeskirchen dürfte das Spektrum des Umgangs mit aktuellen sozialethischen Herausforderungen breit sein, jeweils in Abhängigkeit von den gesellschaftlichen und politischen Umständen sowie den historischen Erfahrungen der Kirchen. 
Aufgrund der globalisierten Zusammenhänge und sich ähnelnder moderner Gesellschaftsstrukturen stellen sich jedoch viele sozialethische Herausforderungen den Kirchen, unabhängig von ihrem konkreten Kontext, in gleicher Weise. Zahlreiche Themen finden sich dementsprechend in den beiden Dokumenten und lassen so auch einen Vergleich der jeweiligen theologischen Perspektive zu. Exemplarisch soll hier auf vier Themen geschaut werden.

Kirche und Staat 
Beide Texte beginnen mit sehr aussagekräftigen Abschnitten über die Haltung, mit der die Kirchen auf ihr Verhältnis zur Welt blicken. Die GSK beschreiben den Auftrag der Kirche zur Erlösung der Welt als Grundlage ihres sozialen Handelns (I.1–2), während FLW mit der Würdigung des einzelnen Menschen, seiner Gottebenbildlichkeit und Gottes Liebe zur Welt beginnt (§§ 1–3). Damit wird kein prinzipieller Gegensatz deutlich, wohl aber zwei sehr verschiedene Akzente im Blick auf die Welt, die man als Schöpfungspessimismus bzw. -optimismus charakterisieren kann.
Das Verhältnis der Orthodoxie zu dem politischen System, in dem sich die konkrete Kirche befindet, hat eine grundsätzliche Bedeutung für sozialethische Positionierungen und steht deswegen am Anfang beider Dokumente. Für die ROK ist das Verhältnis zum Staat wenige Jahre nach dem Ende der staatlichen Repressionen von so zentraler Bedeutung, dass das Dokument mit vier Kapiteln zu Nation (II), Staat (III), weltlichem Recht (IV) und Politik (V) beginnt, und auch im Schlusskapitel zu internationalen Beziehungen vor allem staatliches Handeln betrachtet. Tatsächlich ist das Staat-Kirche-Verhältnis in der Tradition der byzantinischen Symphonie als wohlwollende Zusammenarbeit bei gleichzeitiger Trennung die zentrale Orientierung für die Sozialkonzeption der ROK. In diese Tradition eingeschrieben ist auch das Ideal eines christlichen Staates (III.4) und die Skepsis gegenüber einer Autonomie des säkularen Staates. Die Kirche toleriert demnach die gegenwärtigen Formen demokratischer Politik, jedoch nur, weil es für den gefallenen Zustand der Gesellschaft aktuell die beste der schlechten Regierungsformen scheint.
In FLW gibt es kein ausdrückliches Kapitel zum Staat-Kirche-Verhältnis, die entsprechenden Passagen befinden sich vorrangig im Kapitel II Die Kirche im öffentlichen Raum (§§ 8–14). Damit findet eine wichtige Verortung der Kirche in der modernen Gesellschaft statt, nämlich in ausdrücklicher Distanz von den politischen Eliten und als einer von vielen Akteuren im öffentlichen Raum. Diese Position soll vor politischer Vereinnahmung schützen und ein unabhängiges Eintreten für das Gemeinwohl fördern, welches als zentrale Zielgröße der Kirche in der Welt beschrieben wird. Das Dokument fordert orthodoxe Christen auf, diejenige politische Form aktiv zu unterstützen, welche den Prinzipien der Menschenrechte und der Bewahrung und Förderung von friedlicher Koexistenz und gesellschaftlicher Pluralität am besten entspricht – und lässt keinen Zweifel daran, dass dies die Demokratie ist. Darüber hinaus warnen die Autor*innen ausdrücklich vor der „Verführung“, „den christlichen Glauben durch die Nutzung politischer Macht oder rechtlichen Zwang voranzutreiben“ (§ 12).
In den Texten über Politik und Kirche kommen die kontextuellen Unterschiede der jeweiligen Kirchen besonders zum Tragen, denn die verschiedenen Erfahrungen von staatlicher Unterdrückung, staatlich privilegierter Mehrheitskirche und Diaspora beeinflussen vor allem die Wahrnehmung der eigenen Handlungsmöglichkeiten im politischen Feld. Allerdings hat die so geprägte Verortung der Kirche – auf Augenhöhe mit dem Staat einerseits oder als Element der Zivilgesellschaft andererseits – massive Auswirkungen auf alle andere sozialethischen Fragen und schafft so die Grundlage für zwei sehr verschiedene Muster weltlichen Handelns.

Frieden und Krieg
Beide Texte widmen sich in eigenen Kapiteln den Themen Krieg und Frieden (GSK VIII, FLW V), und in beiden werden Krieg und Gewalt als böse und Ausdruck der menschlichen Sündhaftigkeit beschrieben. Beide Dokumente beschreiben gewaltsame Verteidigung als Übel, das nach Möglichkeit vermieden werden soll und im unvermeidbaren Fall nur unter dem Vorzeichen der Liebe zulässig ist. Dabei ist interessant, dass das Zitat aus Joh 15,13 „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ von beiden Texten angeführt wird, jedoch mit unterschiedlichen Akzenten. In den GSK VIII.2 wird der Vers als Anerkennung der Leistung orthodoxer Soldaten zur Verteidigung der Nächsten und des Vaterlands sowie im Kampf gegen Ungerechtigkeit eingesetzt. Die Einbettung des Zitats ist hier stärker auf die Rechtfertigung des Kampfes orthodoxer Soldaten und dementsprechend auf die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Militär im Sinne orthodoxer Werte gerichtet.
In FLW § 47 geht es ebenfalls um die Notwendigkeit zur gewaltsamen Verteidigung, allerdings soll mit dem Zitat die Aufmerksamkeit auf den gewaltlosen Widerstand des Kreuzes gelenkt und die Bedeutung der Liebe als einzig zulässigen Grund für den Einsatz von Gewalt bei der Verteidigung von Unschuldigen unterstrichen werden. Der Text benennt Zusammenhänge, die nicht als „gerechter Krieg“ bzw. notwendige Verteidigung legitimiert werden dürfen, etwa Rassismus, Hass, Rache oder Nationalismus. Insgesamt fällt in FLW die Auseinandersetzung mit sozialen Strukturen auf, etwa durch die Darstellung verschiedener Formen von Gewalt (§ 44) und die Verknüpfung von Krieg und Gewalt mit struktureller Ungerechtigkeit wie Rassismus und Nationalismus. Die ausdrückliche Würdigung von gewaltfreien Märtyrern der Kirche unterstreicht die Option für Gewaltlosigkeit.
Bei der Frage nach zulässigen Formen von Gewalt greift die GSK auf das Konzept des gerechten Kriegs aus der westlichen christlichen Tradition zurück (VIII.3) und beschreibt Gewalt als legitime Form des Widerstands gegen das Böse (VIII.4). Demgegenüber schließt FLW grundsätzlich eine Kategorisierung von Gewalt als „gerecht“ oder „heilig“ für die Orthodoxie aus (§ 46), da Gewalt immer eine Negierung der göttlichen Ordnung und „Sünde par excellence“ (§ 43) sei. Die Beispiele für im Notfall zulässiges gewaltsames Eingreifen – Gewalt gegen Minderjährige, Frauen und Unschuldige – sind zunächst auf der individuellen Ebene angesiedelt, erst als letzter Punkt erscheinen auch Gesellschaft und Nationen, die sich gegen einen gewalttätigen Aggressor wehren müssen. Daraus folgt auch die kategorische Ablehnung der Todesstrafe in § 47, die in ihrer Ausführlichkeit dem US-amerikanischen Kontext zuzuschreiben ist. Im russischen Dokument wird die Todesstrafe als Unterpunkt im Kapitel IX „Verbrechen, Strafe und Besserung“ verhandelt und nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern vielmehr der Entscheidungshoheit von Staat und Gesellschaft überlassen (GSK IX.3). 
In beiden Dokumenten kommt ein Blick auf Frieden als soziales Phänomen mit strukturellen Bedingungen recht kurz. Die GSK beschreibt in ihrem Abschnitt über den Frieden (VIII.5) vor allem die Dimension individueller Rechtschaffenheit als Voraussetzung für Frieden und den Gnadencharakter wirklichen Friedens als Geschenk Gottes. In vielen anderen Stellen des Textes wird ein Verständnis von Frieden als Harmonie von Unterschiedlichkeiten vertreten. In Kapitel III.8 erscheint das Engagement für den internationalen, inter-ethnischen und gesellschaftlichen Frieden als oberste Priorität staatlich-kirchlicher Kooperation. Ähnlich sieht sich die Kirche in Kapitel VIII.5 als tatkräftige Vermittlerin zwischen Konfliktseiten. 
FLW sieht Frieden als Ergebnis des Einsatzes von Menschen und Staaten für gewaltlose Mechanismen der Konfliktlösung sowie der staatlichen Institutionalisierung von gerechten Gesetzen und gleichem Schutz für alle Gruppen in einer Gesellschaft (§ 45). Auch die Rolle von Versöhnung und Vergebung, Diplomatie und Dialog für die Überwindung von Konflikten wird thematisiert. Auffällig ist eine ausdrückliche Würdigung der orthodoxen Märtyrer, die in aktiver Ablehnung von Gewalt starben (§ 44), darunter der russische Heilige Seraphim von Sarov und die Kiewer Fürsten Boris und Gleb – ihre Erwähnung fehlt im russischen Text zu Frieden und Krieg.

Menschenrechte
Das Verhältnis der Orthodoxen Kirche zu den Menschenrechten stand in den vergangenen Jahren wiederholt zur Diskussion, etwa bei Themen der reproduktiven Rechte, Fragen der künstlerischen Freiheit und Meinungsfreiheit sowie Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Gender­identität. Die ROK hatte durch ihr entsprechendes Grundsatzpapier von 2008 eine führende Position in dieser Debatte eingenommen, die jedoch zunehmend auch innerorthodox kritisiert wurde. Ihr zentrales Argument ist bereits in den GSK angelegt: Menschenrechte seien als Form weltlicher Ordnung angesichts der Abkehr der Menschen von den christlichen Prinzipien und Werten hinnehmbar, sie seien jedoch Ausdruck einer gesellschaftlichen Entfernung von Gott (III.6 im Kapitel über Kirche und Staat; Kapitel IV über christliche Ethik und säkulares Recht). 
Diese Wahrnehmung der Menschenrechte als defizitäre Regelung menschlichen Zusammenlebens, als Rückschritt vom ursprünglichen, christlichen Verständnis der Menschenwürde, hat die Interpretation auch in den weiteren Auseinandersetzungen der ROK geprägt, selbst wenn den Menschenrechten ein gewisser Wert besonders beim Schutz der Religionsfreiheit zugesprochen wird. Der Vorwurf, dass die säkulare Deutung der Menschenwürde als anthropozentrisches Konzept den sündigen Menschen zum Dreh- und Angelpunkt aller politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen macht, verhindert jede positive Auseinandersetzung mit Menschenrechtsdiskursen.
FLW argumentiert bei diesem Thema vor dem Hintergrund seines prinzipiellen Schöpfungsoptimismus anders. Die Autor*innen sehen die säkularen Menschenrechte nicht als Rückschritt, sondern als positive Weitung des christlichen Konzepts von Menschenwürde (§ 61). Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass der Mehrwert des christlichen Menschenbilds gegenüber dem säkularen Verständnis nicht eine Mahnung an die Sündhaftigkeit des Menschen ist, sondern ein Mehr an Würde, Freiheit und Ehre (§ 12). In diesem Sinne kann FLW auch zu einer Würdigung individueller Freiheitsrechte (§ 63, u. a. auch in den Passagen zu menschlicher Sexualität § 19) kommen, während in den russischen Dokumenten individuelle Menschenrechte den kollektiven Rechten immer nachgeordnet werden.

Ökologie
Das Bewusstsein für Fragen von Umweltschutz und Verantwortung für die Schöpfung ist zweifelsohne in den vergangenen 20 Jahren gewachsen. Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios ist bekannt für sein ökologisches Engagement, und es überrascht nicht, dass diese Themen in FLW besonders präsent sind (besonders §§ 73–78). Aber auch die ROK widmete dem Thema „Kirche und ökologische Probleme“ bereits vor 20 Jahren ein ganzes Unterkapitel (XIII). 
Beide Dokumente benennen die von Gott übergebene Verantwortung des Menschen für den Erhalt der Schöpfung und skizzieren strukturelle und spirituelle Gründe für die massive Gefährdung der Natur. Interessanterweise findet sich in diesem Kapitel in den GSK die stärkste Wahrnehmung von strukturellen Zusammenhängen sozialethischer Probleme, etwa die Verstrickung von Ökologie, Wirtschaft und Konsum. Während das russische Dokument vor allem an die spirituelle Umkehr des Einzelnen zur Überwindung der ökologischen Krise appelliert, nimmt FLW auch die Verantwortung von Staaten und Gesellschaften in den Blick, etwa um die Naturwissenschaften zu stärken und besser auf die Verknüpfung von sozialer Gerechtigkeit und Klimawandel reagieren zu können. Dabei ist auch auffällig, dass die GSK das gestörte Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt grundsätzlich auf die Sündhaftigkeit des Menschen zurückführt, während FLW konkrete Handlungen der Umweltzerstörung als Sünde im Sinne strukturellen Unrechts bezeichnet. Mit dieser Unterscheidung lässt FLW dem Menschen mehr Raum für die Verwirklichung des ursprünglichen Auftrags zur Bewahrung und Verwandlung der Welt. 

Jenseits vom Kontext – grundlegende Unterschiede
Diese sehr knappen Beispiele zeigen, dass zu den kontextuellen Unterschieden zum Zeitpunkt der Publikation der Texte auch grundlegende Verschiedenheiten in der Haltung zur Welt zum Tragen kommen. Zwei Aspekte – die Verortung der Kirche in der Zivilgesellschaft oder jenseits weltlicher Prozesse als Partnerin des Staates sowie die Perspektive eines Schöpfungspessimismus oder -optimismus besonders im Verhältnis zu den Handlungsmöglichkeiten des Menschen – beeinflussen die jeweiligen sozialethischen Antworten grundlegend. Die einleitenden Darstellungen zur theologischen Grundhaltung der Kirche als Institution der Erlösung der Welt einerseits oder in Würdigung der Schöpfung andererseits zeigen zwei verschiedene kirchliche Selbstverständnisse, die an das katholische Paradigma der lehrenden und der lernenden Kirche erinnern. Dementsprechend fällt in FLW eine Selbstkritik an kirchlichen Verstrickungen in vielen sozialethischen Bereichen auf, die für kirchliche Dokumente insgesamt ungewöhnlich ist.
Schließlich gibt es sozialethische Themen, die nur in FLW systematisch angesprochen werden. Dazu gehören Armut, der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen, das Konzept des Gemeinwohls und Fragen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs. Diese Themen sind zum einen erst in den vergangenen Jahrzehnten massiv im Bewusstsein der Kirchen angekommen. Sie sind sicher auch den besonders brisanten Herausforderungen der US-amerikanischen Situation im vergangenen Jahrzehnt und der Diaspora-Situation der Kirchen des Ökumenischen Patriarchats zuzurechnen. Andererseits zeigen genau diese Themen aber auch eine andere Form des Bewusstseins globaler sozialethischer Diskurse, das in der russischen Kirche aufgrund ihrer Monopolstellung noch aussteht.
Orthodoxe Kirchen leben in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Umständen. Die Sozialethik ist der Ort, wo die Theologie auf diese Unterschiede Antworten finden muss, sie ist also immer kontextuell. Der Vergleich der russischen Dokumente zu sozialethischen Themen und dem neuen Dokument des Ökumenischen Patriarchats zeigt, wie divers und teilweise widersprüchlich diese kontextuellen Antworten innerhalb einer christlichen Tradition sein können. Während jedoch die GSK noch von relativ geschlossenen kulturellen Räumen ausging, ihre Antworten also vor allem auf den postsowjetischen Kontext passen mussten, ist 20 Jahre später diese Abgrenzung aufgrund zunehmender Migration, Globalisierung und Diversifizierung in den Gesellschaften selbst nicht mehr möglich. Das Dokument des Ökumenischen Patriarchats ist auf diese Situation besser eingestellt, es hat eine positive Haltung zu den Gegebenheiten einer pluralen, globalisierten und offenen Gesellschaft. Die Widersprüche innerhalb der Orthodoxie in ihrem Verhältnis zur modernen Welt werden gerade da offensichtlich, wo Gläubige verschiedener orthodoxer Kirchen miteinander gesellschaftliche Herausforderungen bewältigen müssen, etwa in der Ukraine – einer der Orte, wo FLW bereits besonders intensiv diskutiert wird. Ein innerorthodoxes Gespräch zu diesen sozialethischen Widersprüchen ist dringend geboten, wenn die Position der Kirche im gesellschaftlichen Diskurs Relevanz und Glaubwürdigkeit erhalten will.

Regina Elsner, Dr. theol., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS), Berlin.

pdfRGOW 11/2020, S. 15-18

Bild: mospat.ru
Legende: Metropolit Kirill (Gundjaev), seit 2008 Patriarch der ROK, am 6. April 2001 bei der Präsentation der Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Orthodoxen Kirche.